Taipei 101: Der höchste Wolkenkratzer der Welt

Wie ein gigantischer Bambus ragt der Büroturm mit seinen 508 Metern über Taiwans Hauptstadt Taipeh - in einem Gebiet, das ständig von Erdbeben und Wirbelstürmen bedroht ist
In diesem Artikel
Fast täglich Erdbeben
Arbeitsplatz für 10 000 Angestellte
Die Bauherren drängten nach oben
"Megasäulen" tragen die Hauptlast

Fast täglich Erdbeben

Die Kugel wiegt 660 Tonnen und ist aus 41 flachen, scharfkantigen Scheiben montiert. Sie hängt an 16 oberarmdicken Stahltrossen, eingepfercht in ein mehrstöckiges Balustradenrund. Die Kugel ist ein riesiges Pendel. Aber noch rührt sie sich nicht. Hier oben zwischen dem 92. und 87. Stockwerk von "Taipei 101" wirkt die Kugel riesig. Doch im Vergleich zur Größe jenes Giganten, den sie aufrecht halten soll, ist sie verblüffend klein: 508 Meter weit ragt Taipei 101 aus der Betonsilhouette der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh in die Höhe - ein jadegrün verglaster, bambusförmiger Turm, benannt nach seinem Standort und der Anzahl seiner Stockwerke. Zusammen mit der 60 Meter langen Spitze ist er das höchste Haus, das jemals gebaut worden ist.

Fast täglich Erdbeben

Die Kugel soll den Turm vor extremen Schwankungen bewahren. Denn noch nie ist ein Wolkenkratzer an einem Ort errichtet worden, an dem die Naturgewalten so harsch und häufig wüten wie auf Taiwan. Unter der tabakblattförmigen Insel im Südchinesischen Meer schieben sich die Philippinische und Eurasische Kontinentalplatte übereinander. Fast täglich erzittert hier der Boden. Eines der schlimmsten Erdbeben liegt erst fünf Jahre zurück. Tausende Menschen starben. Nur 200 Meter entfernt von Taipei 101 verläuft eine tektonische Bruchlinie. Und jährlich fegen drei bis vier tropische Wirbelstürme mit bis zu 250 km/h über die Pazifikinsel hinweg.

Die Spitze schwankt um 1,30 MeterTaipei 101 - ein verrücktes Projekt größenwahnsinniger Bauherren? Was kann eine Kugel mit einem Durchmesser von 5,50 Metern gegen derartige Stürme und Erschütterungen ausrichten? Die Statiker sagen: Sie wird gegenpendeln, Energie absorbieren und das Gebäude ausbalancieren, wenn es ins Wanken gerät. Seine Spitze werde dadurch nur noch halb so weit ausscheren. Bei einem starken Taifun wären das immerhin noch 1,30 Meter. Aber das würde der Turm dank seines steifen Gerüsts ohne Probleme verkraften. Er könne sogar dem stärksten Erdbeben standhalten, das Taiwan in den letzten 2500 Jahren heimgesucht hat. Bloß ob die Berechnungen der Konstrukteure in der Praxis wirklich aufgehen werden, kann niemand mit Gewissheit sagen.

Einweihung im Dezember 2004

Verläuft der Innenausbau nach Plan, wird der höchste Wolkenkratzer der Welt nach sechsjähriger Bauzeit im Dezember 2004 eingeweiht werden. Die Kugel soll dann goldfarben glänzen. Hinter den Balustraden werden auf zwei Stockwerken Panorama-Restaurants liegen - für die Sicht über Taipeh und nach innen mit Blick auf den Goldball. Dann sollen sich auch die rund 200000 Quadratmeter Bürofläche mit Beschäftigten von Banken und Versicherungen füllen - so zumindest plant es der Bauherr, ein Konsortium aus 14 taiwanesischen Großunternehmen.

Arbeitsplatz für 10 000 Angestellte

Tag für Tag soll der Turm das Ziel von mehr als 10 000 Angestellten werden. Niemand von ihnen wird länger als 30 Sekunden auf den Lift warten müssen. Dafür sind 63 kapselförmige Aufzüge im Gebäudekern installiert worden. Darunter 34 doppelstöckige Lifte sowie die schnellsten Fahrstühle der Welt, die mit 17 Metern pro Sekunde in den Schächten unterwegs sein werden. Und nach Feierabend werden die Menschen nicht gleich zu der unterirdischen Garage mit 1839 Autoparkplätzen und 2990 Stellplätzen für Motorroller strömen müssen: In der klimatisierten Welt hinter der grünen Glasfassade wird es Bars geben, ein Dutzend Restaurants, ein doppelstöckiges Fitnesszentrum mit Pool und Nachtclub, eine riesige Shopping-Mall, Supermärkte und vielleicht auch ein Hotel.

