Russland: Holiday on ice

Jahrhundertelang suchten Entdecker in der Arktis nach einem Weg vom Atlantik zum Pazifik - oft auf Fahrten ohne Wiederkehr. Heute durchreisen Touristen auf Schiffen wie einem 24.000 PS starken russischen Eisbrecher die legendäre Nordwestpassage
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Was vom Fortschritt übrig blieb
Angebot für Bildungshungrige
Der letzte Tag
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Stählerne Herberge für Polarbegeisterte: die "Kapitän Khlebnikov"

Tollkühn sind die Seefahrer der Vergangenheit in unkartiertes Nirgendwo geschippert, um in der Arktis einen Weg vom Atlantik zum Pazifik zu finden - mit Seglern. Sind wieder und wieder festgefroren, haben gegen Kälte und Dunkelheit und Skorbut und Verzweiflung gekämpft, haben Schuhsohlen gekaut und Vogelknochen in Kerzentalg gebraten. Wer Glück hatte, schaffte den Heimweg und brachte Details für die Atlanten mit. Wer Pech hatte, kam um. 1850 bis 1853 fanden Robert McClure und die Besatzung der "Investigator" eine Durchfahrtsroute. Aber erst 1906 gelang es Roald Amundsen, die tückische Passage ganz per Schiff zu bewältigen. Er brauchte drei Jahre.

Auf den Spuren der Arktisforscher

Entbehrungen und Qualen haben die Route zum Mythos gemacht - und nun 76 Reisende aus 14 Ländern bewegt zu buchen, was Reise-Veranstalter anno 2002 "Expedition" nennen: die Nordwestpassage in umgekehrter Richtung als Pauschalurlaub zur See. In einem 15 000 Tonnen schweren, bulligen Kraftpaket, das mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 Knoten (36 km/h) durchs offene Meer rauscht und noch anderthalb Meter dickes Eis im 6-Knoten-Tempo durchpflügt. Veranschlagte Zeit: 16 Tage, Landpartien inbegriffen.

Eine Seefahrt ...

Stschastliwogo plawanija - gute Reise! Beim Einsaugen der Seeluft, beim Auspacken von Thermounterwäsche und Mückenspray, beim Blick auf die Speisenfolge des Sechs-Gänge-Dinners schwindet alle Müdigkeit, und die Vorfreude wächst: auf Tête-à-têtes mit Eisbären, Walen und Moschusochsen; auf Schnupperstündchen in russischen Tschuktschen- und kanadischen Inuit-Dörfern; auf Helikopter-Safaris und Schlauchboot-Eskapaden. Gedämpftes Wummern dringt aus dem Maschinenraum; die "Kapitan Khlebnikov" gewinnt Fahrt. Auf zur Beringstraße! Zur Beaufort-See! Ins Eis!

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Achtung, Wale backbord! Wildlife-Voyeurismus ist eine Hauptattraktion an Bord

Abstecher nach Prowidenija

Am zweiten Tag steht ein Stippvisite auf das russische Festland auf dem Programm: am Ufer warten die Busse zum Abstecher in den real existierenden russischen Stillstand! "It doesn't work", lautet Juris nüchtern-spöttischer Refrain für die Versuche, den arktischen Teil des Russenreichs von Moskau aus mit neuer Ökonomie zu beflügeln. Unser Führer in die Gegenwart der Vergangenheit spricht exzellent Englisch. Er war Radioreporter, bis seine zu kessen Berichte über die Armee ihn vor langen Jahren als Lehrer hierher in den fernen russischen Nordosten gespült haben. Der zum Bus umgebaute Armeetransporter rumpelt zur Stadtbesichtigung, 25 Kilometer über eine Schotterpiste und durch Schlaglöcher, die so tief sind, dass es uns von den Sitzen reißt. Juri deutet auf die aufgegebene Polarfuchsfarm am Wegesrand, auf verfallene Gewächshäuser, in denen Gemüse sich weigerte zu gedeihen: "It doesn't work!"

