Worpswede: Ein Märchenland

Wie in einer Märchenwelt fühlte Paula Becker sich anfangs in Worpswede. Doch bald entdeckte die junge Künstlerin in der Landschaft einen ganz anderen Zauber: Farbflächen, Linien, Licht- und Schattenspiele. Elemente, mit denen sie auf der Leinwand ihr eigenes Bild der Naturkräfte schuf
In diesem Artikel
Sehnsucht nach Paris
Worpswede: Liebe auf den ersten Blick
Flucht aus der Ehe
Eine Landschaft, geschaffen für die Malerin
"Paula hasst das Konventionelle ... "

Sehnsucht nach Paris

"Leben! Leben! Leben!", jubelte die Malerin Paula Becker mit einundzwanzig Jahren in ihr Tagebuch, als sie zum ersten Mal Worpswede besuchte. Mit zweiundzwanzig Jahren korrigierte sie sich leicht: "Hier gibt´s kein Leben, hier ist´s Traum."

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In ihrem Tagebuch schwärmt Paula Modersohn-Becker von den Kanälen mit den "asphaltschwarzen Spiegelungen"

Und wo können Träume wohnen, wenn nicht in Worpswede, Landkreis Osterholz, 9500 Einwohner, "Staatl. anerkanter Erholungsort"? Auf den Wiesen gaukeln Morgennebel. Reetdachhäuser ziehen Schlafmützen über die Augen. Kühe käuen Gras wieder wie Tagesreste. Und "leise träumend murmelt", fand Paula Becker, hier auch "das Wasser".

Sehnsucht nach Paris

Ein Traum aber, entdeckte kurz darauf Sigmund Freud, "ist eine Wunscherfüllung". Und vielleicht war auch Worpswede, der Traum der Paula Becker, nichts als eine wonnige Halluzination, eine Fata Morgana, die Luftspiegelung von etwas Unerreichbarem hinter dem Horizont. Denn was war Paulas "stillster, sehnlichster Wunsch"? Paris. "Paris glüht in der Ferne, leuchtet", schrieb sie aus Worpswede ihrer Tante. Und vielleicht war Worpswede ihr Traum von Paris.

Malerin werden um jeden Preis

In einer Zeit, da noch kaum eine Akademie Frauen aufnahm, hatte Paula Becker – in Dresden geborene Tochter eines Eisenbahnbeamten, der 1888 nach Bremen versetzt worden war – es sich in den Kopf gesetzt, Künstlerin zu werden. Ihre Idole, die Väter der Moderne, regierten in den Galerien an der Seine: Cézanne, Van Gogh, Gauguin. In Worpswede gab es nur Männer mit erdigen Namen wie Mackensen, Modersohn, Overbeck, Vogeler und Hans am Ende – eine Gruppe von Landschaftsmalern, die der Stadt den Rücken gekehrt hatten, um sich hier, wie ihr Dichterfreund Rainer Maria Rilke schrieb, "ernster, einsamer deutscher Arbeit" zu widmen.

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Selbstbildnis frontal, um 1897

Worpswede: Liebe auf den ersten Blick

Dennoch erschien Paula das Dorf im platten Land wie der Olymp – "ein Wunderland, ein Götterland". Im Sommer 1897 sah sie die berühmte Künstlerkolonie zum ersten Mal, auf einem Ausflug mit ihren Eltern: "Versunkene-Glocke-Stimmung!", notierte sie kurz darauf. Und 1898 zog auch sie aus ihren engen Bremer Altstadtgassen nach Worpswede, ging bei Fritz Mackensen in die Lehre, bewunderte und belächelte den Träumer Heinrich Vogeler, verlobte sich mit dem alten, bärtigen Kind Otto Modersohn.

Immer wieder Paris

Und im Mai 1901 heiratete sie ihn und zog zu ihm in das blassgelbe Holzhaus mit den roten Schindeln – in dem noch ein Biedermeierspiegel an das Paar erinnert, der Puttenkronleuchter vom Flohmarkt in Münster und Beethovens Totenmaske –, um mit ihm zu leben und vor allem zu malen. Doch zugleich stieg immer wieder der Gedanke an Paris in ihr auf, "wuchs und ward das Größte unter meinen Kräutern".

