Reisen mit dem Wohnmobil

Urlaub im Wohnwagen, Touren im Wohnmobil: Nach Jahren der Stagnation freut sich die Caravanbranche über steigende Verkaufszahlen. Bei den Campingmobilen investieren reiselustige und ungebundene "Best Ager" in viel Komfort, modernes Design und raffinierte Technik
In diesem Artikel
Wohnmobile sehen "Cool" aus
Hersteller sind nicht innovativ
Europa-Touren

Wohnmobile sehen "Cool" aus

Die beiden Männer sehen sich um. Dann huschen sie in den Caravan. Einer bleibt am Eingang stehen, der andere holt eine digitale Videokamera hervor und beginnt zu filmen. Sie interessieren sich für die Inneneinrichtung, für die Beleuchtung aus geschickt angeordneten Halogenlampen, für technische Details: die leicht laufenden Schiebetüren der Regale, den Stauraum unter dem erhöhten Bett und die sauber verarbeiteten hellen und dunklen Furnierhölzer, die den Wohnwagen modern erscheinen lassen, fast wie eine Lounge. "Gar nicht übel", sagt der jüngere der beiden Männer, als sie aus dem Caravan aussteigen. Doch der ältere widerspricht: "Nicht übel? Das ist ein Quantensprung."

Wohnmobile sehen "cool" aus

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Bunte Karosserie, moderner Schnitt, viel Stauraum: Modell "Esprit" von Dethleffs

Auf der Messe für Caravan, Motor und Touristik in Stuttgart (CMT) ist der "75 Jahre-Caravan" von Dethleffs ein Besuchermagnet. Mit diesem Jubiläumsmodell, so die beiden Fachleute, die "für einen großen, europäischen Hersteller" arbeiten und "Marktbeobachtung" betreiben, könnten ganz neue Zielgruppen angesprochen werden, der Wagen sehe "cool" aus. Nur vor einem anderen, ebenfalls von Dethleffs gebauten Fahrzeug stauen sich noch mehr Neugierige: vor dem Frauen-Wohnmobil namens "Femotion". Die zwei Spione halten das aber für einen Marketing-Gag. Sie bezweifeln, ob sich Frauen wirklich für eine breitere Küche interessieren, für geräumigere Schränke und für eine variablere Nasszelle. Doch gemessen am Zuspruch auf der Messe müsste man eindeutig sagen: Ja.

Wohnmobile - die Typen

Kastenwagen: Das Ur-Wohnmobil, nichts weiter als ein ausgebauter Lieferwagen

Teilintegriert: Auf ein Serienchassis mit Serienfahrerhaus wird ein Wohnbreich gebaut

Alkovenfahrzeug: Das Mobil mit Bett über dem Fahrerhaus - die typische WoMo-Silhouette

Vollintegriert: Die Königsklasse; der Hersteller baut ein komplettes Wohnfahrzeug

Wohnbus: Die Luxusklasse, zu der Großwohnmobile gehören, für die man einen Lkw-Führerschein benötigt

16.000 Euro verlangt Dethleffs für den "75 Jahre-Caravan", mit dem an das erste "Wohnauto" erinnert werden soll, das Arist Dethleffs im Jahr 1931 baute - der Liebe wegen. Denn Frau Dethleffs war es leid, allein zu sein, während ihr Mann durch die Welt reiste. Sie wünschte sich "so was Ähnliches wie einen Zigeunerwagen, in dem wir gemeinsam fahren und ich noch malen könnte". So entstand der Ur-Caravan, ein stromlinienförmiges Blechei, quasi um einen Holzrahmen herumgedengelt. In der Nachkriegszeit bildet der Wohnwagen die Keimzelle des modernen Tourismus. Die Branche boomt. Doch als dann die Menschen mit Vorliebe in Flugzeuge stiegen und in Strandhotels eincheckten, hatte es der Wohnwagen schwer. Heute prophezeit man der Caravan-Industrie wieder eine bessere Zukunft. Denn wer aufs Geld achten muss, spart auch beim Urlaub. Und Camping zählt zu den günstigsten Arten, seine Ferien zu verbringen.

