Tour de France: Champagner und Cognac

Bei seiner Tour de France lehnte Autor Hans Zippert Doping entschieden ab. Dafür ließ er sich vom Land und seinen Nationalgetränken in heiteren Rausch versetzen - und direkt von Quelle zu Quelle fahren
In diesem Artikel
I. Etappe: Frankfurt/Main - L'Epine/Marne
II. Etappe: L'Epine/Marne - Reims
III. Etappe: Charles Heidsieck - Piper-Heidsieck
IV. Etappe
V. Etappe: Cognac - Méracq
VI. Etappe: Méracq - Cravencères
VII. Etappe: Cravencères - Lourdes
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Während unserer Frankreichreise wollten wir recherchieren, wie sich die Wahrnehmung eines Landes unter dem Einfluss verschiedener bewusstseinserweiternder Flüssigkeiten verändert. Die Versuchsanordnung war relativ einfach. Wir stiegen nördlich von Frankfurt in ein französisches Auto, fädelten uns auf die A 5 ein, beschleunigten zunehmend und bremsten erst wieder ab, als wir französischen Boden unter den Reifen spürten. Wir waren ausgeruht, wir waren in Topform, und wir waren in der Champagne gelandet. Was lag näher, als rechts ranzufahren und über die solarbetriebene Notrufsäule einen Pannenhelfer mit einer gut gekühlten Flasche französischen Schaumweins zu uns zu bitten?

I. Etappe: Frankfurt/Main - L'Epine/Marne

394 kmSchwierigkeitsgrad 0,0 %

Wallfahrt zur Kirche

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Wir sahen uns genauer um und nahmen von diesem Vorhaben Abstand. Wenn man sich dieser berühmten Region aus der falschen Richtung nähert, deutet nichts auf Reben hin. Nur riesige Getreidefelder, wolkenkratzergroße Silos, endlose monotone Weite. Wir geben Gas und brausen weiter, bis sich in der Ferne ein besonders eindrucksvolles Silo erhebt, das irgendwie an eine Kathedrale erinnert. Kein Wunder, es ist eine.

Das erste erhellende Getränk

Wir stehen vor Notre-Dame de l'Épine, einer Wallfahrtskirche von ungewöhnlichen Ausmaßen, der Kathedrale von Reims nachempfunden. Im Inneren des Gotteshauses nehmen wir das erste erhellende Getränk zu uns, welches wir aus einem Krug in ein Glas gefüllt haben, das auf der Abdeckung eines Brunnens steht. Es gibt nur ein Glas, aber wen kümmert's. Schließlich geht es um Erleuchtung und nicht um Hygiene. Das Wasser hat eine erstaunliche Wirkung auf uns. Mit einem Mal erfassen wir die ganze Pracht des Bauwerks. Wir betrachten das eindrucksvolle Halbrelief der Grablegung Christi, erschaffen von einem Künstler aus dem 15. Jahrhundert, so gestaltet, dass man sich inmitten der Trauernden wähnt.

99 Wasserspeier

Wir bewundern die Statue der Notre-Dame de l'Épine aus dem 13. Jahrhundert, mit einem geradezu lausbubenhaften Jesuskind. Entdecken beim Rundgang um die Kirche, durch wie viele Filteranlagen der himmlische Niederschlag läuft. Neunundneunzig Wasserspeier in den unglaublichsten Gestalten nehmen das Nass auf und lenken es in die Erde. Möglicherweise haben wir gerade etwas getrunken, das vorher durch einen Drachen oder einen Affen gelaufen ist.

II. Etappe: L'Epine/Marne - Reims

53 kmSchwierigkeitsgrad 6-7 %

Champagner bis zum Abwinken

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Zurück zu dem Getränk, das der Landschaft seinen Namen gegeben hat. Höchste Zeit, sich Wissenswertes von Monsieur Gauthier Broucke in der Aufklärungsabteilung der Champagnerkellerei Piper-Heidsieck in Reims anzuhören. Wir beginnen mit den Jahrgangschampagnern. Nun heißt es, Hunderte feuchter Stufen ins legendäre Kreidekellersystem hinabzusteigen. Hier wird der kostbare Stoff versteckt, damit ihn keiner austrinken kann, bevor er den richtigen Reifegrad erreicht hat.

