Madagaskar: Kein Ort für Strandurlauber

Keine Beach-Clubs, keine Hotelsilos, kein Massentourismus. Dafür bietet die Insel vor der Südostküste Afrikas eine Fülle unterschiedlichster Landschaften: Prärien, Berge, Tropenwälder, Reisfelder.
In diesem Artikel
Reise durch 1001 Länder
Hier endet Asien
Mystische Tierwelt

Madagaskar ist ein Ort, der sich durch die Freundlichkeit seiner Bewohner und die Begrenztheit materieller Möglichkeiten definiert. Und durch etwas, das, wenn auch schwer erklärbar, in außerordentlichem Maße unsere Sinne anspricht. Es ist ein Rausch, der durch eine Palette von Motiven und Stimmungen hervorgerufen wird, neben dem andere Weltgegenden verblassen wie schlichte Schwarz-Weiß-Malerei.

Trotz seiner optischen Fülle kann ich mir die Schönheiten Madagaskars nicht in einem beliebigen Werbeprospekt vorstellen. Eher in einem altmodischen Erdkundebuch, in dem die Rede ist von Vanille und Lemuren, von sesshaften Seenomaden und durch Grasmeere ziehenden Landpiraten, von Irrgeistern, die sich in Haien und Krokodilen verstecken, und von 19 Volksstämmen, die einst aus Asien und Afrika kamen – wie, wann, warum, weiß niemand genau – und die sich die Insel bis auf den heutigen Tag teilen.

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Ankaramena: Aus dem zerklüfteten Hochland führt die "Nationale Sept" in die endlose Steppe mit den verstreuten Siedlungen der Viehzüchter

Kein Ort für Strandurlaub

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Sarodrano: Drei Mädchen laufen durch den weißen Sand zum Onilahy-Fluss, um Wasser zu holen

Solche Umstände mögen Urlauber, die nur Strand und Sonne suchen, überfordern. Touristische Infrastruktur, sollte dieser Begriff auf Madagaskar überhaupt greifen, beschränkt sich daher in der Hauptsache auf zwei Inselchen: Nosy Bé im Norden und Nosy Boraha (Sainte-Marie) im Osten.

Natürlich besitzt der Süden Strände. Aber es ist keine Kokospalmenidylle, sondern eher eine tropische Bretagne mit hohen Wellen, ausgewaschenen Felsen und einem menschenleeren Sandstreifen davor. Auch mag man die Insel als ein Paradies für Taucher anpreisen, wenngleich Begegnungen mit Walen das Glücksempfinden zu einer echten Mutprobe gestalten können.

Reise durch 1001 Länder

Madagaskar, sagen Europäer, sei so groß wie Frankreich und Belgien zusammen. In Wahrheit ist es viel größer. Von zügigem Vorankommen kann nicht die Rede sein. Zeit bekommt eine neue Bedeutung. Nicht auszudrücken in Kilometern, Tagen oder Wochen. Es scheint, als verlöre hier das Erinnerungsvermögen seinen Orientierungssinn.

Die "Route Nationale Sept" gibt mögliche Hilfestellung: Sie führt von Antananarivo, der Hauptstadt im zentralen Hochland, 950 Kilometer weit in Richtung Süden. Einerseits ist sie die einfachste Route durch Madagaskars Komplexität. Andererseits führt sie durch so widersprüchliche Landschaften, dass man meint, die Schöpfung hätte versucht, irritierend unterschiedliche Länder, Kontinente und Planeten zu einer neuen Idee von geographischer Ästhetik zu vereinen.

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Anakao: Ein prächtiger Fang. So viel Glück haben die Fischer nicht oft

Marslandschaft

Im zentralen Hochland etwa mischen sich Asien und Mars. Kaum hat man Tana hinter sich, führt der Weg durch weitläufige Reiskulturen. In ihnen leben die aus Südostasien stammenden Merina, die sich seit jeher als Herrenrasse fühlen und deren Sprache sich in Madagaskar durchgesetzt hat. "Die Grenze meiner Reisfelder ist das Meer", protzte vor 200 Jahren König Andrianampoinimerina. Weit vor dem Ozean enden heutzutage die Reisanbauflächen der Merina, danach windet sich die Nationale Sept durch eine Öde aus zerklüftetem Laterit. Alles ist rot: die Erde, die Häuser, der Horizont.

