Wer wird Nachfolger? Der Favorit des Dalai Lama: Ogyen Trinley Dorje

Generationsfolge: Der Karmapa lauscht dem Dalai Lama

Ein symbolischer Moment: Im indischen Dharamsala wird der Geburtstag des Dalai Lama gefeiert. Ohne den Ehrengast. In dessen Sessel: Ogyen Trinley Dorje, der Karmapa

Sein Stammkloster im Grenzgebiet zu China darf der Karmapa nicht beziehen. Die indische Regierung fürchtet Pekings Zorn. Und so residiert der Karmapa im dritten Stock einer Mönchs-Universität des Dalai Lama

In buddhistischen Tempeln ist Spiritualität oft Akkordarbeit. Der Karmapa nimmt an diesen Ritualen selten teil, lieber unterrichtet er die jüngsten Mönche in tibetischer Grammatik oder der Notwendigkeit des Umweltschutzes

Noch mehr Verwirrung?

Der indische Polizist schaut mürrisch unsere Dokumente an. Auf dem mönchsroten Briefpapier Seiner Heiligkeit steht umständlich: "Request for taking pictures of His Holiness the Karmapa during a day course of his schedule"; Anfrage zu einer Fotoerlaubnis für Bilder von seiner Heiligkeit, dem Karmapa, während eines Tagesablaufs. Der Polizist schüttelt den Kopf. Dieser Karmapa, ein 24-jähriger Flüchtling, und seine rätselhafte Popularität scheinen ihm den Nerv zu rauben.

"Karmapa, Karmapa, Karmapa!", ruft er und stolziert mit unseren Pässen durchs Amtsgebäude, als hätten wir ihm einen unsittlichen Antrag gemacht. Dann dreht und wendet er die Kameras des Fotografen in den Händen. "Was wollt ihr da überhaupt fotografieren?" Ganz einfach: Das neue Gesicht des tibetischen Buddhismus - das im Westen noch kaum jemand kennt.

Auf Ogyen Trinley Dorje, besser bekannt als Seine Heiligkeit der 17. Gyalwang Karmapa Lama, Oberhaupt eines der vier großen Orden des tibetischen Buddhismus, ruht die Hoffnung eines ganzen Volkes. Nur er kann Tibet im 21. Jahrhundert Kopf und Stimme geben. Nur auf ihn kann die Aufgabe übergehen, künftig über die Zukunft seiner Heimat zu verhandeln. Nur er kann ein neuer Dalai Lama sein. Der Karmapa weiß das. Seine Entourage weiß es auch. Eigentlich wissen es alle - auch wenn es offiziell nie ausgesprochen werden würde. Längst hängen Karmapa-Porträts in den Geschäften von Dharamsala, wo mit etwa 20 000 Flüchtlingen die größte tibetische Exilgemeinde lebt, gleich neben Bildern des Dalai Lama.

Noch mehr Verwirrung?

"Er ist noch unverbraucht, vielleicht kann er eine Lösung im Tibet-Konflikt finden", sagt eine tibetische Journalistin. "Schlechter als in der jetzigen festgefahrenen Lage kann es ja nicht laufen", sagt ein alter Buchhändler. "Ich hoffe nur, der Karmapa trägt nicht noch mehr zur Verwirrung bei." Das hoffen alle Beteiligten - tibetische Diplomaten, indische Gastgeber, chinesische Besatzer. Denn an der Karmapa-Frage ist so ziemlich alles heikel.

Schon allein das religiöse Problem: Der Karmapa steht einer buddhistischen Linie vor, die mit der des Dalai Lama über Jahrhunderte verfeindet war. Erst im Exil haben sich die beiden Orden einander angenähert. Aber was sollen die Tibeter tun, wenn der Dalai Lama stirbt? Seine Wiedergeburt in einem Kleinkind suchen, wie die Tradition es vorsieht - und dann ihrem nächsten Anführer 15 Jahre beim Heranreifen zusehen? Während die Chinesen alles tun werden, um den Jungen für sich zu gewinnen - oder ihm gleich einen eigenen Wiedergeborenen entgegensetzen? Und das alles, obwohl doch ein bestens ausgebildeter Lama von vergleichbarem Rang bereitsteht, das Volk hinter sich zu versammeln?

