Reeperbahn Hamburg: Unterm Strich liebenswert

Auf der Reeperbahn kontrastieren die Welten wie Neon-Lichter: Sado-Maso-Club, polnische Kirche, türkischer Basar, Tunten-Kabarett, Soul-Disco. Das klappt, weil St. Pauli ein Ort ist, an dem schon immer mehr erlaubt war als anderswo. Und der viele Sichtweisen zulässt.
In diesem Artikel
Nacht auf St. Pauli
Das Geschäft mit der Lust stagniert
Glaube, Träume, Utopien

Nacht auf St. Pauli

Abend, über den Fluss dringt Hafenklang. Der Ostwind trägt den süßen Malzgeruch der Bavaria-Brauerei vorbei. Musikfetzen, Stimmen mischen sich, als ein Kamerateam vor der St.Pauli-Kirche sich darum bemüht, für eine TV-Krimi-Serie den verruchten Mythos St.Pauli gemäß Drehbuch abzufilmen - und sich die Wirklichkeit, ganz ungefragt, einmischt. Denn 20 Meter weiter schaut ein BMW-Fahrer, genervt von den aufgleißenden Scheinwerfern, aus seinem Auto, muss dafür den Kopf heben, weil er eigentlich liegt, derweil eine ziemlich nackte, blonde Frau auf ihm reitet, und eine Produktionsassistentin verwirrt auf dem Pflaster steht: Wo, bitte, steht das im Drehbuch?

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Entertainment-Profis: Stiefelfrau Mona (Mitte) aus der Herbertstraße lässt Männer leiden - für rund 400 Mark die Stunde

Nirgends. Aber St.Pauli ist von jeher schon Bühne gewesen, so überbordend, dass jedes Drehbuch an ihr scheitern muss. Die Nacht auf St.Pauli, sie erfüllt alle Klischees und passt doch nicht in ein einzelnes: Im "Safari", dem letzten "Erotiktheater" Deutschlands, schwebt Biene Maja mit nicht viel mehr als einem Paar Flügelchen am Leib von der Decke, unten fällt dann Willi über sie her, und gemeinsam zeigen sie dem Publikum, wie es die Bienen tun. Im Thai-Restaurant "Miami Vice" treffen sich im Laufe der Nacht die schönsten Frauen aus den Shows von nebenan, aber die sind allesamt Männer. Zur Swingparty in der "Weißen Maus" tanzen Damen mit Herren im Zweireiher, während im "Club de Sade" die gestrenge Barfrau Sarah mit der Gerte Alexandra vor sich hertreibt, eine sanfte Hünin verwandelten Geschlechts und mit devoter Neigung.

Huren und Hausbesetzer

Es sind nur einige wenige Blocks und doch höchst unterschiedliche Welten, die St.Pauli umfasst: den steilen Hang von der Elbe hinauf zu den einst besetzten, heute legalisierten und frisch gestrichenen Häusern der Hafenstraße; weiter die Balduintreppe hoch zur Bernhard-Nocht-Straße, wo sich im "Kochsalon" ein winziger Stehimbiss mit Kunst und Gastspielen der besten DJs Hamburgs verbirgt, wo vom hohen Sozialwohnungsblock gegenüber schon mehrfach Selbstmörder gesprungen sind; unweit davon der Hein-Köllisch-Platz, im Sommer Hamburgs schönste Piazza; ein Schlenker weiter die Herbertstraße mit ihren Huren hinter Glas - bis die Reeperbahn sich auftut, von deren Revue-Bühnen im "Schmidt Theater" und "Schmidts Tivoli" kürzlich deklamiert wurde: "Wir beißen nicht! Wir lecken nur!"

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Hartes Pflaster: "Bordsteinschwalben" an der Gerhardstraße

Noch vor 10, 20 Jahren war St.Pauli heruntergekommen zum reinen Rotlichtviertel, wo ein aufrechter Hamburger nicht hinging und schon gar nicht hinzog. Doch dann verwandelte sich der Kiez. Das frivole Aroma lockte erst Theater wie das Schmidt, später zogen Clubs, Restaurants, Diskotheken nach und machten St.Pauli wieder zu einem Amüsierdampfer wie vor 100 Jahren: der auf allen Etagen das Publikum nach St.Pauli saugt, vom rot-schummrigen Unterdeck, den Salons für ausgefallene Kapellen bis hin zum Oberdeck der Musicalbühnen.

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Schein-Liebe: Eine Tänzerin im Dollhouse zählt

Dollar-Coupons

Dorf und Sodom, Kunst, Kommune und Kommerz, radikal verschiedene Welten leben hier Seite an Seite, berühren einander, bringen die seltsamsten Allianzen und Konflikte hervor: Als SM-Lesben vor zehn Jahren Fotos vom Hauen und Hauenlassen ausstellten, rissen die Frauen aus den Hafenstraßen-Häusern die Bilder von den Wänden: Das sei doch Frauen verachtend, erniedrigend. Ja, klar, hielten die SM-Frauen entgegen.

