Interview: Reinhold Messner

Reinhold Messner ist kürzlich 65 geworden. Im Gespräch mit GEO.de-Mitarbeiterin Jana Kühle spricht der Bergsteiger über sein Leben als Grenzgänger und Gipfelstürmer, über Gefahren und das gesunde Wandern

GEO.de: Herr Messner, Sie sind zu Fuß durch die Antarktis gegangen, haben die Wüste Gobi durchquert und als erster Mensch alle 14 Achttausender dieser Erde bestiegen. Warum muss es immer die Höchstleistung sein?

Reinhold Messner: Höchstleistung ist der falsche Ausdruck. Meine Extremtouren haben mit Leistung oder Rekorden nichts zu tun. Sie sind vielmehr eine Sache der Erfahrung. Wenn ich an die Ränder der Erde gehe, dorthin, wo der Mensch auf Dauer nicht überlebensfähig ist, dann erfahre ich viel über mich selbst: Wie ticke ich? Wie komme ich mit meinen Partnern zurecht? Wie überlebe ich die große Kälte? Am Ende kamen dabei dann die 14 Achttausender heraus, die als Rekord erscheinen. Aber mir waren die einzelnen Expeditionen, die Besteigung eines Achttausenders zu zweit, die Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffmaske oder die Besteigung des Nanga Parbat im Alleingang, viel wichtiger als die Summe am Ende. Wir Bergsteiger spielen ein ganz eigenes Spiel. Es ist ja nicht notwendig, dass ich auf den Everest steige oder durch die Wüste Gobi laufe - aber es ist möglich. Ich bin im Grunde nur neugierig, ob ich es schaffe oder nicht und werfe mich dabei freiwillig in eine sehr lebensgefährliche Situation. Die Kunst dabei ist es, nicht umzukommen.

Als Gipfelstürmer sind Sie zugleich Grenzgänger. Immer wieder suchen Sie die Ausnahmesituation, wandern auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Warum haben Sie sich so oft freiwillig in Lebensgefahr begeben?

Wir begeben uns immer freiwillig in Lebensgefahr. Wenn ich auf einen großen Berg steige, durch die Wüste Taklamakan marschiere oder mich in die Sahara hineinbegebe, ist es theoretisch immer möglich, dass ich dabei umkomme.

Wo hört dabei der Mut auf, wo beginnt der Übermut?

Ich bin überhaupt nicht mutig. Im Gegenteil. Ich bin ein ängstlicher Mensch und nur deswegen noch am Leben. Die Angst ist die andere Hälfte des Mutes. Meine Angst sagt mir am Beginn jeder Expedition: Bis hierher und nicht weiter. Wir Bergsteiger sind nicht mutig. Wir sind ganz normale Menschen, die allerdings sehr viel Erfahrung haben. Diese Erfahrung hilft uns, in der Wildnis zurechtzukommen. Neugierig wie wir sind, tasten wir uns vor bis zur Grenze des Machbaren. Sobald wir merken, dass ein weiterer Schritt den Schritt in den Tod bedeutet, gehen wir freiwillig zurück.

Mehr als die Hälfte der Spitzenbergsteiger sind am Berg und nicht im Bett gestorben.

Das hängt davon ab, wen Sie zu den Spitzenbergsteigern zählen. Aber Sie haben recht. Von den 50 stärksten Grenzgängern meiner aktiven Zeit als Bergsteiger lebt nicht einmal mehr die Hälfte. Die anderen sind entweder in der Wüste oder am Berg umgekommen. Im Grunde ist das, was wir tun, nicht zu vertreten. Ich kann es nicht verteidigen. Es sind einfach zu viele Menschen dafür gestorben. Die besten Bergsteiger sind die, die die verrücktesten Sachen machen, aber nicht dabei umkommen.

Sie sagten einmal, Sie steigen auf Berge, um nicht verrückt zu werden. Sie attestieren den Bergen also eine therapeutische Wirkung?

Vielleicht, ja. Wobei ich heute weniger auf Berge steige als früher und trotzdem nicht verrückt geworden bin. Das ist ein pathetischer Satz, den ich irgendwann einmal formuliert habe. Ich werde vielmehr verrückt, wenn ich irgendwo in der Zivilisation mit Bürokraten verhandeln muss. Dann überkommt mich das Bedürfnis, aus dieser bürgerlichen Welt auszusteigen und ein anarchisches Leben zu führen. Wenn ich hoch oben auf den Mount Everest steige, gibt es dort keine Gesetze. Wir können links laufen oder rechts laufen, Tee trinken oder Suppe essen. Wir tragen jegliche Verantwortung, aber wir tragen auch die Folgen. In der Zivilisation trägt der Mensch nur einen ganz kleinen Teil der Verantwortung, aber er hat auch keinen Freiraum.

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Bergsteigerlegende Reinhold Messner

Inzwischen kommt es zu regelrechten Massenanstürmen auf den Mount Everest. Die Berge sind konsumierbar geworden.

