Interview Warum wir im Urlaub Gutes tun wollen

Ethnologie-Professorin Eveline Dürr von der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt im Interview, warum immer mehr Menschen im Urlaub Gutes tun wollen
Warum wir im Urlaub Gutes tun wollen

Besonders jungen Menschen hilft ein Hilfsaufenthalt bei der Selbstfindung

GEO Saison: Ob Meeresschutz in Mosambik oder Kinderbetreuung in Indien – was treibt Menschen an, in ihrem Urlaub für andere zu arbeiten?

Prof. Eveline Dürr: Viele Leute möchten heute ihre Urlaubszeit sinnvoll verbringen. Das hat zu tun mit der kritischen Debatte über den Tourismus und die Schäden, die er anrichten kann. Ein Ergebnis dieser Suche nach ethischen Alternativen ist der Freiwilligenaufenthalt.

Früher investierten Menschen Jahre in Hilfsprojekte, heute fahren sie für ein paar Tage. Was bringen solche Kurzaufenthalte?

Auch in drei Wochen wird man mit anderen Menschen und Lebenswelten konfrontiert. Dies kann auf die eigene Realität zurückwirken. Man kehrt nicht als anderer Mensch zurück, aber dieser Kontrast lässt bei manchen einen selbstreflexiven Prozess entstehen, den sie als persönlichen Gewinn empfinden.

Dient die exotische Kulisse also nur der Selbstfindung der Reisenden?

Man tut sich schon selbst einen Gefallen und fühlt sich besser, wenn man anderen helfen konnte. Ich würde nicht sagen, dass das unethisch ist. Und gerade bei den vielen jungen Freiwilligen ist absolut nachvollziehbar, dass diese Reisen ein Stück Selbstfindung bedeuten.

Ist es nicht widersinnig, dass man ethische Erfahrungen bei einem kommerziellen Reiseveranstalter bucht?

Mit Hilfe der Organisationen, die Freiwilligendienste vermitteln, kann man Lebenswelten besuchen, in die man sich allein vielleicht nicht trauen würde. Und für dieses "gesicherte Abenteuer" wird bezahlt.

Wie sinnvoll sind diese Reisen für die Menschen, denen geholfen werden soll?

Die Reisen sind immer ein gegenseitiger Lernprozess – auch die Leute vor Ort müssen lernen, mit einer fremden Kultur umzugehen. Für die Bereisten geht es oft darum, selbst über kurze Aufenthalte eine langfristige Verbindung zu etablieren – über E-Mails, mit Geburtstagsgeschenken, vielleicht sogar mit Hilfe bei der Auswanderung. Andererseits kann der Kontakt für die Menschen im globalen Süden auch neue Probleme aufwerfen, weil er ihnen eine unerreichbare Welt vor Augen führt. Diese wirtschaftliche Asymmetrie wird immer zu Reibungspunkten führen, das kann man gar nicht wegdiskutieren.

Anbieter für Hilfsaufenthalte

Seriöse Angebote findet man z. B. auf den Websites www.travelworks.de, www.earthwatch.org, www.weltwaerts.de oder www.entwicklungsdienste.de.

GEO Reise-Newsletter