Rios wahrer Karneval

Abseits vom Touristen-Glamour feiern die Bewohner der Favelas ihren Strassenkarneval: mit Kostümen, die aus Müll und "fantasia" fabriziert werden - und magischen Zauber entfalten

Es ist Sonntag in Rio, einer der letzten Tage des Karnevals, und über die Straßen in Brás de Pina, einer der Vorstädte, läuft ein Außerirdischer. Zitternde Antennen stehen ihm vom Kopf ab. Merkwürdige Hauben und Kappen bedecken Schädel und Ohren, Augen und Nase, und der Rest des Körpers ist in eine Uniform gehüllt, die aussieht, als sei sie von Federico Fellini, dem Schöpfer des Grotesken, für einen Film bestellt worden. Die Menschen von Brás de Pina bleiben stehen und gaffen, sie klatschen Beifall oder schütteln den Kopf, und einer von ihnen ruft: "Da geht ein extraterrestre!"

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Er spielt das buma-meu-boi nach, einen bäuerlichen Schwank

Dann erscheinen die Narren der bloco da lama, der "Horde des Schlamms". Vor ihrem Auftritt sind sie zu den Mangroven gezogen, draußen in Guaratiba, vor den Toren der Stadt, haben die Kleider abgelegt und sich brüllend und kichernd im Schlick gewälzt, sind versunken im dicken Matsch und dann wieder auferstanden, die Körper grau geschlemmt. Jetzt stürzen sie wie lebende Tonfiguren tanzend durch die Stadt. Ein erdhaft-wüster Anblick: Schlammtänzer in der Großstadt, ein Wunder. Nur Rios Bürgermeister hat schon Tage zuvor gemahnt, die Erdmenschen sollten sich bitte nicht gegen die Mauern historischer Gebäude lehnen, por favor.

Unterdessen tobt in den Favelas von Bonsucesso, einem der finstersten Armenviertel der Stadt, ein urzeitliches Ritual. Die Bewohner bewerfen sich gegenseitig mit Dreck, mit allem, was stinkt und Flecken macht, mit Talkum und Mehl, mit Tinte und Essig und uringefüllten Beuteln - ein letztes "Spritzbad des schlechten Geschmacks", wie Rios Elite das derbe Volksvergnügen nennt, ehe in drei Tagen, am Aschermittwoch, die Fastenzeit für die Strenggläubigen unter den acht Millionen Katholiken der Stadt beginnt.

Dies ist der carnaval de rua, der Straßenkarneval. Dies sind die Tage des Rausches und der öffentlichen Delirien. Der Selbstdarstellung und der Fantasien.

Ein paar Tage noch, dann werden die Vorstädte mit den aufgeplatzten Trottoirs und schmutzigen Stehkneipen, mit den Hinterhöfen voller Specksteinspülen und ausgebauter Autositze, mit den unverputzten Backsteinbaracken, vor denen Männer in Unterhemden stehen und sich im Schritt kratzen, wieder in Elend und Armut versinken.

Aber bis dahin gelten die Gesetze der Possenreißer, des Bacchanals und der fantasia - jenes in Brasilien magischen Wortes für die Maskerade, für die Verkleidung, für die unbewusste Karnevalspersönlichkeit, die in jedem Menschen steckt, auch wenn er sonst im Leben schon resigniert hat und ohne Illusionen ist.

Der Carnaval de rua, das ist der andere, der außerhalb Rios fast unbekannte Karneval der Stadt. Das ist der Hexensabbat im Schatten des "Sambódrom", wo 60 000 Sambatänzer jenen Karneval veranstalten, der Touristen aus aller Welt anzieht. Der Straßenkarneval aber bleibt draußen vor den eisernen Drehtüren.

15 Tage vor Rosenmontag beginnen die ersten lärmenden Umzüge, gibt es jeden Tag in einem anderen Stadtviertel ein riesiges Spektakel. Höhepunkt sind die 72 Stunden vom Sonntag bis zum Aschermittwoch. Dann bewegt sich ein riesiger Figurenzoo durch die Hochhausschluchten des Zentrums, im Gewimmel Harlekins und Heilige, Filmhelden und Comicfiguren, und Hunderttausende jubeln ihnen zu.

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Pose und Posse: Das Lieblingsspiel der männlichen Bewohner Rios

ist es, sich Brust und Hintern auszustopfen

Viajar no carnaval nennen die Brasilianer ihre Verwandlung, die eine Reise in einen anderen Körper ist, in eine andere Seele. Und beileibe kein Spiel! Sie fühlen sich besessen von dem Anderen, dessen Existenz sie in sich spüren.

