In 80 Sekunden um die Welt

Mit Google Earth Urlaubsziele von zu Hause aus erkunden, mit Google Maps per Mausklick Hotels und Restaurants finden - die Suchmaschine als Marktplatz und Medium für Reisende
In diesem Artikel
Die ganze Welt auf dem Computer
Aus der Vogelperspektive

Die Welt ist eine Scheibe - blau und grün, plattgerechnet für die Darstellung am Computerbildschirm. John Hanke sitzt in einem abgedunkelten Konferenzraum im kalifornischen Mountain View und tippt "Berlin" in die Eingabemaske von Google Earth. Schon dreht sich der digitale Globus, Deutschland kommt näher, schließlich schweben wir über den Dächern der Hauptstadt dahin wie in einem Heißluftballon. Über dem Parkplatz vor dem Roten Rathaus gewinnen wir wieder an Höhe, Potsdam rückt ins Bild, Hamburg, Stockholm, Paris. In 80 Tagen um die Welt? Es dauert keine 80 Sekunden.

Die ganze Welt auf dem Computer

Aber virtuelle Reisende können Stunden damit verbringen, ferne Länder zu erkunden. Google Earth mit seinen fotorealistischen Flugsimulationen, die sich aus tausenden von Satellitenbildern zusammensetzen, lässt uns Orte erkunden, die wir vielleicht nie real erleben werden - oder solche auskundschaften, in die der nächste Urlaub führt. "Hier ist ein Foto vom Hotel, für das ich mich interessiere", sagt Hanke. Der Chef der Google-Earth-Abteilung deutet auf seinen Laptop-Monitor: "Da, der Swimmingpool." Er ist nach Los Cristianos weitergeflogen, auf die Kanarischen Inseln, um die neueste Erweiterung des Programms vorzuführen: Dank der tatkräftigen Hilfe seiner Nutzer zeigt Google Earth die Welt nicht mehr nur von oben. Jetzt kann jeder seine Fotos ins Internet stellen und mit dem entsprechenden Ort in der Google-Welt verbinden. Wenn der User über die geeignete Software verfügt, zeigt die ihm sogar das Aufnahmedatum an.

Hanke kann also sicher sein, eine aktuelle Aufnahme seines Hotels zu betrachten. Er flaniert virtuell schon mal an der Playa de las Americas entlang und wirft einen Blick aufs Meer. "Da sind ja Surfer", sagt der kalifornische Manager überrascht. "Ich wusste gar nicht, dass man auf den Kanaren wellenreiten kann." Als Hanke und seine Kollegen vor etwa sieben Jahren damit begannen, einen computeranimierten Weltatlas für die Playstation- Generation zu basteln, waren Landkarten im Internet statisch - kaum anders als Stadtpläne aus Papier, nur eben am Bildschirm generiert. Erst die Kombination aus stärkeren Rechnern und leistungsfähigeren Leitungen machte Dienste wie Google Earth möglich, bei denen enorme Datenmengen transportiert werden. Weil niemand die ganze Welt auf seinen Computer laden will - dafür wäre viel zu viel Festplattenspeicher erforderlich -, holt sich die Software genau die Informationen von Googles Zentralrechnern, die zur Darstellung des abgefragten Weltbilds gebraucht wird. Mehr als 200 Millionen Nutzer halten mit ihren Anfragen eine ganze Halle voller Google-Rechner in Betrieb. Es wird zunehmend mehr Rechenpower benötigt, um Fotos der user zu integrieren oder Artikel aus Wikipedia. Wer zur Golden-Gate-Brücke fliegt, kann erfahren, dass San Franciscos Wahrzeichen 1937 erbaut wurde. Für manche Orte bietet das Programm downloads historischer Ansichten; die Bilder zeigen Paris vor 300 Jahren oder New York anno 1836. Es gibt Restaurantkritiken und seit neuestem sogar Links zu Beiträgen aus den Magazinen der GEOFamilie - Informationen hierzu sind unter www.geo-saison.de/google-earth zu finden.

