Interview: Kapitän aus Leidenschaft

Arild Hårvik ist Kapitän der "Midnatsol", er liebt den Norden. Seine Hobbys? Eisangeln und Boot fahren

Durch sechs Meter hohe Wellen kämpft sich die "Midnatsol" nach Ålesund. Per Bordlautsprecher spricht Kapitän Hårvik zu den Passagieren: "Meine Damen und Herren! Wir fahren über eine offene Passage des Nordatlantiks. Das Schaukeln des Schiffes und die gelegentlichen Schläge großer Wellen gegen den Schiffsrumpf sind völlig normal. Setzen Sie sich hin und genießen Sie die Natur." Ein paar Stunden später gleiten wir durch küstennahe und gewohnt ruhige Gewässer. Die richtige Zeit für ein Gespräch mit dem Kapitän.

GEO Saison: Wegen des Seegangs hatten Sie vorhin keine Zeit für uns. So ein 130-Meter-Schiff steckt voller Hightech. Was kann ein Kapitän da überhaupt tun?

Arild Hårvik: Auch wenn wir viel Technik an Bord haben, kann ich den Kurs so legen, dass wir weniger parallel zu den Wellenkämmen fahren. Das Schiff rollt dann nicht so stark. Das ist für die Passagiere angenehmer.

Die Schiffe fahren auch bei tiefer Dunkelheit durch schmale Passagen voller Felsen. Was machen Sie, wenn die Satellitennavigation ausfällt?

Das gleiche wie seit hundert Jahren: Wir navigieren mit Magnetkompass und Stoppuhr. Jeder Kapitän hat seine Aufzeichnungen, in denen die Eckdaten der Route stehen, mit Skizzen der Küste und der Signale. Ich habe für jeden Tag ein kleines Buch griffbereit.

Im Winter kann das Wetter auch schlecht sein, was machen die Fahrgäste dann?

Es gibt viel zu sehen. Wir fahren 34 Häfen an. Man kann aussteigen und Landausflüge machen. Dann gibt es da noch das Polarlicht – im Norden ein reines Winterphänomen. Die meisten Passagiere wollen nicht mehr machen, als vom Schiff in die Landschaft sehen, lesen, sich erholen.

a89062bbf51968dfb57f3efa0dd19153

Romantiker am Ruder: Kapitän Arild Hårvik auf der Brücke der "Midnatsol"

Mal ehrlich – würden Sie nicht lieber in der Karibik kreuzen?

Ganz bestimmt nicht, dann würde ich woanders wohnen. Kommen Sie mal mit!

Hårvik übergibt das Kommando einem Kollegen und klappt seinen Laptop auf. Er klickt durch seine Fotosammlung: ein einsames rotes Holzhaus an einer windzerzausten Küste. Ein robustes Motorboot an einem Felsenstrand. Schafe, Rentiere. Ein Zelt mitten auf einem zugefrorenen See, daneben ein Schneemobil. Und zwischendrin Sätze, die das Gesehene erklären. Ich arbeite 22 Tage am Stück, danach habe ich 22 Tage frei. Dann bin ich dort, bei meiner Familie. Das ist auf dem 71. Breitengrad, also fast auf Höhe des Nordkaps. Eine 900-Seelen-Gemeinde. Mein Nachbar züchtet Rentiere, aber ich fahre lieber mit dem Boot zum Fischen raus. Manchmal nehme ich auch das Schneemobil und mache mich auf zum Eisangeln. Dann bin ich drei bis vier Tage in einem Zelt auf dem See, mit einem kleinen Ofen und einem Radio. Ich liebe den Norden. Es ist alles so weit dort und so … sauber. Das Wasser … die Luft … der Schnee. Wissen Sie was? Manchmal braucht es zum Glück nicht mehr als Angeln, Essen und Schlafen.

Am Ende des Fjords kommt die Kaimauer von Ålesund in Sicht. Arild Hårvik klappt den Rechner zu und geht zurück zum Steuerstand. Er drückt einen dicken, weißen Knopf. Über die Bucht dröhnt die Schiffsfanfare. Dreimal. Lang, kurz, lang, wie seit mehr als 100 Jahren. Jetzt weiß Ålesund: Dieses Schiff fährt nordwärts. Kapitän Hårvik lächelt. 

GEO Reise-Newsletter