Norddeutschland Flensburg, die verkannte Schönheit

Mit Rum wurde die Stadt an der Förde reich, mit ploppendem Bier berühmt. Ruhm ernten heute Segler und Werften: Streifzüge durch eine verkannte Schönheit im Norden
Flensburg, Hafen

Malerisch und mit bewegter Geschichte - der Flensburger Hafen ist bis heute Kernstück der Stadt

Einstimmen

Kaum klettert die Sonne über die östlichen Fördehänge, wirft sie ihre Strahlen auf die Masten historischer Segelschiffe am Westufer des Hafens, betont die Konturen hölzerner Buge in der Museumswerft, zeichnet Schatten in die Gänge alter Kaufmannshöfe. Wenn sie abends hinter der Westlichen Höhe untergeht, spiegelt sie sich in den Scheiben bunt gestrichener Kapitänshäuser im Viertel Jürgensby. Mittendrin, wie in einem zur Ostsee offenen Amphitheater, der südlichste Zipfel der Förde mit dem Innenhafen: eine sich ständig ändernde Bühne, auf der mal Segeljachten, dann betagte Frachtsegler, der letzte kohlebefeuerte Salondampfer „Alexandra“ und ein Mix deutsch-dänischer Dialoge das Geschehen prägen. All das, was man über Flensburg im Kopf hat, verblasst an einem Sonnentag: das Verkehrssünder-Register, die erotische Nachhilfe von Beate Uhse, selbst das Bier mit dem Plopp. Der Star ist eindeutig der Hafen.

Einsteigen

Der Charakter dieser Stadt ganz oben im Norden erschließt sich am besten im Schifffahrtsmuseum im alten Zollpackhaus. Zurück geht es in die Geschichte der Kaufmannshöfe am Hafen, wo im 16. Jahrhundert mehr als 200 Segelschiffe vor Anker lagen und ab dem 18. Jahrhundert Zucker und Rum von den damals dänischen Karibikinseln St. Thomas, St. Croix und St. John anlandeten (Schiffbrücke 39, www.schifffahrtsmuseum.flensburg.de). Die Rum & Zucker Meile in der Altstadt erinnert an diese Glanzzeit mit mehr als 200 Rumhäusern, von denen heute nur noch das Rumhaus Johannsen mit mehr als 135 Jahren Tradition in einem verwinkelten Fachwerkhof Spezialitäten wie den 14 Jahre gereiften Royal Rum produziert (Marienstr. 8, www.johannsen-rum.de). Viele der Kaufmanns- und Handwerkerhöfe verwandeln sich von Juli bis Ende August beim Festival Flensburger Hofkultur zu Foren für Musiker und Schauspieler (www.flensburger-hofkultur.de). Bis zur anderen Hafenseite führt der Kapitänsweg auf schmalen Gassen, vorbei an behutsam restaurierten Häuschen, durch das Viertel Jürgensby, in
dem einst Kapitäne und Steuerleute wohnten, abrufbereit zur großen Fahrt. Wer die mehr als 140 Stufen der St.-Jürgentreppe erklimmt, wird mit einem weiten Blick über den Hafen belohnt (Stadtrundgänge unter www.flensburg-tourismus.de).

Ablegen

Hobelspäne fliegen durch die Luft, Hammerschläge bringen Duchten in Position. Wenig museal geht es vor der ochsenroten Werkshalle der Museumswerft zu, wo nach alter Bootsbauertradition Segelschiffe restauriert
oder neu auf Kiel gelegt werden (Schiffbrücke 43–45, www.museumswerft.de). Schräg gegenüber, auf der östlichen Fördeseite, surren modernere Werkzeuge: in der Robbe & Berking Classics Werft entstehen seit sieben Jahren klassische Jachten, 20 Meter lange Holzschiffe mit 30-Meter-Masten. Oliver Berking, der mit seiner weltbekannten Silberschmiede Herrschaftshäuser und Luxushotels mit feinstem Besteck ausstattet (Ladengeschäft
Rote Str. 14), will Flensburg „zu einem europäischen Hot Spot für elegante Jachten“ machen, samt einem Yachting Heritage Centre, wo ab September die größte Jachtsport-Bibliothek der Welt durchstöbert werden kann (Am Industriehafen 5, www.classics.robbeberking.de). Auf der Förde treffen sich alle wieder: die Traditionssegler bei der Rumregatta im Mai, alte und neue Schiffe bei der grenzüberschreitenden Kongelig Classic (www.kongelig-classic.com, August), die Jachten beim Robbe & Berking Sterling Cup (www.fsc.de, September). Besucher können Touren um die vor Dänemark liegenden Ochseninseln buchen, auf der M/S Viking (www.viking-schifffahrt.de), oder eine Kaffeefahrt mit der 1908 gebauten Alexandra (www.dampfer-alexandra.de), dem letzten seegehenden Passagierdampfschiff Deutschlands.

