Mexiko-Stadt: Art-déco in Condesa

Bohemiens aus dem In- und Ausland haben ein neues Refugium entdeckt: den Stadtteil Condesa in Mexico City, eines der größten zusammenhängenden Art-déco-Viertel der Welt

"Suche zwei Zimmer, Küche, Bad. Angebote bitte nur aus der Condesa." Der Zettel hängt an der Wand der Markthalle von Condesa. Eine Suchanzeige von vielen. Bisher hat sich niemand einen der Zettelstreifen mit der Telefonnummer abgerissen. Denn wer wollte schon hier wegziehen, aus diesem Viertel?

Condesa, Ciudad de México. Kleine, pastellfarbene Häuser mit begrünten Dachterrassen, Fassaden mit Blumenmustern, Straßen, die von blühenden Büschen gesäumt sind, gekachelte Ruhebänke für Flaneure. Die Condesa ist eines der größten zusammenhängenden Art-déco-Viertel der Welt. Aber das ist es nicht, was die Menschen hierher zieht. Die magnetische Wirkung der Condesa geht von drei Straßen aus, die im Herzen des Viertels zusammentreffen. Die Kreuzung von Atlixco, Vicente Suárez und Michoacán ist wie ein Springbrunnen, aus dem es unaufhörlich sprudelt: Stimmen, Gelächter, Gläserklirren, Grüße und Gesprächsfetzen in Englisch und Spanisch, eingefärbt mit europäischen, amerikanischen und asiatischen Akzenten. An den Straßenrändern stehen Bistrotische im Schatten von Markisen, vor manchen Cafés warten zahlreiche Gäste darauf, platziert zu werden: junge Männer mit geölten Haaren, schwarzen Sonnenbrillen und schwarzen Anzügen, langbeinige Mädchen auf Plateauschuhen. Dazwischen Halbwüchsige mit weißblond gefärbter Tolle, Luftballonverkäufer, ein Duo mit Saxofon und Gitarre.

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In Condesa treffen sich altes und neues Mexiko: Multiplex-Kinos

auf der Avenida Juan Escutia

Ein Tourist, der durch irgendeinen Zauber von einem anderen Punkt der Erde nach Mexiko gebeamt würde und sich an einem der Bistrotische in der Avenida Michoacán wiederfände - ein solcher Tourist wüsste wahrscheinlich weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick, wo er sich befände. Selbst dann nicht, wenn es sich um einen welterfahrenen Reisenden handelte.

Ciudad de México: Im Großraum dieser Megalopolis sind das 18 Millionen Menschen, zu denen an jedem Tag ungefähr 500 Zuwanderer kommen. Braune, gleichförmige Elendsviertel aus zweistöckigen Selbstbau-Häuschen sind das, die sich wie Jahresringe um die 16 Bezirke der ursprünglichen Hauptstadt gelegt haben. Drei von vier Bewohnern dieser größten Stadt Amerikas leben von der Hand in den Mund, in Nachbarschaft zu Dollarmilliardären, von denen es landesweit immerhin halb so viele gibt wie in Japan oder Deutschland.

México, wie die Einwohner ihre Stadt nennen, ohne den Zusatz Ciudad - das sind ursprünglich sechsspurige Straßen, auf deren verblassenden Linien sich heute zehn, zwölf Autoreihen drängen und verknäueln, Kreuzungen mit 54 Schildern, ohrenbetäubender Lärm, der einen selbst im Inneren eines Taxis zum Schreien zwingt, regelmäßige Smogalarme, dazu die ständige Bedrohung durch Erdbeben.

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Savoir vivre in der Megastadt: Jeden Sonntag treffen sich ältere Paare zum Tanzen im Parque México, der grünen Lunge von Condesa

Ende der achtziger Jahre beschloss eine Reihe von Stadtbewohnern, ihre lokalen Probleme selbst in die Hand zu nehmen, statt, wie bisher, auf deren Lösung durch die Politiker zu warten. Man begann, buchstäblich, vor der eigenen Tür zu kehren; gründete Bürgerinitiativen zur Müllbeseitigung, rief Nachbarschaftsvereine zur Beschäftigung von Arbeitslosen und zur Versorgung von Straßenkindern ins Leben.

Irgendwann Mitte der neunziger Jahre kam ein Restaurantbesitzer in der Avenida Michoacán auf die Idee, ein paar Tische vor die Tür zu stellen und eine Markise darüber zu spannen. Eine Aktion, die weit reichende Folgen hatte. Das Phänomen Bistro war in der Gastronomieszene der Hauptstadt bis dahin fast unbekannt. Nun bildete sich im Zentrum der Colonia Condesa ein Bistro-Basar. Er wurde zum Treffpunkt für eine Boheme, die sich zuvor auf die übrigen Innenstadtviertel verteilt hatte, auf die schrille und schäbige Zona Rosa, das pittoreske Coyoacán, das bürgerliche, leicht heruntergekommene Roma. Die Colonia Condesa, im Vergleich zu diesen drei eher unscheinbar, wurde zum neuen Künstlerviertel.

Wobei niemand so genau zu sagen weiß, welchen "Künstlern" die Condesa eigentlich ihren Ruf verdankt. Aber das ist nicht weiter von Belang. Wichtig ist, dass mit den Bohemiens die schönen Frauen kamen. "Die zogen Verehrer an, diese Verehrer dann die Homosexuellen, und die lockten schließlich die Touristen aus Europa."

