Couchsurfing Couchsurfing: Daheim auf fremden Sofas

In Netzwerken wie couchsurfing.com bieten Mitglieder wildfremden Reisenden das heimische Sofa kostenlos zur Übernachtung an. Wie funktioniert das, welche Leute öffnen die Türen und was kann schiefgehen? Vier Erfahrungsberichte
In diesem Artikel
Quer durch Südamerika
Nudisten-Gastgeber in den USA
Servas: Netzwerk mit Anspruch
Granada:Wiederholung ausgeschlossen

Quer durch Südamerika

Simon Herrmann (27), Unternehmensberater aus München, ist rund drei Wochen mit Couchsurfing durch Südamerika gereist und hatte rund 20 Gäste auf seiner heimischen Couch.

GEO.de: Wo waren Sie schon überall mit Couchsurfing?

Simon Herrmann: In Südamerika, Peru und Bolivien. Insgesamt acht Wochen war ich unterwegs, etwa drei habe ich davon auf Couches verbracht.

Wie haben Sie sich Ihren ersten Gastgeber ausgesucht?

Das war relativ einfach. Couchsurfing hat ein internes Ratingsystem. Sehr beliebte Hosts mit sehr guten Referenzen erscheinen auf der Seite automatisch. Und einer der ersten, der bei der Suche in Lima auf dem Bildschirm erschien, hatte auch noch Deutschkenntnisse und da dachte ich mir: Besser kann es jetzt nicht mehr werden.

Hatten Sie keine Bedenken?

Bedenken hat man in der Tat. Vor allem fragt man sich, wie das wohl funktionieren soll.

Und funktionierte es?

Ja - ziemlich gut. Mein Gastgeber hat mir gleich seinen Haustürschlüssel in die Hand gedrückt. In der Wohnung waren Laptop und Handy, ich hätte alles mögliche klauen können und er sagte nur 'Hier ist ein Bett, ich muss weg, du bist bestimmt müde, schlaf dich erstmal aus.' Da war ich vollkommen von dieser Art des Reisens überzeugt. Am nächsten Tag hat er mir beim Ausarbeiten meines Reiseplanes geholfen und viele praktische Tipps gegeben, die man nicht im Reiseführer findet.

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Simon Herrmann

Hatten Sie mal eine Horrornacht?

Nein, ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Jeder Mensch ist natürlich anders, aber rundum waren alle höflich und freundlich. Das ist eine nette, kleine Szene. Mit einigen der Gastgeber habe ich noch immer Kontakt.

Wer öffnet einem unterwegs die Türen?

Ganz unterschiedlich, aber ich habe hauptsächlich bei Studenten übernachtet. Die Übernachtungsmöglichkeiten können variieren, man schläft auch mal im Studentenwohnheim auf dem Boden, in Bolivien lag ich mal im Hinterhaus auf einer Matratze und in meinem ersten Couchsurfing-Zimmer habe ich im Ex-Kinderzimmer geschlafen mit Mickey-Maus-Bettwäsche. In der Regel ist es so: Wenn die Leute dir einen Schlafplatz anbieten, ist er auch vernünftig.

Warum kamen Sie überhaupt auf die Idee, Couchsurfing zu nutzen?

Ein Schulfreund hatte mir erzählt, dass man ein Land dadurch viel besser kennenlernt. Das kann ich nur unterschreiben. Ich habe durch Couchsurfing erfahren, wie die Leute tatsächlich leben, was sie bewegt. In Hostels trifft man eine Art Backpacker-Community, die aber kaum Kontakte zum Land haben, die über Sehenswürdigkeiten und Bars hinaus gehen. Couchsurfing ist viel persönlicher und intimer.

Mit Geldsparen hat es weniger zu tun?

Richtig. Obwohl natürlich es schon viele machen, um Geld zu sparen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Ich hätte mir die Hostels auch leisten können. Aber wenn ich die Chance hatte, auf der Couch zu "surfen", habe ich das gemacht.

Wie ist es die Seite zu wechseln, also Gastgeber zu sein? Wie suchen Sie sich

die Gäste aus?

Ich suche mir die Leute nach dem Profil aus. Jeder hat dort ein kleines Ranking. Und Leute, die positive Rankings haben, die nehme ich gerne auf. Und Leute, die noch gar keine haben, also ganz neu bei Couchsurfing sind. Denen möchte ich etwas zurückgeben und dass sie ganz am Anfang eine gute Erfahrung machen.

Waren Sie schon mal froh, dass ein Gast wieder abreiste?

