Radtour: Die Ortenau

Die winzige Region im Südwesten Deutschlands - ideal für Radler, die vor allem genusssüchtig sind: Zwischen den Hügeln des Schwarzwalds und den Tälern der Rheinauen finden sich hervorragende Wirtshäuser, Weingüter und Schnapsbrennereien
In diesem Artikel
1. Etappe: Offenburg Durbach Gebirg Durbach Offenburg
Ins Herz der Ortenau
Schnapsrunde im Rebland
Vom Schwarzen Wald in die Strausse

1. Etappe: Offenburg Durbach Gebirg Durbach Offenburg

Wir erkennen schnell, dass unsere Fahrradtour durch die Ortenau eher eine weinselige denn eine schweißtreibende Angelegenheit werden wird. Und zwar schon in Durbach, kaum zehn Kilometer von unserem Ausgangspunkt Offenburg entfernt. Die hiesige Winzergenossenschaft feiert ihr 75-jähriges Bestehen, und bereits am frühen Nachmittag ist die Stimmung herrlich ausgelassen. Die Menschen drängen sich an den Ständen und Buden im Hof der Genossenschaft, testen hier einen Spätburgunder, da einen Riesling, verspeisen Hechtklößchen mit Zitronenreis. Dazu gibt’s strahlenden Sonnenschein.

"a goanz vornehmes Tröpfche"

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Die Ortenau in ihrer vollen Pracht - hier Waldulm, ein Ortsteil von Kappelrodeck

Wir wollen nur kurz Rast machen. Doch dann stellt ein freundlicher Herr in blauer Winzerschürze einen Krug "2000er Durbacher Steinberg Klingelberger Spätlese trocken" vor uns auf den Tisch und sagt: "Den müssens probiere, ’s isch a goanz vornehmes Tröpfche." Noch bevor wir ihm unser Lob über den Wein aussprechen können, bringt der Mann einen zweiten Krug. Wir wehren ab. Die Ortenau, so heißt es, stelle nicht nur für Gourmets und Weinliebhaber eine Verlockung dar, sondern auch für Radfahrer. Wir haben zwei erstklassige Mountainbikes ausgeliehen. Die wollen wir nicht jetzt schon angeheitert schieben. Das wäre ja so, als würde ein Radrennfahrer sofort nach dem Prolog der Tour de France in den Besenwagen steigen.

Italienisches Klima, französische Genussfreude

Vier Tage wollen wir in diesem beschaulichen Landstrich Baden- Württembergs - die Ortenau ist gerade einmal 30 Kilometer breit, 60 Kilometer lang -zwischen Rhein und Schwarzwald unterwegs sein. Doch schon nach kurzer Zeit zeigt sich die landschaftliche Größe der kleinen Ortenau: die sanften Rebhügel, die Rheinebene mit ihren Tabakfeldern und Auenwäldern, die tief eingeschnittenen Schwarzwaldtäler. Die heimische Küche vereint bäuerliche Herzhaftigkeit mit Raffinesse, das Klima lässt an Oberitalien denken, und in der Ortenauer Lebensart ergänzen sich die Charaktereigenschaften der Staaten des Dreiländerecks - hier wird deutsche Gründlichkeit mit französischer Genussfreude und schweizerischer Handwerkskunst kombiniert.

Rollend zurück zum Weinfest

Für diesen überschaubaren Kosmos ist das Rad das perfekte Fortbewegungsmittel. Allerdings überdenken wir nach einer Stunde Fahrt bergauf durch Fachwerkgässchen und Streuobstwiesen unseren Plan, gleich am ersten Tag auf den fast 900 Meter hohen Mooskopf zu fahren. Und weil wir bei allem sportlichen Spaß gleichzeitig doch auch genusssüchtig sind, streichen wir den Anstieg kurzerhand aus unserem Tourenplan und rollen auf schmalen Straßen nach Durbach zurück, wo wir uns erneut den Freuden des Weinfestes hingeben.