Noch halten sich alle zurück

Die Inder versuchen, den Karmapa auf ihrem Boden abzuschotten - jedes falsche Wort könnte einen Konflikt auslösen. Auch die Tibeter wollen verhindern, dass er vorschnell auf die politische Bühne gezerrt wird. Die Chinesen ignorieren ihn vorerst. Und der Dalai Lama bleibt vage. Immerhin hat er dem Karmapa ein Kloster nahe seiner Residenz zur Verfügung gestellt. Er trifft sich regelmäßig mit ihm. Und er redet davon, dass der junge kraftvolle Karmapa die "angefangene Arbeit fortführen solle".

Niemand kann zu diesem Zeitpunkt sagen, was das genau bedeutet. Klar ist nur: Der Dalai Lama ist 74 Jahre alt. Und der Karmapa ist der einzige Plan B, den die Tibeter haben. Ein Gott in Einarbeitung. Wir wollen die ersten Reporter sein, die ihn eine Woche lang begleiten. Aber was heißt schon "begleiten" - bei einem lebenden Buddha, bei einem heiligen Politikum?

Der-uns-zum-Lachen-bringt

Als wir am Nachmittag, endlich ausgerüstet mit Stempeln und Unterschriften, das Kloster Gyuto erreichen, ist schnell eines klar: Der Erleuchtete lebt in einem goldenen Käfig. Hoch oben über dem Haupttempel, im dritten Stock, bewohnt er ein luftiges Apartment mit Rundumverglasung. Hinter sanften Hügelketten und Reisterrassen glitzern schneebedeckte Berge. Dahinter liegt Tibet: das Land, dessentwegen alle hier sind. Das Land, das sie alle hier nervös macht.

Bewachung, Bevormundung und Tradition

Wie Zwiebelschalen umgeben den Karmapa die Ringe aus Bewachung, Bevormundung und Tradition. Unten, im Schatten der Klostermauer, sitzen indische Soldaten. Wir legen unseren Zettel auf einen abgewetzten Holztisch. Das Papier geht von Hand zu Hand, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Kameras zeigen. Pässe abgeben. Rucksack auskippen. Eintrag ins zerschlissene Audienzbuch. Leibesvisitation mit acht Händen. Keine Frotzelei, kein Lächeln. Die Sache mit dem unberechenbaren Flüchtling ist den Indern ernst. "You can go."

Der-uns-zum-Lachen-bringt

Der Karmapa wurde in Osttibet in einem Nomadenzelt aus Yakhaar geboren, 1985, im Holz-Ochsen-Jahr des tibetischen Kalenders. Nachbarn erinnern sich an einen Regenbogen am Vorabend der Geburt, an einen besonderen Vogel, der auf dem Zelt saß, an Töne wie von Muschelhörnern, die das Tal erfüllten. Der noch unerkannte Buddha wuchs unter acht Geschwistern auf. "Apo Gaga", Der-uns-zum-Lachen-bringt, wurde er von seiner Schwester genannt. Und wild sei er als Kind gewesen, erinnert sie sich heute. Wenn er aus Steinen einen Turm gebaut hatte, verkündete er seinen erstaunten Spielkameraden: "Dies ist ein Tempel, und wir alle sind Lamas." Ein anderes Mal soll er seine Mutter mit einer Vorahnung überrascht haben: "Wenn du dem Karmapa etwas opfern willst, kannst du es gleich mir geben. Denn das bin ja ich."