Rekordverdächtige Baukosten

Umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro hat Taipei 101 gekostet. Das meiste Geld ist für die Technologie ausgegeben worden, durch die der Rekordturm so sicher werden soll wie kein anderer Wolkenkratzer dieser Welt. Allein die 120000 Quadratmeter messende Außenhaut aus Aluminium, Stahl und unverspiegeltem Isolierglas ist 95 Millionen Euro wert. Sie muss gut doppelt so viel aushalten können wie normale Fassaden. Das heißt: Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala und einen Winddruck von 1,4 Tonnen pro Quadratmeter. Mit einer erdstoßsimulierenden Hydraulikanlage und einem 2200-PS-Flugzeugmotor, der orkanartige Winde erzeugte, ist die Fassade vor dem Einbau auf ihre Bruchsicherheit getestet worden. Zudem wurden alle vier Kanten des Turms w-förmig eingekerbt, um die Kraft des Windes, der sich beschleunigt, wenn er um die Ecken fegt, zu dämpfen.

Nach dem 11. September 2001 wurde das Sicherheitskonzept überarbeitet

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - der Bau von Taipei 101 war da bereits dreieinhalb Jahre in Gang - haben die Ingenieure das Sicherheitskonzept für das Bauwerk noch einmal grundlegend überdacht. Denn die Flugzeugattacke auf das World Trade Center in New York hatte gezeigt, dass Brände einem Hochhaus mindestens ebenso gefährlich werden können wie Stürme und Erdbeben. Inzwischen sind deshalb alle Pfeiler und Stahlträger in Taipei 101 mit einem feuerfesten Spezialschaum besprüht. Im Gebäude wird Löschwasser gespeichert, das dem Inhalt von zweieinhalb olympischen Schwimmbecken entspricht. Damit es bei einer Katastrophe nicht zu lebensgefährlichen Staus in den Treppenhäusern kommt, wurden auf jeder achten Etage autarke Evakuierungszonen eingerichtet.

Der Architekt gibt sich bescheiden

Nur wenige Straßen von Taipei 101 entfernt bewachen zwei weiße Löwen aus Stein den Eingang eines tempelförmigen Kastens, der wirkt, als sei er aus übergroßen granitfarbenen Legosteinen zusammengesetzt. Im achten Stock liegt das weitläufige Architekturbüro C. Y. Lee & Partners. Hier hat sich Chung Ping Wang das Design des höchsten Hochhauses der Welt ausgedacht. Der kleine Herr mit der Tropfenbrille, der ein Seidenhemd mit chinesischem Stehkragen trägt, springt auf und tritt vor ein paar Miniatur-Modelle, aufgereiht an einer schwarzen Wand. Darunter einer der ersten Entwürfe, aus denen sich später Taipei 101 entwickeln sollte: Ein nur 66-stöckiges Bürohaus, flankiert von zwei flacheren Gebäuden. Wäre es nach Wang gegangen, wäre hier gar kein Haus der Superlative gewachsen. Das sagt Wang jedenfalls und muss selbst schmunzeln über diesen Satz.

Die Bauherren drängten nach oben

Was aber war dann der Grund für den Weg nach oben? Die Bauherren, sagt der Architekt. Sie hätten darauf gedrungen, aus den ursprünglich drei geplanten Gebäuden ein einziges zu machen. Das neue Modell wuchs und wuchs. Auf zunächst über 88 Stockwerke. Aber einem Mann sei auch das nicht hoch genug gewesen: Chen Shui-bian, heute Präsident von Taiwan, damals noch Bürgermeister von Taipeh. Er habe sich ein Monument für die Insel in den Kopf gesetzt, egal wie teuer. Pyramiden, Stachel, schnörkellose Pilaster, vertikale Ziehharmonikas und aufschießende Raketen hatte Wang mit seinen Kollegen entworfen. Am Ende aber sollte es der überdimensionierte Bambus sein, mit acht sich nach oben hin öffnenden Modulen auf einem pyramidenförmigen Sockel, an dem als Ornamente vier riesige Münzen kleben und wolkenförmige Glückssymbole.

