Wintersport Wettrüsten in den Alpen

In den Alpen fallen nicht weniger Flocken als früher. Das aber reicht vielen Skigebieten nicht: Sie verlängern die Saison künstlich. Andere hingegen bauen ihre Lifte ab und entscheiden sich für sanften Tourismus
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Ob Schneekanonen, Schneilanzen oder Snowmaker: Vielen Wintersport-Gebieten scheint jedes Mittel recht zu sein, um ein schneesichere Saison von Oktober bis Ostern garantieren zu können

Der Winter beginnt in den Alpen immer früher: Lange bevor die erste natürliche Schneeflocke fällt, rotieren die Schneekanonen und bedecken die braungrünen Wiesen mit einer weißen Schicht. Große Skigebiete wie Sölden, Ischgl und Kitzbühel in Österreich, St. Moritz, Zermatt und Verbier in der Schweiz, Trois Vallées in Frankreich und Dolomiti Superski in Italien investieren dafür alle Jahre wieder Millionen von Euro in immer neue Beschneiungstechniken. So erzeugen in Brigels (Schweiz) sogenannte Schneilanzen ("Snowstick") bei minus zwei Grad per Wasserdruck Kunstschnee mithilfe eines bakteriellen Proteins, das in Deutschland und in Österreich als bedenklich für die Umwelt gilt und daher verboten ist. In Ramsau am Dachstein (Österreich) wird mit "Snowfarming" Schnee auf Vorrat produziert, der im Sommer gelagert und im Winter auf den Pisten verteilt wird. Im Pitztal (Österreich) und in Zermatt pumpt ein tonnenschwerer Würfel ("Snowmaker") Wasser in einen Vakuumbehälter, wo es zu – eher nassem – Schnee verdunstet. Nach der Energiebilanz und den Anschaffungskosten fragt man besser nicht. Feiner Pulverschnee indes rieselte im vergangenen Winter in Obergurgl (Österreich) erstmals aus einem Prototyp von "Neuschnee 1.0": In dieser futuristischen Apparatur wird ein Wassersprühregen zu einer Wolke verdichtet und mit Eisplättchen versetzt.

Dabei macht der Winter selbst gar keine schlechte Figur. Christian Zenkl, selbstständiger Meteorologe in Innsbruck, stellt klar: "Im Alpenraum sind die Temperaturen in den Bergen in den letzten 30 Jahren um etwa ein Grad Celsius gesunken." Wegen der immer sonnigeren und wärmeren Sommer, die auch den Gletschern an die Sustanz gehen, seien die Temperaturen in den Alpen insgesamt zwar gestiegen, die Winter wurden aber etwas kälter, was auf regionale Klimaänderungen zurückzuführen sei. "Es fällt auch nicht weniger Schnee", so Zenkl, "im Gegenteil, einige Stationen ab 1000 Meter aufwärts zeigen eine positive Entwicklung. Ein Winter- Klima-Alarm in den Alpen ist derzeit nicht haltbar." Heute seien rein klimatologisch nicht mehr Schneekanonen nötig als vor 30 Jahren. Tatsächlich aber halten rund 40 000 davon die Hälfte aller Pisten dort künstlich in Schuss. Denn der natürliche Winteranfang und damit starker Schneefall kommt für viele Orte inzwischen zu spät. Die Skitourismus- Saison ist oft nur noch lukrativ, wenn sie von Oktober bis Ostern dauert. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, werden in einigen Regionen nicht nur Pisten beschneit, sondern auch Sessellifte mittels Sitzheizungen erwärmt, und in den Restaurants arbeiten Sterneköche. Das und Tagespässe für bis zu 72 Euro etwa in Zermatt können sich jedoch immer weniger Gäste leisten, die zudem immer älter werden: 63 Prozent sind über 40 und 33 Prozent mehr als 60 Jahre alt – und wechseln womöglich zum Langlauf.

Kleinere Skigebiete setzen daher zunehmend auf sanften Wintersporttourismus – wie die Region "Sonnenplateau Mieming und Tirol Mitte", die vor vier Jahren die Lifte abbauen ließ. Das einstige Skigebiet Dobratsch in Kärnten ist seit 2002 Naturpark, viele Gäste kommen zum Winter- und Schneeschuhwandern. Beschaulicher geworden ist es deshalb nicht. Am schneesicheren, 2166 Meter hohen Dobratsch, so die Pressesprecherin des Tourismusverbandes, "ist jetzt mehr los als früher".

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