Russland: Der Goldene Ring

Der Fotograf Wolfgang Volz fuhr mit dem Auto von Düsseldorf bis in die Region "Goldener Ring" nahe Moskau. Dort fand er ein nostalgisches Russland mit alten Holzhäusern, Klöstern und reizenden Kirchen. Mit Fotogalerie

GEO-SAISON: Welche Idee steckte hinter Ihrer Reise?

Wolfgang Volz: Im Russischen Museum in Sankt Petersburg wird es demnächst eine Fotoausstellung von mir geben. Nachdem der Kurator meine Bildauswahl gesehen hatte, äußerte er den Wunsch, ich möge doch Sichten aus Russland hinzuzufügen. Auf der Suche nach einem geeigneten Thema schwärmte er mir vom Goldenen Ring mit seinen Klöstern und Kastellen vor, nordöstlich von Moskau gelegen. Der Vorschlag gefiel mir.

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Wolfgang Volz zählt seit Jahrzehnten zu den profiliertesten deutschen Fotografen

GEO-SAISON: Leicht haben Sie sich die Anreise nicht gemacht...

Wolfgang Volz: Stimmt. Viele Kollegen rieten mir, in Moskau einen Wagen mit Fahrer und Dolmetscher zu mieten. Doch das wäre zu sehr das übliche Vorgehen gewesen. Stattdessen kauften meine Frau und ich uns einen unscheinbaren Gebrauchtwagen, verstauten Schlafsäcke und Proviant darin und fuhren los. Direkt hier von unserem Hinterhof in Düsseldorf.

GEO-SAISON: So beginnen Touren doch eigentlich nur in Amerika...

Wolfgang Volz: Dort habe ich viele dieser Art gemacht. Solch eine Fahrt wollte ich auch einmal innerhalb Europas unternehmen. In Amerika sind 3500 Kilometer keine ungewöhnliche Distanz. In Europa schon. Normalerweise fährt man nicht mit dem Auto nach Moskau.

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Der Fluss Kamenka, im Hintergund der Kreml von Suzdal

GEO-SAISON: Von wo an hatten Sie das Gefühl, dem europäischen Osten näher zu kommen? Wolfgang Volz: Polen wirkt, von der Autobahn aus

betrachtet, noch ganz vertraut. Man glaubt sich in Frankreich, da an der Strecke überall riesige Supermärkte mit französischen Namen stehen. Die erste Berührung mit dem realen Osten hatten wir an der weißrussischen Grenze, bei Terespol. Da gab es eigentlich nur eine kurze Schlange, dreißig Autos vielleicht. In ihr war Bewegung - aber nur vorne, ein richtiges Aufrücken fand nicht statt. Es stellte sich heraus, dass irgendwelche Schieber das Vorwärtskommen bestimmten - gegen Bezahlung. Ich war schon drauf und dran, das Spiel mitzumachen, da kam eine polnische Polizeistreife und schrieb die Nummernschilder der Autos in ihrer Reihenfolge auf. Diese Liste gaben sie dann den Weißrussen, und zumindest für ein paar Stunden ging alles hübsch der Reihe nach.

GEO-SAISON: Hätten Sie andere Bilder gemacht, wenn Sie geflogen wären? Wolfgang Volz: Das ist anzunehmen. Ich wäre bestimmt in einem anderen Gemütszustand, mit einem anderen Bewusstsein angekommen. Die ganze Einstimmung hätte gefehlt

GEO-SAISON: Erzählen Sie vom Goldenen Ring. Wolfgang Volz: Wie gesagt, der Mittelpunkt befindet sich etwa 250 Kilometer nordöstlich von Moskau. Im Umkreis liegen viele Städte und Klöster, in denen das traditionelle, das zaristische Russland seinen Ursprung hat. Ihre Blütezeit erlebte die Region vom 12. bis zum 17. Jahrhundert. Die Stadt Wladimir etwa war lange vor Moskau die Hauptstadt der russischen Lande. Wir hielten uns dort gut zehn Tage auf und hatten

das Gefühl, mehrere Jahrhunderte zurückzureisen. In ein vorsowjetisches Russland mit alten Holzhäusern und Dorfbrunnen, trutzigen Klöstern und reizenden Kirchlein.

GEO-SAISON: Woher rührte der einstige Reichtum? Wolfgang Volz: Hier kreuzten sich mehrere große Handelsstraßen, bedeutende Flüsse durchziehen das Gebiet, darunter die Wolga. Hinzu kam, dass in dem riesigen Reich diese Region unkompliziert zu besiedeln war. Zur touristischen Attraktion wurde der Ring erst in den siebziger Jahren - in der Blüte der gottlosen Sowjetunion. Das Regime spürte dennoch, wie tief das Volk mit seiner Religion und ihren Bauwerken verbunden war. Und natürlich erkannte man auch, dass diese kulturellen Reichtümer touristisch zu nutzen waren. Deshalb wurden auch die großen Kolchosen und Industriestandorte fern der Klöster aufgebaut.