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Die Ortenau hat etwa 1700 Sonnenstunden im Jahr

Ins Herz der Ortenau

2. Etappe: Offenburg, Fessenbach, Ortenberg, Zell-Weierbach, Rammersweier, Offenburg

Der Morgen beginnt wundersamerweise ohne Kater. Im Restaurant "Beck" der Offenburger "Sonne", einem der ältesten Hotels Deutschlands, bestellen wir ein großes Frühstück. "Flüchtig die Gäste, standhaft das Haus, ich bin das Feste im Zeitengebraus", verkündet eine Inschrift im Flur. Sowohl die feudalen Empire- und Barockzimmer als auch die dunkel vertäfelte Stube des Hotels strahlen diese behagliche Beständigkeit aus. Draußen vor der Tür ist Markttag. Palmen, Oleander und eine Sonne, die hier schon im Frühjahr so warm scheint wie anderswo im Hochsommer, lassen uns an einen italienischen Marktflecken denken.

Jeder Ort hat seine Spezialität

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Von der Terrasse der "Alm-Strauße" in Ortenberg hat man eine herrliche Sicht auf die Weinberge

Das Zentrum der Stadt haben wir schnell verlassen, die Stadtgrenzen jedoch noch lange nicht. Offenburg, der Mittelpunkt der Ortenau, scheint vor allem aus Vororten zu bestehen. Rammersweier, Fessenbach und Zell-Weierbach etwa waren einst selbstständige Gemeinden. Noch heute haben fast alle eine eigene Winzergenossenschaft, jede mit ihrer eigenen Stärke bei bestimmten Rebsorten: Die Zell-Weierbacher sind für ihren feinen, trockenen Spätburgunder Rotwein bekannt, die Fessenbacher für ihren nuancenreichen Riesling.

Vielzahl von Trachten, Dialekten und Kulinaria

Wir strampeln nach Ortenberg, der einzigen eigenständigen Randgemeinde. Ihr Bürgermeister wehrte sich während der Gebietsreform in den 1970er Jahren so beharrlich gegen die Eingemeindung, dass die Kommune schließlich von ihrem Vorhaben abließ. Als "knorrige Querdenker" hat ein Lokaljournalist die Ortenberger einmal bezeichnet. Heimatforscher leiten den Namen des gesamten Landstrichs von Schloss Ortenberg ab. Der in der Ortenau herrschende Regionalismus erinnert an die Kleinstaaterei früherer Jahre: Kinzigtäler, Renchtäler, Oberkircher - sie alle pflegen ihre Mundart, ihre Trachten, vermarkten ihre Weine und Kulinaria. In rund zwanzig Herrschaftsgebiete war diese Gegend einst zerfallen. Erst Napoleon fügte das zersplitterte Land ab 1803 zum Großherzogtum Baden zusammen.

Das Weingut "Freiherr von und zu Franckenstein"

Auf dem "Ortenauer Weinpfad" radeln wir durch die Rebhügel der Gemarkung Fröschlach hinauf zu Hubert Doll, der das Weingut "Freiherr von und zu Franckenstein" betreibt. Nach seinem Weinbaustudium im Schwäbischen hatte sich der heute 57-Jährige, der sich nach seiner badischen Heimat sehnte, auf eine Anzeige als Gutsverwalter beworben. Später übernahm Doll das Haus und die Weinberge als Pächter, zusammen mit seiner Frau Lioba, einer Durbacher Winzertochter. Die beiden sind für ihre Experimentierfreude bekannt. Sie gehörten zu den ersten Winzern, die sich dem süßen Nachkriegsgeschmack widersetzten. Bereits Ende der siebziger Jahre bauten sie ihren Grauburgunder trocken aus, und heute spielen sie eine Vorreiterrolle in Sachen Chardonnay.