Fernöstliches Liliput

Bis der Reisende, beim Überschreiten eines Kammes, plötzlich erneut auf ein fernöstliches Liliput mit winzigen Reisfeldern stößt, die abrupt vor einem Chaos erodierender Erde enden. Mattgrün die frisch gepflanzten Schösslinge, die anderen leuchtend grün. Dazwischen glitzernde Quadrate, in denen sich der Himmel spiegelt. Ochsen ziehen den Pflug, hinter den Tieren stapfen Bauern, nackt, dennoch wirken sie wie bekleidet durch den aufspritzenden Schlamm. In der Gegend von Ambositra, rund 240 Kilometer südlich von Tana, erinnert die Szenerie an das kühle Europa. Sie besitzt Hochebenen, die eisige Nächte kennen, verregnete Tage und Täler voller Nebel. Von den Bergzügen seitlich der Straße stürzen Bäche herab. Aus schmalen Wäldern weht der Duft von Kiefern und Eukalyptus.

Hier endet Asien

Jenseits von Fianarantsoa, 410 Kilometer südlich von Tana, verläuft dann durch abschüssige Weinfelder eine Art Trennungslinie, an der die Ursprünge der Insel deutlich werden: Asien verwandelt sich zu Afrika, Reispflanzen weichen grasenden Zebuherden. Die Unterschiede sind frappierend. Oben, in den letzten Ortschaften des Hochlands, dampfen Ziegelöfen am Straßenrand. Schmale, zwei Stockwerke hohe Steinhäuser stehen da, einige versehen mit Balkonen auf Ziegelsäulen. Die Leute – fast alle barfuß, aber mit Strohhut – drängeln vor Bretterbuden, wo so unglaubliche Waren angeboten werden wie Zuckerrohrscheibchen zu einstelligen Cent-Preisen. Hohle Gesichter erzählen, wie Armut zu Misere geraten und Lächeln auch Schwermut vertuschen kann.

Die Zeit steht still

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Zwischen Dünen und Meer: Die Fischer von Sarodrano leben einsam

Eine halbe Stunde später, tausend Meter tiefer, trifft der Reisende die "Côtiers", die Küstenbewohner, obwohl es bis zum Meer noch immer recht weit ist. Auch ihre Dörfer zeugen von Armut. Doch statt Mitleid erwecken sie Erstaunen. Darüber, wie Leute so entspannt wirken können. Meist hocken sie vor strohgedeckten Hütten, im Schatten dicker Dorfbäume; so reglos, als wären sie im selben Tempo gewachsen wie der Stamm in ihrem Rücken. Sie tragen lambaoany: dünne Baumwolltücher, die auch als Schlafdecke, Sonnendach, Babytragetasche, Tisch- und Taschentuch dienen. Mehr Hab und Gut scheinen sie vom Leben nicht zu verlangen.

Einsame Prärie

Erneut verändert sich das Landschaftsbild. Eine endlose Prärie, durchsetzt mit einzeln stehenden Felsen, dazwischen Zebu-Rinder. Verloren in der für Madagaskar so typischen Einsamkeit. Sie hat nichts mit der üblichen solitude von Inseln zu tun, die ja eher von der Isolation durch die Weite des Ozeans herrührt. Hier verhält es sich umgekehrt: Ist das Meer außer Sicht, gerät das Gemüt in den Sog eines Kontinents mit allen Zeichen des Größenwahns. Alles erscheint hoch, weit, übermächtig. Wie vergessen fühlt man sich in diesem Raum ohne Mittelpunkt.

Hotel im Land der Wolken

Es sei denn, man erwählt zum Zentrum des Daseins die "Relais de la Reine". So luxuriös wirken die in eine labyrinthartige Felslandschaft gebauten Bungalows, dass sie die Zuversicht in das menschliche Vermögen schlagartig wiederherstellen. Das Hotel – fraglos eines der besten der Insel – liegt am Eingang des Nationalparks Isalo. Zu den Freizeit-Angeboten der Anlage gehören auch Pferde. Manche Gäste unternehmen von hier aus Ausritte, die bis zu einer Woche dauern können. Das Gebiet um Isalo ist ein Land der Wolken, der Blick geht immer wieder nach oben, auf die endlos zerzupften Gebilde, die, weißen Karawanen gleich, zwischen den Horizonten verkehren und die gelbe Steppe mit ihren fleckigen Schatten überziehen.