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Was ist da unten los? Neue Programme bringen uns ganz nah ran

Solche Verknüpfung von Inhalten liegt im Trend: Etliche Onlinedienste ergänzen ihre Seiten um redaktionelle Tipps oder persönliche Erfahrungsberichte, um Hotel- oder Restaurantkritiken. Selbst in Online-Reisebüros wie Expedia kommen immer öfter die Kunden zu Wort - auch auf die Gefahr hin, dass das eine oder andere Angebot schlechte Noten erhält. Denn Besucherzahlen sind die Währung des Internets. Für Google spielt es dabei keine Rolle, ob die mausklickenden Millionen nach Flügen, Hotels oder Mietwagen suchen - solange alle Wege nach Rom über die Google-Rechner in Mountain View führen. John Hanke sieht Google Earth und den Schwesterdienst Google Maps allerdings nicht als Konkurrenz zu herkömmlichen Reiseführern, sondern eher als eine Ergänzung. "Wir wollen lediglich die erste Anlaufstelle sein."

Aus der Vogelperspektive

Experten schätzen, dass 20 bis 25 Prozent des gesamten Online-Reisegeschäfts über Google läuft. Und das funktioniert so: Zu vielen Stichworten können Anbieter werbliche Links kaufen, die dann bei einer Suchanfrage, flankiert vom Wörtchen "Anzeige", erscheinen. Wie viel der Kunde für seine Anzeige zahlt, entscheidet er selbst. Bieten aber mehrere Konkurrenten auf dasselbe Stichwort, steht derjenige ganz oben, der das höchste Gebot abgegeben hat. Branchenkenner schätzen, dass große Reiseanbieter für diese Form der Onlinewerbung pro Monat sechsstellige Beträge ausgeben. Und da in Deutschland fast 85 Prozent aller Suchanfragen über Google laufen, müssen einschlägige Unternehmen fast zwangsläufig beim Marktführer inserieren. Der beteuert zwar, dass die Ergebnisse der Suchmaschine nicht von Anzeigen beeinflusst werden. Trotzdem fällt auf, dass viele Restaurants und Hotels, die bei Google Earth und Maps vorne stehen, bei den Suchergebnissen ebenfalls top sind.

Auch Microsoft will an diesem Geschäft verdienen. Für seinen Dienst "Virtual Earth" lässt der Software-Gigant die Großstädte der Welt von Flugzeugen aus im 45-Grad- Winkel abfotografieren - damit die Straßenansichten noch realistischer wirken. "Unsere User fragten: ,Warum kann man eigentlich keine Fassaden sehen?‘ ", sagt Ziya Genceren, Produktmanager von Microsoft. Per Virtual Earth wird es bald möglich sein, im Computer auf die Straßen fremder Städte hinabzublicken. Wie das aussehen soll, zeigen die Microsoft-Entwickler schon jetzt am Beispiel von Seattle und San Francisco: Man schaut aus etwa 500 Meter Höhe und erkennt jedes einzelne Auto, das an der Mautstation vor der Golden-Gate-Brücke steht. In Seattle sieht man eine Gruppe von Passanten, die vor dem Ur-Starbucks-Café warten. Neben der Vogelperspektive "bird’s eye view" bietet Microsoft auch eine 3-D-Ansicht. Dafür muss eine Software installiert werden, die Darstellung funktioniert nur in Kombination mit dem Microsoft Internet Explorer. Dann aber ist der Blick in eine fremde Stadt sehr realistisch. Genceren schwärmt: "Nur wenn Sie die Blumen tatsächlich riechen und das Meer wirklich rauschen hören wollen, müssen Sie noch hinfahren."

So beeindruckend der Microsoft-Dienst auch ist, Google geht im Straßenkampf einen Schritt weiter und entwickelt für Maps einen Service, der "street view" heißt. Dafür fahren mit Kameras ausgerüstete Autos durch die Städte der Welt. Die so gewonnenen Bilder machen es möglich, wie ein virtueller Passant durch San Francisco oder New York zu schlendern, stehenzubleiben, den Blick in ein Schaufenster zu werfen, in die Auslage zu sehen. Die Qualität der Bilder gleicht der guter Kamera-Handys. Weitere Städte folgen, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ersten virtuellen Stadtführungen angeboten werden.

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