Madeira: Wandeln auf Zauberpfaden

Grüne Urwelt, süßer Wein, atemraubende Panoramen - und endlose steile Pfade: Auf Madeira revidierte der passionierte Bergkletterer Dieter Schweiger seine Vorurteile. GEO Explorer schloss sich der Wandergruppe an und erlebte eine Reise wie zu längst vergangenen Zeiten
In diesem Artikel
Adam und Eva
Wandern von seiner schönsten Seite
Funchal: Hauptstadt Madeiras
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Terrassenförmige Weinberge durchdringen das Dorf Porto Moniz auf Madeira

Also, diesmal kann ich wirklich nicht anders, als mit meiner Geschichte bei Adam und Eva zu beginnen. Es muss ungefähr das Jahr 1425 gewesen sein. João Gonçalves Zarco, Kapitän im Auftrag der portugiesischen Krone, hatte 900 Kilometer vor der Küste im Atlantik ein Inselchen entdeckt, das er zuerst für eine rätselhafte Wolke hielt. Wegen seiner dschungelartigen Wälder nannte Zarco das Eiland »Ilha da Madeira«, Insel des Holzes. Danach folgten Karavellen mit Siedlern. Unter ihnen auch Conçallo Ayres Ferreira, über den die Annalen nicht viel berichten, außer, dass er Vater von den ersten auf Madeira geborenen Kindern wurde: einem Zwillingspaar, das der fromme Mann Adam und Eva taufen ließ.

Adam und Eva

Vor meiner Reise war ich auf die hübsche Episode gestoßen. Nicht von ungefähr fiel sie mir wieder ein, als ich an Bord einer »757« beim Landeanflug Madeira unter mir sah. Umbrandet von Wellen, tauchten, wie eine fast vergessene Welt, Berge und Steilküsten mit 500 Meter hohen Klippen aus dem Meer auf. Vor allem aber schäumten Zedern- und Lorbeerwälder so voller Grün, dass ich unwillkürlich an den Garten Eden und seine ersten Bewohner denken musste. Leider war die Landung nicht ganz so paradiesisch sanft wie erhofft. Ich mochte mir gar nicht ausmalen, wie die Flieger noch vor wenigen Jahren, als die Piste vor der Küste von Santa Cruz nur 1800 Meter lang war, Adlern gleich auf ihre Beute hinunter auf die Runway stürzten. Inzwischen ragt die Landebahn auf 60 Meter hohen, aus Beton gebauten Stelzen gut 1000 Meter weit ins Meer.

In den Bergen, immerhin zu einem Drittel über 1000 Meter hoch, wollte ich die erste Woche mit einer Gruppe wandernd verbringen. Dank seiner ungewöhnlichen Wege längs der Bewässerungskanäle hat Madeira Inseln wie Mallorca oder La Palma als »Wanderziel unter südlicher Sonne« fast schon den Rang abgelaufen. Die Gruppe setzte sich aus den üblichen Verdächtigen zusammen: aus vier jüngeren weiblichen Singles (zwei Krankenschwestern, einer Diplom-Archivarin, einer Chemikerin) und zwei älteren, sympathischen Ehepaaren aus Lampertheim und aus Dresden, die mit silberhaarigem Tatendrang bereits in der halben Weltgeschichte herumgestiefelt sind. Unser Führer Albano, geboren auf Madeira, war als Kind mit seinen Eltern, wie bestimmt eine Million seiner Landsleute, ausgewandert. Sein Vater konnte in Stuttgart beim »Kolben-Mahle« Arbeit finden. Jetzt, mit Mitte Zwanzig, war er in seine Heimat zurückgekehrt. Äußerlich mit seiner Othello-Bräune ein echter Madeirenser. Sobald Albano aber den Mund aufmachte, kam ein lupenreines Schwäbisch heraus, das sogar sein ewig anfeuerndes »vamos« zu einem putzigen »vamos-le« verballhornte.

Wandern von seiner schönsten Seite

Seiner Versprechung, dass wir in den nächsten sechs Tagen auf dem Pico Ruivo oder in den bis nach Porto Moniz reichenden Laurazeenwäldern »Wandern von seiner schönsten Seite« erleben würden, rechnete ich seiner jugendlichen Begeisterung zu. Und auch der Tatsache, dass wir am ersten Abend dem Madeirawein reichlich zugesprochen hatten.

Als passionierter Bergsteiger, der in den Alpen schon so manche Gipfel bezwungen hat, stand ich allen Wanderrevieren südlich einer Linie Wien-Grenoble bis dato nämlich so skeptisch gegenüber wie der Mode, Weihnachten bei 30 Grad und einem »Planters Punch« in der Südsee zu feiern.