Seine Herstellung ist ein ungeheuer komplizierter Prozess, gegen den die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ein Kinderspiel darstellt. Überwacht wird das Ganze von Daniel Thibault, dem vielleicht besten Kellermeister, besten Önologen der Welt. Gerüchten zufolge werden seine Nase und seine Zunge nach Feierabend in einem Safe aufbewahrt, damit die Konkurrenz ihm seine edelsten Körperteile nicht abjagen kann. Gauthier Broucke lockt uns in immer wieder neue Gewölbe mit noch mehr Flaschen. Endlich kommen wir zu einer Treppe, die uns zur Charles-Heidsieck-Villa bringt, einem repräsentativen zweistöckigen Gebäude im klassizistischen Stil.

»Mis en Cave en 1997«

»Charles Heidsieck empfängt hohen Besuch aus aller Welt auf seinem eleganten Besitztum«, steht in der Firmenbroschüre. Wenn kein hoher Besuch angesagt ist, wird die Villa Heidsieck nur von einem Kühlschrank bewohnt, an dem sich Monsieur Broucke jetzt eifrig zu schaffen macht. Er weist uns Plätze an einem großen Tisch zu. Vor uns liegen ein Block und ein gut gespitzter Bleistift, dahinter stehen Gläser. Das erste, die Champagnerflöte, füllt der Heidsieck-Mann mit dem Jahrgangschampagner Charles Heidsieck »Mis en Cave en 1997«.

Der erste Schluck

Gerade wollen wir das Glas in einem Zug leeren, da lässt uns die Stimme von Gauthier Broucke zusammenzucken: »Was riechen Sie?« Während wir noch nach den passenden Worten suchen, hat er sie bereits gefunden: »Wir riechen eine Waldlichtung im Frühling, einen Geruch wie Humus und, wie sagt man, Unterholz.« Jaja, jetzt riechen wir es auch, ganz schwach. Aber auch »frische Blätter, Farn, Schiefer«, und zum Abschluss kommen Fruchtnoten ins Spiel: »Wir riechen Feigen, Sauerkirschen, Backobst.« Wir versuchen verzweifelt mit dem Riechen hinterherzukommen. Dann endlich darf der erste Schluck genommen werden.

Geschmackserlebnisse

»Schmeckt ungestüm!« Ja, genau das wollte Monsieur Broucke hören, und recht flüssig interpretiert er unsere Geschmackserlebnisse: das Aroma reifer Früchte, Pfirsich vielleicht, etwas Säuerliches, das entfernt »an Apfelmus erinnert«. Ein Glas Champagner ersetzt anscheinend ein herkömmliches Vier-Gänge-Menü. Doch Chefönologe Daniel Thibault und sein Team haben für jeden Charles-Heidsieck-Jahrgangschampagner auch noch die optimale feste Nahrung gefunden. Zum 97er passt ideal ein Kabeljaurogen, der nun mit einer Kartoffel serviert wird. Dazu Schafskäse und luftgetrocknetes Rindfleisch.

Die passenden Häppchen

Tatsächlich, wir könnten nie wieder etwas anderes zu unserem 97er Mis en Cave essen. Zum 96er (Rose, Ginster, Nachthyazinthe, Nektarinen, Reineclauden, Krokant, Honig, Getreide) nehmen wir Pancetta, eine Wurstspezialität aus Schweinefleisch, und Cheddar aus Somerset zu uns. Zum 95er Mis en Cave (Pfingstrose, Iris, Brombeere, Schokolade, Lakritze, Marzipan) gehören fast zwingend sardischer Pecorino, gepökelte Rinderkeule und Shropshire Blue, ein Blauschimmelkäse aus England. Die Portionen sind knapp bemessen, aber Champagner gibt es bis zum Abwinken, und diese Armbewegung müssen wir nun dringend ausführen, sonst schaffen wir die Besichtigung weiterer Keller nicht mehr.

Charles Heidsieck

Reims, 4 boulevard Henry-Vasnier, Tel. 0033-3-26844350. Ein individuelles Programm wird bei Voranmeldung erstellt. Preise variieren.

III. Etappe: Charles Heidsieck - Piper-Heidsieck

300 mSchwierigkeitsgrad 6-7 %

Bei Piper-Heidsieck

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Der Champagner Piper-Heidsieck ist die Marke für den jungen Schaumweintrinker, und deshalb lernen wir ihn auch auf eine etwas unkonventionelle Art und Weise kennen. Wie eine Champagnergeisterbahn durchqueren zentral gesteuerte Wägelchen die weitläufigen, dunklen Kellereien. Vorbei an schummrig beleuchteten Grotten, in denen typische Szenen aus der Champagnerproduktion im Stile des sozialistischen Realismus dargestellt sind.

