Interview: Alm statt Ritalin!

Kinder mit Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) brauchen keine Medikamente, sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Sein Therapieansatz: zwei Monate harte Arbeit fernab von Fernsehen und Computer in einer Berghütte auf 2400 Metern

GEO: In Ihrem Testprojekt in Südtirol haben zwölf Jungen in diesem Sommer das Käsemachen gelernt und sich selbst sowie eine Kuh versorgt. Wie sollen sie dadurch in der Schule besser zurechtkommen?

Gerald Hüther: Wenn Kinder viel fernsehen und wenig frei spielen, wenn sie wenig ausprobieren dürfen oder ihnen jede Schwierigkeit aus dem Weg geräumt wird, verzögert sich die Reifung des Frontalhirns. Die dort entstehenden Nervenzellverschaltungen entwickeln sich nur, wenn sie gebraucht werden - um Handlungen verantwortlich zu planen, ihre Folgen abzuschätzen und mit Disziplin und Ausdauer ein Ziel zu erreichen. Genau das ist bei ADHS-Kindern unterentwickelt; sie sind nicht in der Lage, Impulse ausreichend zu kontrollieren.

Als Ursache gelten aber gewöhnlich Störungen im Dopamin-Haushalt.

Das ist kompliziert. Früher dachte man, zu wenig Dopamin wäre die Ursache für ADHS, weil Psychostimulanzien wie auch der Wirkstoff des ADHS-Medikaments Ritalin eine Ausschüttung von Dopamin bewirken. Das tun sie aber nur, wenn man sie spritzt oder schnupft! Gelangen diese Substanzen langsam ins Gehirn - wie es der Fall ist, wenn man sie als Tablette schluckt -, dann wirken sie anders. Statt die Dopaminproduktion zu steigern, hemmen sie die Wiederaufnahme des Botenstoffs in die Nervenenden. So wird das Ausagieren von inneren Impulsen gebremst. Die natürliche Ausschüttung von Dopamin hingegen verstärkt innere Impulse so, dass sie in Handlungen umgesetzt werden. Mithilfe des Frontalhirns, also durch die bewusste Kontrolle, können diese Handlungsimpulse unterdrückt werden.

Was unterscheidet die medikamentöse Hemmung von einer echten Kontrolle der inneren Impulse? Von außen betrachtet, sieht beides aus wie eine erfolgreiche Impulskontrolle: Anstatt die Jacke in die Ecke zu werfen, hängt das Kind sie auf, wenn man es darum bittet. Aber sobald man die Pillen weglässt, ist alles wie vorher. Eine echte Impulskontrolle setzt voraus, dass das Frontalhirn entsprechend gereift ist. Dafür braucht es aber entsprechende Erfahrungen.

Die Befürworter einer medikamentösen Therapie führen an, dass es den Kindern erst durch die Beruhigung möglich ist, in der Schule auch einmal positive Erfahrungen zu machen. Offenbar können sie diese positiven Erfahrungen aber nicht in ihrem Hirn verankern. Dafür braucht das Hirn nämlich auch das Dopaminsystem, und das ist unter Ritalin ja gehemmt. Wenn man das Dopaminsystem mitten in diesem Reifeprozess mit Medikamenten lahmlegt, beraubt man die Kinder der Möglichkeit, komplexe Fähigkeiten wie Selbstdisziplin überhaupt erst zu entwickeln. Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können!

Und das sollen sie nun auf der Alm nachholen? Richtig. Nach allem, was wir in den vergangenen zehn Jahren über die unglaubliche Plastizität des Gehirns gelernt haben, sollte es bei den Jungen durch die Fülle an neuen Erfahrungen zu einer massiven Nachreifung des Frontalhirns kommen. Sie üben aber auch, wie sie sich bei Bedarf entspannen und die Erinnerung an ihren starken Auftritt auf der Alm wachrufen können.

Nach welchen Kriterien beurteilen Sie, ob das Pilotprojekt ein Erfolg ist? Um wissenschaftlich unanfechtbar zu sein, müsste man eine doppelblinde, Placebokontrollierte Studie machen - aber wo gibt es die Placebo-Alm? Wir haben daher als Erfolgskriterium festgelegt, dass die Kinder auch ein Jahr nach dem Almaufenthalt kein Ritalin mehr brauchen und auch sonst kein Therapiebedarf mehr besteht. Schon nach den ersten Tagen auf der Alm brauchten diese Kinder kein Ritalin mehr, und es wurde sichtbar, was alles in diesen Kindern steckt, die man so leichtfertig mit Psychopharmaka ruhigstellt. Ich hoffe sehr, dass Eltern dadurch bestärkt werden, sich künftig mit Händen und Füßen gegen die Pathologisierung ihrer Kinder zu wehren. (Näheres zum Projekt "Via Nova" unter http://www.sinn-Stiftung.eu)

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