Forschungs-, Schutz- und Hilfsprojekte: Vorbereitung ist alles

Worauf Sie vorbereitet sein sollten... Wer sich als Freiwilliger in Forschungs-, Schutz- oder Hilfsprojekten engagieren will, muss sich auf besondere Herausforderungen einstellen. Drei Experten geben Auskunft
In diesem Artikel
...wenn Sie an einer Forschungsreise teilnehmen wollen
...wenn Sie in einem Sozialprojekt mitarbeiten wollen
…wenn Sie sich für den Naturschutz engagieren wollen

...wenn Sie an einer Forschungsreise teilnehmen wollen

Auskunft erteilt MATTHIAS HAMMER, Gründer und Leiter von biosphere expeditions, einer Organisation, die Forschungsprojekte im Naturschutz unterstützt

GEO SAISON: Können Laien überhaupt einen sinnvollen Beitrag zur Forschung leisten?

HAMMER: Das Schöne an der Biologie ist, dass es viele Arbeiten gibt, die wie Briefmarkensammeln sind: einfache Tätigkeiten, die jeder nach kurzer Anleitung leicht ausführen kann, die aber gemacht werden müssen und für den Erfolg des Projektes wichtig sind. Einen scharlachroten Ara von einem blau-gelben Ara zu unterscheiden, das schafft jedes Kind. Wir bringen den Leuten bei, wie man mit GPS, Kompass und Karte umgeht, wie man Leopardenspuren erkennt, Wolfslosung von Schafslosung unterscheidet und Daten erfasst. Dann geht es los.

Wie fit muss man sein?

Wir wollen die Projekte so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen. Auch deshalb gibt es bei uns keine Altersbegrenzung nach oben, keine nach unten. Bei manchen Expeditionen hatten wir auch schon Behinderte dabei, etwa einen Rollstuhlfahrer bei der Meerestierforschung. Auf einem Boot geht das.

So ein Delfin-Forschungsboot schwankt doch bestimmt ganz heftig?

Delfine werden von kleinen Booten aus erforscht, da muss man seefest sein.

Und auf den Spuren von Schneeleoparden oder Bären klettert man durch unwegsames Bergland?

Bei ein und demselben Projekt gibt es stets sehr verschiedene Aufgaben. Bei unserer Leoparden-Expedition in Namibia etwa fährt ein Teilnehmer mit dem Auto die Fallen ab, andere sitzen am Wasserloch und schauen, welche Tiere vorbeikommen, wieder andere klettern in den Bergen umher, um Tiere mit Peilsender zu orten. Jeder kann sich aussuchen, was ihm liegt.

Wie hoch ist die Chance, im unwegsamen Altai einen Schneeleoparden zu sehen?

Gering. Aber das schreiben wir den Teilnehmern vorab. Der Alltag eines Forschers ist nun mal so, dass er oft lange irgendwo sitzt und kein Tier vorbeikommt. Natur ist schwer voraussagbar und kontrollierbar.

Sind Sprachkenntnisse erforderlich?

Die Reiseteilnehmer kommen aus fünf, sechs Ländern, vor allem aus Westeuropa und den USA. Englisch ist die verbindende Sprache. Schulenglisch reicht aber aus.

...wenn Sie in einem Sozialprojekt mitarbeiten wollen

Antworten von IRIS WIED, bei viventura zuständig für die Sozialprojekte. Der Berliner Spezialveranstalter für Südamerika-Reisen vermittelt seine Gäste auch an gesellschaftliche Brennpunkte (Armenküchen, Anlaufstellen für Straßenkinder etc.) und will dazu beitragen, soziale Missstände zu mildern

Wie gut muss sich jemand vorbereiten, um als Volunteer in einem Sozialprojekt keinen Schock zu erleben?

WIED: Das Wichtigste sind Neugier und Interesse an der fremden Lebensweise. Außerdem sollte ein Volunteer anpassungsfähig und seelisch stabil sein, denn er begegnet Menschen, die mit Schicksalsschlägen, Krankheiten oder Sucht zu kämpfen haben. Bei vielen Projekten bekommt er außerdem vor Ort nicht immer gezeigt und gesagt, was zu tun ist. Ein Volunteer in diesem Bereich sollten Eigeninitiative zeigen und Ideen einbringen.

All das geht sicher nicht ohne ausreichende Sprachkenntnisse?