Die einfallsreichsten Maskeraden sind die der armen Teufel. Maskeraden aus der reichsten Fundgrube des Straßenkarnevals, dem Müll. Denn aus nichts etwas zu machen, das ist im Karneval der Straße der Ehrgeiz der kreativen Habenichtse. Sie sehen jedem Gerümpel an, was für ein Leben noch in ihm steckt, und sie holen es aus ihm heraus, destillieren Gold aus Dreck.

Sie vermögen es, Löcher in leere Sardinenbüchsen zu bohren, um mit diesen Gerätschaften anschließend Fische zu entschuppen, sie basteln aus den Speichen kaputter Fahrräder Antennen für den Fernseher, sie erschaffen aus einem abgefahrenen Autoreifen eine Badewanne für die Kinder, machen aus Kronkorken eine Fußkette für den Papagei und aus einem kleinen Öltrichter ein Lämpchen für die Nacht.

Irgendwo im Karnevalsgewühl begegnet man in jedem Jahr Ilson Lorca, 67. Er ist einer der mülligsten und exzentrischsten Straßennarren der Stadt. Ein pensionierter Polizist aus Brás de Pina, dem Arbeiterviertel. Lorca, das Fellini-Geschöpf mit den wippenden Antennen, der Außerirdische, der wie kaum ein anderer die Kunst der Monsterwerdung aus dem Müll beherrscht und während des Karnevals durch die Straßen wandelt wie der Darsteller eines postmodernen Slumtheaters, klirrend und klappernd und leicht meschugge.

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Der Rentner Ilson Lorca, ein ehemaliger Polizist, hat sich

in einen "extraterrestre" verwandelt, einen E.T.

Das ganze Jahr über grübelt er darüber nach, wie er an den drei tollen Tagen triumphieren kann. Monatelang streift er durch Brás de Pina, durchflöht die Müllcontainer, sucht vor allem nach Plastikflaschen. Sie schmücken fast jedes seiner Kostüme - auch sein Außerirdischen-Outfit, für das er sich aus Dutzenden in Streifen geschnittener Schraubverschlüsse eine Halskrause von Rembrandtscher Raffinesse gebastelt hat.

Plastikflaschen verschönerten vor zwei Jahren auch seinen Auftritt als "Königin des Schrotts". Da saß er auf einem Thron aus verbogenen Fahrradspeichen und Teilen eines Tischventilators, auf dem Kopf eine mit Blechmünzen bestickte Tiara, in der Hand als Zeremonienstab einen Besenstiel, an dem er alles festgezurrt hatte, was einmal dazu bestimmt gewesen war, etwas zu messen: ein Tachometer, ein Senkblei, ein verrosteter Öldruckmesser, und dazu ein paar alte, zerbrochene, blinde Uhren.

Was das alles zu bedeuten hatte? Darüber weiß Ilson Lorca, der Maestro des Mülls, nicht viel zu sagen, er bleibt sprachlos, stumm; er kann nur suchen und finden, arrangieren und kombinieren.

Während Lorca an diesem Karnevalssonntag über die Straßen von Brás de Pina zieht, treten überall in der Stadt kostümierte Straßenkinder auf und Sektennarren mit der Bibel in der Hand, Samba tanzende Grüppchen von Stammtischgröße und Riesenschwärme von Männern, die das Lieblingsspiel des männlichen Carioca spielen: sich schminken, die Brust ausstopfen und als Frau gehen.

In der schicken Zona Sul, in Ipanema und Copacabana, jonglieren die Transvestiten-Cliquen mit der Geschlechterzuordnung - kokett und satirisch, und manchmal ein wenig obszön. Erektionen in Frauenunterwäsche. Eine Menagerie in Flamingorosa, Las-Vegas-Pink und Neongrün. Zerrbilder androgyner Fantasien. So schwärmen sie über die Promenaden: auf Plateausohlen und in engen Etui-Röcken, mit weiß lackierten Fußnägeln und ins Haar gewaschenen Regenbogenfarben.

Zur gleichen Zeit öffnen sich zwei U-Bahn-Stunden entfernt in den westlichen Arbeitervororten die Türen der Blechdachhütten, und Gestalten in leuchtenden Stoffen treten auf die Straße. Archaische Figuren in opulenten dreifarbigen Kutten aus Dutzenden Metern Stoff, der, wenn es geregnet hat, so schwer ist, dass der Träger der Kluft fast in Ohnmacht fällt.

Das sind die Clóvis-Figuren, die wohl ältesten Archetypen des Karnevals von Rio. In der Hand tragen sie den Schnuller, das Symbol des Lebens und der Mütterlichkeit, und ein Symbol des Todes: eine Sense vielleicht, einen Knochen oder die bexiga de boi, die mit Luft gefüllte Blase des Ochsen.

