Licht und Atmosphäre

"In New Orleans wohnten wir in einem ehemaligen Waisenhaus französischer Nonnen, das heute eine interessante Unterkunft ist. Sie hat mich inspiriert, meine Freundin Kirsa mit Blumen im Haar als Südstaaten‑lady zu porträtieren." Das Licht und der besondere Flair veranlassten Fotograf Hauke Dressler dazu die Kamera in diesem Moment zu zücken.

Vertrauen aufbauen

„Um einen Fremden für ein Porträtfoto zu gewinnen, muss ich auch mal alle Register ziehen: schmeicheln, umwerben, flirten. Dazu gehört auch, über sich selber, seine eigenen Absichten zu sprechen. Am Ende entsteht eine Nähe, man lernt einen Menschen kennen – für mich manchmal interessanter als das eigentliche Foto. Ein Porträt ist kein Schnappschuss. Dafür muss man anhalten, reden, Zeit investieren. Das kann auch mal ein ganzer Nachmittag sein."

Nah rangehen

„Die Brass-Band in New Orleans wollte ich auf keinen Fall in ihrem Auftritt stören. Ich trieb mich in ihrer Nähe herum, suchte und bekam Blickkontakt, drückte ihnen ein paar Dollar in die Hand und bekam ein Nicken als Zeichen, dass ich fotografieren durfte. Die Nähe war mir wichtig: Bei offener Blende und geringer Tiefenschärfe setzen sich die Musiker gut vom Hintergrund ab (ISO 3200, 1/40 Sek., Blende 1.8, 24 mm).“

Mit Symbolen inszenieren

„Kirsa habe ich natürlich oft fotografiert. Dann kamen wir an diesem Handel für Wohnmobile vorbei, über dem ein riesiges US-Banner flatterte – schöne Gelegenheit für ein Porträtfoto, das die ganze Reise zeigt: USA, Highway, Autofahren, Sonne.“

Ungewöhnliche Perspektiven wählen

"Den Gitarristen im Rollstuhl trafen wir in einer Kneipe an der mexikanischen Grenze. Er dachte, ich fotografiere seinen Hund. Die Kamera hatte ich auf den Fußboden gelegt.“

Action, bitte!

„Thomas ‚Randy‘ Morrison lernten wir in der sehr hippen Magazine Street in New Orleans kennen. Er ist Bildhauer und Maler, arbeitet als Art Director für Mardi-Gras-Bands. Auf dem Dach bemalt er einen Gargoyle – eine Art Dämon. Ich bat ihn, den Pinsel wie beim Fechten zu führen. Als er das auf dem Display der Kamera sah, war er hingerissen und es wurde eine ergiebige Fotosession. Für das leichte Gegenlicht an seinem Bein habe ich eine Taschenlampe benutzt.“

Zufälle festhalten

Marathon/Texas, hier hat Wim Wenders für ,Paris, Texas‘ gedreht. Der alte VW-Bulli brachte ein wunderbares Vintage-Gefühl in diese Szene. Den Einheimischen habe ich so stark angeschnitten, dass man Hut und Oberkörper nur am Rand schemenhaft erkennt ¬ quasi als Symbol für den Westen. Als nach einigen Stunden Reden, Teetrinken und der Warterei auf das passende Licht noch der kleine Hund auf die Landstraße lief, war mein Fotografenglück perfekt.“

Überbelichten

„Michael Croak, einen Rechtsanwalt, trafen wir mit seinem Dackel beim Baden im Clear Lake in Florida. Er versicherte, dass keine Alligatoren zu erwarten seien, und war beeindruckt, dass ich für ein gutes Foto nicht zögerte, zu ihm ins Wasser zu steigen. Das schaffte eine lockere, freundliche Stimmung zwischen uns. Die Aufnahme ist leicht überbelichtet, damit Michael genug Zeichnung im Gesicht und am Oberkörper bekam (1/250 Sek., Blende 2.8, 28 mm).“

Mit vorhandenem Licht arbeiten

„Ich arbeite am liebsten mit vorhandenem Licht (‚available light‘): ohne Blitz, meist ohne Stativ, mit sehr lichtstarken Objektiven, einem Zoom, mehreren Festbrennweiten. Moderne DLS-Kameras, in meinem Fall eine Canon 5D/III, zeigen auch bei hoher ISOZahl, also großer Lichtempfindlichkeit, kein Rauschen. Kameras und Objektive habe ich in einer Hüfttasche gut versteckt, aber auch schnell zur Hand.“

Der Fotograf

Hauke Dressler, 47, arbeitet seit fast 30 Jahren als Reise- und Reportagefotograf, seit 2005 auch für GEO SAISON. Er produziert jedes Jahr mehrere Geschichten und Titel.

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