Nein, noch gar nicht. Die Leute waren alle großartig. Meine Gäste kamen aus der ganzen Welt, aus den USA, einen Letten hatte ich zu Besuch, der kam gerade aus dem Iran. Ich hatte viele Schauspielstudenten hier aus Berlin, die sich hier beworben hatten.

Haben Sie einen Ratschlag für Leute, die Couchsurfing mal ausprobieren wollen?

Als erstes die Homepage durchlesen. Was ist Couchsurfing, was ist es nicht. Dann unbedingt die Profile der Leute genau angucken und die Bewertungen, die andere Leute, über diesen Menschen geschrieben haben. Wenn es zehn, 20 gute Bewertungen gibt, dann kann es kein schlechter Mensch sein. Das ganze System basiert letztlich auf Vertrauen.

Nudisten-Gastgeber in den USA

Sin To aus Hamburg reiste knapp drei Wochen mit couchsurfing.com durch die USA.

GEO.de: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, per Couchsurfing zu übernachten?

Sin To: Reiner Zufall. Ich bin beim Recherchieren für eine Reise auf die Seite gestoßen.

Hatten Sie gar keine Bedenken?

Doch die hatte ich, ganz klar. Bei der Registrierung war ich anfangs vorsichtig. Erst als ich wusste, wohin ich fahre, habe ich mein Profil abgerundet. Es ist so: Je mehr man von sich erzählt, desto eher findet man auch wirklichen Kontakt vor Ort. Ich habe deshalb relativ viele private Daten von mir preisgegeben, die ich normalerweise nicht ins Netz einstelle.

Wie haben Sie die erste Person ausgesucht, bei der Sie geschlafen haben?

Gar nicht, er mich. Alle, die ich in San Francisco angefragt hatte, hatten keine Zeit. Dann habe ich gepostet, ob mir jemand bei der Hostelsuche suchen könne. Daraufhin meldete sich mein erster Gastgeber mit Tipps und bot an, bei ihm schlafen zu können. Wichtig ist, gerade wenn man als Frau alleine reist, dass man sich anguckt, ob und wie viele Frauen schon bei den Personen übernachtet haben. Wir haben dann etwas gemailt und irgendwann habe ich sein Angebot angenommen.

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Sin To

Und Sie hatten überhaupt keine Angst?

Nein, erstmal nicht. Aber als ich dann klingelte und die Tür aufging stand mein Gastgeber splitterfasernackt vor mir. Er ist Nudist, aber davon war damals in seinem Profil nichts zu lesen. Ich stand dann mit meinem Rucksack in der Tür und war ziemlich erschrocken und wusste nicht, ob ich reingehen wollte oder gleich wieder raus. In der Wohnung war ein Pärchen, das bei ihm übernachtet hatten, und nachdem ich mich mit den Beiden unterhalten hatte, bin ich geblieben. Unbehagen war natürlich dabei, die erste Nacht war auch etwas unruhig. Letztendlich stellte sich heraus: Er war supernett und ein echter Gentleman.

Bei wem haben Sie in den USA noch gewohnt?

Die erste Wohnung bei dem Nudisten war ein Riesenloft, der Typ war Fotograf und etwa 40 Jahre alt. In L.A. hatte ich bei einer Familie mit zwei Kindern gewohnt, in San Diego bei zwei Jungs. Die haben mir gleich den Schlüssel in die Hand gedrückt und haben gesagt 'Fühl dich wie zu Hause'. In New York in einer Studenten-WG. Ich habe die komplette Bandbreite mitgemacht, von supernobel bis zu irgendeiner Matratze auf dem Boden. Witzigerweise bin ich nur von Männern aufgenommen worden.

Das hört sich wie eine Art Partnerbörse an.

Nein, das ist es nicht. Man kann zwar angeben, welches Geschlecht man sich als Übernachtungsgast wünscht. Aber dadurch entsteht keine Partnerbörse. Man ist ja unterwegs, um zu reisen und ist immer nur zwei bis drei Nächte dort.

Warum machen die Leute Couchsurfing?

Geld steht für viele nicht im Vordergrund. Ich glaube es sind Menschen, die keine Zeit oder auch nicht das Geld für weite Reisen haben und sich trotzdem für fremde Kulturen interessieren. Außerdem bietet es die Chance, eine Stadt so kennenzulernen, wie es als normaler Tourist niemals möglich wäre. Man bekommt Insider-Tipps, lernt Ecken kennen, die man nicht betreten würde. Man ist zwar als Tourist dort, wird aber eingebunden.

Gab es eine Horrornacht?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte nur tolle Übernachtungen.

Was würden Sie jemandem raten, der noch nie Couchsurfing gemacht hat?

