Zypern: Heiß begehrt seit altersher

Die Sonne ist Zeuge: Zu allen Zeiten wurde die Insel im Mittelmeer bewundert, umworben und erobert. Heute von friedvollen Urlaubern, die den Reizen der Schönen erliegen
In diesem Artikel
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I

Seltsam vertraut erscheint mir etwas nach dem ersten Tag in Larnaka. Zuerst vermute ich, das hänge mit dem kyrillischen Begrüßungsschild »Dabro paschalawat« am Flughafen zusammen und den vielen russischen Ladenbesitzern, bei denen ich mein verstaubtes Schulrussisch aufpolieren kann. Auf der Fahrt durch die endlose Mesaoria-Ebene nach Nikosia, das die griechischen Zyprer Lefkosia nennen, wird mir klar, dass es ein einziger Satz war, der mich in meine Kindheit und Jugend zurückversetzte. Immer wieder tauchte er auf bei den Gesprächen in den Kafenions: We lived in the North.

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Sonneninsel mit Nord-Süd-Konflikt - seit 1974 ist Zypern ein Grenz-Fall

Auf Deutsch würde man sagen: Wir kommen von drüben. Kommen aus Kyrenia oder Famagusta. Mussten im Juli 1974 fliehen, dürfen nicht zurück. Seit die türkische Armee 36 Prozent der Insel besetzt hält, ist das sonnige Zypern geteilt in einen griechischen Süd- und einen türkischen Nordteil. Verbunden nur durch gegenseitige Beschuldigungen und die Trauer der Vertriebenen auf beiden Seiten - auch die türkischstämmigen Zyprer im Süden mussten 1974 ihre Heimatdörfer verlassen. Eine 180 Kilometer lange Demarkationslinie trennt die Kontrahenten. In der Pufferzone patrouillieren seit über einem Vierteljahrhundert UN-Soldaten. Die jeweilige Hauptstadt Nikosia ist geteilt wie einst Berlin. Stacheldraht, Sperren, Zäune, Militär.

Am nächsten Morgen gehe ich zum Ledra-Checkpoint, benannt nach dem ehemaligen Luxushotel, auf dessen Balkonen inzwischen die Wäsche der hier stationierten UN-Soldaten hängt. »Bis 17 Uhr müssen Sie zurück sein«, sagt mit Nachdruck der zyperngriechische Offizier in seinem Container-Office, und im Stillen ergänze ich den Satz: Sonst müssen Sie nach Istanbul und Athen fliegen, um über Larnaka wieder auf unsere Seite zu kommen...

Ich durchquere die entmilitarisierte Pufferzone, in der sich nur UN-Soldaten bewegen dürfen. Rechts und links verfallene Villen, aus deren offenen Fenstern Sträucher und Pflanzen wuchern. Sandsäcke, die nach einem Vierteljahrhundert längst aufgeplatzt sind und langsam wieder Teil des Erdreichs werden. Stacheldraht, der sich nach all den Jahren in die Rinde der Pinienstämme eingefressen hat.

Die Beamten der völkerrechtlich nicht anerkannten »Türkischen Republik Nordzypern« studieren meinen Pass, erteilen mir die Einreisegenehmigung. Ich miete ein Taxi für den ganzen Tag. Der Fahrer heißt Mustafa, ein türkischer Zyprer, der früher im Süden, in Pafos lebte. Bald nach meinen ersten Fragen über das Leben in Nordzypern werden die Rollen vertauscht. Voller Heimweh und Neugierde will er wissen, wie es heute im Südteil aussieht. Und erzählt im Laufe der Fahrt von seinen guten und schlechten Erinnerungen an die Zeit vor der Teilung ... Mustafa hupt sich den Weg frei durch die Altstadtgassen von Nikosia-Nord, erreicht die Schnellstraße, biegt ab in Richtung Salamis, dem archäologischen Kronjuwel des Nordens an der Bucht von Famagusta. In der Antike war Salamis die wichtigste Handelsstadt der Levante. Marmorsäulen und kostbare Mosaiken erinnern an die einstige Größe. Zwischen den Säulenstümpfen wird das kniehohe Gras gemäht. Ginsterblüten wirbeln auf, werden vom warmen Wind über die Mosaikböden geweht.