Das Geschäft mit der Lust stagniert

Was dem Kiez zu schaffen macht, diesem Seismographen der Lüste und Geschmäcker, dessen Bars, Clubs, Theater, Puffs und SM-Studios wie Echolote jede Feinschwingung der Veränderung wahrnehmen, ist die Popularisierung des Vulgären: Was bleibt noch vom Aroma des Verbotenen, wenn doch alles erlaubt ist heutzutage? Wenn im unverdächtigen Deutschen Schauspielhaus drei Kilometer entfernt die "Vagina-Monologe" monatelang ausverkauft sind und sich auf der Bühne sattgeredet wird an Worten, die sonst kaum jemand in den Mund nehmen würde? Wenn Zigarettenwerber die Sichtblenden vor der Herbertstraße entdeckt haben für ihre Botschaft von der Versuchung und der Lust, ihr nachzugeben?

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"Rubens der Reeperbahn": Erwin Ross malt seit Jahrzehnten

Werbeplakate für die Kiez-Etablissements

Vorm Hans-Albers-Platz stehen sich die Steigenmädchen heute oft vergebens die Beine in den Bauch, während die Inserate der "Modelwohnungen" viele Spalten der städtischen Boulevardblätter füllen. Auch in der Herbertstraße, diesem Terrarium der Wollust, in dem die Körperteile zu mieten, aber nie als ganzer Mensch zu haben sind, treiben weniger Männer als früher an den Fenstern vorbei. Wollen schlichten Sex, aber wollen auch die seltsamsten Dinge: Anna, 23 und seit vier Jahren dabei, zahlte einer 300 Mark dafür, dass "ich mich obenrum auszog und wir Armdrücken machten. Sonst nichts, da war er glücklich."

Glaube und Utopie im sozialen Brennpunkt

Im Morgengrauen, wenn die beiden St. Paulis einander kurz zum Schichtwechsel begegnen, wirft die aufgehende Sonne in einem Zimmer ein poetisches Zerrbild an die Wand. Dann saugt die Linse des Camera-obscura-Raumes im neuen "Florida - the art Hotel" kopfüber die Reeperbahn herein, fahren verzerrte Spielzeugautos lautlos an der Decke entlang. Für wenige Momente ist es still auf dem Kiez. Bis aus der Ruhe eines Sonntagmorgens plötzlich polnische Choräle klingen.

Wie ein Raumschiff barocker Inbrunst liegt die einzige katholische Kirche weit und breit mit ihrem geschwungenen Giebel, vom Baumeister Melchior Tatz 1721 vollendet, zwischen der Karaoke-Bar "Den Thorung" und dem Rockpalast "Große Freiheit 36". Hier knien die Gläubigen schon auf den Stufen, bevor sie auch nur das Portal erreichen.

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Beinfreiheit zählt: Auf Werbeplakaten oder bei den Stripshow-Tänzerinnen

Glaube, Träume, Utopien

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Schrille Töne, vulgäres Chaos

St.Pauli mag einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs sein, mag dreimal so viele Straftaten und doppelt so viele Sozialhilfeempfänger verzeichnen wie der Rest Hamburgs. Aber an vielem ist er reich, und nicht zuletzt an Glauben, Träumen, Utopien. Er habe zu kämpfen, sagt Pastor Martin Paulekun von der evangelischen St.Pauli-Kirche, mit Drogensucht, Vandalismus, und nach jedem Hafengeburtstag müsse die oberste Sandschicht vom Spielplatz abgetragen werden.

Nachbarschaftshilfe von den Kiezkönigen

Aber dann habe er vor ein paar Jahren, als die Gemeinde fast pleite war, gemerkt, "wie sehr doch alle zusammenhalten". Selbst die Strip-show-Könige haben für seine Kindertagesstätte gespendet, und zu Weihnachten lässt Henning Schneidereit, der "Safari"-Besitzer mit Monokel am Goldkettchen, für eine Seniorengala die Tische auseinander rücken, damit auch Omchen mit der künstlichen Hüfte durchkommt.

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Einladendes Lächeln, taxierendes Lächeln: in der Herbertstraße

"Wer kann, hilft. Dazu gehört auch, dass wir wochenlang die Glocken geläutet haben für den Erhalt des Hafenkrankenhauses." Sozusagen in Paulekuns Vorgarten kämpft seit Jahren ein Häufchen aufrechter Nachbarn für ein kleines Gartenreich auf Erden: Die verwahrlosten Hänge unterhalb der Kirche wollen sie in "Park Fiction" verwandeln, mit Teegarten, Grillplatz und einem erdbeerförmigen Baumhaus für Kinder.

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Umgeben von schönen (Model-)Frauen hält der letzte von

St. Paulis alten Garden Hof im Restaurant Erich

Und wenn, sagt Pastor Paulekun, ein türkischer Rentner, der verzweifelt in die Rechtsberatung gekommen war, vor Freude über die Hilfe auf einmal zu tanzen beginnt, dann wisse er, weshalb er Pastor auf St.Pauli sei: Weil man hier eben nicht nur das Menschliche in Gott finde - "sondern auch das Göttliche im Menschen".

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