Eine gute Idee, es auszuprobieren: Einige Mitglieder bieten an, mit Gästen einen Café zu trinken und die Stadt zu zeigen. So kann man schauen, ob es zu einem passt. Man muss schon offen sein - und auf sich selber und auch auf die Auswahl der Gastgeber aufpassen. Wichtig ist immer, dass man sich die Referenzen anschaut. Prinzipiell funktioniert es über eine riesengroße Vertrauensbasis, weder Gast noch Gastgeber möchten, das etwas passiert.

Hatten Sie auch schon selber Gäste?

Ja, zwei thailändische Jungs, die hier ein Praktikum machen wollten. Das war super mit denen. Es war einfach schön, ihnen mal Hamburg zu zeigen.

Servas: Netzwerk mit Anspruch

Thomas Pfaff (49), Journalist, ist seit rund 20 Jahren Mitglied bei Servas – einem der ersten Gastfreundschaftsnetzwerke.

GEO.de: Servas ist vielen Menschen nicht bekannt. Können Sie die Organisation beschreiben?

Servas ist eine internationale Reiseorganisation. Ihr geht es darum, Menschen, die gerne Besuch aus anderen Ländern bekommen mit Leuten zusammenzubringen, die gerne reisen. Das Ganze fing nach dem zweiten Weltkrieg an, als ein amerikanischer Pazifist durch Europa reiste und schockiert war von den Kriegszerstörungen. Er überlegte, wie man so etwas künftig verhindern könnte und hatte die Idee, ein Netzwerk zu gründen. Das war 1949. Die Idee hat sich relativ schnell über die ganze Welt verbreitet, es gibt mittlerweile rund 20 000 Gastgeber bei Servas und eine ganze Menge mehr Reisende in etwa 120 Ländern dieser Welt.

Was ist der Unterschied zu anderen Communities wie couchsurfing.com und hospitalityclub.org?

Servas ist nicht internetbasiert. Wenn man Mitglied werden will, muss man ein persönliches Aufnahmegespräch machen mit Jemandem von Servas. Das ist keine Aufnahmeprüfung, sondern eher ein gegenseitiges Informationsgespräch darüber, was Servas ist. Und soll auch ein bisschen klar zu machen, dass Servas nicht dazu da ist, um billig zu reisen, wie es nach meinen Informationen die beiden anderen Portale in den Vordergrund stellen. Es geht eher darum, Menschen kennenzulernen.

Wie funktioniert Servas, wenn man nicht im Internet nach Gastgebern suchen kann?

Wenn man sich für ein Reiseland entscheidet, meldet man sich bei seinem Regional-Koordinator, der schickt schriftliche Listen. Danach kontaktiert man potentielle Gastgeber.

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Thomas Pfaff

Das hört sich nach einem gehörigen Aufwand an. Ist alles kostenfrei?

In Deutschland ist der Stand: Man zahlt in jedem Jahr, in dem man reisen möchte, 20 Euro für beliebig viele Listen. Und von den Gastgebern wird erwartet, dass man im Jahr etwa zehn Euro Beitrag zahlt, das ist aber keine Pflicht.

Wo waren Sie schon mit Servas?

Außerhalb Europas, USA, Brasilien und in Südafrika. Der große Reiz ist, dass man Menschen vor Ort trifft, die einem viel bessere Tipps geben können, als man sie jemals bekommen könnte. Es ist eine ganz andere Art, ein Land kennenzulernen. Grundsätzlich ist es so, dass man zwei Nächte bleibt. Eine Nacht – so sagt man – ist zu kurz, um sich kennenzulernen, zwei sind ideal. Längerbleiben ist nur möglich, wenn der Gastgeber es von sich aus anbietet.

Haben Mitglieder durch die persönlichen Aufnahmegespräche mehr Sicherheit?

Mag sein. Potentiell erscheint die Gefahr des Missbrauchs bei Servas kleiner. Ein großer Vorteil: Man kann mit Servas auch reisen, wenn man nicht mehr so viel Risiko- und Abenteuerbereitschaft hat wie mit 20 Jahren. Eine Sache, die Servas weiterhin unterscheidet ist der pazifistische Anspruch. Er ist entstanden aus dem Gedanken der Völkerverständigung und wird auch hochgehalten. Friedensarbeit beispielsweise spielt eine Rolle. Die Organisation hat zwar keine gemeinsame Ideologie, aber eine bestimmte Grundsicht der Dinge ist vorhanden. Bei der UNO in New York ist Servas als NGO anerkannt.