Wie der 16. Karmapa gefunden wurde

Im Sommer 1992 soll er seine Eltern überredet haben, das Weidelager früher abzubrechen und ins Tal zu ziehen. Da war der Junge sieben Jahre alt, und die Mönche einer Findungskommission zogen durch die Region, um nach der Wiedergeburt des 16. Karmapa zu suchen. Laut der schriftlichen Prophezeiung sollte die "im guten Nomadenland, im Tal der Kuh" zu finden sein. Und 1985 geboren. Als der Junge dann aus einer Auswahl von alten und neuen Dingen zielsicher Ritualgegenstände des verstorbenen Vorgängers an sich nahm, waren sich die Lamas sicher: "Apo Gaga" ist der nächste Karmapa.

So verließ er die stolze Familie zu Pferd und mit weißen Ehrenschals überhäuft und wurde ins Kloster Tsurphu bei Lhasa gebracht, dem Stammsitz seiner Vorgänger. Es war eine Sensation, als bald darauf sowohl die Chinesen als auch der Dalai Lama den neuen Karmapa anerkannten. Lange hatte Tibet keinen lebenden Buddha mehr gehabt, der im Land blieb. Für die Bevölkerung ein Zeichen des Aufbruchs, und für die chinesischen Besatzer die Chance, sich einen einflussreichen Verbündeten heranzuziehen.

Flucht über den Himalaya

Umso größer war die Blamage für die chinesische Regierung, als der Wiedergeborene am Abend des 28. Dezember 1999 aus seinem Klosterfenster kletterte und ins indische Exil flüchtete. Mönche begleiteten den 14-Jährigen über die Pässe des Himalaya. Wer die Jeeps organisiert, die Grenzübertritte organisiert, den Helikopter in Nepal bezahlt hat - darüber schweigen alle Beteiligten bis heute.

Die Flucht sei seine eigene Entscheidung gewesen, ließ der Karmapa auf seiner ersten Pressekonferenz im Exil wissen. Denn in Indien leben die höchsten Lehrer seines Ordens - und nur mit ihrer Hilfe kann er seiner spirituellen Verantwortung gerecht werden: die fast 1000 Jahre alte Tradition des Karma-Kagyü-Buddhismus fortzusetzen. Wohlbehütet vor der Welt der Politik, in der ein Karmapa nicht nur Segen, sondern auch viel Unruhe stiften kann.

Als wir durch den Vorhang treten, ist es auf einmal ruhig. Der Wiedergeborene steht wie ein Fels auf dem grünen Teppich. Barfuß und breitschultrig, etwa 1,85 Meter groß, glatt rasierter Schädel. Seine überlangen Arme hält er leicht abgespreizt, wie ein Cowboy vor dem Duell. In seinem Blick liegt Neugier. Alles an ihm signalisiert: Empfangsbereitschaft.

Pilger aus aller Welt fragen um Rat

Buddha blinzelt uns zu, hebt die Augenbrauen. "So, so, Journalisten." Seine Stimme ist leise. Er fühlt sich noch nicht sicher im Englischen. Der Buddha bedeutet uns, ihm ins Bibliothekszimmer zu folgen, lässt sich dort in einen Sessel aus schwarzem Leder fallen, die Beine locker von sich gestreckt. Dies ist der einzige Ort, an dem ihn seine dienstbaren Mönche allein lassen. Ein Refugium der Normalität. Der Karmapa fingert ein paar saftige Birnenstücke von einem Teller. Neben ihm stapeln sich Bücher. Buddhistische Schriften, eine Bibel, ein Koran. "Die Probleme, mit denen ich konfrontiert werde", sagt er, "muss man mit großem Überblick betrachten." Dann klopft es. Sorry, er muss wieder ran. Immerhin dürfen wir bei seinem Seelsorger-Tagewerk dabei sein.