Die müssen sogar gut bis sehr gut sein. Wer zum Beispiel mit Straßenkindern arbeiten will, wird niemals Vertrauen zu den Kindern aufbauen können, wenn er sie nicht versteht. Wir wählen die Bewerber in Zusammenarbeit mit den Projektleitern vor Ort aus. Dabei sind Sprachkenntnisse ein wichtiges Kriterium. Allerdings werden die schon früh überprüft: Jeder Interessent füllt für uns eine Online-Bewerbung auf Spanisch oder Portugiesisch aus. Viele Teilnehmer wollen aber auch von sich aus ihre Kenntnisse zuerst in einem Intensivkurs vor Ort verbessern. Wir vermitteln entsprechende Schulen.

Ist es überhaupt sinnvoll, mal eben in ein Sozialprojekt zu springen?

Nein. Deshalb liegt bei uns die Mindestdauer bei vier Wochen. Die Freiwilligen brauchen einfach Zeit, bis sie sich einfi nden. Dass viele am Anfang einen Kulturschock erleben, ist ganz normal. Die Lebensbedingungen der Menschen hier sind doch sehr anders als in Deutschland.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Die Religion spielt in Südamerika eine große Rolle. In vielen Projekten wird zu verschiedenen Anlässen gebetet, zum Beispiel vor den Mahlzeiten. Damit müssen sich manche Freiwillige erst arrangieren.

Es heißt: "Freiwillige reisen als Idealisten ab und kommen als Realisten wieder." Oder auch: "Freiwillige holen mehr heraus, als sie hineinstecken." Soll heißen: Die Erfahrungen wiegen alles Geld und Engagement auf. Ist da was dran?

Das trifft es genau. Man lernt ja nicht nur, sich in einem ganz und gar fremden Land zurechtzufi nden, sondern stellt dort obendrein etwas auf die Beine. Das verändert - und es stärkt.

…wenn Sie sich für den Naturschutz engagieren wollen

Fragen an STEPHEN WEHNER, Geschäftsführer von bergwaldprojekt

Wie anstrengend ist die Arbeit in den Bergwäldern?

WEHNER: Im Hochgebirge anstrengender als im Mittelgebirge, weil man extremere Steigungen zu bewältigen hat. Aber: Wir treiben niemanden an. Es geht doch gerade auch darum, die eigenen Kräfte zu erfahren und selbst einzuteilen.

Es zählt also nicht so sehr, wie viele Bäume die Teilnehmer pflanzen, sondern dass sie überhaupt an dem Projekt teilgenommen haben?

Genau darum geht es uns in erster Linie. Ohnehin sollte den Freiwilligen klar sein, dass wir mit unseren Projekten nicht den Wald retten können. Das zu glauben wäre naiv. Die Waldschäden heute sind weitaus größer als in den achtziger Jahren. Was wir machen, kann nicht mehr bewirken als ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Woran liegt dann der Nutzen?

Uns ist vor allem wichtig, dass die Teilnehmer sich durch praktische Arbeit im Wald selbst verändern, ein anderes Bewusstsein entwickeln. Sie sollen auch anderen von ihren Erfahrungen berichten und Denkanstöße vermitteln. Aber das passiert nur, wenn sie auch mal an ihre Grenzen gehen.

Wie sieht diese Grenzerfahrung aus?

Manchmal regnet es den ganzen Tag, besonders unangenehm ist das im Herbst und im Winter. Doch gerade solche harten Situationen schweißen auch zusammen.

Und die Unterkünfte?

Wir könnten in Jugendheimen übernachten. Aber es geht ja auch darum, sich aus der Zivilisation zurückzuziehen. Deshalb sind die Unterkünfte, in denen wir unsere Teilnehmer einquartieren, meist einfache Forsthütten. Bei vielen Einsätzen duscht man schon mal mit kaltem Wasser aus der Gießkanne. Hinterher, zu Hause, ist die heiße Dusche dann ein wahres Erlebnis. Plötzlich wird klar, was man alles besitzt - und nicht nur, was einem noch fehlt.

Ist auch das Essen naturnah?

Es kommt uns sehr wohl darauf an, den Reiseteilnehmern zu zeigen, dass sie vieles in ihrem eigenen Alltag und im privaten Umfeld verändern können. Wir kaufen nicht bei Aldi, sondern essen vegetarische biologische Vollwertkost. Wir wollen so konsequent ökologisch leben wie möglich. Sogar unser Transportfahrzeug haben wir umbauen lassen: Es fährt jetzt nicht mehr mit Diesel, sondern mit Pflanzenöl.

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