Sardinien

Insel der Gegensätze. Weiß und weich die Strände, wild und karstig die Bergwelt. Hier Industriemagnaten und TV-Models, dort hart arbeitende Bauern. Passt das zusammen? Nein. Und gerade das gefällt uns
In diesem Artikel
Der Schirokko fegt
Die autonome Insel
Gastfreundschaft ist eine ernste Sache

Meine Freundin Gabriella hat ein Ferienhaus in San Teodoro, sie sagt: »In Sardinien gibt es eine Million Menschen und fünf Millionen Schafe.« Filippo kellnerte an der Costa Smeralda, er sagt: »Wenn du als Unternehmer nicht wenigstens alle zwei Jahre mit einer neuen Yacht hier ankommst, fallen sofort deine Aktien.« Mein Freund Paolo, der in dem Bergarbeiterstädtchen Carbonia aufgewachsen ist, sagt: »An Weihnachten aßen wir zu zehnt einen gekochten Schweinskopf.« Außerdem hat eine Umfrage darüber aufgeklärt, dass sehr viel mehr sardische Frauen die Pille nehmen als Sizilianerinnen.

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Das Hotel "Le Dune" bei Piscinas di Ingurtosu

Der Schirokko fegt

Wie passt all das zusammen? Ich reise nach Sardinien, um eine Antwort darauf zu finden. Doch schon der Wind will sich nicht festlegen lassen. Er peitscht aus allen Himmelsrichtungen über die Insel. In Cagliari, wo ich aus dem Flugzeug steige, ist es der Schirokko, der heiße Atem der Wüste, der durch unfertige Betongerippe fegt. An die kilometerlangen Dünen von Piscinas an der Westküste lässt der libeccio Brecher von Atlantik-Wucht donnern. Der maestrale, der Nordwind, kann Eichen und Olivenbäume fällen. Viele hat er besiegt. Manche aber haben Jahrhunderte standgehalten, buckelig und festgekrallt im kargen Boden, faszinierende Zeugen des Widerstands.

Die autonome Insel

Zähigkeit und Kraft brauchten einst auch die Insulaner, um auf Sardinien zu überleben. Armut, Malariasümpfe und Überfälle arabischer Piratenhorden bestimmten den Alltag in vergangenen Jahrhunderten. Was den Sarden heute zusetzt, ist nicht mehr lebensgefährlich, aber auch beschwerlich: die Arbeitslosigkeit von über 25 Prozent, Brüsseler Bürokraten, die beim Schafskäsemachen mitreden wollen, und die Tatsache, dass sich die Regierung in Rom immer noch nicht so richtig für die autonome Region Sardinien interessiert.

Die Villen von Silvio Berlusconi

Es sei denn in den Sommerferien. Dann ist vor allem die Ostküste bevölkert, speziell die Costa Smeralda, an der sich Industriemagnaten und TV-Starlets sonnen. Wo das Meer so unvergleichlich smaragdgrün leuchtet, hat die internationale Hochfinanz in den sechziger und siebziger Jahren die artifiziellen Luxusdörfer Porto Cervo und Porto Rotondo in die Macchia gepflanzt. Regierungschef Silvio Berlusconi besitzt drei oder vier Villen in der Gegend. Die schickste Disko heißt »Billionaire«. Eigentümer ist Flavio Briatore, zwar kein Sarde, aber immerhin Exfreund von Supermodel Naomi Campbell.

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Zerklüftet und unberührt: Costa die Grifoni

Wanderung in eine uralte Welt

Das Herz Sardiniens schlägt woanders, in der Barbagia, dem kargen Gebirgsland rund um den 1834 Meter hohen Berg Gennargentu. Die Barbagia ist das Land der Schafe und Schäfer, der kahlen, kalkigen Supramonti und der endlosen Steineichenwälder. Wild, einsam, ergreifend. Eine einstündige Wanderung, schon glaubt man sich in einer uralten Welt. Ich klettere über Kegelstümpfe aus geschichteten Kalkquadern, die in der Nuraghenkultur vor ungefähr 4000 Jahren als Tempel oder Wohnstätten errichtet wurden, man weiß es nicht genau. 7000 gibt es davon.

Gastfreundschaft ist eine ernste Sache

Die Menschen der Barbagia gelten als unverfälschte Sarden: rau, nachtragend - und überaus gastfreundlich. Was nicht höflich heißen muss. In der Bar in Orgosolo will ich Vincenzo ein Bier bezahlen. Vincenzo war mit mir auf den Monte Novo San Giovanni geklettert, wo ein zahnloser Alter von der »Guardia forestale« die Umgebung mit dem Fernglas nach Waldbränden absuchte. Die dicke Serviererin schüttelt wortlos den Kopf. »Per favore!«, bitte ich. Sie verbietet es mir mit dem Zeigefinger. Lächeln tut sie dabei nicht. Gastfreundschaft ist eine ernste Sache.

Ein Volk von kalt kalkulierenden Entführern?

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Stickt im Rahmen ihrer Möglichkeiten: Signora Rosa

Orgosolo ist kein heiteres Pflaster. Es ist Mittag, Stille liegt über dem Bergdorf. Ein paar Strandurlauber mustern irritiert die Kugeleinschläge an der Rathaustür. »Manchmal wird geschossen«, sagt Vincenzo. Orgosolo ist berühmt für seine murales, seine auf Mauern gemalten Revolutionsbilder. An die 250 sind es; die ersten entstanden 1969, als ganz in der Nähe eine Nato-Basis errichtet werden sollte. Sie zeigen weinende Mütter, marschierende Arbeiter und das harte Leben der Schäfer. Gegen den Staat richten sie sich, gegen Industrie und Krieg. Wut spricht aus ihnen und die Ohnmacht eines Volkes, dessen Stimme keiner hören will und das Aufmerksamkeit jahrzehntelang meist nur durch Kidnappings auf sich zog. Ein Volk von kalt kalkulierenden Entführern? »Nein«, sagt Vincenzo, »es ist kein Zufall, dass die Entführungen aufhörten, als mit der korrupten Craxi-Regierung Schluss war.«

Im lieblichen Norden

Ganz anders als der karge Norden oder die Barbagia ist der Süden Sardiniens: lieblich, grün und fruchtbar. Speziell das Sulcis-Iglesiente, die Landschaft im Südwesten. Getreidefelder, saftiger Eichenwald, Sonnenblumen und explodierender Hibiskus. Im Dorf Giba begießt eine Frau Oleander in Betonkästen. Es ist sieben Uhr abends und immer noch sehr heiß. Vor der Bar-Trattoria stehen ein paar Plastiktische. Ich bestelle ein Bier.

Matriarchat hat Tradition

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Fest vertäut: Boote im Hafen von Alghero

»Nehmen Sie ein sardisches«, sagt die junge Frau im knappen Kittelkleid und bringt eine Flasche »Ichnusa«. Stefania und ihrer Mutter Lucia gehört das Lokal. Sie beschäftigen nur weibliches Personal. »Moment, das stimmt nicht, der neue Koch ist ein Mann«, gibt Lucia zu bedenken. »Ja, aber der ist in der Küche. Der zählt nicht.« Stefania zündet sich noch eine Zigarette an. Das Matriarchat hat Tradition in der sardischen Gesellschaft, in der die Schäfer oft monatelang unterwegs waren und den Frauen zu Hause alle Verantwortung überließen.

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