Sehenswürdigkeiten: Bitte hinten anstellen!

Immer mehr Menschen warten immer länger vor den Sehenswürdigkeiten der Welt. Kulturanthropologe Heinz Schilling meint: Schlange stehen ist eine sehr demokratische Form, die Zeit zu verbringen. Sein Rat: Machen Sie ein Ereignis daraus!
In diesem Artikel
Warten ist Kopfsache - Schillings Tipps für die nächste Schlange

GEO SAISON: Warum empfinden wir das Warten als unangenehm?

Heinz Schilling: Im Leben ist das Warten ein Sonderfall der Zeit, ein Bruch im Ablauf. Bei jeder ungewollten Pause haben wir das Gefühl, wertvolle Zeit zu verschwenden. Besonders schlimm ist es, wenn man durch Umstände warten muss, auf die man keinen Einfluss hat. Man fühlt sich machtlos.

Können wir uns an das Warten gewöhnen?

Man kann es lernen. Das Leben ist eine Schulung im Umgang mit Zeit.

Werden wir im Alter gelassener?

Die Art des Wartens, aber auch die Einstellung dazu verändert sich. In jungen Jahren wartet man immer auf die nächste Etappe: Schulabschluss, Führerschein, erste eigene Wohnung. Mit zunehmendem Alter wissen wir, dass sich die Lebenszeit verkürzt, und beginnen, die Zeit im Kopf zu strecken.

Wie warten Kinder?

Kinder warten auf etwas anderes: auf ihren Geburtstag, auf Weihnachten - darauf, dass sie etwas bekommen. Sie sind von sich aus nicht ungeduldiger, aber begierig auf etwas, das sie zufriedenstellt.

Unterscheidet sich das Anstehen in einer Schlange von anderen Wartesituationen?

Das Schlangestehen ist ein Dressurakt, eine Errungenschaft der zivilisatorischen Epoche. Hier lassen sich geltende gesellschaftliche Regeln ablesen. Denn sich anzustellen heißt sich einordnen zu können. Für mich ist das Zivilisation in reinster Form.

Ihre Begeisterung für Warteschlangen teilen wohl nur die wenigsten.

Ich stehe auch nicht gern in einer Schlange. Aber anzustehen ist eine sehr demokratische Form, die Zeit zu verbringen. Das Warten findet in geregelter Abfolge statt, und man wird nur durch den Zeitpunkt des Ankommens unterschieden.

Ist das Anstehen vor einer Sehenswürdigkeit also noch die angenehmste Form des Wartens?

Diese spezielle Situation vereint Umstände, die das Warten erträglicher machen. Meist ist vorher klar, dass man anstehen muss, und man kann sich darauf einstellen. Oft weiß man sogar, wie lange es ungefähr dauern wird. Es fällt einem dann leichter, als wenn man unbestimmt wartet. Außerdem wartet es sich in Gesellschaft besser. Man fixiert sich nicht nur darauf, dass es weitergeht. In der Schlange sind alle in derselben Situation, an ihrem Ende bezahlen alle denselben Eintritt - man bildet eine Schicksalsgemeinschaft.

Wann reißt dem Wartenden normalerweise der Geduldsfaden?

Wenn sich einer vordrängelt zum Beispiel. Das destabilisiert das System des Gleichseins in der Schlange. Der Drängler ordnet sich nicht in das gesellschaftliche Regelwerk ein und verschafft sich so einen Vorteil. Das ist schon unzivilisiert.

Wird von Land zu Land unterschiedlich gewartet?

Jeder Mensch wartet unterschiedlich, denn die Zeit ist die persönlichste aller Erfahrungen. Natürlich gibt es auch kulturelle Unterschiede im Umgang mit Zeit. In Ostasien und Lateinamerika zum Beispiel stehen Lebenskunst und -genuss im Vordergrund. In den USA dagegen regiert ein expressiver, rascher Handlungsstil, hier wird überhaupt nicht gern gewartet, Ausnahme ist Kalifornien, das Land der easy going-Kultur. Auch bei uns ist alles rational und durchgeplant. Wir versuchen ständig, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen.

Warten Männer anders als Frauen?

Für Männer ist Warten etwas Lästiges. Sie betrachten die so freigewordene Zeit als verloren. Frauen dagegen nutzen diese Momente als Pausen im Alltag und können sie eher genießen.

Mit Studenten und anderen Wissenschaftlern haben Sie eine Studie herausgegeben mit dem Titel "Welche Farbe hat die Zeit?". Warten Sie seit der Arbeit daran anders?

Durch die Beschäftigung mit dem Thema habe ich sehr viel besser zu warten gelernt. Ich war zuvor ein ungeduldiger Mensch und bin schon an roten Ampeln verzweifelt. Jetzt überschaue ich Wartesituationen eher und nutze sie zum Beispiel, um Menschen zu beobachten. Zu guter Letzt steigert das Anstehen die Erwartung und damit auch die Vorfreude.

Sehenswürdigkeiten: Bitte hinten anstellen!

Kulturanthropologe Heinz Schilling

Warten ist Kopfsache - Schillings Tipps für die nächste Schlange

1. Versuchen Sie, die Gelassenheit zu entwickeln, die Situation hinzunehmen und akzeptieren Sie das Warten als Teil Ihres Zeitbudgets.

2. Halten Sie sich vor Augen, dass es den anderen genauso geht.

3.Spielen Sie mit Ihren Kindern, lesen Sie Ihrem Partner etwas vor - machen Sie das Anstehen zum Event.

4. Nutzen Sie die Zeit, um andere Menschen kennenzulernen, sprechen Sie mit den Mitwartenden - etwa über Ihre Erfahrungen im Anstehen und wo es am schlimmsten war.

5. Erholen Sie sich in der Warteschlange - oder denken Sie gründlich über eine Angelegenheit nach, die Sie schon lange umtreibt.

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