Spuren der Traumstadt überall

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Selbstbildnis, um 1907

So ist es ein Wunder und doch erst recht keins, dass Paula auf Anhieb hier "glücklich, glücklich, glücklich" war, wie sie ihren Eltern schrieb. "Die blanken Kanäle, in denen der Himmel blau wiederlachte", auf denen zu Paulas Zeiten die Kinder zur Schule gerudert wurden und die Großeltern in die Kirche – erinnern sie nicht an die schnurgeraden Magistralen, die der Pariser Stadtplanierer Haussmann in Frankreichs Hauptstadt hinterlassen hat? Blitzen nicht die Wasserspiegel wie die Schaufenster der Rue du Faubourg Saint-Honoré? Und wer die Reetdachhöfe ansieht, dem muss auffallen: Hier tragen die Häuser Pelze wie die Damen auf den Champs-Elysées.

... Montmatre und Sacré-Coeur

Der Weyerberg in der Mitte des Dorfes, 55 Meter hoch – war er nicht auch ein Montmartre? Wie der Hügel der Maler und Absinthtrinker steht er seltsam und fremd in der Norddeutschen Tiefebene – und scheint eben darum für den Griff nach den Sternen gemacht. Hier oben erst, in der "reinen harmlosen einfältigen Luft", konnte es gelingen, alle "Krausheiten zu glätten". Wie der Montmartre ist der Weyerberg von einer Kirche gekrönt, 1759 gebaut – mit ihrer Traumlage ein würdiger Doppelgänger der "schönen Kirche Sacré-Coeur, die ernst auf das bunte Paris herabschaut".

Alberne Späße

Kein Wunder, dass hier im August 1899 auch Paula die welsche Frivolität packte: Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Bildhauerin Clara Westhoff, stieg sie auf den Turm, läutete die Glocken – und musste zur Strafe das Gotteshaus dekorieren: Clara mit kleinen Gipsputten an der Empore, Paula mit lieblich gemalten Winden, Tulpen, Sonnenblumen und Mohn.

Flucht aus der Ehe

Natürlich konnte Paula auf Dauer nicht widerstehen, den Traum mit dem Geträumten zu vergleichen. An Neujahr 1900 brach sie zu ihrer ersten Parisreise auf, dann noch einmal 1903, 1905, 1906; studierte in Privatakademien, verbrachte Tage im Louvre. Immer wieder betrog sie das vertraute Dorf mit der leichtsinnigen Schönen an der Seine – Otto Modersohn, der zarte, weiche Mann, der nichts verstand, gab das Geld für ihre Reisen. Er gab sich alle Mühe, doch Paula wollte die Freiheit. "Es ist meine Erfahrung, dass die Ehe nicht glücklicher macht", stellte sie fest. "Gieb mich frei, Otto", schrieb sie 1906 an ihren Gatten. "Ich mag Dich nicht zum Manne haben. Ich mag es nicht. Ergieb Dich drein. Foltere Dich nicht länger."

Immer wieder kehrte sie heim

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Manchmal gingen ihr in Paris "scheußliche Absynthgerüche" auf die Nerven, "Zwiebelgesichter und eine wüste Sorte von Frauen". Dann sehnte sie sich nach Moorspaziergängen. Bisweilen kamen ihr ihre Pariser Bilder "zu kühl" vor, "zu einsam und leer" – sie brauchte "das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe". Dann verließ sie die Geliebte und kehrte zurück zu ihrer Liebe. "Ich kehre heim", schrieb sie dann. "Mich packt es auf einmal so, dass ich zu euch muss und nach Worpswede."

In Worpswede nur "biedere Vergnügen"

Natürlich war Worpswede kein Pigalle. Der Gipfel der Ausschweifung war der alte Gasthof Welzel, wo die Malerschar donnerstags kegeln ging und heute das "Ristorante da Angelo" Tagliatelle mit Schneckensauce serviert. Das "Künstlerzimmer", wo sich die Modersohns, Vogelers, Overbecks und am Endes trafen, prunkt noch mit den dunklen Holztäfelungen und gekerbten Jugendstilstühlen, mit denen Heinrich Vogeler einst das frugale Ambiente aufmöbelte. An den Wänden feuern mittlerweile Agitprop-Radierungen aus Vogelers Kommunistenzeit den Appetit an: "Hunger", ist da zu lesen, oder: "Gebt bedingungslos!"

