Reisen mit Kindern Mit Baby sicher an Bord

Ein Kind im Auto ohne Kindersitz? Undenkbar. In der Luft ist das jedoch der Normalfall. Dabei reisen die Kleinsten im Flugzeug nur im eigenen Sitz gut geschützt

Flughafen Hamburg, sechs Uhr morgens. Die Koffer für unseren Familienurlaub liegen auf einem Gepäckwagen, auf einem anderen stapeln sich zwei Autositze für die Kinder. Wir wollen nicht etwa auswandern, sondern nur nach Mallorca reisen. Und wir wissen: Ohne eigene Kindersitze an Bord fliegen wir da nicht sicher hin. Offenbar weiß das aber an diesem Morgen sonst niemand. Beim Check-in gibt’s die ersten irritierten Blicke und Fragen.

Bei der Gepäckkontrolle bleibt der große Sitz fast im Guckkasten hängen. Der Mitarbeiter schnauft. Am Gate erneut Skepsis. Ja, wir haben vier Plätze reserviert. Als im Flugzeug die Sitze befestigt und die Kinder angeschnallt sind, kommt wieder eine Stewardess. Ja, die Sitze tragen das TÜV-Prüfzeichen "For use in aircraft".

Auf der Straße ist ein Kindersitz Standard, in der Luft eine Seltenheit. Vier Mal wurden wir am Flughafen angehalten. Beraten, wie unsere Kinder sicher fliegen, hat uns aber niemand. Die Mutter in der Reihe vor uns auch nicht. Ihr Sohn sitzt auf dem Schoß, mit einem Zusatzgurt, dem Loop Belt. Sei doch erlaubt, sagt sie. Martin Sperber, Fachgebietsleiter für Luftfahrtthemen vom TÜV Rheinland, sagt: "Für Kinder unter zwei Jahren ist der Loop Belt die vorgeschriebene Mindestsicherung. Sicher ist er aber nicht."

2008 hat die EU-Kommission Loop Belts zugelassen. Weil EU-Recht Vorrang hat vor nationalem Recht, müssen Eltern sich selbst darum kümmern, dass ihre Kinder sicher fliegen. Denn dieser Gurt, der an dem von Mutter oder Vater eingeklinkt wird, war zuvor in Deutschland verboten: "Der Loop Belt ist bgestimmt auf das Becken eines Erwachsenen", sagt Sperber.

"Crashtests haben gezeigt, dass er bei Kindern in den Weichteilbereich schneidet. Schon bei Turbulenzen kann es zu inneren Blutungen oder einem Milzabriss kommen. Muss das Flugzeug notlanden oder am Boden stark bremsen, wird das Kind sogar zum Airbag der Eltern – mit geringen Überlebenschancen." Die mangelnde Sicherheit bestätigt auch das Luftfahrtbundesamt (LBA) und wies bereits 2008 die Fluggesellschaften darauf hin.

Mit Baby sicher an Bord

Selbst ein Laptop muss bei Start und Landung sicher verstaut werden. Wie kann es sein, dass Kinder noch immer auf dem Schoß fliegen dürfen?

Es forderte sie auf, die Kunden aufzuklären und Kindersitze bereitzustel­len. Doch die gibt es noch bei keiner deut­schen Airline. Bisher habe der Loop Belt in der Praxis nie zu Verletzungen geführt. Eine Statistik existiert nicht.

Selbst ein Laptop muss bei Start und Landung sicher verstaut werden. Wie kann es sein, dass Kinder noch immer auf dem Schoß fliegen dürfen?"

So halten viele Eltern ihre Kinder selbst fest, weil sie, was erlaubt ist, für sicher halten. Dazu kommt: Schoßkinder reisen fast kostenlos, ein Platz fürs Kind kostet bis zu 80 Prozent des regulären Preises. Viele Air­lines argumentieren, dass mehr Kinder auf eigenen Sitzen Vollzahler verdrängen wür­den, heißt es in Expertenkreisen. Eine Pe­tition habe die Abschaffung des Loop Belts gefordert, "doch nur wenige Eltern wollten unterschreiben, aus Angst, die Ticket­ preise könnten sich erhöhen".

Eine ehemalige Flugbegleiterin, Jan Brown, gründete 2010 die Organisation "Safe Seats for Eve­ry Air Traveler" (SSEAT), die einen eigenen Sitzplatz für jedes Kind fordert. "Selbst ein Laptop muss bei Start und Landung sicher verstaut werden. Wie kann es sein, dass Kinder noch immer auf dem Schoß fliegen dürfen?"

Zwar informieren deutsche Airlines auf ihren Websites darüber, dass Kinder bis sieben Jahre in Autositzen am besten auf­ gehoben sind (der TÜV Rheinland hält die Körpergröße bis 1,25 m für entscheidend); offensiv darauf aufmerksam macht jedoch keine Fluggesellschaft. Dabei zeigte eine Studie der Europäischen Flugsicherheits­agentur, dass nur ein Autositz optimalen Schutz bietet. Er muss das Prüfzeichen "For use in aircraft" tragen.

Damit ist aber noch nicht garantiert, dass das mitge­ schleppte Fünf­-Kilo-Trumm am Gate oder an Bord auch akzeptiert wird. Wer sicher­ gehen will, sollte sich das von seiner Airline schriftlich bestätigen lassen. Beim Rückflug werden wir am Flugha fen von Mallorca ausgerufen. Man kann nicht glauben, dass wir für so kleine Kin­der eigene Sitzplätze gebucht haben.

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