Interview "Hinschauen ist kein Problem"

Gay-Tourismus boomt. Thomas Bömkes, ein Experte für Schwulen- und Lesbenreisen, erklärt, wohin die Reise geht und warum Angebote auch für Heteros spannend sein können

Ist es ungewöhnlich, dass sich ein Hetero bei Ihnen informiert?

Thomas Bömkes (lacht): Wir arbeiten als Marketing-Berater für Tourismusämter, für Hotels, für die Reisemesse ITB, also für, so vermute ich, überwiegend heterosexuelle Kunden, die mit Gay-Tourismus Geld verdienen wollen.

Rund die Hälfte der Welt ist für Homosexuelle no go area, China, Arabien, Teile Afrikas. In 75 Staaten ist Homosexualität verboten, in neun Ländern droht die Todesstrafe. Wo sind Hotspots der Gay Traveller?

Nordamerika, Europa. Südamerika boomt. Kein Wunder, São Paulo hat die größte Gay Pride Parade der Welt mit rund 4,5 Millionen Teilnehmern. Neben Brasilien vermarkten sich Argentinien und Ecuador offensiv. Auch Indien wird im Moment heiß gehandelt. Und Osteuropa fängt an, sich zu positionieren, allen voran Tschechien, gefolgt von Polen, auch wenn es dort vielerorts noch Berührungsängste gibt.

Reisen Lesben anders als schwule Männer?

Lesben haben andere Events, anderes Reiseverhalten und andere Ziele, etwa Lesbos oder Palm Springs, weil es dort lesbische Guest Houses, Bars und Festivals gibt. Und sie geben oft weniger für Konsumgüter aus, auch, weil Frauen im Schnitt über ein geringeres Haushaltseinkommen verfügen als Männer. Aber vor allem suchen Lesben viel weniger die Öffentlichkeit. Bei homosexuellen Männern stehen Party, Beach und Kultur im Vordergrund, bei den Frauen dazu auch Natur und Abenteuer. Ihr Spektrum ist breiter.

Auf der weltgrößten Reisemesse ITB gab es einen eigenen Gay & Lesbian Travel Pavillon. Nervt Sie diese Sonderbehandlung eigentlich?

Nein, viele Events und Ziele interessieren Heteros einfach nicht. Zum Beispiel Service rund um die Gay Pride Festivals im Sommer oder spezielle Hotels und Gay-only-Anlagen oder -Kreuzfahrten.

Welche Vorteile können Gay-Kataloge für Heteros bieten?

Mode- und Design-Messetermine in Mailand und Paris, Christopher Street Day in New York oder der "Life Ball" in Wien, die größte AIDS-Gala Europas, wo Elton John, Liza Minelli oder Heidi Klum unter den Gästen sind, finden auch viele Heteros schick. Problem nur: Es gibt kaum Karten oder Hotelzimmer. Oft bieten dann Gay-Reise¬büros noch als einzige bezahlbare Kombi-Pakete an, oder sie haben sich Zimmerkontingente gesichert.

Wenn ein Mann in knallenger Lederhose im Frühstücksraum eines Hotels erscheint - was wäre Ihr Rat: Darf ich neugierig hinschauen?

Üblich ist, dass man einander freundlich ignoriert, aber ich würde sagen: Hinschauen ist kein Problem, denn wenn jemand so extravertiert auftritt, kann er auch mit Blicken umgehen.

Was war Ihr peinlichster Moment mit Hetero-Reisenden im Schwulenhotel?

Es können schon komische Situationen entstehen, wenn auch eher selten. Ich habe einmal als Hotel-Tester mit einem Freund ein Honeymoon-Package gebucht, eine romantische Suite mit Extras, darunter einem Willkommens-Präsent, das wir jedoch nicht vorfanden. Also frag¬ten wir am nächsten Morgen beim Checkout nach. Da rief der Rezeptionist seinen Kollegen im Büro zu: "Hier sind zwei Schwule, die haben das Honeymoon-Package gebucht, aber ihr Präsent nicht bekommen." Und als ich mich dann umdrehte und in 15 aufgerissene Augenpaare in der Schlange hinter uns blickte, ja, da bin ich dann doch knallrot geworden.

"Hinschauen ist kein Problem"

Homosexuelle Paare werden für den Tourismusmarkt eine immer attraktivere Zielgruppe

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