Am Strand von Varosha, wenige Kilometer entfernt, stehe ich neben einer Hand voll englischer Touristen. Vor uns liegt eine Ruinenlandschaft, eine Meile leer stehender, bis auf ihre Stahlbetongerippe zernagter Hotels. Varosha war bis 1974 die Costa Brava des östlichen Mittelmeers, ein boomendes Ferienzentrum. Und nun nichts als absolute Stille, die selbst das leise Plätschern des Meeres nicht brechen kann. Eine abgeriegelte Geisterstadt, deren Apartments jetzt von Vögeln besiedelt sind und, so hört man, von Ratten und Schlangen.

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Ein nur auf Zypern verehrter Gott: Apollo Hylates.

Bei Kourion steht die Teilkonstruktion seines Tempels

II

Famagusta. Wir fahren die Berge hinauf, durch Olivenhaine und kleine Dörfer eine immer enger werdende Straßen empor. Oben wartet das Wunder: Bellapais, von den alles eintürkenden Besatzern Beylerbey genannt. Ein Zauberort. Unter mir das blaue Mittelmeer, zu meiner Rechten das Grün der Berge und Hügel, vor mir die im Hochmittelalter von den Franzosen erbaute Abtei des Friedens.

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Verwandlung: In Famagusta wurde die St. Nikolauskathedrale

zur Moschee - schon vor mehr als 400 Jahren

Im Gartenrestaurant »Kybele« trinke ich kühlen Weißwein, träufele etwas Zitrone auf das frische Fischfilet. Hinunter nach Kyrenia, zu den bunten Fischerbooten im Hafen, zum alten Kastell. Ich steige - immer mit dem Blick auf die Uhr - die unzähligen Steinstufen hoch zur Festung St. Hilarion, um noch schnell einen dieser überwältigenden Panoramablicke zu erhaschen. 16 Uhr. Höchste Zeit. Mit Tempo zurück nach Nikosia. Am türkischen Checkpoint sagt Mustafa fast beschwörend: »Grüßen Sie mir Pafos.«

Akamas. »And now: Our Cypriot Grand Canyon.« Chris' Stimme bricht sich an den verwitterten alten Felsenwänden, verliert sich in hoch gelegenen Höhlen und Schründen. Chris, Landrover-Fahrer und Schluchten-Freak, zeigt Touristen die Halbinsel im noch weitgehend unberührten Nordwesten Zyperns. Im weiten Umkreis gibt es nur eine einzige Stadt, Polis. Aber was heißt schon Stadt. Ein niedliches, verschlafenes Städtchen ist es, mit Eselskarren und kleinen Tavernen - und behelmten Bikern, die mit ihren Rädern durch die Altstadtgassen geschossen kommen, um die Umgebung zu erkunden.

Ich ziehe Chris' Landrover vor. Er schwankt über enge, steinübersäte Gebirgspässe, quält sich in schwindelerregende Täler hinab. Chris aber kennt jeden Zentimeter hier und alle Geschichten, die dazugehören.

Sind wir überhaupt noch auf Zypern? Die Walnuss- und Feigenbäume mit den darunter weidenden Ziegenherden, das passt. Wir sind in einem Gebiet, das seit Jahren von Investoren wie von Geiern belagert wird, inzwischen aber von der EU als absolut schützenswert eingestuft ist. Eine Welt ständig wechselnder Landschaften, einschließlich eines Plätzchens für Meeresschildkröten, die um die halbe Welt paddeln, um an der Bucht von Lara ihre Eier abzulegen.