Sie sind auch Gastgeber. Wie fühlt es sich an, wildfremde Menschen in seinem Haus zu haben?

Wir sind seit 15 Jahren Gastgeber. Am Anfang ist es ungewohnt, aber wenn man die Situation kennt, hat man wenig Scheu. Oft sind es ja auch Leute, die das nicht das erste Mal machen, und eine Offenheit ist natürlich schon da. Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Oft gibt man schon nach zwei Stunden den Gästen den Haustürschlüssel in die Hand.

Trifft man Sicherheitsvorkehrungen, schließt etwa den Computer weg?

Nein, das mache ich nicht. Und habe auch von Niemandem gehört, der das macht.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Gäste aus?

Ob es zeitlich passt. Wenn wir viel zu tun haben und keine Zeit für die Gäste haben, dann sagen wir ab. Im Jahr kriegen wir etwa fünf Anfragen, und zwei bis drei Mal klappt es. Dadurch bleibt Servas-Besuch auch etwas Besonderes.

Was für Leute haben bislang bei Ihnen übernachtet?

Zum Beispiel eine junge Japanerin, die als Fußballfan während der WM 2006 zu uns kam - und es tatsächlich geschafft hat, Tickets für das Spiel der japanischen Mannschaft zu bekommen. Oder zwei ältere Frauen aus Italien, so Ende 60, sehr munter, sehr nett. Die Mischung ist schön bunt.

Granada:Wiederholung ausgeschlossen

Kathrin Dorscheid (26), Mitarbeiterin bei GEOlino.de, plante einen Couchsurfing-Besuch in Granada, der anders als gedacht ausging.

GEO.de: Wie bist du auf die Idee gekommen, Couchsurfing zu nutzen?

Kathrin Dorscheid: Ich war vorher schon einige Male Gastgeber gewesen. Dann bin ich bin mit zwei Freundinnen durch Andalusien gereist und wollte mal selbst ausprobieren, wie es so ist.

Wie hast du dir deinen ersten Gastgeber herausgesucht?

Das war eher sehr pragmatisch. Es gab einfach nicht viele, die sich in Granada registriert haben. Und dann haben die wenigen oft nicht auf meine Anfragen reagiert. Er war der einzige, der sich überhaupt gemeldet hatte. Seine Bewertungen waren auch okay, er hatte ungefähr fünf positive Einträge. Wir haben dann etwas gemailt und uns auf ein Treffen um neun Uhr abends geeinigt. Dort waren wir dann mit einer Flasche Wein und Schokolade als kleines Dankeschön - nur er war nicht da.

Was habt ihr dann gemacht?

Wir haben ihn angerufen und gefragt, wo er bleibt. Er hat uns vertröstet und gesagt, wir sollen in zwei Stunden wieder kommen. Wir waren hundemüde und wollten einfach nur schlafen, sind dann aber in die nächstbeste Kneipe gegangen und haben gewartet. Nach zwei Stunden war er immer noch nicht da. Wir haben wieder angerufen, dann meinte er, er wäre auf jeden Fall um Mitternacht da. Als er um 0 Uhr immer noch nicht zu Hause war, haben wir uns ein Hostel gesucht. Das war nicht leicht, denn es war ein Feiertags-Wochenende und viele Spanier ebenfalls auf Reisen.

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Kathrin Dorscheid

Hat sich euer Gastgeber noch mal gemeldet?

Ja, leider. Wir hatten aus lauter Höflichkeit eine SMS geschickt, dass wir jetzt woanders übernachten. Daraufhin hat er uns Nachrichten geschickt, in denen er uns vorgeschlagen hat am nächsten Tag bei ihm zu übernachten. Hat sich als toller Liebhaber angeboten, der das Abenteuer liebt und neue Sachen ausprobieren möchte. Das war wirklich unschön. Wir haben uns natürlich nie wieder gemeldet.

Hast du es danach noch mal mit Couchsurfing versucht?

Nein, bislang nicht. Falls ich es aber noch mal probieren würde, würde ich auf jeden Fall darauf achten, dass ich bei einer Frau unterkomme. Und auch nur zu einer, die mindestens 20 positive Bewertungen hat.

www.couchsurfing.com bietet derzeit 681 049 Sofas zur Übernachtung an.

Die weltweite Friedensorganisation Servas will durch persönliche Kontakte unter den Völkern der Erde ein besseres Verständnis schaffen.

Hospitality Club ist ein weiteres Gastfreundschaftsnetzwerk, die meisten Mitglieder findet man hier in Deutschland, den USA und Frankreich, aber auch in Malawi (zwei Mitglieder) und sogar fünf in der Antarktis.

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