Trabi-Safari: Bitte Handbremse lösen

Was ist aus der Karl-Marx-Allee geworden? Und wie geht es zu am Prenzlauer Berg? Am Steuer eines Trabi wird die Tour durch den Osten der Stadt zu einer abenteuerlich-nostalgischen Reise

Die Tachonadel zittert. Tempo 40, der Motor heult in höchsten Tönen. "Das mag er", sagt Uwe Schunke. Der Heizungsbauer aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt ist für ein paar Tage nach Berlin gereist, jetzt hoppelt er in dem schmutzig weißen Gefährt über die Französische Straße im Stadtteil Mitte und ist selig: "Fühlt sich an wie früher." Schunke und seine Frau Daniela sind auf "Trabi-Safari".

Röhrendes Auto im Großstadtdschungel

Ein Abenteuer ist aus dieser Perspektive beides: das röhrende Auto aus DDR-Zeiten und der Großstadtdschungel. Die Sightseeing-Tour für Selbstfahrer ist der jüngste Gag für Berlin-Besucher. Und Franziska Tobian kann dabei sofort erkennen, welcher ihrer Gäste auf welcher Seite der Mauer groß geworden ist: "Wessis", so die Safariführerin, "wollen einmal im Leben Trabi fahren und dabei den Osten angucken, gewissermaßen durch die rollende Brille des Sozialismus. Sie haben Spaß an der Exotik der Vergangenheit." Ossis hingegen seien eher von Nostalgie gerührt, nach 15 Jahren mal wieder in einem Trabi zu sitzen. "Die haben leuchtende Augen." Schon beim Start am Gendarmenmarkt hatte Schunke dieses wohlige Schaudern empfunden. Mit zehn anderen Safari-Teilnehmern war er um die fünf Expeditionsfahrzeuge gestrichen. So vertraut war ihnen das Modell einst gewesen. Der Trabant 601 war der Volkswagen des Ostens, ein knatterndes, heulendes, blaue Abgaswolken ausstoßendes Gefährt, vom Volksmund verspottet als "Rennpappe" oder "Gehhilfe", aber auch geliebt und gehegt.

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Mehr als eine automobile Herausforderung: der Trabi vor dem Palast der Republik

Abenteuer Auto

Während Franziska Tobian zwei Süddeutschen die Revolver-Handschaltung neben dem Lenkrad erklären musste ("Knüppel ein bisschen reindrücken und runter, erster Gang"), hatte sich Schunke schon hinters Steuer geklemmt. Dann wurden die Motoren angeworfen. Das vertraute Knattern erfüllte den Platz. Und dieser Geruch, der typisch war für die Zeit und das ganze Land. "Bitte Handbremse lösen", gab Tobian als Startsignal. "Wir starten zur Wild-East-Tour, das heißt, wir fahren richtig nach Ost-Berlin rein." Französischer und Deutscher Dom blieben zurück. Vor der Wende war dieser Teil der Stadt grauschwarz und kaum belebt. Jetzt sind die Kuppelbauten renoviert, rund um das einstige Schauspiel- und spätere Konzerthaus von Karl Friedrich Schinkel am Gendarmenmarkt gibt es elegante Cafés, Restaurants und Hotels. Viel Prominenz. Viel Luxus. Die Schunkes sehen sich das gern an - im Moment aber sind sie ganz mit dem Abenteuer Auto beschäftigt.

Die Kolonne biegt in die Friedrichstraße ein, es geht vorbei an den Edelkaufhäusern Quartier 206 und Galeries Lafayette. Viele Passanten drehen sich nach dem Geknatter aus fünf Auspuffrohren um. Untereinander sind die Autos per Sprechfunk verbunden; an jedem Armaturenbrett steckt ein Walkie-Talkie im Aschenbecher.

Gletscherblau und panamagrün

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Die meisten Trabis sind noch original lackiert, "gletscherblau", "papyrusweiß" oder "panamagrün"

"Die Bezeichnung Trabant 601 bedeutete", lässt Franziska Tobian sich nun vernehmen: "600 warten auf einen Trabi, einer kriegt einen." Schunke schmunzelt. Gut zehn Jahre konnte es damals dauern, bis ein Trabi endlich ausgeliefert wurde. Der Neupreis für das Gefährt aus Duroplast-Kunststoff lag 1988 bei bei 12 000 Mark der DDR. Heute zahlt Rico Heinzig, Chef der laut Eigenwerbung "witzigsten Stadtrundfahrt Deutschlands", 300 bis 600 Euro für ein Exemplar. Die meisten sind noch original lackiert, "gletscherblau", "papyrusweiß" oder "panamagrün". "Unser Hit", so Heinzig voller Stolz, "ist die offene, knallrote Stretch-Pappe."

Die Kolonne knattert durch die Werderstraße, vorbei an der gläsernen Fassade des Auswärtigen Amts, das Franziska Tobian "Fischers Aquarium" nennt, und am Palast der Republik ("Erichs Lampenladen"), der vielleicht bald einem Nachbau des früheren Stadtschlosses weichen muss. Tobian will ihre Gäste nicht mit Fakten und Jahreszahlen langweilen. "Gerüchten zufolge", so hält sie die Fahrer per Funk bei Laune, sei die Weltzeituhr am Alexanderplatz 40 Jahre lang von einem Trabimotor gedreht worden. Und zwischen Knistern und Kratzen stellt sie klar, dass in der DDR niemand den Fernsehturm "Telespargel" genannt habe, das sei eine Erfindung westlicher Reiseführer. Die Geschwindigkeit des rotierenden Cafés in 207 Meter Höhe aber sei nach der Wende verdoppelt worden - weil die neuen Herren meinten, mehr Umdrehungen brächten mehr Umsatz. Je tiefer die Safari in den Osten führt, desto wilder werden die Geschichten.