Ein Canyon: himmelhohe, von der Zeit glatt geschliffene Kalksteinwände mit Formationen wie abstrakte Zeichnungen, in der Avgas-Schlucht ein von Oleanderbüschen umstandenes Flüsschen, das selbst im Hochsommer nicht vertrocknet und ins Meer mündet. »Ins Mittelmeer«, fügt Chris hinzu, als müsse auch er sich von Zeit zu Zeit vergewissern, nicht in einem anderen Teil der Welt zu sein.

Am nächsten Tag geht es weiter, ins Troodos-Gebirge. Gehen ist wörtlich gemeint. Good-bye Landrover und Chris: Troodos muss man sich erwandern. Selbst ich als Wandermuffel begreife das spätestens, als ich mich Kykko nähere. Mit jedem Schritt, den ich talwärts laufe, nehmen die roten Tupfer zwischen den Kiefern deutlichere Konturen an, fügen sich schließlich zu den Dächern von Zyperns berühmtestem Kloster. Keine Annäherung per Auto gewährt diesen fast erhabenen Eindruck. Die Luft ist klar und kühl auf den Wegen, die sich um den 1952 Meter hohen Olympos ziehen. Auf Naturlehrpfaden sind Bäume und exotisches Gesträuch mit Namenstäfelchen beschriftet. Ich vergesse sie augenblicklich wieder. Wichtiger ist die Bodenhaftung: Berührungen mit einer dicken Schicht Kiefernnadeln oder glatten Steinen beim Überqueren der zahlreichen Bäche. Abends die Stimmung absoluten Friedens.

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Sinnvolle Investition: Renovierungen haben den Charakter des Weindorfes Omodhos im Troodos-Gebirge erhalten

Du stehst auf dem Balkon deines Hotels in Platres, der Gebirgsort liegt schon im Schlaf, aber überall rauscht es wie im Feenland. Unten Finsternis, oben umso funkelnderer Sternenhimmel. Nebel kriecht an den Stämmen der Bäume hoch, packt den Ort Platres in dicke Watte. Reisender, wenn du jetzt nicht vom Balkon zurück ins Zimmer trittst, um ein dir nach all dem Laufen zustehendes Fußbad zu nehmen, dann wirst du wohl immerdar hier stehen müssen, geschützt und gefangen in einer sanften Kapsel der Zeitlosigkeit.

III

Auf dem Weg nach Pafos. Obstplantagen, Zitronenhaine, im leichten Seewind vibrierende Wipfel feingliedriger Koniferen. Bei Kolossi bin ich wieder mitten im Geschichtsmosaik Zyperns. Hier befindet sich ein Relikt aus der 1960 offiziell zu Ende gegangenen Kolonialepoche, eine britische Armeebasis, die mit ihren penibel gepflegten Golf- und Rasenflächen jedoch eher an eine aristokratische Parklandschaft erinnert. In Kolossi die Burg: im 15. Jahrhundert vom Johanniter-Orden zum Schutz gegen türkische Angreifer erbaut. Heute sonnen sich Eidechsen und Katzen im alten Gemäuer.

Zurück ans Meer, das entlang der Küstenlinie sein ultramarines Band zieht, weiß ausgefranst an den Stellen, wo sich die Wellen am Strand brechen. Dann Kourion. Das Amphitheater. Wieder eine Stätte, deren geniale Anlage, harmonisch eingefügt in die Landschaft, den Atem stocken lässt. Unten das Meer und die Küstenebene, im Rücken thymianduftende Hügel, dazwischen wie von leichter Hand hingestreut die Fragmente von Tempeln, Villen, Thermen.

Und im Sonnenzwielicht die Felsen. Die legendären Felsen am Kiesstrand von Petra tou Romiou, zu deren Füßen einst Aphrodite, die Schutzgöttin Zyperns, dem Meer entstiegen sein soll. In einer Muschel, wie das berühmte Gemälde von Botticelli es zeigt, das Venus/Aphrodite wie eine Schönheitskönigin präsentiert und feiert.