Mystische Tierwelt

Zwischen Licht und Dunkelheit huschen in einem bewaldeten Felseinschnitt, von der Parkverwaltung "le Canyon" genannt, Lemuren durchs Geäst. Meist sind es "Kattas", die Makis mit den langen, schwarz-weiß geringelten Schwänzen. Die großäugigen, pelzigen Halbaffen sind der Beweis einer evolutionären Entwicklung. Der Ursprung der Arten liegt in den Anfängen der Erdgeschichte, als Indien und Afrika noch im Riesenkontinent Gondwana vereint waren, Madagaskar sich aber abspaltete und nach Osten driftete. Danach haben sich Flora und Fauna der Insel in Millionen Jahren unabhängig von den Spezies des afrikanischen und asiatischen Festlandes entwickelt. Hinzu kamen die klimatischen Besonderheiten, die die Evolution ebenso maßgeblich beeinflussten. Fast alle Säugetierarten sind endemisch, kommen also nur auf Madagaskar vor, so auch Schmetterlinge, Amphibien, Schlangen, Geckos und Chamäleons. Die Madagassen sagen, diese hätten das eine Auge auf die Vergangenheit gerichtet, das andere in die Zukunft. Alle Lebewesen sind hier Teil einer mystischen Tierwelt.

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Ureinwohner mit schönen Augen: Madagaskars Lemuren

Einzigartige Vegetation

Das Meisterwerk dieser Anderswelt ist le grand Sud. Der »Tiefe Süden« beginnt in Tuléar in einem riesigen, nur von schlecht befahrbaren Pisten erschlossenen Gebiet. Eine Halbwüste, in der Trinkwasser so kostbar ist, dass die Leute es wie einen Schatz hüten – in hohlen Baobabs! Trotz seltener Niederschläge quillt der Süden über von vegetabilen Seltsamkeiten. Sie tragen Namen wie Aloe, Euphorbia, Pachypodium, Didiera. Hermann Petignat, ein aus dem Jura stammender Botaniker, der sich vor 40 Jahren im Busch vor Tuléar niederließ, inventarisierte all diese Pflanzen und siedelte sie, ordentlich beschriftet, vor seiner Haustür an. Die übrige Zeit investierte er in die Herstellung von Ziegenkäse. Wenige Monate vor seinem Tod im Februar 2000 führte mich Petignat durch sein Arboretum. »Mein Garten ist das Museum einer besonderen Schöpfung«, sagte er. »Die Flora des madagassischen Südens ist zu 95 Prozent einzigartig.« Schon aus diesem Grunde kann diese Region keiner anderen auf unserem Planeten ähneln.

Bei den Seenomaden

Bis zum Fischerdorf Anakao sind es von Tuléar mit der Motorpiroge gut zwei Stunden. Oft begleiten fliegende Fische die Fahrt entlang der einsamen Küste. Bis das Boot eine weite Bucht erreicht, die ein vorgelagertes Riff und eine von Ahnengeistern bewohnte Insel gegen Sturmfluten schützen. Anakao – eine breite Front auf den Strand gepflanzter Hütten – ist die größte Niederlassung der Vezo. Einst Seenomaden, leben sie auch heute nur vom Meer. Dem riesigen Land hinter in ihren Hütten schenken sie keinen Blick. Bei Ebbe sammeln Frauen Algen und Seeigel, bei Flut kreuzen die Auslegerboote der Fischer vor der Küste, die viereckigen Segel wie Bettlaken zwischen Himmel und Wasser gespannt. Wenn sie nicht im Wasser beschäftigt sind, kümmern sich die Vezo um ihre Ahnen, bringen Opfer für die Genesung ihrer Kranken, konsultieren Geister.

Vermittler zwischen Himmel und Erde

Anakao verkörpert eine tiefere Wahrheit Madagaskars. Obwohl längst zum Christentum bekehrt, glauben Madagassen seit Ewigkeiten vor allem eines: Zanahary, der Schöpfergott, ist zwar unfehlbar, aber es ist hoffnungslos, ihn verstehen zu wollen. Deshalb müssen die Lebenden ständig Rat bei ihren Toten suchen. Nur die Ahnen füllen als Vermittler die Leere zwischen Himmel und Erde. Vertreter der religiösen Reinheit werden nicht müde, den Aberglauben zu beklagen. Dabei ist es doch ihm zu verdanken, dass uns die Insel heute – im besten Sinne des Wortes – so harmlos erscheint. Nie käme hier jemand auf die Idee, in Gottes Namen Kriege zu führen oder seine Nachbarn umzubringen. Wie könnte er denn, da er des Schöpfers Willen gar nicht so richtig deuten kann?

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