Pferde-Trekking in Mexiko

Soweit die Hufe tragen: Fünf Tage dauert ein Ritt durch die Sierra Madre. Staub, Hitze, schwindelerregende Abgründe - Mexikos wildestes Gebirge verlangt Cowboytugenden. Doch wer sattelfest ist, erlebt eines der großen Naturwunder dieser Erde

Weite und Größe der Sierra Madre erlebt erst, wer sie zu Pferd durchquert. Meile um Meile folgen wir steilen Serpentinenpfaden. Nur das Schnauben der Pferde, das Klappern der Hufeisen auf dem Geröll ist zu hören. Diese Tour ist eindeutig nur etwas für sattelfeste Pferdenarren. »¡Caray, dále!«, flucht Pedro Mansina, knallt sein Lasso auf die Flanken des Mustangs, treibt ihn über den Fels. Das Tier wiehert und bäumt sich auf, findet wieder Tritt, klettert weiter bergauf.

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Pedro, der 75-jährige Mestize, unser Führer durch die Berge, sieht aus, als sei er einem Clint-Eastwood-Western entstiegen: klein und drahtig, von Wind und Wetter gegerbt, mit krummen Beinen. »Ich bin ein charro«, sagt er stolz, »ein Reiter. Ich lebe allein, bin unabhängig, dort wo ich hingehe, kommt mir niemand in die Quere.« Lässig hockt er im Sattel, am Knauf baumelt die Machete. Seine Welt ist die Sierra Madre zwischen der Silberminenstadt Chihuahua und Topolobampo an der Pazifikküste. Hier kennt er sich aus wie kein Zweiter.

Das Land ist von bizarrer Schönheit und surrealistischer Faszination: Feuer, Wind und Wasser haben das erkaltete Magma zu Felszinnen und Gebirgsnadeln erodiert. Die drei weiß gischtenden Flüsse Urique, Batopilas und Verde haben schwindelerregend tiefe Täler in den Fels gewaschen. Das Gebirge im Nordwesten Mexikos gehört zu den entlegensten Regionen der Welt, ist bis heute kaum erschlossen. Es trotzt dem Zugriff des Menschen. Hier, in der Heimat von Königsadlern, Kojoten und Klapperschlangen, lebt der Mythos eines Lebens fernab der Zivilisation fort.

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Es ist fünf Uhr morgens, als Pedro mich an der Schulter rüttelt. Wir zäumen die Pferde auf und zurren die Satteltaschen fest. Dann reiten wir in der frischen Kühle des Morgens dem nächsten Gipfelgrat entgegen. Tief unten glitzert türkisblau der Río Urique. Vor uns liegen zehn Kilometer Strecke mit 1400 Meter Höhenunterschied.

Vier harte Stunden im Sattel, im Zickzack auf handtuchschmalen Serpentinenpfaden. Über uns windet sich der Weg an steilen Flanken bis zum Cerro Colorado empor. Es ist der Camino Real, der »Königsweg«. Vor rund 400 Jahren schlugen spanische Soldaten die abenteuerliche Felsstiege aus dem Granit, um den Schatz der Sierra Madre zu bergen.

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Tonnenweise holten die Eroberer Gold und Silber aus der rötlichen Felszinne, die den Río Urique überragt wie eine mittelalterliche Burg. Die Hufeisen der mit Silbererz beladenen Maultiere haben den Granit stellenweise so glatt poliert wie ein Tanzparkett.

Fünf Stunden dauert am folgenden Tag unser Abstieg in die Schlucht des Río Batopilas nach La Bufa. Heute ist es eine staubige Siedlung am Fuß des Cerro Colorado. Im 17. Jahrhundert galt La Bufa als ertragreichste Silbermine der Sierra Madre. Wir machen Halt vor dem Haus des Goldschürfers Paredes de Valenzuela, dem letzten gamburino der Sierra Madre. »Der Berg wirft kaum ein Almosen ab«, klagt Paredes. In der Hand hält er rötliche Felssplitter, die mit Goldäderchen durchzogen sind - wie ein Netz geplatzter Adern in der Haut. Jeden Tag transportiert der alte Mann auf seinem Maultier Säcke mit erzhaltigem Gestein zur Wassermühle am Fluss. Dort mahlt er den Fels und siebt den Goldanteil aus der schlammigen Steinbrühe.

Am fünften Tag im Sattel erreichen wir Batopilas. Das Klappern der Hufeisen auf den Pflastersteinen hallt durch die Gassen. In der Mittagshitze ist kein Mensch auf den Straßen der alten Minenstadt zu sehen. Nur auf der Plaza vor der Kirche dösen vier alte Männer im Schatten eines Orangenbaums. Gegründet wurde Batopilas 1709 am Ufer des gleichnamigen Flusses. Mehr als hundert Jahre lang zählte es zu den reichsten Städten Mexikos.

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Nichts davon ist übrig geblieben. Verweht der Schatz der Sierra Madre. Wir haben jedoch ganz andere Reichtümer entdeckt: die fantastische Landschaft einer der letzten großen Wildnisse dieser Erde. Wir steigen aus dem Sattel, verschwitzt, verstaubt und erschöpft. Und freuen uns auf ein Steak. Und ein kaltes Bier.

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