Diese, zugestandenermaßen recht eigenwillige, Erklärung für den Aufstieg der Condesa stammt von Sergio, als Straßenhändler intim vertraut mit dem Viertel. Von zwei Uhr mittags bis zwei Uhr nachts spaziert er die drei magischen Straßen entlang, eine Kiste Zigarren und ein paar Bücher unauffällig unter den Arm geklemmt. Ab und zu setzt er sich in eines der Bistros, ein Flaneur unter vielen. Kauft ihm jemand etwas ab, lässt er das Geld erst mal achtlos auf dem Tisch liegen - als wolle er betonen, dass Kaufen und Verkaufen für ihn im Grunde nebensächlich ist.

Sergio ist ein Erzähler, ein Plauderer. Mit Sergio kann man über alles reden: über moderne Kunst, über die Bedeutung von Vicente Fox für Mexikos Zukunft, und darüber, wer in der Condesa die besten Partys gibt. Sergio findet immer Zuhörer, auch weil er sich im Viertel auskennt wie kein Zweiter. Am liebsten erzählt er von früheren Zeiten, als man im Bistro "Garufa" noch mit selbst gemalten Bildern bezahlen konnte. Oder von jener spanischen Gräfin, die dem Viertel seinen Namen gab, einer jungen, für das 18. Jahrhundert recht unruhig geratenen Dame, die in den Künstlerzirkeln von London und Paris verkehrte. "Nach dem Tod ihrer Eltern kehrte die Condesa nach Mexiko zurück, nicht ohne zuvor großzügige Einladungen ausgesprochen zu haben. Und sie hielt Wort. Wer immer sie besuchen kam, der erhielt ein schönes Haus auf dem Gelände ihrer Hazienda und konnte dort tun und lassen, was er wollte."

Ob das nun Wahrheit ist oder Legende - wen kümmert das schon. Die jungen Männer mit den Krawatten, schwarzen Sonnenbrillen und schwarzen Anzügen hören Sergio gerne zu, weil er ihnen das Gefühl gibt, an einem besonderen Ort zu sein, einem Ort, der auf angenehme Weise dem profanen, profit-orientierten Alltag enthoben ist. Einer von ihnen wird Sergio ein Getränk und eine Suppe bezahlen, und später, nach dem Essen, wird man eine Partie Domino spielen. Unterhalb der Tischplatte, auf Höhe des Gestells, auf dem Flaschen und Gläser abgestellt sind, verrichten die Schuhputzer ihre Arbeit. Ihre dunklen Gesichter bleiben unsichtbar für die Dominospieler.

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Beste Wohngegend: Die Avenida Amsterdam

Manche von den Schuhputzern und Straßenhändlern, die im Umkreis der Bistros ihrem Tagwerk nachgehen, hatten früher einen anderen Beruf. Sie waren Klempner, Schneider oder Bäcker, bis ihre kleinen, alteingesessenen Läden verdrängt wurden - von Galerien, Bistros und Boutiquen für die zahlungskräftigen Neubürger der Condesa. Es gibt Leute, die diese Entwicklung beklagen, die darüber schimpfen, dass die so genannten Bohemiens nun die Oberhand gewonnen hätten, dass sie die Geschicke des Viertels bestimmten. Solch eine "Veredelung" ist kein seltenes Phänomen, zu beobachten in vielen Metropolen. Das Besondere an der Condesa ist, dass hier nicht eine Welt die andere verdrängt hat, sondern - noch - beide friedlich nebeneinander blühen.

Die Neubürger der Condesa - das sind Europäer und Amerikaner, die es zu schätzen wissen, dass man hier ein halbes Jahr gut leben kann von einem Betrag, der im Quartier Latin oder in Greenwich Village gerade mal für eine Woche reichen würde. Und es sind "los malos de las buenas familias", wie der Straßenhändler Sergio sie nennt: lebenshungrige, rebellische Sprösslinge des mexikanischen Öl- und Industrie-Adels, die von ihren Familien viel Geld dafür bekommen, dass sie endlich aus dem Hause gehen. Und die dieses Geld dann für Spaß, eine hübsche Geliebte oder eine eigene Kneipe in der Condesa verschleudern.

Wer ein paar Tage im Viertel verbringt, bemerkt rasch, dass zwischen Alt- und Neubürgern so etwas wie ein unausgesprochenes Abkommen besteht: Man ist nett zueinander, man grüßt jeden, dessen Gesicht einem bekannt vorkommt - den polnischen Graffitimaler von gegenüber, die Bäckersfrau von nebenan, den Seifenblasen-Verkäufer aus dem Parque México, den Galeristen Artemio, der in seiner "La Panadería" jeden ausstellt, der einen Pinsel halten kann, die alte Dame, die eine Initiative zur Hausmüll-Trennung ins Leben gerufen hat. Und natürlich Sergio, den Straßenhändler.

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Französisches Frühstück in der Crêperie de la Paix? Oder doch lieber

Tortillas vom hier abgebildeten Straßenmarkt, der jeden Freitag stattfindet?

Die Mexikaner grüßen die Gringos, weil es gut ist, Leute bei Laune zu halten, die ihre Dollars mit leichter Hand ausgeben; und die Gringos grüßen die Mexikaner, weil sie sich hier weit weg von daheim und doch zu Hause fühlen, denn dies ist wohl einer der wenigen Orte auf der Welt, der den viel strapazierten Begriff "globales Dorf" wirklich verdient.

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