Für gutes Chi ist gesorgt

Um sicher zu gehen, dass in den Räumen von Taipei 101 die Lebenskraft, das Chi, ungestört fließen kann, haben die Bauherren den bekanntesten Fengshui-Meister Taiwans konsultiert, erzählt Wang. Der Mann hatte dafür zu sorgen, dass die Türen im Wolkenkratzer an den richtigen Stellen sind, dass Materialien und Farben stimmen und der Turm im harmonischen Einklang mit seiner Umgebung steht. Denn niemand würde auf Taiwan in Häuser ziehen wollen, in denen Regeln wie diese außer Acht gelassen werden, sagt Wang. Als Bauwerk, das sich wichtig machen wolle, haben Architekten aus dem Ausland Taipei 101 bezeichnet. Er sei bloß ein "klobiger Wunderkaktus", "eine High-Tech-dekorierte Primadonna". Wang kennt die Vorwürfe. Und lacht darüber. "Wir Taiwaner mögen spielerische Elemente an Gebäuden", sagt er. Schließlich habe er, sagt Wang, den internationalen Einheitsstil brechen wollen - mit einem Hochhaus, dem man ansehen soll, in welchem Land, in welcher Kultur es steht.

Auf Ackerland entsteht ein Bankenviertel Noch vor wenigen Jahren ackerten Bauern auf den Reisfeldern zwischen den Bambushainen im Stadtteil Hsinyi. Bei gutem Wetter konnten sie ringsum auf die farnbewachsenen Vulkanhügel blicken, die das Tal von Taipeh einkesseln. Anfang der 1980er Jahre aber beschlossen die Stadtplaner, Hsinyi in ein imposantes Finanzviertel zu verwandeln. Auf dem Ackerland von einst hielt die Moderne Einzug: In atemraubender Geschwindigkeit schossen verspiegelte Bürokomplexe, unterkühlte Shopping-Malls und Luxuswohnhäuser in die Höhe. Und es wurde jener jadegrüne Turm geplant, der alles überragen sollte. Im Januar 1998 beginnen Bagger auf einer Brache von der Größe eines Straßenblocks auf rund 30000 Quadratmetern eine Grube auszuheben. Von Anfang an ist klar: Die Baustelle wird alle Beteiligten vor ungewöhnliche Herausforderungen stellen.

Solides Fundament

Schon allein der Untergrund ist problematisch. Das schlammige Schwemmland ist keine gute Basis für einen Koloss wie Taipei 101. Erst in 40 bis 60 Meter Tiefe finden sich tragfähige Felsformationen. Für ein möglichst sicheres Fundament müssen 557 je anderthalb Meter dicke und bis zu 80 Meter lange Betonpfeiler in den Untergrund gerammt werden. Auf die Pfeiler wird eine Platte aus 9000 Tonnen Stahl und 26000 Kubikmetern Beton gesetzt. Ab Juli 1999 wächst aus der 28 Meter tiefen Baugrube das Gerüst des Hochhauses empor. Die Stahlteile für den Turm werden im Süden der Insel hergestellt und nachts mit Lastwagen zur Baustelle in Taipeh transportiert. Alle 20 Tage sollen vier neue Stockwerke fertig werden. Das Problem: Die gigantischen Bausegmente können aus Platzgründen nicht am Rohbau zwischengelagert werden und müssen deshalb immer genau zum richtigen Zeitpunkt der Montage eintreffen.

"Megasäulen" tragen die Hauptlast

Dabei benötigt man die größten Segmente für die acht Riesensäulen des Turms: drei Meter lang, 2,40 Meter breit. Sie werden - zwei an jeder Seite - die Hauptlast von Taipei 101 tragen. Jene "Megasäulen", wie die Statiker sie nennen, bestehen aus 80 Millimeter dicken Stahlwänden und werden bis in den 62. Stock mit extrem dichtem Hochleistungsbeton voll gepumpt, um das Gebäude auszusteifen. Auf jedem achten Stockwerk sind die Megasäulen außerdem mit einem Kern aus weiteren 16 Säulen verstrebt - zwischen denen sich später die Fahrstuhlschächte befinden werden. Wenn die bis zu 90 Tonnen schweren Einzelteile an der Baustelle ankommen, müssen sie von einem der vier speziell für den Turm angefertigten Kletterkräne an ihre Einbauposition gehievt werden. Fest am Stahlgerüst im Inneren verschraubt, wachsen diese Kräne zusammen mit dem Wolkenkratzer Stockwerk für Stockwerk empor.