Der wahre Osten

Für die Trabifahrer aus dem Westen ist die Tour mehr als eine automobile Herausforderung. Den Westteil der Stadt haben sie gesehen, durch die neue Mitte rund um Potsdamer und Pariser Platz sind sie auch schon geschlendert - aber das hier ist der wahre Osten, und sie nähern sich ihm, wie ein Amerikaner aus dem mittleren Westen heute die Bronx in New York betrachtet: Die Neugier ist groß, doch im Hinterkopf spuken die alten Klischees. Viele der Hände an den dünnen Trabi-Lenkrädern schwitzen ein wenig.

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Gut zehn Jahre dauerte es in der DDR, bis ein Trabi endlich ausgeliefert wurde. Der Neupreis lag 1988 bei 12000 Mark der DDR

Der Konvoi tuckert den sechsspurigen Boulevard der Karl-Marx-Allee hinunter. Vorbei am "Kino International", einst Stolz der Hauptstadt. Hinter dem Strausberger Platz mit dem riesigen Springbrunnen im Kreisverkehr liegen die "Arbeiterwohnpaläste". Zwei Torhäuser mit je zwölf Etagen, an die sich in schier endloser Reihe die wuchtigen, sechs- bis achtgeschossigen Häuserblöcke anschließen, die Fassaden verziert mit Erkern, Säulen und Kacheln. Architektur im protzigen Zuckerbäckerstil der Ära Stalin. Zu DDR-Zeiten war es ein Privileg, eine der großzügigen Wohnungen mit Parkett, drei Meter hohen Decken, Fernheizung und Müllschlucker zu ergattern. 1953 nahm auf der Baustelle der Arbeiteraufstand des 17. Juni seinen Ausgang - heute gilt die sanierte Prachtmeile als längstes Baudenkmal Deutschlands. Eines, in dem man wohnen kann: Die Mieten beginnen bei acht Euro pro Quadratmeter. Uwe Schunke steuert seinen 601 S Kombi in die Simon-Dach-Straße im Stadtteil Friedrichshain. Gleich nach der Wende haben sich hier Hausbesetzer aus Kreuzberg Straßenschlachten mit der Polizei geliefert und im U-Bahnhof mit den Neonazis aus dem benachbarten Lichtenberg gekämpft. Ein paar Punks, die vor der "Astro-Bar" herumhängen, scheinen noch aus dieser Zeit zu stammen. Die Schunkes fahren weiter, vorbei an "Paule’s Metal Eck", da gibt es zehn Biersorten, ohrenbetäubenden Hardrock, an den Wänden hängen Totenschädel aus Plastik.

Straßenkunst der Wendezeit

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Als "Stretch-Pappe" wird der Trabi zur Touristenaktion

Es geht über Kopfsteinpflaster, Parks und Grünflächen am Straßenrand; in den Cafés drängen sich junge Leute. Berlin ist beliebt. Mehr als 100 000 Menschen pro Jahr kommen neu in die Stadt. In den begehrten Vierteln Mitte oder Prenzlauer Berg sind die Mieten inzwischen gestiegen, jetzt ziehen viele nach Friedrichshain. Eine Frischzellenkur. Franziska Tobian spricht vom "Szenebezirk" und sagt, es gebe hier rund 120 Kneipen. Aber auch viel Alt-Berlin: "schmutzig graue Fassaden, Klos auf halber Treppe, Kohleheizung, Badeöfen". Über die Warschauer Straße nähert sich der Konvoi der Spree. Die Autos fahren vorbei an den bemalten, mit Graffiti besprayten Mauerresten der "East Side Gallery". Schunke hat keine Augen für Straßenkunst der Wendezeit. Besorgt starrt er auf eine Warnlampe im Tacho. "Ladespannung nicht in Ordnung" - aber die Fahrt geht weiter. Die knatternde Kolonne passiert das Rote Rathaus, rollt über die Prachtallee Unter den Linden bis zum Brandenburger Tor.

Die Zweitakter mähen durch die Parallelwelten dieser Stadt: Neben dem Stelenfeld des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas liegt die Glitzerwelt des Potsdamer Platzes. Enormer Verkehr herrscht hier, es wird gedrängelt und gehupt. Früher ging es gelassener zu auf den Straßen, sinniert Schunke. "Nicht alles war besser", sagt er, "aber ruhiger." Wo einst der Checkpoint Charlie die Grenze zwischen Ost und West markierte, biegt er in die Friedrichstraße ein. Die Tour nähert sich ihrem Ende. Franziska Tobian muss sich beeilen: Viele Teilnehmer ihrer Safaris durch den Osten, so klärt sie die Trabi-Neulinge noch rasch auf, dächten doch bis heute, "dass wir Ossis immer beschattet wurden und kaum etwas zu essen hatten". War natürlich nicht so. Die Schunkes aber sind froh, dass sie sich jetzt am Gendarmenmarkt ganz weltstädtisch einen Latte Macchiato servieren lassen können. Damals hätten sie hier nicht einmal einen "Kaffee komplett" bekommen.

Trabi-Safari "Wild-East" www.trabi-safari.de

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