Eine Champagnerrüttelmaschine

Unvermittelt vollführt der Wagen eine abrupte Drehung, und wir sehen die »Giropalette«, eine Champagnerrüttelmaschine. Nach Beendigung der Fahrt taumeln wir auf einen Fahrstuhl zu, der uns in die Bar emporhebt, wo Gauthier Broucke und der köstliche Piper-Heidsieck-Rosé auf uns warten. »Nun, was denken Sie?«, will er wissen. Wir sind begeistert, verabschieden uns herzlich und setzen unsere Fahrt fort.

Piper-Heidsieck

Reims, 51 boulevard Henry-Vasnier, Tel. 0033-3-26 84 43 00, Fax 3-26 84 43 49. Ganzjährig geöffnet. Eintritt 6,50 ?, Kostproben des Piper-Heidsieck brut.

IV. Etappe

IV. Etappe: Reims - Cognac 618 kmSchwierigkeitsgrad 40 %

Im Reich von Rémy Martin

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Erstaunlich, wie sich die Welt nach der Einnahme von nur zwei bis drei Litern Champagner verändert. Vorbei ist die Monotonie, wir passieren auf der »Route du Champagne« reizende Dörfer, die alle nur von Weinbauern bewohnt werden, die daran arbeiten, ganz Frankreich zu unterkellern. Wir übernachten in der Nähe des Loire-Tals, nehmen zum Menü diverse französische Flüssigkeiten zu uns, in deren Herstellung wir nicht eingeweiht wurden, und stehen am Abend einmal mehr verwundert vor einem der großen Rätsel der Menschheit: dem französischen Hotelbett.

Oft haben wir uns schon gefragt, wie man es ohne Einsatz von Maschinen schafft, die Decken so eng und straff zu verspannen, dass keine Hand mehr zwischen Matratze und Bettdecke passt. Auch weiß man nie genau, ob der bunte Polyesterstoff als Tages- oder doch als Zudecke dient. Vielleicht können Franzosen ihren Körper derartig verändern, dass er ohne groteske Verrenkungen unter die Decke passt, vielleicht verflüssigen sie sich sogar, was bei dem nationalen Getränkeangebot verständlich wäre. Dass wir zu solchen Überlegungen überhaupt fähig sind, liegt ganz sicher an den Nachwirkungen des Champagners, der irgendwie unser Unterholz, quatsch, unser Unterbewusstsein beeinflusst haben muss.

Die Geheimnisse französischer Weinbrennerkunst

Am Mittag des nächsten Tages stehen wir in Cognac auf dem Parkplatz von Rémy Martin. Ein Engländer weiht uns auf Deutsch in die Geheimnisse französischer Weinbrennerkunst ein. Oder spricht er gar nicht Deutsch? Wir könnten es nicht mit Sicherheit sagen, jedenfalls nicht, nachdem wir mehrere Stunden konzentriert Cognac inhaliert haben.

Ein alchimistischer Prozess

Auch die Herstellung von Rémy Martin gleicht einem alchimistischen Prozess wie der des Champagnermachens, aber wir wurden gebeten, nicht alles zu verraten. Jedenfalls muss man Wein erhitzen, durch viele Kessel und Schläuche laufen lassen, und am Ende hat man merkwürdigerweise nicht Glühwein, sondern eine Flüssigkeit namens eau de vie. Mischt man mehrere Sorten eaux de vie besonders geschickt, lagert das Ganze in Holzfässern, füllt es nach frühestens drei Jahren in Flaschen ab, dann hat man am Ende einen Rémy Martin.

Vom Eichenwald zum Fass

Um uns das ganze Ausmaß dieses Prozesses vor Augen zu führen, fahren wir mit einer kleinen, wahrscheinlich cognacbetriebenen Eisenbahn durch die Werkshallen und über das Firmengelände. Es geht in den Rémy-Martin-Weinberg, durch die Rémy-Martin-Holzlager und die Rémy-Martin-Fassmacherei. Im Limousin warten die Bäume eines ganzen Eichenwaldes darauf, eines Tages zu einem Cognacfass zu werden. Mehr kann ein Baum in seinem Leben kaum erreichen.

Lokführer bei Rémy Martin

Anschließend inhalieren wir im Rémy-Martin-Aromaparadies den betörenden Geruch, den 6000 Cognacfässer verströmen. Die Wände der Halle sind von einem speziellen Pilz bedeckt, der sich von den Cognacausdünstungen ernährt. Zum ersten Mal im Leben wünscht man sich, ein Pilz zu sein, oder vielleicht doch lieber Lokführer bei Rémy Martin? Am besten ein Lok fahrender Pilz, und eigentlich ist das ja auch der Zustand, in dem wir uns jetzt befinden.