Arbeit in Schwindel erregender Höhe

Sechs Bauaufzüge an der Außenwand bringen Werkzeug und kleinere Bauelemente nach oben. Sie transportieren aber auch Kompanien von Arbeitern: Monteure, Ingenieure, Betonwerker, Techniker und Schweißer - täglich bis zu 2000 Menschen aus 50 verschiedenen Nationen. Die meisten von ihnen kommen aus Taiwan und Thailand. Sie arbeiten wie Hochseilakrobaten auf schmalen Eisensprossen und Leitern in Schwindel erregenden Höhen. Einige, wie die Japaner, bereiten sich morgens mit Frühgymnastik in der Tiefgarage vor. Das Dehnen und Hüpfen soll ihre Körper geschmeidig machen. Die Männer schweißen, hämmern und schrauben auf einer ständig bebenden Baustelle - kleinere Erschütterungen gehören zum Arbeitsalltag. Und selbst an normalen Tagen pfeift Wind durch die Stockwerke und wabern Wolken ins Innere des Stahlgerippes. Im Sommer klatscht den Bauarbeitern fast täglich warmer Monsunregen ins Gesicht.

Tödlicher Unfall

Das schlechte Wetter und die Beben halten den Bau immer wieder auf - der Zeitplan gerät um mehr als zwei Jahre in Verzug. Und eines der Beben endet mit einem tragischen Unfall. Gerade einmal 30 Sekunden dauern die Erschütterungen am 31. März 2002 - dafür sind sie umso heftiger. Der Rohbau ist knapp bis zur Hälfte hochgezogen. In über 250 Meter Höhe sitzen die Kranführer in ihren Kanzeln und rangieren Material, als gegen 15 Uhr der Turm wankt und ächzt. Ein Erdbeben der Stärke 6,8 erschüttert Taipeh. Es reißt zwei der Kräne aus ihren Verankerungen. Sie stürzen in die Tiefe, zusammen mit Fassadenteilen und Stahlplatten. Autos werden zerquetscht. Fünf Menschen sterben, darunter ein Taxifahrer, die beiden Kranführer sowie ein Elektriker, der Kabelarbeiten am Turm ausgeführt hat. Es gibt mehrere Verletzte. Nicht nur die Bewohner Taipehs sind entsetzt.

Richtfest im Sommer 2003

Nach einer Inspektion der Baustelle heißt es, alle Beschädigungen am Podiumdach und an den zwei Megasäulen seien durch die Kräne verursacht worden. Der Turm selbst habe dem Erdbeben standgehalten. Der Baustopp dauert drei Monate. Im Juli 2003, fast anderthalb Jahre später, wird Richtfest gefeiert. Mit einer hydraulischen Winde wird die stählerne Spitze aus dem 96. Stock 38 Meter nach oben gehievt. Seit diesem Tag gilt Taipei 101 als der höchste Wolkenkratzer der Welt. Denn er ist nun 56 Meter höher als die Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur, die bis dahin die Rekordmarke setzten.

Die nächsten Angriffe auf die Rekordmarke

Unterdessen wächst in der Skyline von Shanghai ein noch ehrgeizigeres Projekt in die Höhe: das World Financial Center, an dessen Spitze sich ein gigantisches Windloch befinden wird. Kurz vor der Einweihung von Taipei 101, heißt es, hätten die Architekten auf dem chinesischen Festland ihre Pläne geändert: Das Shanghai World Financial Center solle höher werden als ursprünglich vorgesehen. Gemunkelt wird, dass es Taipei 101 bereits im Jahr 2007 überragen wird, wenn auch nur um wenige Meter. Wie viele genau, will niemand verraten. Und auch in Dubai ist ein Koloss angekündigt, dessen Höhe sogar zwischen 560 und 600 Metern liegen soll. Der taiwanesische Präsident gibt sich gelassen und voll Zuversicht: "Taipei 101", so glaubt er, "wird uns trotzdem an die Spitze der Welt führen."

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GEO Nr. 05/97
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