Geografie des Glücks: Wo leben die glücklichsten Menschen?

Sind Isländer so gelassen wie Inder? Und warum wirken Thais so zufrieden? Autor Eric Weiner erforschte die Wohlfühlrezepte der Völker und Kulturen. Im Interview erzählt er, was wir fürs Reisen daraus lernen können

Eric Weiner kam im selben Jahr wie der Smiley zur Welt: 1963. Dennoch nennt er sich selbst einen "grumpy man" – einen Miesepeter. Mehr als zehn Jahre lang berichtete er als Korrespondent für das National Public Radio aus über 30 Ländern, meist über Krisen und Katastrophen, Leid und Elend. Dann hatte er genug davon und beschloss, es mit dem Gegenteil zu versuchen und die Gründe von Zuversicht und Gelassenheit zu recherchieren. Daraus wurde das Buch "Geografie des Glücks. Auf der Suche nach den zufriedensten Menschen der Welt". Es machte Weiner mit einem Schlag zu einem Glücksexperten – und zum Bestseller-Autor in Amerika.

Was hat Glücklichsein eigentlich mit Reisen zu tun? Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause und versuchen, in unseren vier Wänden glücklich zu werden?

Eric Weiner: Nun, ich reise schon viele Jahre, und ich mache dabei eine Erfahrung, von der ich vermute, dass viele Menschen sie teilen: Du kannst dein Befinden verändern und deine Stimmung heben, indem du den Ort wechselst. Der amerikanische Schriftsteller Henry Miller hat es wunderbar auf den Punkt gebracht: "Das Reiseziel ist nie ein Ort, sondern eine neue Art, die Dinge zu betrachten."

Und wie erklären Sie, dass bestimmte Orte einen glücklicher machen sollen und andere weniger?

Orte unterscheiden sich nun mal nicht nur durch Klima und Lage, sondern auch durch etwas, das ich "Glückslevel" nennen würde. Warum dies so ist, das wollte ich mit meinem Buch untersuchen.

Wie haben Sie diese glücklicheren Orte und Länder ausgewählt?

Nach wissenschaftlichen Kriterien. Ich fuhr in die Niederlande, zur "World Database of Happiness". Dort haben der – nun emeritierte - Professor Ruut Veenhoven und seine Mitarbeiter jahrzehntelang Daten und Untersuchungen gesammelt, Material über Länder, Umfragen usw. - einfach alles, was man wissenschaftlich zum Thema "Glück" finden kann. So bin ich darauf gekommen, mir zum Beispiel Island vorzunehmen. Oder die Schweiz. Weil dort die Menschen beständig sagen, dass sie überdurchschnittlich glücklich leben.

Island als eines der glücklichsten Länder der Welt – das überrascht schon. Sie schreiben ja selbst: Sechs Monate im Jahr ist es dort dunkel und kalt. Wie kommt es, dass die Isländer sich selbst für so glücklich halten?

Nun, die Forschung kann einfach nur die Menschen selbst fragen: Wie glücklich fühlt ihr euch? Über sein eigenes Glücksempfinden kann man ja nur selbst Auskunft geben. Die Antworten werden in einer Skala von 1 bis 10 erfasst. 1 bedeutet "sehr unglücklich", 10 "sehr glücklich". Psychologen und Soziologen können das dann interpretieren.

Welches Level erreicht Island?

8 bis 9. Damit nimmt Island seit vielen Jahren einen Spitzenplatz ein. Wenn man – wie ich es getan habe – den Isländern dann im Gespräch aber sagt, dass sie in einem der glücklichsten Länder leben, sind sie schon ein wenig überrascht.

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Wo wohnt das Glück?

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Glücksritter Eric Weiner

Was macht die Lebensqualität in Island aus?

Oh, darüber könnten wir stundenlang reden. Die Natur, der Stolz auf die Sprache oder die Tatsache, dass sie dort viel trinken. Aber nicht deswegen sind sie glücklich – sie mögen eben ihren Wodka und das Bier. Ich denke, es geht um Gemeinschaftsgefühl. Man lebt dort tatsächlich wie in einer großen Familie. Wissenschaftler können zeigen, dass in Island jeder mit jedem verwandt ist. Das geht sieben, acht Generationen zurück; sie teilen dieselben Gene. Das spürt man im Alltag, dieses ungeheuer starke Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Ein Gesprächspartner sagte mir: "Hier brauchst du dir keine Sorgen zu machen, dass du in ein schwarzes Loch fallen könntest. So etwas gibt es bei uns nicht. Es ist immer jemand da, der dich auffängt." Island ist auch ein sehr kreatives Land. Das hat damit zu tun, dass die Leute eine sehr gesunde, entspannte Haltung gegenüber dem Scheitern entwickelt haben. Scheitern gehört zum Leben. Wenn du Erfolg hast, neidet es dir keiner, aber wenn du scheiterst, applaudieren dir die Menschen immer noch und ermuntern dich, es aufs Neue zu versuchen. Das wirkt ungeheuer befreiend auf den Geist.

Aber das war vor der Finanzkrise, bevor Island praktisch pleite ging?

Ja, und natürlich fragt sich jeder: Sind sie immer noch so glücklich? Ich habe noch Kontakte nach Island und weiß: Sie machen dort wirklich harte Zeiten durch. Aber das ist nicht gleichbedeutend mit Elend. Man kann in Sorge sein – und doch glücklich. Faktoren wie Klima, Kälte, Dunkelheit sind also gar nicht so wichtig, wenn es ums Glücklichsein geht? Isländer brauchen zum Glücklichsein keine Palmen und Strände; das wäre vielleicht sogar kontraproduktiv.