Flensburg, Schuhe

Zu den hängenden Schuhen in der Norderstraße gibt es nur Spekulationen und eine Broschüre mit 57 möglichen Erklräungen warum sie dort hängen

Seitensprünge

Wie unterschiedlich die Gesichter Flensburgs sind, zeigt sich beim Förde-Hopping. Auf der Westseite baumeln an Stahlseilen hunderte Schuhe über der Norderstraße. Keiner weiß, wer die Schuhe über die Seile geworfen hat, immerhin 57 Erklärungen bietet die Broschüre „Das Geheimnis der hängenden Schuhe“ – von der Liebe eines Seiltänzers zum Schustermädchen bis zur Kunstaktion (nordernArt, Norderstr. 38). Die Künstlerin Patricia Hansen-Wagner (hafenzimmer.tumblr.com) liebt dieses alternative Viertel mit kleinen Läden, Ateliers und Cafés, in dem „im Sommer das Leben auf die Straße gekippt wird“. Und wo am Nordertor im Volksbad, bis
1977 als Badehaus genutzt, Partys und Konzerte steigen (Schiffbrücke 67, www.volxbad.de). Das Forum Hafenquartier sorgt nicht nur für den Erhalt der hängenden Schuhe, sondern organisiert auch Straßenfeste und Führungen, etwa durch den Oluf-Samson-Gang, in dem früher Hafendamen dem horizontalen Gewerbe nachgingen. Nobel, schick und teuer präsentiert sich dagegen die östliche Fördeseite: Der ehemalige Marinestützpunkt Mürwik konvertierte zur Vier-Sterne-Marina Sonwik mit ins Wasser gebauten Häusern, Bootsanlegern vor der Tür und Lofts in modernisierten Klinker-Kasernen (www.sonwik.de).

Wandern & Radeln

Hat man am Ostufer den Industriehafen hinter sich gebracht, liegt einer der schönsten Strände nicht weit: Solitüde. Von Einsamkeit ist an Sommertagen allerdings wenig zu spüren. Am Ziel- und Höhepunkt der Osttour bestaunen Reisende den royalen Glanz im Schloss Glücksburg, das als „Wiege der europäischen Königshäuser“ gilt (www.schloss-gluecksburg.de). So entstammt Queen-Gatte Prinz Philip dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Bis 1958 patrouillierten auf der Westroute dänische Grenzgendarmen, hielten Ausschau nach Rumschmugglern. Heute schlängelt sich der rund 74 Kilometer lange Gendarmenpfad von Padborg entlang dem Flensborg Fjord, wie die Dänen ihn nennen, vorbei an Buchten und Wäldern bis Høruphav. Einstieg vom Flensburger Vorort Wassersleben über den Grenzübergang Schusterkate, einen der kleinsten Grenzübergänge Europas (www.gendarmsti.dk). Blaublütige Begegnungen sind auch auf dieser Tour nicht ausgeschlossen: Auf Schloss Gråsten nahe dem Gendarmenpfad verbringt die dänische Königsfamilie traditionell ihren Sommerurlaub.

Essen & Trinken

Die besten Fischbrötchen gehen in Ben's Fischhütte am Museumshafen über den Tresen, Jessens Fischperle am Fischmarkt serviert Gebratenes und Geräuchertes mit Ausblick (Ballastkai 4, www.maeders.de). Vom üppigen Frühstück bis zum letzten Bier oder Wein ist das Kritz angesagter Treff (Nordermarkt 3, www.kritz.de). Kulinarische Erlebnisse auf engstem Raum inszeniert Balthazar Helwig im 24 Quadratmeter kleinen Le Kiosque, einem umgebauten Kiosk, in dem Nordprodukte in französischen Rezepten auftauchen (Apenrader Str. 47, www.eineweileweiss.de, nur Fr und Sa, unbedingt reservieren). Mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet, verwöhnt Dirk Luther in seiner Meierei im nahen Glücksburg Feinschmecker, die moderne Akzente in seiner klassisch französischen Küche rühmen. Wer mag, bleibt über Nacht: Das Restaurant gehört zum Vitalhotel Alter Meierhof am Ufer der Flensburger Förde (www.alter-meierhof.de, DZ/F ab 205 €).

Schlafen

Zwei Weltenbummler sind sesshaft geworden und haben ihren Lebenstraum verwirklicht: Christina und Sönke Roß, die sich bei der Arbeit auf der MS Europa kennenlernten, verwandelten in Glücksburg ein ehemaliges Mädchenpensionat zur kleinen, feinen Pension Smucke Steed. 16 Zimmer mit sanften Farben und klaren Formen machen das Haus zum Design-Schmuckstück (Glücksburg, www.smucke-steed.de, DZ/F ab 95 €).

Einst zentrales Postamt, ist das Nordic Life & Style Hotel Alter Post seit 2015 eine ideale Homebase: Um einen mit Glas überdachten Lichthof gruppierte die Kopenhagener Designerin Helle Flou 75 Zimmer, die mit skandinavischem Design eingerichtet sind (Rathausstr. 2, www.ap-hotel.de, DZ/F ab 115 €).

 

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