Was vom Fortschritt übrig blieb

Am Nordzipfel der Welt ist Fortschritt relativ. Prowidenija, zur Sowjetzeit wichtiger Umschlaghafen für Erz, ist von 7000 auf 1500 Einwohner geschrumpft. Die Reisenden aus dem Westen richten Kameras auf die verwundete Plattenhausblock-Kulisse mit eingeschlagenen Fenstern. Auf einen Lenin, der mit wehendem Mantel davor ausharrt, wie auf der Flucht erstarrt. Auf Harpunen und Tanzmasken und Robbenfellhosen im liebevoll gepflegten "Museum der Eskimokultur", das der Tristesse der Umgebung trotzt.

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Gummistiefel sind ein Muss; bei Landausflügen gilt es, auch durch knöchelhohes Eiswasser und über sumpfigen Permafrostboden zu stapfen

Jenseits der Datumsgrenze

Abends auf Deck 4 und 5 werden Cocktails und Kaviar serviert. Das Schiff nimmt Fahrt auf; und dann verschwindet Sibirien im Nebel. Spät in einer Nacht schwebt das Schiff in einem Watte-Kokon in die nächste Welt. Auf der Brücke steckt Sergej, der zweite Offizier, mit Zirkel und Geodreieck den Kurs ab. Anatoli, der Hydrologe am Ruder, späht ins milchige Nichts. Nur die Monitor-Anzeige 65°64'N, 168°58'W verrät: Die Datumsgrenze ist erreicht, jene unsichtbare Linie zwischen Russland und Alaska, die den Globus früher in verfeindete Welten zerteilte.

Polarmeer statt Karibik

Als es den Ostblock noch gab, eskortierte die "Kapitan Khlebnikov" Frachtschiffe durchs Eis in sibirische Häfen. Dann brachten Wirtschaftskollaps und Glasnost zwei Tourismuspioniere aus dem Westen auf die Idee, unterbeschäftigte russische Eisbrecher für Luxusreisen Richtung "Top of the World" zu chartern. Petr Golikow, Kapitän der "KK", erinnert sich an die ungläubig-spöttische Reaktion in der Staatsreederei: "Mit Touristen, die ins Polarmeer wollen statt in die Karibik?"

Eiszeit

Morgens um sechs Uhr ist der Polarkreis passiert, die ersten Schollen dümpeln vor den Bullaugen. Die "Eiszeit" beginnt. Es folgen Tage, in der die Augen sich in Weite verlieren. Von Horizont zu Horizont nichts als Farben und Wasser in allen Spielarten: Wasser gefroren, in schwimmenden Schollen oder als weißes Relief mit Rinnen, Erhebungen, Pfützen, Spalten, Sprüngen. Wasser als Dampf in faserig zerlaufenden Wolken über den gesamten Himmel getuscht. Dann wieder Meer in flüssiger Gestalt, als Wellengekräusel, dem die Sonnenstrahlen einen Myriaden-Karat-Glanz verleihen, oder als silberglatte Spiegelfläche, die Himmelblau und Himmelrosa verdoppelt.

Angebot für Bildungshungrige

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High-Tech-Parka trifft Pelz-Anorak: Begegnungen gehören zum Kulturprogramm

Wer zu viel träumt und staunt, versäumt all die im Abenteuerpaket enthaltenen Zusatzangebote: Vorlesungen, Diavorträge, Videos. Der Biologe Frank Todd, Verfasser eines dickleibigen Standardwerks über Wasservögel, quetscht Wissen und Enthusiasmus aus 30 Forscherjahren in knappe 60-Minuten-Einheiten. Norman Lasca, Geologie-Professor der Universität Wisconsin, präsentiert 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte als Edutainment; Hörsaalreihen werden zu Erdschichten, die sich in gemeinsamer gymnastischer Anstrengung beugen, wenn höhere Lagen sie zusammenzudrücken drohen. Der kanadische Eislotse lehrt "small ice", "big ice", "vast ice", "fast ice", "giant ice" zu unterscheiden. Der russische Chefingenieur erklärt die Wärtsilä-Sulzer 9 ZL40/48 Dieselmaschinen.

