Kapverden: Archipel Einsamkeit

15 Inseln im Atlantik, mit leeren Stränden, schroffer Bergwelt, stillen Dörfern. Und alle so unerschlossen wie einst die Kanaren - die Kapverden
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Cabo Verde

Cabo Verde

Cabo Verde. Ein Land von unklarer Lage, doch mit deutlichem Anfang. 1456 entdeckten portugiesische Seefahrer den Archipel Kapverden, rund 600 Kilometer von der Küste Westafrikas entfernt. Die 15 Inseln waren damals allesamt noch menschenleer - und das aus gutem Grund: kaum Wasser, wenig fruchtbarer Boden, eine Welt aus Sonnenglut und Wind. Vielleicht haben die Portugiesen den klimatischen Fluch nicht gleich erkannt. Sie importierten Sklaven, um auf Santiago die erste "weiße" Stadt Afrikas zu bauen, das heutige Cidade Velha. Die Portugiesen nannten die Stadt damals noch Ribeira Grande, weil sich dort ein Fluss in den Ozean ergoss. Als hätte Santiago Wasser zur Genüge.

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Bereit zum Aufbruch: Fischerboote auf Santiago, Kapverden

Heute kann nichts mehr das Auge täuschen. Wer von den Mauern des portugiesischen Forts hinabblickt auf das Flussbett, sieht einen grünen Streifen, der sich in drei Schwüngen landeinwärts zieht, mit Palmen, Akazien, Terrassen. Der Fluss ist längst vertrocknet, und schon auf halber Höhe der Uferhänge gehen die künstlich bewässerten Felder in steinige Ödnis über.

Die Kapverden sind Sahel im Atlantik. Jede Dürre bringt sie der Sahara näher. Bleibt der Regen aus, wird Hunger zur Epidemie. Zwischen 1946 und 1948 hat er auf Santiago die Hälfte der Bevölkerung ausgerottet. Heute kann die Republik Kap Verde, immerhin seit 25 Jahren ein unabhängiger Staat, ihre Bewohner noch immer nicht selbst ernähren; fast 90 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden. Und jeder Dritte ist arbeitslos.

Wer feste Mahlzeiten sucht, wandert aus. Nach Portugal, in die USA, Niederlande, nach Dakar. 700 000 Kapverdier leben draußen, nur 400 000 daheim.

Was könnte die Kapverdier als Nation definieren? Nur wenig verbindet sie miteinander - außer ständiger Selbstsuche in der Musik und die klimatische Verwünschung ihrer Heimat. Die Inseln zerfallen in Barlavento und Sotavento, "im Wind" oder "unterm Wind" liegend, was kaum für Unterschiede sorgt. Von den drei Heiligen im Norden - São Nicolau, São Vicente und Santo Antão - findet nur der letzte genügend Gnade in Gottes Augen und ausreichend Regen, um sich stolz "Agrarinsel" nennen zu können. Auch Maio und Sal sind Wüsten aus Salz und Sand. Auf Brava, der Wilden im Süden, fühlen sich nur Blumen wohl. Heerscharen von Hibiscus. Die Menschen fliehen meist nach Massachusetts.

Doch die Dürre hat, bildlich gesprochen, dereinst geblüht. Eine Art menschliches Naturwunder, das die Inseln bis heute prägt. Eine jede anders, denn ihre Blütezeiten waren nicht die gleichen. So florierte Santiago als Umschlagplatz für Sklaven auf deren Weg nach Amerika. Folglich machte die Abschaffung der Sklaverei - endgültig im Jahre 1875, doch der Handel ging schon zwei Jahrhunderte zuvor zurück - das weiße Santiago bankrott. Geblieben sind der Insel ihr Sehnen nach Afrika, ein Herzschlag im Rhythmus von Trommeln, und Menschen wie Chema Lopi.

Der wirtschaftliche Untergang Santiagos jedoch machte Platz für Boa Vista. In Sal-Rei, dem Hauptort jener Wüsteninsel, erinnert sich Alice Spencer Benoliel noch an die Blütezeit: "In diesem Haus haben wir Feste und Bälle gefeiert. Hohe Diplomaten haben hier verkehrt. Weil Sal-Rei Mittelpunkt der Kapverden war."

Donha Alice ist 90. In ihrem ganzen Leben hat sie Boa Vista nur einmal verlassen. Für eine viermonatige Reise nach Lissabon. Jeden Tag sitzt sie auf ihrem schattigen Balkon ohne Aussicht. Wo nichts die Erinnerung an "bessere Zeiten" stört.

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Also erzählt Donha Alice von Manuel Antonio Martins, der Boa Vista um das Jahr 1820 enterte. Bis dahin hatten sich die Schiffskapitäne in den Salinen am Strand gratis bedient. Martins ernannte sich kurzerhand zum Besitzer des Salzes. So konsequent beutete er die Insel aus, dass ausländische Handelshäuser Vertrauen schöpften und sich auf Boa Vista einrichteten. 1834 wurde gar die Möglichkeit erwogen, Sal-Rei zur Hauptstadt des Archipels zu erheben.

