Tourismus-Trend Das Ende der Riesenräder

In London und Singapur heben sie Millionen in den Himmel. Die Kölner Tourismus-Trendforscherin Carolin Wulke aber sieht schwarz für die Zukunft der Giganten

Warum haben jetzt gleich drei Städte Neubauten von Riesenrädern abgebrochen?

Carolin Wulke: Genaue Gründe kenne ich natürlich nicht, aber es wundert mich nicht. Das Konzept lässt sich wohl nicht besonders gut vermarkten, vor allem in Europa kennt man es doch inzwischen von jeder Kirmes. Ich bin neulich mit dem "London Eye" gefahren und fand es ziemlich unspektakulär. Meiner Meinung nach sind Riesenräder kein Trend mehr, zumindest nicht in unserem Kulturkreis.

Das Londoner Rad funktioniert aber bestens, es hat 3,7 Millionen Besucher pro Jahr, mehr als der Taj Mahal.

Bei internationalen Übernachtungsgästen ist London weltweit auf Platz eins der Liste. Sicherlich nehmen die Besucher eine Fahrt als willkommenen zusätzlichen Freizeitaspekt mit. Aber kommen tun sie bestimmt nicht deswegen.

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Carolin Wulke, Tourismus-Trendforscherin

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Das London Eye sollte sich eigentlich nur fünf Jahre drehen. Doch es erwies sich als sehr beliebt und ist nun schon seit 12 Jahren ein fester Programmpunkt für London-Besucher. Das größte Riesenrad steht in Singapur, 2015 soll das "New York Wheel" den Rekord brechen. Beijing, Berlin und Dubai haben ihre Riesenrad-Projekte dagegen eingestellt

Sind Erlebnisarchitekturen generell keine guten Zugpferde mehr?

Für Metropolen gibt es bessere. Für kleinere Städte in weniger bekannten Regionen können neu gebaute Attraktionen aber ein Zugewinn sein. Wer reiste denn zum Beispiel schon vor Gehrys Guggenheim-Museum nach Bilbao? Und eine Stadt wie Oberhausen kann mit seinem Sealife-Zentrum zumindest Tagesbesucher anlocken.

Und womit könnten Metropolen punkten?

Mit allem, was Menschen dazu bringt, immer wieder zu kommen. Das können eine lebendige Kulturszene und Clubs sein wie in Berlin, aber auch ein besonderes Lebensgefühl und Flair wie in New York oder regelmäßige Events wie das Oktoberfest in München oder die Documenta in Kassel.

Das "London Eye" wird auch als Eiffelturm von London bezeichnet.

Das lässt sich eigentlich nicht vergleichen. Der Eiffelturm ist ein historisches Gebäude, das die Geschichte der Stadt lebendig macht und damit ihre Atmosphäre entscheidend prägt. Ein Riesenrad, selbst das höchste der Welt in Singapur, ist nur Kulisse, kein Charakterdarsteller.

Es geht also um das Erleben statt nur ums Besichtigen?

Ja. Ein sehr wichtiger Trend im Städte-Tourismus-Marketing setzt auf ganz besondere Erlebnisse, "Live Like Locals": Man wohnt bei Einheimischen oder in Privatwohnungen statt im Hotel und lässt sich von normalen Leuten durch ihren Kiez führen statt von Profis. Online-Wohnbörsen und soziale Netzwerke stellen schnell und unkompliziert Kontakte her.

Diese Art der Städtereise haben junge Leute erfunden, die Geld sparen wollten.

Stimmt, und jetzt kommen die älteren, gut situierten Gäste nach, die sich Authentizität wünschen. Die jüngeren sind, wie bei den meisten Trends, die Wegbereiter, darum werden sie auch hofiert. Sogar eine Klassikhochburg wie Wien positioniert sich inzwischen auch über Design und Fashion.

Wien hat eines der ältesten Riesenräder der Welt.

Stimmt, im Prater. Ich würde das Riesenrad vermutlich nicht in einen Stadtbummel einbauen. Aber vielleicht ist es für Besucher aus Übersee ein exotisches Stück altes Europa.

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