Wandern mit Kindern

Natur bildet den Charakter, so oder so: Weil sie sich als Teenager schon frühmorgens mit ihrem Vater in die Berge aufmachen musste, wurde Susanne Schneider das Wandern auf immer verleidet.
In diesem Artikel
Mit Ernst auf den Berg
Viel Zeit für Geschichte

Mit Ernst auf den Berg

Wenn du vierzehn bist, sind Kniebundhosen nicht wirklich dein Traum von Sommerkleidung. Wie habe ich in diesem Alter meine Freundinnen beneidet! Die durften in den Ferien schick verreisen: Jesolo, Cattolica, Alicante. Ich dagegen musste nach Zermatt oder Grindelwald. Zum Bergsteigen. Da musste man gar nicht groß nachdenken, was in den Koffer gehörte, es gab kein Meer, keine Partys. Nur Bergsteiger in karierten Hemden und Kniebundhosen.

Um sechs Uhr geht der Wecker

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Grindelwald im Berner Oberland. Im Hintergrund Schreckhorn und Lauteraarhorn

Grindelwald und Zermatt waren aber geradezu glamourös im Vergleich zum bayerischen Voralpenland. Dort gibt es den Blomberg, den Zwiesel, den Geierstein, das Brauneck. Diese Berge hat mein Vater mit meinem Bruder und mir jeden Sommer bestiegen. Als Übung und Vorbereitung für die großen Touren in den Schweizer Alpen. Das waren niemals lockere Wochenendausflüge, das war Training. Sechs Uhr Wecken, halb sieben Uhr Abfahrt, halb acht Uhr Ankunft.

Keine Freizeitbeschäftigung

Erstes Tagesziel meines Vaters: Wir werden die Ersten auf dem Gipfel sein. Denn wir sind keine Freizeitwanderer, die vielleicht einfach Spaß haben wollen, die ausschlafen, gemütlich frühstücken und dann über die Salzburger Autobahn zockeln. Nein, die Anfahrt war für meinen Vater schon die erste Etappe des Unternehmens Bergwanderung. Bereits im Auto bläute er uns seine goldenen Regeln für das Verhalten am Berg ein: "Weg vom Abgrund!" und "Stolpern verboten!"

Und dann der Aufstieg

Rast? Ungern. Und wenn, dann nur im Stehen, damit der Kreislauf nicht absackt. Dazu ungesüßter Hagebuttentee aus der Thermoskanne, eine Tomate und ein Keks. Ernährungserkenntnisse, die mein Vater aus der Mitgliedszeitschrift des Deutschen Alpenvereins gewonnen hatte. Wir Kinder hatten nur eine Frage: "Wann sind wir oben?" Aber die zu stellen war nicht geschickt. Um uns den Berg hinaufzubekommen, erzählte mein Vater vom Krieg, das interessierte uns wirklich, da verging die Zeit. Oder wir machten Wortspiele: Mein Vater: "Hausmeister", ich: "Meisterprüfung", mein Bruder: "Prüfungsvorbereitung", Vater: "Vorbereitungskurs".

Viel Zeit für Geschichte

Dann der Gipfel - endlich. Das war wirklich schön. Meist waren allerdings doch welche vor uns da. Ich erklärte mir das so, dass diese Bergwanderer wahrscheinlich für den Himalaya trainierten und dafür mitten in der Nacht aufstanden. Oben hatten wir viel Zeit, und mein Vater erzählte, wie seine Liebe zu den Bergen entstanden war. 1938, er war 13, besuchte er, der Berliner, seine Cousine in Grindelwald. Er sah Eiger, Mönch, Jungfrau und schwor sich zurückzukommen. Doch das verhinderten der Krieg und dann die Armut. Es dauerte bis weit in die fünfziger Jahre, ehe er seinen Traum wahrmachen konnte. Sein nächster Wunsch: Wenigstens eines seiner Kinder möge seine Bergbegeisterung teilen.

Begeisterung mit Routine

Beim Abstieg wollten wir dann wieder rasten. Das ging nur unter einer Bedingung: Wenn wir Pause machten, konnten die Spätaufsteher, die bergauf kamen, uns ja nicht ansehen, dass wir schon auf dem Gipfel gewesen waren. Und glaubten womöglich, wir wären Freizeitwanderer wie sie. Deshalb mussten wir jedesmal, wenn Wanderer vorbeikamen, rufen: "Ach Papi, war das schön auf dem Gipfel!" Ja, so war das.

Wie der Vater, so der Sohn ...

Heute bin ich übrigens die Erste, die beim Anblick eines Bergkammes am Horizont laut ausruft: "Seht doch, die Berge, wie schön!" Wandern bin ich nie mehr gegangen. Mein Bruder schon. Kein Wetter kann ihm zu schlecht, kein Berg zu weit sein, als dass er ihn nicht am Wochenende erklimmen würde. Es macht ihn glücklich. Und meinen Vater auch.

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