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Im Blandy´s Garden befindet sich Madeiras schönstes Hotel:

das Casa Velha do Palheiro

Trotz des Panoramas beim Anflug wollte ich einfach nicht glauben, dass ein Pico Ruivo, mit 1862 Meter der höchste Berg Madeiras, zum Beispiel unserer Zugspitze oder auch nur einem Wilden Kaiser das Wasser reichen könne. Gut, auf dem Ausflug zu den Basaltschloten der Ponta de São Lourenço im Osten wurde unserem vom Wind zerzausten Häuflein schon eindrucksvoll vor Augen geführt, mit welcher Wucht die Insel vor 20 Millionen Jahren bei einem Vulkanausbruch aus dem Meer geschleudert wurde. Auf dem Pfad nach Porto da Cruz, auf dem früher von den borracheiros (»Besoffenen«) der Most in Ziegenhäuten zu den Weinkellereien getragen wurde, bekamen wir 400 Meter über dem Atlantik eine Ahnung von der dröhnenden Weite des Ozeans. Dennoch würde ich diese Touren in meiner ewigen Favoritenliste allenfalls auf vorderen Ehrenrängen platzieren: als durchaus reizvolle und spannende Wege, die aber in meinem Herzen kein Lichtlein entzünden konnten.

Doch dann, am dritten Tag, sollten wir Madeiras grünes Zauberreich betreten: Wir hatten uns von einem Taxifahrer, der seinen ironischen Blicken nach jeden Wanderer durch die Bank für pathologisch hielt, immer tiefer ins Ribeiro do Faial kutschieren lassen, bis die Berge beinahe wie gewaltige Wellen über dem Tal zusammenzustürzen drohten. Auf den Bergen waren Lorbeer- und Eukalyptusbäume, Wachsmyrte und Moose zu einem nur noch hier, auf den Azoren und den Kanaren überlebenden Laurazeenwald verwachsen. Zuletzt hatte ich so einen urzeitlichen Dschungel in einschlägigen Saurierdramen gesehen. Wobei unser Führer Albano zu meiner und aller Beruhigung glaubhaft versicherte, die »wildeschte Tiere« auf Madeira seien Kaninchen.

Nachdem wir einige Stunden entlang der Levada do Pico - einem der so sanft murmelnden, über 2000 Kilometer langen Wasserkanäle - gewandert waren, erreichten wir am Ende der akkurat wie von einer Handkante ins Gebirge geschlagenen Schlucht den »grünen Kessel«, Caldeirão Verde. Selbst laienhafte Botaniker dürften ja schon einmal gehört oder gelesen haben, dass Madeira die »Blumeninsel« oder auch »Schwimmender Garten« genannt wird. 112 Pflanzenfamilien und nahezu 800 Pflanzenarten wachsen hier: von Wolfsmilch bis Stechapfel, von Trompetenblumen bis Cattleyas-Orchideen, von Gummi- bis Drachenbäumen. Schon die ersten Siedler brachten Samen und Setzlinge mit auf die Insel. Vor allem den gartenverliebten Engländern ist der Import vieler Pflanzenexoten zu verdanken, die im Klima ewigen Frühlings (im Jahresmittel: 21 Grad) besonders gediehen. Unsere Heidelbeere etwa wächst dort zu mannshohen Sträuchern heran.

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Samstag morgens kommen auf dem Markt

in Funchal alle Sinne auf ihre Kosten

Davon gelesen zu haben oder die Wildnis mit eigenen Augen zu sehen sind freilich zwei paar Stiefel. Es war nicht zu fassen! Wir glaubten, in der Caldeirão Verde an der Pforte zu den Tropen zu stehen. Aus ungefähr 40 Meter Höhe rauschte der Brautschleier eines Wasserfalls herab. Die riesigen Farnblätter trieften vor Feuchtigkeit. Aus dem Grün stachen Orchideen und Agapanthus-Lilien mit tiefblauen Blüten heraus. Die Luft schleckte - lachen Sie nicht - auf der Haut wie die nach Jasmin duftende Zunge eines großen, freundlichen Hundes. Auch konnte ich Albano nicht widersprechen, als er bemerkte: »Fehle bloß no Tarzan und Jane.«

Kurzum: Langsam dämmerte sogar mir, weshalb so viele Menschen Madeira mit seiner Nähe zu Afrika (550 Kilometer), als den exotischsten Ort von Europa anhimmeln. Wer, wie wir, durch São Roque do Faial, Santa Madalena und die anderen Dörfer gewandert ist, musste sich allein beim Anblick der Bananenstauden, an denen oft 200 Früchte wie an einem Lüster hängen, wundern. Ein Schlaraffenland, in dem ein Bauer nur eine verschrumpelte Bohne über seine Schultern werfen muss, zack, schießt ein Busch aus dem Boden.