Es darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass der Mehrzahl der Leute damals auch ein wahrer Weltrekord an Schiffbrüchen zugute kam. Allein im 19.Jahrhundert strandeten hier über hundert Frachter.

Was zog diese Kapitäne auf die Riffe von Boa Vista? Ungenaue Seekarten, meint Donha Alice. Meeresströmungen. Vielleicht auch eine aus der geologischen Beschaffenheit der Insel resultierende Störung des Magnetfeldes, welche die Navigationsinstrumente getäuscht habe.

Aber ist es nicht auch so gewesen, dass die Hungernden von Boa Vista Laternen an die Schwänze ihrer Esel banden und die Tiere nachts am Gestade auf- und abführten? Um Skipper ins Verderben zu locken? Strandete ein Schiff, wurde es sofort bis auf den letzten Nagel geplündert. Einen solchen Vorfall nannten die Bewohner moia - Überfluss. "Wer kann nur solch dummes Zeug behaupten?" schimpft Donha Alice. "Nie hätten wir das getan. Auch in weniger guten Zeiten waren wir ehrlich."

Durchaus möglich, dass die guten Zeiten bald nach Boa Vista zurückkehren. Denn die karge, dünn besiedelte Insel möchte zur Touristenattraktion werden: Ihren Süden säumt ein 14 Kilometer langer, makelloser Sandstrand, menschenleer, frei von Bebauung, nichts als Sonne, Sand, Wind und Meer. Europäische Investoren sollen sich bereits einige Abschnitte gesichert haben.

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Niederschläge schenken Santo Antão pralles Grün

Von solch verheißungsvoller Blüte kann auf Fogo wiederum niemand träumen - denn Fogo besteht vor allem aus einem einzigen Vulkan. In der Frühe sitze ich neben Elias auf dem Kraterrand. Der Aufstieg zum Pico do Fogo, dem höchsten Gipfel der Kapverden, war ein Elend. Elias Montrond, 20 Jahre alt, ist, wie er sagt, zum 1563. Mal hier oben. Weil doch der Vulkan sein bester Freund sei: "Hast du je ein schöneres Land gesehen?"

Zu unseren Füßen, tief unten in der Caldeira, dem riesigen Kessel von Fogo, ist alles schwarz. Eine versteinerte Nacht. Das schönste Land? Das seltsamste vielleicht. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts hat der Inselberg 29-mal Feuer gespuckt. Deshalb also: Fogo. Hat glühenden Stein erbrochen, dampfenden Regen ins Meer gegossen, Nächte rot gefärbt, den Kessel immer wieder in frisches Schwarz getunkt. Hat es jemals ein Feuerland gegeben, dann dieses hier.

Welche Zumutung für den Reisenden, der, in Übelkeit von der Fähre aus der Hauptstadt Praia tretend, festen Boden sucht und auf einen Vulkan stößt. Fogo liegt nur 30 Seemeilen von Santiago entfernt, die gedankliche Distanz ist jedoch beträchtlicher. Ungehorsam in Praia bestraften die Portugiesen mit Exil auf Fogo. Niemand konnte sich damals Schlimmeres auf dem Archipel vorstellen.

An Fogos Westküste liegt das Städtchen São Filipe. Bunt auf schwarzem Sand errichtet, schützt es die letzten sobrados vor dem Einsturz. Herrschaftshäuser, deren Architektur der kolonialen Gesellschaft nachempfunden war: oben die Weißen, im Erdgeschoss die von ihnen gezeugten Mulatten, im Keller die schwarzen Sklaven.

Von São Filipe aus zieht sich die Straße in langen Diagonalen den Berg hinauf, überquert den Kesselrand und führt hinab nach Feuerland, bis in das Dorf Chã das Caldeiras. Einer Ansammlung kastenförmiger Basalthäuschen, flankiert von Wein-, Mais-, Bohnenfeldern an der unteren Kesselwand.

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Kapitale Beute: Fischer auf Boa Vista

Hier zu leben ohne Strom, ohne fließend Wasser? Ohne Weiden für die Tiere, ohne die Gewissheit, dass das einzige Telefon - das von Ramiro Montrond in der Laden-Kneipe am Dorfeingang - beim nächsten Notfall auch funktioniert?

"Der Vulkan ist unser Freund", beharrt Elias. "Er gibt uns fruchtbaren Boden, Steine zum Häuserbauen und Schwefel, den wir mit Vaseline zu einem wirksamen Mittel gegen Hautjucken vermischen. Und diesen herrlichen Wein hier." Den muss ich zu jeder Mahlzeit kosten, selbst zum Frühstück. Fruchtig, kann er dennoch seine verkohlte Herkunft nicht verleugnen.

Der entscheidene Grund aber, weshalb Menschen sich im Herzen der Steinnacht niedergelassen haben, war der französische Graf Armand de Montrond. Der nämlich hat Fogo einst zum Blühen gebracht. Der Graf kam aus rätselhaften Gründen. Er habe sein Land infolge eines Duells verlassen, behaupten die einen. Aus Liebeskummer, glauben die anderen. Einig sind sich alle Nachfahren nur über die Folgen. Im Hafen von Fogo sah Montrond die Mulattin Clementina, die ihm neun Monate später eine Tochter schenkte. Danach soll er noch 200 weitere Kinder gezeugt haben, die er alle mit seinem Namen beehrte.