Pilger aus aller Welt fragen um Rat

Denn hinter dem Vorhang seines Audienzzimmers warten Pilger aus aller Welt: Pärchen mit Rastafrisur und in beigefarbene Roben gehüllte Nonnen aus Taiwan. Asiaten meist in Gruppen und mit Tüten voller Süßigkeiten, Plastikbuddhas, Kleidung; mit geldgefüllten Briefumschlägen, deren Übergabe an den Erleuchteten ihr Karma stärken soll. Europäer meist einzeln und eher problem- als geschenkbeladen. "Ich brauche den Austausch wie die Luft zum Atmen, gerade auch mit Menschen aus dem Westen", sagt der Karmapa später. Dänen, Slowenen, Chinesen und eine Französin warten an diesem Tag auf ihren Termin mit dem Erleuchteten. Sie legen Ehrenschals zurecht, ziehen Lippenstift nach. Diskutieren: Wer spricht zuerst, wer übergibt welche Tüte?

Ein Erinnerungsfoto für das Familienalbum

Punkt halb elf Uhr: Vorhang auf. Asiaten in Trippelschritten. Geschenke, Glücksschals. Niederwerfungen. Karmapas Segen für alles, was die Besucher ihm hinhalten. Dann das Gruppenfoto: Chinesentraube mit Karmapa, der jetzt streng wie ein Polizist schaut, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Vorhang zu. Der Dolmetscher zupft weiße Flusen vom grünen Teppich.

Vorhang auf: Europäer im Schneidersitz. Der Karmapa schaltet routiniert um auf das westliche Erwartungsprofil, blinzelt den Besuchern schelmisch zu. Macht Witze. Gibt Autogramme, mehr Strich als Wort. Wie er seine Rolle sehe? Ein Praktiker sei er. Er sucht nach Worten. Ein "Action-Man" eben. Dabei ballt er die Fäuste. Vorsichtiges Lachen.

"Was bedeuten die Tuschzeichnungen Ihrer Heiligkeit?" "Ach, die mache ich nur so, ich träume sie." Vorhang zu. Vorhang auf: Geschäftsleute. Das Leben sei eine einzige Hetze, klagen sie. Karmapa rät: "Wir Menschen müssen wieder nach dem suchen, was wir wirklich sind. Sonst trägt uns der Stress immer wieder fort." Vorhang zu.

Der Karmapa massiert sich sanft den massigen Schädel.

Jetzt ist die Französin an der Reihe. Sie rutscht ganz nah an den Tisch aus Fiberglas, flüstert in Englisch: "Ich bin Buddhistin, praktiziere täglich, bin oft im Kloster." "Very good." Sie fährt fort: "Meine Familie akzeptiert das nicht - was soll ich tun? Mich für den Buddhismus entscheiden?"

Der Dolmetscher blickt zu Boden. Der Karmapa wippt hin und her, nimmt die Brille ab. Über ihm drehen sich langsam drei Ventilatoren. Er beugt sich vor, murmelt. Sie nickt. Rückwärts, ohne den Blick von ihrem Guru abzuwenden, verlässt die Französin den Raum. Der junge Buddha seufzt. "Seht ihr", sagt er, "ich habe eine große Verantwortung, der ich nicht entfliehen kann. Aber was soll ich auf solche Fragen antworten? Es überfordert mich oft, was gerade die Leute aus dem Westen von mir erwarten."

Philosophische Gespräche mit Richard Gere

Doch ein Karmapa ist ein Bodhisattva, ein Erleuchteter, ein Wunscherfüller: Seine Bestimmung ist es, allen Menschen zu helfen, einfachen Pilgern, die einen Namen für ein neues Kloster in Nordrhein-Westfalen erbitten, wie auch dem Schauspieler Richard Gere, wenn der auf dem grünen Teppich über Geist und Metaphysik diskutieren will. Und warum soll er nicht auch uns angereisten Journalisten helfen? "Wollt ihr mich nächste Woche auf eine Reise begleiten? Ich soll in den Bergen, im Dorf Manali, einen Tempel einweihen."

Der Dolmetscher macht ein unglückliches Gesicht. Er fürchtet, was wir nun hoffen: Dass wir außerhalb des geschützten Raumes Dinge vom Karmapa erfahren, deren Verbreitung "not necessary" ist. Er fürchtet Ärger. Irgendwie.