Wenn heute tausend Leute im Rahmen einer gebuchten Reise parallel auf den Everest steigen, ist das reiner Konsum-Alpinismus. Der Everest wird in eine zivilisierte Welt geholt. Für den Massenaufstieg wird der Berg vorher genauestens präpariert: Man sichert Wege und markiert sie, baut Hütten, legt Sauerstoffdepots an und schickt Hundertschaften von einheimischen Führern hoch, die überall aufpassen. Es schaut mittlerweile nur noch aus, als ob es gefährlich sei. Ich aber mache genau das Gegenteil, indem ich den wahren Gefahrenraum aufsuche. Ich gehe nicht dorthin, wo alles präpariert ist. Ich würde es heute gar nicht mehr schaffen, alleine und ohne Sauerstoffmaske auf den Everest zu steigen. Also reise ich nicht mehr hin. Ich empfände es als die Peinlichkeit schlechthin, mich in eine Gruppe von tausend Leuten einzuklinken, um mich - von zwei Sherpas gezogen und von zwei geschoben - auf den Everest bringen zu lassen. Darauf kann ich gut verzichten.

Immer mehr Menschen zieht es vom Bürosessel in die Berge, um das Wochenende in den Alpen zu verbringen. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Das Wandern, das Trekking und das Spazierengehen im Gebirge werden einen riesigen Boom erleben - gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise. Für das Wandern brauche ich nur ein paar Schuhe, einen Rucksack, eine Regen- oder Windjacke und etwas Nahrung - und schon kann ich mit wenig Geld alles erreichen: Ich kann mich erholen, ich kann die Welt erleben, ich kann mich selber erleben. Außerdem ist das Wandern im Gebirge das Gesündeste, was es gibt - sozusagen eine Gesundheitsprävention fürs Gehirn, für die Muskeln, für den Bewegungsapparat. Von mir aus könnten zehnmal so viele Menschen in die Berge gehen. Es wäre Platz für alle, wenn sie sich gleichmäßig auf die Gebirge dieser Welt verteilen würden und nicht bloß in einige wenige Ballungszentren laufen würden.

Es gibt keinen Achttausender mehr, der nicht bereits von Ihnen erklommen wurde. Sie saßen 5 Jahre lang im Europaparlament, betreiben einen Selbstversorgerbauernhof auf 2000 Metern Höhe, haben unzählige Bücher geschrieben und besitzen ein Bergsteigermuseum. Gibt es überhaupt noch Herausforderungen für Sie?

Natürlich. Die Herausforderungen liegen ja nicht auf der Straße, sondern ich erfinde sie mir. Zurzeit beende ich noch die Arbeit an meinem Bergmuseum, das heute bereits das erfolgreichste Bergmuseum weltweit ist. Wenn ich diese Arbeit im nächsten Jahr abschließe, werde ich mir eine neue Aufgabe suchen. Was das sein wird, weiß ich noch nicht, aber ich werde mir auch diese Aufgabe wieder selber erfinden. Niemand zwingt mich dazu, ein Museum zu eröffnen oder auf den Everest zu steigen. So wird auch die nächste Aufgabe keine sein, die notgedrungen gemacht werden muss, aber die ich tun möchte und von der ich begeistert bin. Das Glück erreiche ich nur dann, wenn ich mich in meine Begeisterung hineinbegebe.

Das Interview führte Jana Kühle

Veranstaltungstipp: Wandern mit Reinhold Messner beim Gipfeltreffen der Bergsteiger-Elite

Vom 3. bis 8. November findet der IMS - der International Mountain Summit - in Brixen/Südtirol statt. Bei dem Gipfeltreffen werden auch die weltbesten Bergsteiger und Kletterer vor Ort sein. Ein ganz besonderes Highlight für alle, die Bergsteigerlegende Reinhold Messner einmal persönlich kennen lernen möchten: Am 6. November können Sie mit ihm zusammen durch das Villnösstal wandern. Wer noch mehr Messner möchte: Am Abend hält er den Vortrag "passion for limits".

Weitere Informationen und Tickets für die Wanderung: www.ims.bz/de/tickethotline.html

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Messners Welt: Ein Bericht
Messners Welt: Ein Bericht
Als Bergsteiger vollbrachte Reinhold Messner Übermenschliches. Eine noch größere Herausforderung aber, so sagt er, waren die vier Museen, die er in Südtirol und Venetien eröffnet hat - Juval, Ortles, Dolomites und Firmian

Er ist der erste Mensch, der auf den Gipfeln aller 14 Achttausender stand. Reinhold Messner, der am 17. September 65 Jahre alt geworden ist, ist eine Bergsteigerlegende. GEOaudio-Mitarbeiterin Jana Kühle hat mit ihm gesprochen. (Länge: 19:48 Min.; 18,1 MB)
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