Den Rest seiner schöpferischen Kräfte verwandte der Graf auf die Landwirtschaft. Er mied die portugiesische Kolonial-Clique in den sobrados, machte stattdessen die Hänge des Vulkans urbar. Für Obstbäume und Gemüsefelder. Besonders aber für Kaffee und Wein.

Zwei seiner Söhne, auch sie von großer Fruchtbarkeit, siedelten als erste im Innern der Caldeira. Heute tragen dort rund drei Viertel der 1150 Kesselbewohner den Namen Montrond. Der Graf hat sich in ihnen verewigt: hier und da ein paar blonde Strähnen, grüne und harzfarbene Augen, Haut in verschiedensten Brauntönen. "Wir alle sind sehr stolz auf unseren Urahn", sagt Elias. "Er allein hat damals den Wert des Vulkans begriffen."

Ihr Freund, der Vulkan. Vielleicht nicht der zuverlässigste, den man sich in einer so bedürftigen Welt wünschen könnte. Sein letzter Tobsuchtsanfall liegt erst fünf Jahre zurück. Da zermalmte er zehn Häuser, begrub ein Viertel der Felder unter Feuer.

"Aber er hat niemanden getötet!", ruft der junge Montrond. "Bevor der Vulkan explodiert, warnt er uns. Tagelang brummt es in seinem Bauch, und ab und zu bebt die Erde. Wir haben reichlich Zeit, den Kessel mit unseren Tieren zu verlassen."

Von zwei weiteren Inseln soll noch die Rede sein, eine jede gleichfalls eine absonderliche Welt für sich. Sal, eine der kleinsten unter den Hauptinseln, wäre keine Erwähnung wert, gäbe es hier nicht den größten der zwei Flughäfen des Archipels. Abgesehen von den Portugiesen, den einstigen Kolonialherren, kommen die meisten Besucher der Kapverden aus Italien, Frankreich und Deutschland, und viele von ihnen bleiben gleich auf Sal. Weil sie nicht mehr suchen als Strand, eine Unterkunft, viel Wind und hohe Dünung. Vor allem von November bis Juni, wenn die Insel zwischen Nordost-Passat und Harmattan stöhnt, wird Sal zum Revier von Surfern und Wellenreitern.

Und dann gibt es noch Mindelo, keine Insel, sondern nur eine Stadt auf dem roten, staubigen Eiland São Vicente. Aber es ist eine besondere Stadt: Mitte des 19. Jahrhunderts avancierte sie zum Kohledepot der Transatlantiklinien, zur letzten Station der Frachter vor Rio. Nun, da keine Kohledampfer mehr fahren, wäre es eigentlich an der Zeit, dass Mindelo in staubige Bedeutungslosigkeit zurücksinkt.

Doch die Stadt wird von einem besonderen Menschenschlag bewohnt. Mindelo, das muss man wissen, hat weniger Einwohner als Rio de Janeiro. Vielleicht sieben Millionen weniger, denn Mindelo hat 51000. Dies mag die gelegentliche Bereitschaft der Mindelenses erklären, sich mit dem zweiten Platz zu begnügen. Hinter Rio. Ihre Stadt liegt nur an der zweitschönsten Bucht der Welt, feiert im Februar nur den zweitwildesten Karneval und verfügt, verglichen mit Ipanema und Copacabana, wohl auch nur über zweitklassige Strände.

Aber sonst: Welcher Brasilianer hätte hier Heimweh? Das ziellose Gedränge am Hafen, die Prahlerei der Fischhändler, die schwarzen Frauen hinter ihren Trottoir-Auslagen - ähnelt das etwa nicht dem Salvador do Bahia des Jorge Amado? Ebenso wie die gepflegten Kolonialfassaden der Rua Lisboa? Die Philosophen in den kleinen Bars? Die Schachspieler am Turm von Belém? Und die Nonchalance der Mädchen, ja, die erinnert natürlich an Rio.

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Lebensfreude: Karneval in Mindelo auf São Vicente

Mindelo inspiriert. Seine Bewohner sind Künstler. Leute, die ihr Leben in Witzen, Liedern, Bildern, Gedichten zu resümieren verstehen.

"Wer Mindelo nicht kennt, kennt die Kapverden nicht", sagt der städtische Komponist Manuel d'Novas. Der Mann weiß offenbar nicht, wovon er spricht. Die Kapverden, ein Haufen ausgetrockneter Land-splitter verloren im Meer - und dann diese vor Lebenshunger und Sinnlichkeit zitternde Stadt. Kein Kontrast könnte größer sein.

Der Mann hat Recht. Oh Mindelo, wie könntest du je welken? Wo Fantasie kraftvoller blüht als Geschäftssinn, dort, so hat der alte Chema Lopi auf Santiago gesagt, füllt Hoffnung den Rest.

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