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Der "Silberpfeil", in dem man übernachten kann: "James Cook" von Mercedes-Benz"

Prognosen der Caravan-Industrie sind positiv

Die Messe in Stuttgart gilt als wichtiger Stimmungstest. Sie ist eine der ersten großen Veranstaltungen dieser Art im Jahr, als bedeutendste und größte gilt der Caravan Salon in Düsseldorf. Zwar sind die Prognosen des Caravan-Industrie-Verbandes durchweg positiv, doch der Wohnwagenmarkt ist eher schwierig. Von 1995 bis 2005 hat sich der Bestand an Caravans in Deutschland so gut wie nicht verändert. Im letzten Jahr konnten die Händler 21.665 Wohnwagen absetzen, ein leichtes Plus gegenüber den Vorjahren. Allerdings geben die Kunden heute fürs fahrbare Ferienapartment weniger Geld aus: Seit einigen Jahren stagniert der Durchschnittspreis für einen neuen Wohnwagen bei rund 13.000 Euro. Woran liegt das?

Hersteller sind nicht innovativ

Viele Beobachter meinen: Die Branche selbst trägt die Schuld an der Misere. Caravans sind häufig unattraktive bis hässliche Kisten. Die Hersteller geben sogar zu, nicht sehr innovativ zu sein. Ihre Rechtfertigung: Der Kunde lege darauf keinen Wert. Familien hätten wenig Geld und brauchten vor allem viel Platz. Für sie reicht das Spektrum vom einfachen Vier-Personen-Wagen "Deseo" von Eifelland (6000 Euro) bis zum fast acht Meter langen "Family Project" von Tabbert (16.000 Euro). Senioren kaufen mittelgroße Wohnwagen, die sich zum Dauercamping eignen, also eher pragmatische Fahrzeuge.

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Schnittiges-Designer-Ei: "T@b-Offroad" von Tabbert

Verstärkt wollen Hersteller und Händler nun die so genannten "jungen Alten" erreichen – kaufkräftige Konsumenten ab 50 Jahren mit viel Freizeit und Reiselust. Design-Liebhaber soll das Modell "Evolution 84" von Alpha ansprechen, ein 7,20 Meter langer Wohnwagen mit viel Aluminium, hellem Holz und einer offenen Küche. Preis: stolze 45.000 Euro. Für die Motorradfahrer unter den Frührentnern hat die Firma Dethleffs das Modell "Vari-1" entwickelt, bei dem sich das Heck öffnen und als Bike-Garage nutzen lässt. Noch weiß niemand, ob solche Konzepte ankommen werden. Zum Vergleich: Im fortschrittlichen Design seines Jubiläumsmodells hat Dethleffs je einen Wohnwagen und ein Wohnmobil auf den Markt gebracht, beide auf jeweils 200 Stück limitiert. Marketingleiter Helge Vester hofft, dass Dethleffs "wohl alle" der 16.000-Euro-Caravans absetzen wird. Die zweieinhalbmal so teuren Wohnmobile der traditionell gestalteten Serie (40.000 Euro Kaufpreis) hingegen sind ausverkauft.

Wohnwagen stagnieren, Wohnmobile boomen

Dies spiegelt den Trend wider: Wohnwagen stagnieren, Wohnmobile boomen. Die Kundschaft kommt mit anderen Ansprüchen zu den Händlern. Die Wohnmobilisten von heute, das sind nicht mehr die Aussteiger, die sich mit dem VW-Bus an den Strand stellen und die Pfeife kreisen lassen. Besonders "Best Ager" kaufen Wohnmobile: 50- bis 65-Jährige, die die Welt sehen und ungebunden reisen wollen. Für sie ist das Wohnmobil weniger ein Haus auf Rädern als ein Symbol der Freiheit. Fast 15 Millionen Mal rückten Wohnmobile 2004 zu Tagesausflügen aus, ohne Übernachtung. Die Küche bleibt kalt, man fährt mit dem Wohnmobil eher zum Spitzenrestaurant, als etwas über dem Gaskocher zu brutzeln.

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Legendär sind die riesigen Chromliner des US-Herstellers Airstream. Das Modell "Basecamp" ist ein kleiner Ableger für den europäischen Markt