Der einzige Mensch, dem der Karmapa zurzeit nicht allzu viel helfen darf, ist sein Mentor, der Dalai Lama. Zu tief ist der verstrickt in den Tibet-Konflikt - auch wenn er den Anspruch auf vollständige Unabhängigkeit seiner Heimat längst aufgegeben hat. Sich politisch eindeutig auf seine Seite zu schlagen hieße, die Chinesen vor den Kopf zu stoßen. Und die Chance auf eine friedliche Zukunft Tibets zu gefährden.

Angst vor einem zweiten Dalai Lama

Denn anders als der Dalai Lama, den die chinesische Regierung als "Dämon mit menschlichem Antlitz und dem Herzen einer Bestie" beschimpft, ist der Karmapa nie angefeindet worden. Umgekehrt hält auch er sich mit Kritik zurück. Und seine Bewacher und Berater sorgen dafür, dass es kaum Möglichkeiten für diplomatische Fehltritte gibt.

Wer genau die Pläne für die Zukunft des Karmapa entwirft, wer entscheidet, auf welche Rolle sich der junge Mönch mit welchem Zeitplan vorzubereiten hat - das liegt im Nebel von Tibets komplizierter Diplomatie-Maschinerie. Ein Exil-Parlament wählt die Exil-Regierung, die in Dharamsala tagt und von keinem Staat der Welt anerkannt wird. Dennoch empfängt der Dalai Lama in seiner Residenz Politiker aus aller Welt. Seine Emissäre, meist tibetische Adlige, starten von Dharamsala aus zu geheimen Gesprächen mit Chinas Machthabern - während tibetische Jugendorganisationen immer lauter verlangen, der Dalai Lama möge doch wieder kompromissloser für sein Volk eintreten.

Angst vor einem "zweiten Dalai Lama"

Und der Karmapa ist für alle der Joker, den sie noch nicht ausspielen wollen. Was ihn für seine indischen Gastgeber schwer berechenbar macht: Einen "zweiten Dalai Lama", der von indischem Boden aus China provoziert, will man sich nicht leisten.

So ist der Radius, in dem sich der Erleuchtete im Exil frei bewegen darf, auf 15 Kilometer um sein Gyuto-Kloster begrenzt. Jeder Wunsch, auch nur den Dalai Lama in dessen 20 Kilometer entferntem Kloster zu besuchen, muss von indischen Sicherheitsbehörden abgesegnet werden. In jüngster Zeit mehren sich Berichte, dass das monatliche Treffen der beiden Buddhas oft untersagt oder auf eine halbe Stunde begrenzt wurde. Auch der Bau eines Heiligtums, das der Karmapa nahe Dharamsala hatte errichten lassen wollen, wurde gestoppt - angeblich auf Betreiben des indischen Außenministeriums.

Visiten des lebenden Buddha in entfernten Klöstern sind rar. Die Inder wollen nicht noch einmal ein solches Fiasko erleben wie 2008: Da war der Autokonvoi des Karmapa in Ladakh, nahe der Grenze zu China, auf einem 4800 Meter hohen Pass eingeschneit. Der Buddha musste zwei Nächte im Zelt verbringen, der Proviant ging zur Neige. Indiens Armee blieb keine Wahl: Sie rettete den heiligen Flüchtling per Hubschrauber.

Eine einzige Auslandsreise hat man dem staatenlosen Flüchtling bislang genehmigt: In die USA, wo sein Karma-Kagyü-Orden weit verbreitet ist. Unter der Voraussetzung, dass er zum Tibet-Thema nicht Stellung nehme, durfte er im Mai 2008 in New York, Boulder und Seattle vor Tausenden Anhängern lehren - und auch Disneyland besuchen ("das war ganz amüsant").