Was heißt VSOP?

Am Ende unserer Tour dürfen wir ihn persönlich kennen lernen, den unvergleichlichen Rémy Martin. Wir schmecken Rose, Veilchen, Lindenblüte, Vanille, Aprikose, Haselnuss (VSOP, »very superior old pale«), wir schmecken Fresien, Jasmin, Schokolade, Nuss, Kirsche und Cassis (XO Spécial, 20-25 Jahre alt), und beinahe hätten wir auch Narzissen, Passionsfrüchte, Jasmin, Trockenfrüchte, Gingerbread, Eiche und Hagedorn (Louis XIII - über 50 Jahre alt) geschmeckt und gerochen, doch nachdem wir das wenig berauschende Bouquet unserer Brieftasche inhaliert haben (Mottenkugeln, Tankquittungen, Altmetall), nehmen wir von dieser Anschaffung schweren Herzens Abstand.

Nicht mehr ganz nüchtern lauschen wir unserem wunderbaren Guide, der uns erläutert, dass es sogar Köche gibt, die zu jedem Gang statt Wein einen passenden Cognac von Rémy servieren. Wir brauchen jetzt dringend jemand, der uns zu diesem großartigen Getränk mehrere Gänge serviert, und deshalb verabschieden wir uns von unserem Führer im Reich der Cognac-Eisenbahn.

Rémy Martin

Cognac, 20 rue de la société vinicole, Tel. 0033-5-45 35 76 66, Fax 5-45 35 77 86. Telefonisch erhalten Sie Auskunft über Führungen in Deutsch. Cognac-Verkostungen mit Cognac-Menü für 9,50 ?.

V. Etappe: Cognac - Méracq

297 kmSchwierigkeitsgrad 40-50 %

Die Heimat hochprozentiger Getränke

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Später lesen wir: »Der Missbrauch von Alkohol ist gefährlich für die Gesundheit.« Ein Glück, dass wir den Alkohol nicht missbraucht, sondern sinnvoll angewendet haben. Das wird mir und meiner Frau auf der Autofahrt erst richtig klar. Erst da begreife ich, über welche geradezu magischen Fähigkeiten der Kellermeister von Rémy verfügen muss. Sehe ich rechts aus dem Fenster, erblicke ich den Atlantik, links hingegen deutlich zu erkennen: der Eiffelturm und Notre-Dame. Geographisch unmöglich, alkoholisch aber schon. Nur gut, dass ich nicht am Steuer sitze.

Gleich hinter Cognac besteht Frankreich eigentlich nur noch aus Landschaft. Charente, Médoc, Bordeaux. Es ist wirklich bedauerlich, dass wir nicht anhalten können, um das dort erzeugte Flüssigkeitsangebot zu prüfen, aber wir werden weiter unten erwartet. Der Weg führt uns durch die Landes, das Gebiet mit dem größten Wald Europas. Bis in die vierziger Jahre florierte hier die Harzgewinnung, ein eher zähes Geschäft.

»Vente d'Armagnac«

Doch wir bremsen nicht für Bäume, Wald haben wir auch zu Hause. Was wir nicht haben, ist das Getränk, nach dem die ganze Gegend um Labastide d'Armagnac benannt wird. »Vente d'Armagnac« locken Schilder am Straßenrand. Wir würden gerne welchen kaufen, wenn wir bloß wüssten welchen. Das Angebot ist verwirrend, wir müssen die Sache erstmal überschlafen und zwar im Château de Méracq, bei Jean-Pierre Guerin-Recoussine.

Der Hausherr erwartet uns bereits am Eingang seines kleinen Schlosses aus dem 18. Jahrhundert. Unser wunderschönes Zimmer mit seiner friedvollen Wirkung auf unsere durch Champagner und Cognac aufgepeitschten Sinne würden wir nicht verlassen, wenn sich nicht ein Stockwerk tiefer Jean-Pierre Guerin-Recoussine in einen Kellner verwandelt hätte, der darauf wartet, unsere Bestellungen entgegenzunehmen.

Vom Kellner zum Koch

Kaum ist das geschehen, wirft er die Maske des freundlichen garçon ab und zeigt sein wahres Gesicht: das des zu allem entschlossenen Kochs. Nie hätten wir geglaubt, wie viele köstliche Gerichte sich aus einer einfachen Gans herstellen lassen. Am Ende des Menüs, in dessen Verlauf Jean-Pierre mehrfach eine Metamorphose vom Kellner zum Koch zur Spülhilfe und zurück durchlebt, machen wir unsere erste Bekanntschaft mit Armagnac.