Natürlich sieht der Alltag weniger elysisch aus: Wir trafen Landwirte, die ihren Mais noch auf den Köpfen nach Hause balancierten. Und am Ponta do Tristão begegnete uns der alte Winzer Luis, in dessen Adern noch das Blut der maurischen Sklaven auf Madeira zu fließen schien. Zwischen einer 300 Meter hohen Klippe und dem gischtenden Meer hatte er im Lavagestein Wein angebaut. Auf unsere Frage, wie er die Trauben denn nach oben bringe, deutete Luis, der leidlich Englisch verstand, seit er in südafrikanischen Minen geschuftet hatte, nur lächelnd auf seinen Rücken - und einen schwindelerregenden Pfad durch eben jene Klippe.

Und selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mich für einen heuchlerischen Sozialromantiker halten: Ich wäre enttäuscht gewesen, hätte Luis seinen Wein mit einem geländegängigen Pick-up abtransportiert und eben nicht per pedes mit seiner primitiven, aber so archaisch schönen Kraxe.

Längst mit fliegenden Fahnen ins Lager der Madeira-Fans übergelaufen, gab's für mich am sechsten Tag dann sogar noch eine Zugabe: Es war oben am Pico do Arieiro, der mit dem schon erwähnten, nur ein paar Meter höheren Pico Ruivo quasi »das Dach« der Insel bildet. Übrigens kein zu großspuriger Ausdruck für 1800 Meter hohe Berge, addiert man korrekterweise die 4000 Meter unter Wasser hinzu. Wir hatten in der erstaunlich komfortablen Pousada unter dem Gipfel übernachtet, um ab fünf Uhr den Sonnenaufgang mitzuerleben. Eine unchristliche Zeit, um aufzustehen. Aber falls Sie auf Madeira landen, tun Sie's bitte trotzdem: Wenn ich daran denke, wie die Sonne mit Fanfarenstößen aus dem Atlantik tauchte und über dem grünen Laurazeenmeer einen Felsen nach dem anderen mit ihren Strahlen wie Kerzen entflammte, bekomme ich heute noch eine Gänsehaut.

Funchal: Hauptstadt Madeiras

Und dann Funchal: Hauptstadt Madeiras und totales Kontrastprogramm. Eine Metropole, in der es brodelt und zischt, siedet und wallet. Fast jeder zweite Madeirenser lebt hier, etwa 130000 Menschen, inmitten brummender Geschäftigkeit und dem wohl schlimmsten Straßenverkehr, den ich jemals auf einer Urlauberinsel erlebt habe. Mit Nachdruck wies mich die Dame vom Autoverleih »Magos car« auf einen Passus im Vertrag hin, wonach Schäden an Reifen und Felgen von mir zu ersetzen seien. Angesichts der Gassen, die sich kaum wagenbreit und ohne jede Ordnung durch die Stadt winden, eine verständliche Risikoabwälzung. Nein, ich residierte nicht im »Reid's Palace«. Diese Nobelherberge an der Estrada Monumental zählt zweifellos zur Klasse (auch wegen der Preise) etwa eines »Ritz« in London. Mir war allerdings nicht nach splendid isolation im »Reid's Palace« zumute.

Ich wollte auch nicht mit Krawatte und obligatorischem Dinnerjacket zum Abendessen antanzen und dafür noch stolze 500 Mark pro Nacht berappen. Außerdem bot das »Monte Carlo«, in dem ich letztlich deutlich günstiger logierte, den viel schöneren Blick auf das mit seinen Palais, Herrenhäusern und den umwerfend lila blühenden Jacarandabäumen so südlich-barocke Funchal. Wenn das viel strapazierte Bild vom Amphitheater, zu dem sich eine Stadt um eine Bucht formiert, überhaupt jemals seine Berechtigung hatte - dann hier.