Ernste Menschen überall

Auch Heinrich Vogelers Barkenhoff, der weiße Palast mit den geschwungenen Giebeln, wo sonntagnachmittags die Großstadt-Exilanten in gediegener Stimmung Hausmusik trieben, Gedichte vortrugen und letzte Dinge besprachen, war kein Moulin Rouge. Hier versammelte sich die "stille Gemeinde", in der Paula sich wiederfand, ernste Männer und Damen in Weiß.

Ein bleiches Paradies

Hier traf sie Vogelers bedeutende Gäste: die Schriftsteller Gerhart und Carl Hauptmann, den Dichter Rainer Maria Rilke, "zart und sensitiv, mit kleinen rührenden Händen", der ihr dereinst ihre Freundin Clara rauben – und wohin entführen sollte? Nach Paris. In der "Großen Kunstschau" hängt Vogelers Gemälde "Sommerabend auf dem Barkenhoff", auf dem die Kunstjünger musizieren oder schmerzvoll-sinnend ins Leere schauen: ein müdes, bleiches Paradies, dessen Tor ein Windhund bewacht – kein Champagnerrausch.

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Heinrich Vogeler, "Sommerabend", 1905. Ganz links: Paula Modersohn-Becker

Eine Landschaft, geschaffen für die Malerin

Doch liefert den wahren Exzess nicht die Natur? Im Teufelsmoor, gleich vor der Haustür ("schönes braunes Moor, köstliches Braun") – fanden sich nicht hier jene Sümpfe, in denen die wohlige Haltlosigkeit der Pariser Bohème sich ahnen ließ? Wer von Spredding aus dem Hamberger Damm in die Wildnis folgt, sieht kopflose Birkenstämme im schwarzen Wasser, sieht Grasbüschel, die sich zu Debattierzirkeln gruppieren.

Wollgrass schlägt Schaum

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Birkenallee, 1897

Moosgrüne, streuselige Placken treiben wurzellos umher, Torfstrünke erheben sich grasgekrönt über die nasse Szene, Wollgras schlägt Schaum, und die Luft hallt vom Plappern der Vögel. Über die heidekrautgehärteten Wege zucken die leuchtend blauen Striche der Libellen. Paulas geliebter Fingerhut, ihr Symbol für fremde, geheimnisvolle Kräfte, leuchtet im Gestrüpp. Und überall flimmert Wasser durch die Stämme, sättigt den Blick.

Kubismus in Reinform

Es müssen die großen Flächen gewesen sein, die starken, groben Stücke Landschaft, die der jungen Paula Modersohn-Becker den Schritt in eine fast pariserische Moderne erlaubten. Geometrien à la Cézanne, aus denen sie ihre frühen Worpsweder Bilder baute, ergaben sich hier fast von allein. Die Gegend war selbst schon kubistisch, wie mit dem Lineal gezogen, zusätzlich begradigt durch die Taten des "Moorkommissars" Jürgen Christian Findorff, der hier im 18. Jahrhundert die Sümpfe austrocknete, mit Gräben und Kanälen rasterte und lang gezogene Straßendörfer anlegte, die im Luftbild aussehen wie Reißverschlüsse.

"Die unglaublich grünen Hammewiesen"

Die hämmernden Perspektiven der Birkenalleen, der Heustraßen auf den Feldern. Die Schilfmeere am Deich von Waakhausen. Die schnurgeraden Moorklinkerdämme, gesäumt von Lupinen, über denen Hummeln stehen und Wolken von Kohlweißlingen. Das Breite Wasser, zu Paulas Zeiten ein Binnendelta zwischen Hamme und Beek, flach im Grün wie ein Scherenschnitt von Matisse. "Die unglaublich grünen Hammewiesen", die Paula bebend durchstreifte: Gepresst brüllen abends die Kühe, wie um die Klarheit der Landschaft nicht zu zerstören.

Gekräuselte Wasserfelder, raues Gras, wuchtige Flächen

Mit ihrer Freundin Clara Westhoff stakte sie im Kahn flussaufwärts. "Wir pflückten gelbe Schwertlilien, schwammen, fühlten uns selig in dem nassen Element und steckten uns gelbe Wasserrosen ins Haar." Der Blick geht über gekräuselte Wasserfelder, unter denen ruhige Wellen wehen. Folgt den langen, flachen Kähnen mit den braunen Segeln, die heute nicht mehr Torf nach Bremen schleppen, sondern heitere Naturfreunde zum Hafen von Osterholz-Scharmbeck. Lässt sich vom rauen, schilfigen Gras kitzeln, das gebeugt, aber starr im Wind steht – gefurcht wie von Paulas Pinselstiel, mit dem sie die frische Farbe ihrer Bilder "kraus" und "krieselig" kratzte, um sie zum Vibrieren zu bringen: Während die männlichen Kollegen treu ihre markigen Bauern malten, löste Paula die Umrisse auf, plättete Formen zu wuchtigen Flächen.