Wie dürfen wir das verstehen: Palmen und Strände bringen Unglück?

Forscher nennen das die Get-Along-Or-Die-Theorie: In warmen Zonen ist das Überleben zu leicht. Die reifen Früchte fallen den Menschen praktisch vom Baum in den Mund. Sie brauchen sich nicht anzustrengen, um zu überleben. In kälteren Gefilden müssen die Menschen zusammenarbeiten, auf Gedeih und Verderb. Das schafft Gemeinschaftsgefühl. Glück ist etwas Soziales.

Was haben Sie in der Schweiz gesucht? Sie nennen das Kapitel "Glück durch Langeweile". Wie soll das funktionieren?

Schon der Philosoph Bertrand Russell hat dieses Phänomen beschrieben: Jemand, der Langeweile nicht ertragen kann, ist ungeduldig – und deshalb unglücklich. Doch jemanden, der Langeweile aushalten kann, ohne sich selbst zu langweilen, können wir als glücklichen Menschen betrachten. Die Schweizer sind sehr gut darin. Sie selbst ziehen viel Zufriedenheit daraus, dass ihr Land so unglaublich zuverlässig funktioniert. Die Schweizer sind nicht gelangweilt. Sie wirken nur so – auf unglückliche Ausländer.

Sie beschäftigen sich ausführlich mit asiatischen Kulturen. Sie waren in Bhutan, Thailand, Indien. Haben die Asiaten mit ihren hinduistischen und buddhistischen Traditionen mehr Talent zum Glück?

Die zentrale Botschaft aus Buddhismus und Hinduismus, die uns beim Glücklichwerden helfen kann, lautet: Senke deine Erwartungen. Das klingt erst einmal banal, ist aber wichtig. Wenn man etwas tiefer gräbt, sieht man, dass dies eine grundlegende Vorstellung östlicher Religionen ist: Wir stecken ja im Rad des Schicksals. Unser Karma stammt aus früheren Leben. Wenn wir scheitern oder wenn etwas schiefgeht, dann hilft es nichts zu lamentieren. Überhaupt: Die Vergangenheit ist vorbei. Sich über sie zu ärgern ist töricht. Kümmern wir uns lieber um die Gegenwart.

Sie sind ein Jahr lang intensiv gereist, haben das Thema Glück ausführlich recherchiert: Was nehmen Sie für sich selbst davon mit?

Ich bin weniger unglücklich als zuvor. Ich bin ein sehr neurotischer Mensch, müssen Sie wissen, aber einige Lektionen habe ich doch gelernt. Diese Idee aus Thailand zum Beispiel: Nicht zu viel denken! Wir neigen dazu, immer und immer wieder alles im Kopf durchzukauen, auch das Glück. Die Thais haben mich davor gewarnt: Zu viel denken schadet! Mai pen lai, das ist einer ihrer bekanntesten Aussprüche: "Schon in Ordnung, vergiss es!" Eine andere wichtige Lektion: Ich betrachte Glück nun mehr als etwas, das in Beziehungen entsteht. Es liegt nicht in mir drin verborgen. Solche Gedanken versuche ich immer wieder in mir aufzurufen. Aber ich müsste lügen, um zu behaupten, ich wäre ein glücklicher Mensch.

Was können Reisende aus Ihren Erfahrungen lernen?

Wie gesagt: Überprüfen Sie Ihre Erwartungen. Viele Reisende lesen auch sehr viel über ihr Ziel. Doch es kann von großem Nutzen sein, nicht zu viel zu wissen. Wer viel liest, übernimmt auch die vorgefassten Ansichten anderer Leute. Ich würde nicht sagen: Brechen Sie ahnungslos auf. Aber ich würde davon abraten, sich zu überlesen. Ich bin auch fest überzeugt: Es tut einer Reise gut, wenn man Fünf-Sterne-Hotels meidet. Ich mag Luxus, wie die meisten Menschen. Aber diese Hotels errichten eine Barriere zwischen dir und dem Ort, den du kennenlernen willst. Sie isolieren dich, sie sind komfortable Gefängnisse. Ich versuche also, bei Freunden zu wohnen oder mir von Einheimischen eine Wohnung zu mieten, wann immer es möglich ist. Und wenn man allein reist, zwingt man sich automatisch, Kontakt zu suchen. Der letzte Punkt: Sei im Zielland nicht zu viel unterwegs. Bleib an einem Fleck. Jeden Tag eine andere Stadt – so lernst du nichts wirklich kennen. Bleib, bis du glaubst, du lebst dort. Du wirst sowieso niemals alles sehen können. An einem Ort richtig zu sein ist viel besser, als zehn Orte nur gesehen zu haben.

Arbeiten Sie wieder als Korrespondent?

Nein, ich schreibe an meinem nächsten Buch. Dafür werde ich wieder viel reisen. Es wird ein Buch über Gott. Ich interessiere mich für Menschen, die einen anderen Glauben leben als denjenigen, in den sie hineingeboren wurden. Als Titel kann ich mir vorstellen: "Shopping for God". Religion als bewusste Auswahl. Nach dem Glück habe ich einfach etwas Größeres gebraucht – und Gott passte von der Größe her ganz gut.

Interview: Bernd Schwer

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Eric Weiner

Geografie des Glücks. Auf der Suche nach den zufriedensten Menschen der Welt.

Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins

2008, 19,90 €;

www.ericweinerbooks.com

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