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Das "Rebhäusle" der Winzer Lioba und Hubert Doll

Grauburgunder mit frischem Holzofenbrot

"Diese Sorte war in Deutschland lange nicht zugelassen, dabei gedeiht sie hier hervorragend", sagt Doll. Am Tisch vor seinem "Rebhäusle", einem ehemaligen Gerätehaus der Lesehelfer, entkorkt er seinen meistprämierten Wein, den Grauburgunder Spätlese trocken. Dazu bringt seine Frau Schinken, Blutwurst, Renchtäler Rahmkäse und einen Korb mit frischem Holzofenbrot. Langsam geht die Sonne unter, in der Ferne sehen wir das Straßburger Münster, unten im Dorf intoniert eine Blaskapelle "Großer Gott, wir loben Dich". Dann zieht die Nacht am Berg herauf. Durch kühlen Wiesengrund schieben wir die Räder ins Tal.

Schnapsrunde im Rebland

3. Etappe: Offenburg, Zusenhofen, Mösbach, Waldulm, Kappelrodeck

An den Ausläufern des Schwarzwalds entlang führt uns der Weg nach Nordosten, durch sympathische Bauerndörfer und schattigen Laubwald. Hier ist Grimmelshausenland, hier hat der Fabulierer und Satiriker, Autor des berühmten Romans "Simplicissimus" und Erschaffer der "Mutter Courage", gelebt und die Weinwirtschaft "Zum silbernen Stern" in Gaisbach betrieben, die heute noch besteht. An den Hängen wachsen Obstbäume, deren Früchte sich in Schwarzwälder Kirschtorte und Obstbränden wiederfinden.

Das Brennrecht verfällt nach zehn Jahren

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Idyllisches Plätzchen in Oberkirch

Eng beieinander stehen Wohnhaus und Scheune auf dem Hof von Schnapsbrenner und Winzer Peter Lamm in Waldulm. 1996 hat der ehemalige Kellermeister den Hof von seinem Vater gepachtet, mitsamt der wichtigsten Einnahmequelle - dem Brennrecht. Seit Jahrhunderten ist es in Baden überwiegend an den Hof gebunden und verfällt, sobald es zehn Jahre lang nicht genutzt wird. So sollen die Bauern zur Pflege der Streuobstwiesen angehalten werden. Zudem erleichtert diese Regelung dem Staat die Kontrolle darüber, was wo und wie gebrannt wird.

"Kirsch für die schweren Stunden"

Aus Lamms Scheune dringt der schwere, säuerliche Geruch von Maische. Seine Frau und er hantieren am glänzenden Kessel, befüllen und etikettieren Flaschen. 300 Liter reinen Alkohol dürfen sie pro Jahr produzieren, das macht mehrere hundert Flaschen Williamsbirne, Mirabelle, Kirsch, Zwetschge und Trester. Wir probieren, wollen erst Trester kaufen, dann Zwetschge, können uns nicht einigen und nehmen schließlich den Kirsch, im Badischen auch "Griesewässerle" genannt, Griese ist die mundartliche Kirsche. Die Regel für den Obstler lautet: "Mirabell für die leichten Stunden, Kirsch für die schweren".

Alle Hoffnungen ruhen auf "Hex vom Dasenstein"

Privatweingüter wie das der Lamms sind selten geworden in der Ortenau. Nach dem Ersten Weltkrieg brachten Inflation, Schädlingsbefall, Mangel an Düngemitteln und Schwierigkeiten bei der Vermarktung die Winzer dazu, sich in Genossenschaften zusammenzuschließen. Im Nachbarort Kappelrodeck produzieren heute alle 275 Winzer für die Genossenschaft "Hex vom Dasenstein". Ihr Wohl und Weh hängt jetzt von den Künsten ihres Kellermeisters und dem Verkaufstalent des Geschäftsführers ab.

Etiketten von Tomi Ungerer

Wie jenem des Herrn Decker, der gerade einmal 31 Jahre alt ist. Vor fünf Jahren trat Decker als Erneuerer an. Im Verkaufsraum plätschert ein Springbrunnen, der Perlwein heißt "Hexecco", die Etiketten für 3000 Flaschen roten Spätburgunder hat Tomi Ungerer gestaltet, und inzwischen kann man die Weine mit der Hexe fast überall in Deutschland kaufen. "Man mag uns schräg finden", sagt Decker, "aber man muss anerkennen, dass wir zu den wenigen gehören, die schwarze Zahlen schreiben."