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Panorama des Sergij-Dreifaltigkeits-Klosters in Sergijew Possad

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Die Wolga bei Uglitsch

GEO-SAISON: Vor zwanzig Jahren war ich dort einmal mit "Intourist". Eine triste Angelegenheit: Die Dörfer wirkten verwaist, in den Kirchen traf man nur alte Menschen, die Fremdenführer spulten teilnahmslos ihre Litanei herunter. Was hat sich geändert?

Wolfgang Volz: Die Religion erlebt eine Renaissance; die Kirchen wurden nach dem Ende der Sowjetzeit schnell renoviert. Wir erlebten gut besuchte Gottesdienste, auch mit jungen Leuten. Den orthodoxen Ritus fand ich beeindruckend, die Inbrunst, mit der die Menschen beten, singen und die Ikonen küssen, hat mich sehr bewegt.

GEO-SAISON: Auch im Westen kennt man diese Sehnsucht nach slawischer Mystik, sucht man auch noch heute, vielleicht klischeehaft, "das tiefe, das eigentliche, das immer überlebende Russland", wie etwa Rilke es beschwor. Sollen Ihre Bilder diese Emotion vermitteln?

Wolfgang Volz: Meine Fotos mögen Projektionen des unerschütterlichen, des ewigen Russ-lands sein. Das Imaginäre, vermittelt durch russische Literatur, Malerei und historische Ereignisse, spielt bei den eigenen Vorstellungen eine große Rolle; erstaunlich aber, wie sehr sich diese Bilder im Kopf vor Ort widerspiegeln.

GEO-SAISON: Wie haben Sie die russisch-orthodoxe

Architektur empfunden? Wolfgang Volz: Weit weniger als bei anderen Religionen handelt es sich dabei um Macht- und Prachtarchitektur. Die Kirchen haben ein menschliches Maß und einen fast häuslichen Charakter. Bei den erhöht liegenden, von Mauern umschlossenen Klöstern wird überdies deutlich, dass sie immer auch Fluchtburgen darstellten: vor Feinden, vor den Naturgewalten, aber auch im spirituellen Sinne.

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Kirche am Fluss Kamenka ins Suzdal

GEO-SAISON: Wie golden ist der Goldene Ring? Wolfgang Volz: Erstaunlich golden, innen wie außen. Dennoch wird das nicht protzig zur Schau gestellt, sondern als ein weihevolles Element eingesetzt. Gold und Silber sind ja im Gegensatz zu allen

anderen Farben reflektierend. Und Licht, Erleuchtung, Religion - das hing immer eng zusammen. Bei den Zwiebelkuppeln kommt noch die Signalwirkung hinzu, man sieht diese "Leuchttürme" von weitem, obwohl sie nicht sonderlich hoch sind. Die Standorte wurden sichtlich mit Bedacht und Gespür für ihre Wirkung ausgewählt.

Ideal für die von Ihnen benutzte Panoramakamera.

In dieser Weite bot sich die gewählte Optik an. Ich habe mich bewusst für dieses »altertümliche« Verfahren entschieden: die dazugehörigen Rollfilme haben nur vier Bilder, damit heißt es sparsam umzugehen. Meine Bilder entstehen primär im Kopf, dann im Sucher, und erst, wenn alles übereinstimmt, drücke ich ab. Ich wehre mich gegen den Trend, der sich durch die digitale Fotografie noch verstärkt hat, erst einmal ein Bild zu machen und dann darüber nachzudenken.

GEO-SAISON: Sie arbeiten seit 1971 als Fotograf mit den Künstlern Christo & Jeanne-Claude zusammen. Wie sehr haben die zwei Ihre Sehweise geprägt?

Wolfgang Volz: Die Art und Weise, wie die beiden Landschaften wahrnehmen, begreifen und mit künstlerischen Mitteln für eine kurze Zeit verändern, haben mich natürlich beeinflusst – und ich sie mit meiner fotografischen Sichtweise. Seit über dreißig Jahren ist das Phänomen "Sehen" unser gemeinsames Thema. In der Theorie und in der Praxis.

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Jakob-Kloster in Rostow Weliki

GEO-SAISON: Würden Sie und Ihre Frau diese Reise noch einmal machen?

Wolfgang Volz: Ja. Aber statt durch Weißrussland würden wir durch die jetzt zur EU gehörenden baltischen Staaten fahren.

Wolfgang Volz

Der 1948 im Oberschwäbischen geborene Volz zählt seit Jahrzehnten zu den profiliertesten deutschen Fotografen. Die komplexe und schwierige Arbeit von Wissenschaftlern dem Laien optisch verständlich zu machen ist die eine große Leidenschaft von Volz. Die andere: die Veränderung von Landschaften durch den Eingriff von Menschen mit der Kamera festzuhalten. Die enge Kooperation mit dem Künstlergespann Christo und Jeanne-Claude, deren Aktionen er seit 1971 dokumentiert und als Projekt-Direktor mitgestaltet, ist dabei ein Schwerpunkt.

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