Wieder ein Landgang

Tag 8, 69°33'N, 138°56'W. Kanada ist erreicht. Es ist an der Zeit, Treibstoff zu sparen und wieder festen Boden zu betreten: Herschel Island, einen Nationalpark mit Vergangenheit. Im "Sodom der Arktis" überwinterten Ende des 19. Jahrhunderts die Mannschaften der Walfangboote, bis zu 1000 Mann. Sie importierten Seuchen wie Syphilis und Masern und halfen, in zwei Jahrzehnten 90 Prozent der Inuit-Bevölkerung in der Mackenzie-Region auszurotten. Geblieben sind alte Walknochen, würzige blühende Tundraflora, Mückengesumm.

"Wie in Disneyland"

Die schönsten Augenblicke sind nicht planbar. Nach dem Passieren der pittoresk-schmalen Bellot Strait tauchen rund um das Schiff Belugas und Narwale auf, die in großen Gruppen gen Norden ziehen. Weder Besatzung noch Wissenschaftler haben je so viele auf einmal beobachtet. "Wie in Disneyland", schwärmt Werner Stambach.

Was von der Franklin-Expedition übrig blieb

Der ernsteste Programmpunkt wird am vorletzten Tag auf See fast wie nebenbei abgehakt: Beechey Island, anno 1845/46 das letzte bekannte Winterquartier von Franklin und seiner Mannschaft auf der "Erebus" und "Terror". Die drei ersten Toten der Expedition liegen hier begraben. Schon jetzt, mitten im Sommer, ist der Platz ein Hort der Trostlosigkeit. Der Wind fegt über nacktes, braunes Gestein. Unvorstellbar, hier wie Franklins Mannschaft monatelang 24 Stunden am Tag Winterdämmerung und -dunkelheit auszuhalten. Die bitterste Ironie: Ökonomisch erwies sich die Nordwestpassage als wertlos - zu tückisch und unberechenbar die Eisverhältnisse. Weniger als 200 Schiffe haben die Route in den 150 Jahren nach Franklin vollendet.

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Zwischen Festland und Eis: Die Route im Überblick

Der letzte Tag

Der Flughafen Resolute ist wegen Nebels geschlossen, der gemeinsame Flug nach Ottawa fällt aus. Abreise einen Tag später. Frühestens. 76 Reisende stecken im Luxusgefängnis fest. Terry versäumt eine Vorstandssitzung. Olga, die Australierin, bangt um ihre Anschluss-Zugreise über die Rockys nach Vancouver. Martha muss nach England zurück; die Nichte, die ihre Katze hütet, kann nicht länger bleiben. Die Begleitcrew sammelt Tickets ein, um Anschlussflüge in alle Welt umbuchen zu lassen.

Verlorene Zeit? Gewonnene Zeit?

Wir haben Muße, nachzusinnen über das Verhältnis von Eile und Erlebnistiefe, Beschränkung und Komfort. 1934/35 verbringt die Österreicherin Christiane Ritter mit ihrem Mann einen Winter in einem anderen Zipfel der Arktis, einer Jagdhütte auf Spitzbergen - ohne Strom, mit einem kleinen Bullerofen; es stürmt tagelang, das Essen ist knapp. Sie kehrt zurück mit Kreuzfahrt-Touristen, die schon damals im Sommer das Polarmeer bereisen. In ihrem Buch "Eine Frau erlebt die Polarnacht" notiert sie: "Nein, die Arktis gibt ihr Geheimnis nicht her für den Preis einer Schiffskarte. Man muss hindurchgegangen sein durch die lange Nacht... Man muss in das Totsein aller Dinge geblickt haben, um ihre Lebendigkeit zu erleben."

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