Der Schlossherr kredenzt Armagnac

Vor uns durften ihn einige glückliche Pflaumen kennen lernen, was nicht zu ihrem Nachteil war, wie wir schnell schmecken. Jetzt würden wir den Armagnac gerne ohne Pflaumenbegleitung kennen lernen. Um uns dieses Erlebnis zu ermöglichen, hat sich Jean-Pierre wieder in einen Schlossherrn verwandelt, bittet uns in seinen Salon und kredenzt Armagnac aus sechs Jahrzehnten. Nur mit Mühe entlocken wir ihm die Adresse seiner Lieferantin. Unseren sofortigen Aufbruch zu ihr verhindert er mit einem Hinweis auf die Uhrzeit. Um 0.35 Uhr schlafen über 99 Prozent der Armagnac verarbeitenden Bevölkerung. Auch wir beschließen, unseren Flüssigkeitslagern etwas Ruhe zu gönnen.

In unseren Schlafräumen hat sich Jean-Pierre anscheinend ein weiteres Mal verwandelt, diesmal in ein Zimmermädchen. Die Betten sind aufgedeckt, Pralinen begleiten uns in angenehme Träume, die am Morgen von einem Zimmerkellner namens Jean-Pierre mit einem opulenten Frühstück sanft beendet werden.

Méracq

In der Nähe von Pau, Tel. 0033-5-59 04 53 01, Fax 5-59 04 55 50; DZ 59,46-85,37 ?. HP 68,60-86,90 ?.

VI. Etappe: Méracq - Cravencères

60 kmSchwierigkeitsgrad 40 %

Alter Armagnac: Domaine du Guechat

Dank der Beschreibung von Jean-Pierre fahren wir einen staubigen Feldweg entlang und arbeiten uns vorwärts bis zur Domaine du Guechat. Dann stehen wir auch schon einer Dame namens Anita gegenüber, die uns ohne Umstände hereinbittet.

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Etwas verwirrt suchen wir nach der Eisenbahn, die uns durch das Armagnac-Imperium von Anita transportieren soll, doch hier gibt es nirgendwo Schienen und keine Filme und keine Kreidekeller. Hier gibt es nur eine dunkle Küche mit einem großen Steinofen und Eichenbänken und eine gebückte alte Frau, die sich anschickt, uns den stärksten Kaffee der ganzen Reise zuzubereiten.

Anita tischt auf

Anita erscheint mit Armagnacflaschen aus den Jahren 86, 80, 75, 63 und 44 des letzten Jahrhunderts, und wir schmecken, tja, wir riechen geschmortes Rindfleisch und Kohl - denn nebenan wird das Mittagessen serviert. Schade, dass Anita keine Kreditkarten akzeptiert, sonst hätten wir uns die nächsten Monate nur von Armagnac ernährt. So beschränken wir uns auf zwei Flaschen und bekommen sogar noch ein Fläschchen Floc de Gascogne, einen spritzigen Aperitifwein, dazu.

Bas-Armagnac

Domaine du Guechat, Cravencères, Tel. 0033-5-62 08 53 57.

VII. Etappe: Cravencères - Lourdes

88 km

Schwierigkeitsgrad 0 %Erleuchtungsgrad 100 %

Wir können schon wieder trinken

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Unsere Reise neigt sich dem Ende zu, und wir müssen uns fragen, welche Erkenntnisse wir gewinnen konnten. Immerhin haben wir begriffen, warum in französischen Hotelduschen das Wasser so schlecht abläuft. Die Franzosen hassen es, Flüssigkeiten einfach so zu verschwenden.

Wahrscheinlich arbeiten sie insgeheim an einem Verfahren, Duschwasser zu destillieren, drei Jahre in Eichenfässern zu lagern, um es dann wieder zu verkaufen.

Während wir versuchen, uns in unseren eigenen Gedankengängen zurechtzufinden und überlegen, das Trinken vielleicht ganz aufzugeben, taucht ein Ortsschild auf, das uns elektrisiert: Lourdes. Wir bringen den Wagen zum Stehen, erwerben wie in Trance eine heilige Jungfrau aus Plastik, füllen sie mit Originalwasser aus der Originalgrotte der Heiligen Bernadette und schmecken: Wasser, köstliches Wasser? ohne Spuren von Unterholz, und es wirkt sofort. Ein Wunder, ein Wunder! Wir können schon wieder trinken.

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