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Oberhalb der Stadt Funchal führen romantische Gehwege

durch den Monte Garden

Wie es sich für eine ordentliche Recherche gehört, hakte ich erst einmal die touristischen Attraktionen ab. Ich bin auf der »Santa Maria«, einer täuschend echten Rekonstruktion von Kolumbus' Schiff, gefahren. Wobei sich Crewman Peter mit seinem Rauschebart und dekorativ zerschlissenen Kleidern wohl wirklich als Reinkarnation des, tatsächlich mal kurz auf Madeira weilenden, Entdeckers sah. Zwischen 10000 Fässern in »Madeiras Wine Company« habe ich auch eine Verköstigung mitgemacht, obwohl sich meine Geschmacksknopsen merklich gesträubt haben, als unser Gastgeber vortrug, dass der Wein, statt wie früher unter der Äquatorsonne zu reifen, durch Heizröhren gejagt und auf 45 Grad erhitzt wird.

Sogar auf einen carro do cesto habe ich mich getraut. Vor hundert Jahren waren die Korbschlitten das gängige Verkehrsmittel, um aus dem am Berg gelegenen noblen Stadtteil Monte flott in die City zu kommen. Heute sind sie ein Gag für Touristen. Quiekend vor Spaß und Aufregung lassen diese sich auf der steilen Rua da Santa Luzia von zwei Männern, den carreiros, mehr runterbremsen als -ziehen.

Auf meinem Zettel standen auch einige Museen, die ich eigentlich unbedingt besichtigen wollte. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Mehr und mehr ließ ich mich von Funchals Altstadt in den Bann ziehen: Bodegas, in denen glubschäugige, aus 1000 Meter Tiefe gefangene Fische mit heißer Banane serviert werden; dunkelhäutige, die einheimische »Bingo« rauchende Männer; Hinterhofwerkstätten, in denen teure Gobelins gestickt werden; Schlagzeilen auf den Zeitungen wie »Ataque de Tubarão«, wonach ein Hochseefischer beim Angeln eines Tunfisches mit einem Hai Bekanntschaft machen musste. Berauscht von fremden Genüssen, Gerüchen, Gesichtern und Geschichten stellte sich bei mir bald ein Gefühl ein, das nicht allzu viele Urlaubsmetropolen im Radius von vier Flugstunden um Deutschland bieten können: das wundervolle Gefühl, wahrhaftig ein Weltreisender zu sein.

Einer meiner Lieblingsplätze wurde der Mercado dos Lavradores. Hier, in der Markthalle, verdichtete sich aus Mangos, Tintenfischen, Handtaschen, Azaleen, Bananen, Wellensittichen, Ponchaschnaps, Vogelfutter und knallbunten Strelitzien die Lebensfreude Funchals zu einem farbenprächtigen, exotischen Tohuwabohu.

Und wenn mir der Rummel der Stadt dann doch zu groß wurde, stieg ich in mein Mietauto, einen kleinen »Franzosen«, und fuhr auf der EN102 zu Blandy's Garden. Wenn Sie meinen Spuren folgen, denken Sie daran, dass dieser Park auf den meisten Schildern noch unter dem Namen »Palheiro Ferreiro« firmiert, auf den er vom früheren Besitzer, dem Grafen von Carvalhal, getauft wurde.

Längst aber gehört das Anwesen, neben Weinhandel, Reisebüros, Golfplätzen und Hotels, der superreichen Familie Blandy. Den Clan umweht eine aristokratische Aura, als stamme er in direkter Linie von George III. ab und nicht von William Blandy, einem einfachen Soldaten, der 1807 mit britischen Truppen auf Madeira gelandet war, um napoleonischen Ambitionen auf die Insel einen Riegel vorzuschieben.

Einerlei: Der leider nur vormittags geöffnete Park ist ein Traum. Wie hier auf vielen Hektar die Noblesse eines britischen Country Clubs mit der rauschhaften Flora von Pflanzen aus aller Welt gekreuzt wurde, haut einen einfach um. Die Mutter des Clanchefs Adam Blandy, eine gebürtige Südafrikanerin, hat dafür extra chinesische Blauglockenbäume, südafrikanische Blutblumen, australischen Jasmin, japanische Sicheltannen und sogar deutsche Eichen pflanzen lassen. Versteckt hinter Lorbeerhecken liegt aber die Krönung von Blandy's Garden: ein pastellgelbes koloniales Knusperhäuschen, das die geschäftstüchtige Familie 1996 für Betuchte zum schönsten Hotel Madeiras umgebaut hat. Ach, was sage ich, zu einem Paradies mit First-Class-Lokal, 32 Doppelzimmern und fünf Luxussuiten.

Und ich möchte wetten: In einer haben sicherlich - Sie wissen schon - Adam und Eva eingecheckt...

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