Frankreich: Collioure

Rostrote Felsen, üppige Weinberge, das leuchtende Blau der Côte Vermeille - in Collioure fand Henri Matisse Inspiration für seine farbenprächtigen Werke. An den Ausläufern der Pyrenäen gelegen, lockt das Hafenstädtchen auch mit seinem berühmten Wein
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Anbaugebiet des Banyuls

Im Sommer 1905 entstieg Henri Matisse in Collioure einem Zug und mietete sich in einer Kaschemme beim Bahnhof ein. In den heißen Wochen nach seiner Ankunft änderte der Maler seinen Stil radikal. Der "Blick auf Collioure" zeigt die mit brachialem Schwung auf die Leinwand gesetzte Pfarrkirche Notre-Dame des Anges. Beim "Faubourg de Collioure" schlagen die Farben der Boote aneinander. Für konservative Betrachter, also fast alle, waren diese Werke ein Skandal. Die Kritiker belegten Matisse und seine Mitstreiter wie André Derain, der ebenfalls mit der Staffelei nach Collioure gereist war, mit dem abfällig gemeinten Namen "Fauves" - Wilde.

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Burg und Kirche prägen das Panorama: Notre-Dame des Anges und Château Royal

Collioure hat sich kaum verändert

Am Ufer beweist der "Chemin du Fauvisme", dass das Hafenstädtchen noch immer so aussieht wie vor 100 Jahren, als die Kunstrebellen kamen. Zwanzig Reproduktionen von Matisse- und Derain-Gemälden säumen Altstadt und Strände, die Motive hat man auch heute kaum verändert vor Augen: das "Château Royal" und die lachsrote Dächerlandschaft, den Uferpfad in der spritzenden Gischt und die Flaneure, die sich ins Trockene retten.

Die Burg Gottes

Am Ende der Plage Boramar steht Notre-Dame des Anges mit dem Turm im Wasser, so als ob die kleine Burg Gottes gleich ablegen wolle. Ein Kranz kleiner Badebuchten schmiegt sich um das Altstadtquartier Le Mouré, im Hinterland ragen die Pyrenäen auf. Das Ganze ist eine Explosion der Farben: Rot, Orange, Grün, Violett, Gelb. Darüber der Himmel, sehr blau: die Wiege des Fauvismus".

Anbaugebiet des Banyuls

Von der Route des Crêtes ziehen sich aus knapp 600 Meter Höhe Weinberge bis vor das Ortsschild. In Collioure wird seit Jahrhunderten der natursüße Banyuls gekeltert. Die Weine mit dem Schwarzkirscharoma sind das Markenzeichen der Côte Vermeille - aber die Leute greifen immer seltener zu den Flaschen. Bertrand Follet, der uns für das "Maison de la Vigne et du Vin" durch den Weinberg führt, nennt die Gründe: "Man trinkt zum Aperitif lieber Champagner als einen vin doux naturel."

Außerdem leide der Banyuls unter den strengen Vorschriften für Autofahrer: "Er hat halt 15 Prozent Alkohol. Und ohnehin geht der Trend zu trockenen Weinen." Das halbe Dutzend Winzer im Ort hat daraus gelernt. Man keltert zusehends kräftige, hitzegeprägte Rotweine der AOC Collioure und heimst dafür auf Fachmessen und in Weinmagazinen viel Lob ein.

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Die Weinberge oberhalb von Collioure

Die Winzer arbeiten ohne Maschinen

Ein halsbrecherischer Pfad führt durch die Steillagen unterhalb der Ermitage Notre-Dame de la Consolation. Schiefermäuerchen halten die Terrassen am Hang. "Ein babylonischer Weinberg", scherzt Bertrand in Anspielung auf die hängenden Gärten der Semiramis. 1991 hat der Kleinwinzer das "Haus des Weinbergs und des Weins" mitbegründet. Ein Jahr später wurde die "Route des Vins" aus der Taufe gehoben. An der Knochenarbeit in den Reben hat sich nichts geändert. Wegen des Gefälles können keine Maschinen eingesetzt werden. An die 50 Kilo wiegt die mit Trauben gefüllte Kiepe, die man bei der Lese auf dem Rücken nach unten schleppt.

Ein letzter Rundblick ...

Wir lassen die Blicke über das abstrakte Muster der Terrassen in die Tiefe wandern. Ganz unten in der Bucht, gerahmt vom Grün der Reben und dem Blau des Wassers, leuchtet Collioure. Rot. Gelb. Violett. Wie Matisse es gesehen hat.

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GEO Nr. 05/97
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