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500 Meter Freiheit für Strandläufer: die Coral Bay bei Pafos

Der Wechsel von Zeit und Raum setzt sich fort. Vormittags an der Coral Bay, einem von Pinien geschützten Traum in Weiß, nachmittags im Künstlerdorf Lemba, wo man sich in den Arm kneifen muss, um nicht etwa zu glauben, in Picassos südfranzösischem Vallauris gelandet zu sein. Eine Skulpturmauer aus allem möglichen Material unter einem fast unwirklich lichtblauen Mittelmeerhimmel. Und dahinter mal schattige, mal sonnendurchflutete Räume zu ebener Erde, in denen Künstler aus aller Welt malen und töpfern, fantastischste Figuren zusammenlöten - und dazu Musik hören, wie der Bildhauer Neil Stevens aus Wales, der mit versonnenem Lächeln die immergleiche Kassette seines Namensvetters Cat Stevens spielt: If you wanna be free, be free ...

Chrysorrogiatissa. Auf der Terrasse des Klosters in den Bergen nordöstlich von Pafos Stille, Stille. Nur ein paar alte Männer sitzen hier, um das Ende des Tages - vielleicht auch ihrer Tage - abzuwarten, ihre gänzlich gleichmütigen Gesichter wettergegerbt, von der gleichen Farbe wie die Holzstöcke, auf die sie ihre Hände stützen. Innen im Klosterhof das Summen der Zikaden, seltsam verzögert, als seien sie benebelt vom Wein, den die Mönche hier seit Ewigkeiten in einem Kellergewölbe neben dem Gotteshaus in schweren Eichenfässern lagern. Der weißbärtige Abt Dionysos, der Zyperns Staatsgründer Erzbischof Makarios noch persönlich gekannt hat und 1974 aus dem Norden hierher kam, grüßt freundlich, wehrt aber Fragen ab. Und Worte würden wohl auch das selbstgenügsame Gespinst zerstören, das hier zwischen der Ewigkeit und dem Ende eines irdischen Tages gewebt ist.

Limassol, Limassol, werde ich mich in den nächsten Tagen, am Ende meiner Reise, immer wieder fragen, warum gehen die Reiseführer so nachlässig mit dir um? Ist es, weil dein schönster Strand, Governor's Beach, so weit außerhalb des Zentrums liegt? Oder haben sich die Voreiligen von den Hotelburgen im Vorort Yermasoyia abschrecken lassen? Ich finde sie recht erträglich. Aber das wirkliche Limassol, mein Limassol beginnt an der Strandpromenade, die zum Alten Hafen führt.

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Politisch begründete Beschaulichkeit: Kyrenia. Im türkischen Teil der Insel, selten von Touristen besucht

Wenn es Abend wird, fällt hier orangefarbenes Laternenlicht auf den von Hibiskussträuchern bestandenen Weg, finden die feierfreudigen Samstagabend-Geräusche, die aus vorbeifahrenden Cabrios klingen, ihre Fortsetzung im Rufen der Schiffssirenen auf dem schwarzen Meer. Auf der anderen Seite, wo die Häuserzeilen der Altstadt beginnen, ein multikulturelles Gedicht aus den Leuchtnamen der diversen Gebäude: Hotel Continental - Katholische Kirche - National Bank of Jordan - Cyprus Airways - Orthodoxe Kirche - Moschee - türkischer Hamam.

Eine samtige Nacht. Und wie auf einem asiatischen Scherenschnitt hebt sich eine kleine Gruppe gemächlich flanierender Frauen in dunkelroten Sarongs vom Hintergrund des Meeres ab. Pakistanische Gastarbeiterinnen, deren helles Lachen bis in die Wipfel der Palmen dringt. Weiter hinten, in der Nähe des Alten Hafens, blinkt wie ein Leuchtturmlicht das Grün eines Minaretts, während aus der Kirche griechische Zyprer kommen, hinter ihnen der Weihrauchduft der Mitternachtsmesse.

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