Karmapa will den Dalai Lama "unterstützen"

Immerhin hat er damals gegenüber einem Reporter des Magazins "Time" die wohl politischste Aussage seines bisherigen Lebens gemacht: "Ich werde den Dalai Lama unterstützen, so gut ich kann." Ob das ein Moment der Unachtsamkeit in seiner Entourage war, eine planvolle Annäherung an künftige Aufgaben oder ein überinterpretierter Allgemeinplatz - das bleibt im Unklaren.

"Die Reise ist abgesagt." Der Sekretär des Karmapa zuckt mit den Schultern. Es ist sechs Uhr morgens, wir stehen wie verabredet am Tempel, bereit, den Karmapa nach Manali zu begleiten. Und können es nicht fassen. Seine Heiligkeit fühle sich nicht wohl, heißt es. Im Übrigen durchlebe der Karmapa im Alter von 24 Jahren ein "Obstacle Year", in dem nach tibetischem Glauben besondere Gefahren lauern. Da müsse man auf sich achtgeben. Wenig reisen. Sorry.

So dürfen wir wenigstens an diesem Tag ein paar Stunden im "Innersten" der Residenz bleiben. Außer den Mitarbeitern darf das sonst nur Ngödrup, die Schwester des Karmapa, die hier gewissermaßen als "First Lady" fungiert. Sie betreut gern asiatische Besuchergruppen - vermutlich die lukrativste Tätigkeit im Kloster. Von den Geschenken fällt für alle etwas ab. Ngödrups rote Fleece-Jacke wirkt nagelneu, und am Vortag hatte sie sich über ein Golfkäppi gefreut.

Das Wichtigste: ein stabiler Geist

Für uns ist an diesem Nachmittag wieder mal der Dolmetscher zuständig. Ja, Seiner Heiligkeit gehe es besser. Der Karmapa sei gerade bei seinem höchsten Lehrer, mit dessen Anleitung er versuche, im Wachzustand bewusst auf der Ebene der Träume zu meditieren. "Das ist nichts für euch." "Und was macht er am Nachmittag?" "Habt ihr nicht schon genug Fotos?"

Das westliche Interesse an der Person des Karmapa ist für dessen Entourage schwer zu begreifen. Während der Dalai Lama längst akzeptiert hat, dass er neben seiner Rolle als Mönch und Diplomat auch als schlagfertiges Maskottchen des Buddhismus herhalten muss, konzentriert sich der Karmapa bisher auf seine spirituellen Aufgaben. Für die Pilger, die ihn besuchen, ist er vor allem eines: 1000 Jahre angehäuften Wissens.

Und die will er nun auch mit uns teilen. Ein klein wenig, zumindest. Um Viertel nach drei. Ob ihn sein Amt einsam macht?

"Das Wichtigste ist ein stabiler Geist"

"Na ja, allein sein, allein Dinge tun, das hält den Geist ruhig. Und ein stabiler Geist - das ist das Wichtigste." Zugleich bereitet sich der Karmapa längst auf ein Leben vor, das immer mehr in der Öffentlichkeit stattfinden wird. Sprachen zu lernen etwa bereitet ihm keine Mühe. "Mein Englisch muss aber noch besser werden", sagt der Karmapa. Natürlich spricht er Hindi, die Sprache seines Gastlandes. In Tibet hat er Chinesisch gelernt. "Und gleich kommt mein Koreanischlehrer." Denn von dort treffen immer mehr Pilger ein.

Eine Tür öffnet sich und ein rundlicher Junge im Mönchsgewand stürmt fröhlich herein, in der Hand einen Gameboy. Aufpassermönche hetzen hinterher. Protokollarisch ist das Verhalten des Jungen grenzwertig. Aber was sollen sie machen: Der Zehnjährige ist die Wiedergeburt des Drupon Dechen Rinpoche, eines 1998 verstorbenen Hauptlehrers des Karmapa.

