Murals: Wandgemälde in den USA

Murals - so nennen die Amerikaner sehenswerte Kunst am Bau. Die Stadt Toppenish im State Washington gilt als eine Hochburg dieser irritierend realistischer Wandgemälde. GEO war für Sie vor Ort

Die amerikanischen Pionierzeiten sind endgültig vorbei. Selbst in Toppenish. Schade eigentlich, sagten sich die Einwohner des kleinen Orts im Nordweststaat Washington und ließen die Vergangenheit wiederauferstehen. In über 60 Riesengemälden - murals - auf den Häuserwänden der Main Street haben Künstler Szenen aus abenteuerlichen Tagen festgehalten. Seither ist das Präriedorf eine Touristenattraktion.

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Peter Frischmuth ist Gesellschafter der Fotoagentur argus (www.argus-foto.de) und hat sich bei seinen Reisereportagen auf Nordamerika spezialisiert.

So malerisch ist der Wilde Westen

Ein richtiger Cowboy durchsprengt jede Mauer. Glück für den Maler auf der Leiter, dass Ross, Reiter und Kalb nur gemalt sind. Und er selbst auch. Auf der Wand hat der Künstler Newman Myrah sich und seinen Schatten bei der Arbeit am Rodeoplakat verewigt. »Echt« ist auf dem Foto nur der Indianerjunge. Rodeo hat Tradition in Toppenish, seit hier vor mehr als hundert Jahren die Cowboys nach dem »Round-up« der Rinderherden ihre Meisterschaften im Wildpferd- und Bullenreiten und Lassowerfen austrugen. Längst ist daraus ein harter Profisport mit hohen Preisgeldern geworden. Im Beiprogramm dürfen Frauen auf wackeligen Fässern balancieren.

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Rodeo, von Newman Myrah, 1991

Als aus starken Pferden Pferdestärken wurden

Falls der Hund die Schimmel ins Bein beißt, werden sie durchgehen. Sie sind aus Fleisch und Blut. Doch der Hund ist auf seinen Platz gebannt. Wie das braune Gespann vor Jonny's Garage. Ken Carter stellte Zugtiere vor Zapfsäule und Lkw, um die Motorisierung des Westens ab Anfang des 20. Jahrhunderts im Bild festzuhalten. Schnurgerade Highways durchschnitten die Prärie, verbanden Toppenish mit der Pazifikküste und den Städten im Osten. Der Lonesome Cowboy ritt bald nur noch im Film, die neuen Helden wurden die Trucker. In Toppenish machen die Schimmel mit Touristen die Rundtour zu den Wandbildern.

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From horse to horseless carriage, von Ken Carter, 1999

Kriegsbemalung für Häuptling Eulenkind

Winnetou und Old Shatterhand haben hier nicht gelebt. Aber die vielstämmige Nation der Yakama hat in der Prärie um Toppenish gesammelt und gejagt. Einer ihrer großen Häuptlinge war Owl Child, den die Bleichgesichter respektlos Alex McCoy nannten. Sein Leben umspannte 104 Jahre. Er war dabei, als Sitting Bull und Crazy Horse 1876 am Little Big Horn den Indianerschlächter George A. Custer besiegten, entkam den Strafexpeditionen der Regierung, wurde Schamane, Sheriff im Reservat, hoch angesehener Pferdezüchter. Und was immer er tat: Auf den Squaws ruhte sein Auge stets mit Wohlgefallen.

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Alex McCoy, von Beryl Thomas und Jack Fordyce, 1996

Rind frei auf der Main Street

Der Geruch von Vieh liegt in Toppenish immer in der Luft. Nach wie vor werden die Herden durch die Stadt zur Verladestation getrieben. Aber besser beaufsichtigt als früher. Wildes Gerenne und Kuhfladen sind unerwünscht. Die Cowboys, freundlich fürs Foto posierend, kommen im Pick-up-Truck in die Stadt und tragen gebügelte Hemden. Für ihre Vorgänger gab es auf dem Viehtrieb wochenlang weder Dusche noch Deo. Nach der Ankunft in Toppenish führte der erste Weg in den Saloon, dann ging es in den Drugstore für Seife und Duftwasser, anschließend ins Wannenbad, zur Krönung zu den Damen ins Freudenhaus.

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When a permit wasn't required, von Gary Kerby, 1994

Railroad Blues

Spiel mir das Lied von der Eisenbahn: Nur die Liebe hat mehr amerikanische Songs inspiriert. Die Eroberung des Westens ist ohne die Railroad kaum vorstellbar. Sie brachte die Siedler und Abenteurer aus dem Osten, transportierte die Rinder aus Texas und Oklahoma zu den Schlachthöfen von Chicago. Die Eisenbahn förderte die Demokratie: 1903 kam Präsident Theodore Roosevelt mit dem Wahlkampfzug nach Toppenish und hielt vom Waggon aus eine flammende Rede. Heute lässt sich nur noch gelegentlich eine Diesellok mit Güterwagen auf der Nebenstrecke der Western Railroad bei Toppenish blicken. Und die Helden der Schienen, Casey Jones, Jimmie Rodgers, sind fast vergessene Namen in längst verklungenen Balladen.

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All aboard, von Bill Ross, 1998

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