Die Gesichter dieser Schreckensgeschöpfe sind vollständig von luftdurchlässigen Masken aus Gaze verdeckt. Ein Paviangesicht, ein Totengrinsen, ein höhnisches Darth-Vader-Lächeln - etwas Monströses und Larvenähnliches muss es sein.

Der Clóvis ist ein Horrorclown. Zwielichtig sind seine Herkunft, sein Geschlecht, sein Charakter. Niemand weiß, wen er verkörpert, aber er scheint ein afro-europäischer Zwitter zu sein, halb Harlekin, halb ein von der Seele eines afrikanischen Toten besessener Brasilianer. Der Clóvis ist etwas sehr Junges oder sehr Altes, etwas aus der Zukunft oder aus der Vergangenheit, ein Alien oder ein Zombie.

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Ilson Lorca, der Maestro der fantasia, des Mummenschanzes,

als "Königin des Schrotts"

Irgendwann steigen die Horden aus den Vorstädten in die Züge in Richtung Zentrum. Dort tanzen sie dann, maskiert, dreschen die mit Luft gefüllten Ochsenblasen wie Schlagbälle auf den Boden, was sich anhört, als knallten Schüsse.

Ihre Auftritte folgen einem chaotischen, Angst machenden Code; ihre Performance, so anarchistisch sie auch aussehen mag, gehorcht Regeln. Selbst in der größten Tageshitze zeigen die Clóvis nie ihr Gesicht. Kein verständliches Wort kommt über ihre Lippen, nur Unartikuliertes.

Sie schreien, pfeifen, stoßen Tierlaute aus. Eine Gruppe hält mit den Armen Besenstiele an den Körper gepresst. Plötzlich und unerwartet heben sie ihre Arme und lassen ihre Capes flattern wie Fledermausflügel. Einige Mitglieder der Bruderschaft haben ihre Schlagbälle mit Kleister bestrichen und durch Sand gezogen; jetzt prügeln sie damit im Vorüberflattern auf die Clóvis einer anderen Gang ein.

So werden die Menschen wieder zu jenen Genre-Figuren, die sie aus einer noch längst nicht vergangenen Vorzeit kennen. Denn fast alle Vorstadtbewohner kommen aus den archaischen Regionen draußen im Land, wo es keine Industrie und keinen Fortschritt gibt: aus den Ein-Telefon-Marktflecken, in denen noch die bäuerliche, feudalistische Alltagskultur herrscht, und wo die Weltnachrichten manchmal noch von Straßensängern weitererzählt werden. Als Moritat.

Es ist der letzte Tag des Karnevals. Entlang der Copacabana ist das Gewimmel und Gedrängel der Masken und Maskeraden noch dichter, noch Schweiß treibender geworden. Nur ein paar Stunden noch, dann ist die festa vorbei, dann kehren die Cariocas in ihre andere Leben zurück. Langsam ziehen die Lastwagen mit den Musikern über die Promenade und bespritzen alle paar Meter die Passanten mit Wasser. Kostümierte stürzen sich im vollen Putz ins nahe Meer und kehren tropf-nass zurück.

Und dann kann es geschehen, dass plötzlich mitten in all dem Feiern und Tanzen eine Gestalt von erhabenem Ernst zu erkennen ist, ein Mann mit einer langen Schleppe aus Dutzenden von Blechtellern: der equilibrador da fome, der "Seiltänzer des Hungers". Ein armer Schlucker aus einer der Hungerprovinzen im Norden, der gemessenen Schrittes über die Trottoirs der Copacabana scheppert und die Cariocas an das Drama der Tagelöhner erinnert, die man in dem Hinterland, aus dem er kommt, bóias frias nennt, "Kaltesser", Blechnapfesser.

Wenn er dann im Morgengrauen nach Hause geht, haben sich die Straßen schon geleert; jetzt laufen das Echo der Müllkübel und der Lärm der Arbeitskolonnen, die das Konfetti zusammenfegen, durch die Stadt. Parfümgeruch verbreitet sich. Rios Verwaltung lässt Straßen mit duftendem Wasser kehren, um den Gestank von Urin und von vergossenem Bier zu vertreiben. Den Gestank von Menschenmassen, die oft ganze Tage und Nächte auf der Straße verbracht haben.

Auch für den Seiltänzer des Hungers ist der Karneval nun vorbei. Er ist praktisch nackt. Denn die Straßenbettler haben ihm seine Fantasia, sein Kostüm abgeschwatzt. Die Straßenbettler von Rio, die noch nicht einmal einen Blechteller haben, um davon zu essen.

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