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Moorkanal, um 1900

"Paula hasst das Konventionelle ... "

Schon bald hatten sie und ihr Lehrer Mackensen die Geduld miteinander verloren, reichte einem verstörten Bremer Kritiker zur Beschreibung ihrer "unqualificirbaren Leistungen" der "Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus". Musste auch Otto, ihr Mann, in seinem Tagebuch tadeln: "Paula hasst das Konventionelle und fällt nun in den Fehler, alles lieber eckig, hässlich, bizarr, hölzern zu machen." Dann aber erkannte er in ihr die "echte Künstlerin, wie es wenige gibt in der Welt" – um zu schließen: "Keiner kennt sie, keiner schätzt sie. Das wird einmal anders werden." Zweifelnd und trotzig malte sie weiter: in zehn Jahren 560 Gemälde und Ölskizzen, rund 1500 Zeichnungen, hoffnungslos kühn. Während das Gros ihrer zeitgenössischen Kollegen sich noch bei wilhelminischer Salonmalerei ausruhte, wollte sie bereits "den Impressionismus besiegen, indem ich ihn zu vergessen suchte".

Die Natur als Gesellschaft

Alte Armenhäuslerin im Garten sitzend, um 1905

Keiner kannte sie, keiner schätzte sie: Doch über der Landschaft stand das Schwarzblau und Schiefergrau der Wolken – die Farben der Dächer von Paris. Und der Sand auf den Wegen am Semkenfahrtkanal ersetzte das bleiche Pastellgelb der Pariser Fassaden. Denn es gab damals nicht viele Häuser in Paulas Worpswede. Es gab auch keine Menschenmengen, wie sie dem Gare du Nord oder dem Gare de Lyon entströmten. Doch es gab Bäume, die ebenso gut waren wie Messieurs und Mesdames: Es gab Kiefern, "meine Männer – so denke ich mir eine Idealkünstlergestalt". Es gab Birken "in ihrer Nacktheit", die "zarten, schlanken Jungfrauen, die das Auge erfreuen". Es gab Weiden, die Greise "mit den silbrigen Bärten": "Ich habe Gesellschaft genug", befand Paula, "meine ganz eigene Gesellschaft, wir verstehen uns gegenseitig sehr gut und nicken uns oft liebe Antwort zu."

"... viel kleine Malweiblein"

Schon früh ahnte Paula, dass ihr Worpswede entwischte: "Viel leichtes Gelichter, viel kleine Malweiblein haben ihren Einzug auf unserem Berg gehalten." Doch vielleicht war das erst der Anfang der Traumerfüllung. Die Künstlerdarsteller, wie Paula sie in Paris sah und "im ganzen ein wenig wunderlich" fand ("Eigentlich vernünftig wie bei uns zu Hause sieht kein einziger aus") – sie sind seit langem Teil des Worpsweder Inventars, sitzen barfuß und mit Wollmützen beim späten Frühstück am Barkenhoff ihre Stipendien ab oder schreiten den Hemberg hinauf, Grau im Bart und wilde Flecken in Grundfarben auf der Hose. "Na, wie is denn", rufen sie den Ladenbesitzern zu.

Und fand Ruh' in Worpswede

Als Paula wieder einmal in Paris malte, reiste Otto Modersohn, der sie weiterhin beharrlich liebte, hinterher. Im März 1907 wusste sie, dass sie schwanger war. Mit Otto kehrte sie zurück nach Worpswede, und am 2. November brachte sie die kleine Mathilde zur Welt: eine Zangengeburt. Kurz darauf starb Paula an einer Lungenembolie, mit 31 Jahren. Auf ihrem Grabmal hinter der Kirche, modelliert von ihrem Künstlerfreund Bernhard Hoetger, sitzt das Kind wie ein unbeteiligter Buddha im Schneidersitz auf dem Schoß einer edel dahingerafften Frau.

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Nach Paulas Tod zog Otto Modersohn nach Fischerhude - und schuf hier einige seiner schönsten Landschaftsgemälde

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