Der Buddha als Mensch

Karmapa strahlt. Endlich jemand, der sich nicht sofort vor ihm niederwirft! Im Gegenteil. Der ältere Buddha nimmt lachend Kung-Fu-Haltung ein, der Kleine schaut gebannt. Dann rangeln die beiden Götter miteinander wie Teenager. Früher waren solche Spiele für den Karmapa ein täglicher Spaß. Heute verbietet die Würde des Amtes zu viel Tuchfühlung. Seine Mönche ziehen als Geste des Respekts stets ein Stück ihrer Robe vor den Mund, wenn sie das Wort an ihn richten. Für Streicheleinheiten steht nur Tashi, der weiße Schoßhund von Karmapas Schwester, zur Verfügung.

"Indem ich mit dem Jungen spiele", sagt der Karmapa "erweise ich auch meinem früheren Lehrer Respekt."

Der Buddha hat jetzt Gefallen daran gefunden, sich als Mensch zu präsentieren und fährt routiniert seinen Laptop hoch. Erzählt, mit gedämpfter Stimme, vom Internet (wo er Popsongs herunterlade, deren Sänger er sich nicht merken kann). Von DVDs, die er sich bringen lässt ("Indiana Jones ist fabelhaft. Da kämpft Gut gegen Böse - wie im Buddhismus"). Und er erzählt auch, dass er noch nie im Leben Geld berührt hat. Schreibt er E-Mails? Der Karmapa nippt an seiner Tasse mit heißem Wasser. Er lacht. "Mit wem sollte ich mailen?" Allein die Vorstellung erscheint ihm abwegig.

Was ist der Karmapa wirklich?

Ob wir ihn mal einen kompletten Tag begleiten dürfen?

Der Karmapa grinst. Fast scheint es, als wolle er ausprobieren, wie weit seine Befugnisse tatsächlich reichen. "Warum nur einen Tag?" fragt er auf Englisch. "Zwei Tage sollten es schon sein." Draußen, vor den Sicherheitsabsperrungen, bitten wir die Tempelverwaltung um die nötigen Einladungsformulare. Der Dolmetscher wird ernst. Zwei Tage? Das habe er so nicht verstanden. "Aber Sie standen doch daneben. Er hat das gesagt!" "Ich glaube, eher nicht." Der Karmapa, sagt einer der Sekretäre tröstend, sei ja ein Bodhisattva - wenn er es tatsächlich so gemeint habe, werde er Wege finden, uns zu helfen.

Was ist der Karmapa wirklich? Ein Erleuchteter, der als Bodhisattva nur aus Mitgefühl für alle anderen Wesen auf der Erde bleibt, obwohl er längst ins Nirwana eingehen könnte? Oder in erster Linie ein Ersatzmann im Machtspiel zwischen der tibetischen Exilregierung und den Chinesen? Und wie passt beides zusammen? Was ist das für ein Mann, der mit seinen Lehrern täglich die "buddhistische Leerheit" erörtert, oder den "Unterschied von konzepthaftem Geist und Weisheitsgeist"? Und der eine Broschüre mit "108 Dingen, die ihr tun könnt, um der Umwelt zu helfen" veröffentlicht: Nummer 1: Sprecht Wunschgebete. Nummer 48: Sammelt Regenwasser. Nummer 71: Schaltet euren Computer über Nacht aus.

Moderner "Action-Man" oder Führer eines mittelalterlichen Ordens? Allwissender Gott oder Tibet-Lobbyist im Wartestand? Es ist verständlich, dass der Karmapa einstweilen die Umweltpolitik zu seinem Wirkungsgebiet auserkoren hat - weil er dabei Gutes tun kann, ohne damit allzu sehr anzuecken.

So wäre er gern im Dezember 2009 zur Klimakonferenz nach Kopenhagen gefahren - durfte aber nicht. So spricht er vor Schülern über Tierschutz als Menschenschutz. Und so ist er dabei, als ein Film über die ihres Fells wegen gefährdete Chiru-Antilope vorgestellt wird - eines der wenigen Probleme in Tibet, das nicht direkt den chinesischen Besatzern angelastet werden kann. Der Film heißt: "Ein Schal - zum Sterben schön."

Bei solchen Themen darf auch der Karmapa deutlich werden.

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