Vom Schwarzen Wald in die Strausse

4. Etappe: Kappelrodeck, Allerheiligen, Oppenau, Zell am Harmersbach, Gengenbach, Offenburg und ein "Schlussspurt" hinunter in die Rheinebene.

Dies soll unsere Königsetappe werden: hinauf in den Schwarzwald. Hinter Kappelrodeck verändert die Landschaft ihren Charakter. Es gibt kaum noch Rebstöcke, immer mehr Apfelbäume, dann hoch gewachsene Tannen. Statt sanfter Hügel ragen stattliche Berge vor uns auf. Am Ende nützt selbst der kleinste Gang unserer Räder nicht mehr. Wir schieben. Nass geschwitzt und schwer atmend erreichen wir den fast 1000 Meter hohen Ruhestein.

Viel Schwarzwaldeinsamkeit

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Die Ortenau ist reich an Obstbeständen: Hier werden gerade Holunderbeeren gezupft

Anschließend sausen wir über die Landstraße hinunter Richtung Oppenau. Hinter den Wasserfällen bei Allerheiligen und dem Weiler Lierbach biegen wir in einen schmalen Wirtschaftsweg ein, der sich in engen Kehren ins Tal windet, vorbei an alten Einsiedlerhöfen mit tief heruntergezogenen Dächern, an Kleewiesen und dunklen Waldstücken. Zur Ortenau gehören nicht nur geschäftige Winzergemeinden, herausgeputzte Dörfer und die puppenstubenhafte Behaglichkeit der Fachwerkstädtchen, sondern auch viel Schwarzwaldeinsamkeit.

Kulisse für einen Heimatfilm

Kurze Zeit später sind wir wieder von anheimelnder Architektur umgeben. Die ehemalige Reichsstadt Gengenbach scheint für die Dreharbeiten eines Heimatfilms hergerichtet worden zu sein: gewundene Gassen, blitzsaubere Fassaden, Balkone mit Geranien. Doch nichts ist Kulisse, alles ist echt. Und in dunkel getäfelten Wirtshausstuben drängen sich hungrige Besucher um schwere Eichentische. Wir spurten weiter nach Ortenberg, essen dort in der "Alm-Strauße", einer nur einige Monate im Jahr geöffneten Straußenwirtschaft. Es gibt "Brägele", die badischen Bratkartoffeln, mit sauer eingelegtem Elsässer Wurstsalat. Später rollen wir hinunter zur Rheinebene.

Der Höhepunkt ist die Rheinebene

Von der hatten wir uns gar nicht so viel versprochen. Doch jetzt entpuppt sie sich als Höhepunkt unserer "Tour de Vin". Der Zauber einer beinahe vergessenen Zeit liegt über den Dörfern, in denen alles das rechte Maß hat. In der Mitte stehen die Kirche, das Rat- und das Wirtshaus, umgeben von einem Ring aus schmalen Bauernhäuschen, die nicht mit Kunstklinker verschandelt oder mit Eternit verschalt wurden. Umrahmt von blühenden Gärten, sehen sie immer noch so aus wie vor hundert Jahren.

"Des muss a Geheimtipp bleibe"

In Schweighausen folgen wir der Straße nach Lahr. Im weiteren Verlauf laden Schutterzeller Mühle, Dundenheimer Mühle und Kittersburger Mühle zur Rast. Wir wählen den Kastaniengarten der Kittersburger Mühle. Im Schatten der alten Bäume bestellen wir Flammkuchen und französisches Bier. Das Radler-Paar am Nebentisch lässt es sich ebenso gut ergehen. Wir kommen ins Gespräch, plaudern über die Schönheit unserer Touren. Aus den Feuchtwiesen steigen Fischreiher auf, über den Tabakfeldern dehnt sich der Himmel weit und blau. "Die Rheinebene", sagt der Mann und zwinkert verschwörerisch mit den Augen, "des muss a Geheimtipp bleibe‚ gell?" Wir versprechen es ihm hoch und heilig.

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Gengenbach, ein schönes Ziel im Kinzigtal

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