Zudem macht das Wohnmobil heute optisch mehr her. Es gibt sportliche Mobile wie den Knaus "C-Liner", peppige Ferientransporter wie den "Megavan" von Bürstner und luxuriöse Reisebusse wie den "Clou-Liner" von Niesmann und Bischoff. Im Schnitt bezahlen die Kunden für ein neues Wohnmobil heute 52.900 Euro. Auf der Messe herrscht das stärkste Gedränge an den Ständen der Luxusfahrzeuge. Die Besucher bestaunen Fahrzeuge wie den "Mobilliner 8300" von Phoenix, der 140.000 Euro kostet - immerhin "mit Keramikklo". Viele warten geduldig auf Einlass in den "Megaliner 67" von Carthago, ein 8,80 Meter langes Fahrzeug mit Einbauküche, Ledersesseln und Flachbildschirmen. Preisschild: 215.870 Euro. Am Stand von Niesmann und Bischoff darf man nur durch die Windschutzscheibe einen Blick in den "Clouliner 990 SG" werfen; der zehn Meter lange Wagen kostet in der Basisversion 330.000 Euro. Für das Messefahrzeug mit TFT-Displays, Solaranlage und Duschkabine mit Echtglastür werden 460.000 Euro verlangt.

Das Wohnmobil als geländegängiger Lastwagen

Im Expeditionsfahrzeug von Bischoff und Scheck treffe ich die Spione wieder. Das Wohnmobil ist ein umgebauter, voll geländegängiger Lastwagen, 11,9 Tonnen schwer. Der Turbodiesel leistet 280 PS, der Trinkwassertank fasst 380 Liter, das Fahrzeug hält Temperaturen von minus 40 bis plus 85 Grad stand - wo man mit diesem Wagen hinfährt, gibt es keine Campingplätze. Zur Ausstattung gehören Flachbildschirme, Satelliten-TV und ein hydraulisch anhebbares Dach. Etwa 400.000 Euro wird der "Manitou" kosten. Ich frage die beiden "Marktbeobachter", warum sie nicht filmen. Sie winken ab. So ein Gefährt laufe außer Konkurrenz: "Das ist die wahre Freiheit."

Europa-Touren

Die Lieblingstouren des Wohnmobil-Experten Reinhard Schulz vom WoMo-Verlag

Norwegens Nordkap: Bekanntlich liegt das Nordkap auf einer Insel, der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes ist Kinnarodden. Der nördlichste Punkt, den man mit dem Wohnmobil erreicht, ist das Felsenkap Varnesodden. Gleichzeitig der schönste Mitternachtssonnenplatz, den wir kennen. Dorthin führt die "888", der Nordkinnvei, eine schmale Straße, die sich durch Täler und Schluchten windet. Kurz hinter Lebesby kommen wir durch ein bizarres Felsengewirr. Es geht hinauf auf das öde Fjell, im Sommer weiden hier um 9000 Rentiere. Hinter dem Berg Reinoksvatten beginnt eine weite Steinebene, die Straße wird zur Schotterpiste. Wieder auf Meereshöhe, fahren wir über eine flache Landbrücke zur Nordkinn-Halbinsel. Wir kommen durch den kleinen Ort Mehamn in Richtung Gamvik und biegen links nach Slettnes ab. Ruinen von Bunkern erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Dann sehen wir den rotbraunen Leuchttum mit zwei weißen Streifen, Verdens nordligste Fastlandsfyr (der Welt nördlichstes Festlandfeuer), gelegen auf dem gleichen Breitengrad wie die Nordspitze Alaskas. Wir passieren einen Rastplatz neben der Station des WWF. Beim Kap Varnesodden endet schließlich der Fahrweg. Ausstattung: Tisch und Bank, Wanderwege, Mitternachtssonnenblick, Müllcontainer

Akrokorinthos - Stellplatz vor klassischen Säulen: Ausgangspunkt für diese Tour ist der Parkplatz mit Pinien neben der Ausgrabungsstätte von Korinth (Wegweiser nach Ancient Korinthos folgen). Am besten, man kommt nach 19 Uhr, wenn die Ausgrabungsstätte geschlossen und es hier ruhiger ist. Wir folgen dem Wegweiser zur "Stadt auf der (Berg-) Spitze", nach Akrokorinthos. Man passiert ein türkisches Brunnenhaus, und dann geht es in Serpentinen hinauf bis vor das Haupttor der Festung. Rechterhand eine Gaststätte, dahinter ein Parkplatz, auf dem wir unser WoMo aufbauen. Der Blick ist fantastisch und wird mit der Abenddämmerung und dem Aufflammen der Lichter an der Küste immer schöner. Tipp: Wer am nächsten Morgen früh aufsteht, kann Korinth noch vor Hitze und Besucheransturm besichtigen. Austattung: Mülleimer, Aussicht, Gaststätte

Bulnes - Nordspaniens letztes Dorf ohne Straßenanschluss: Hinter Covadonga biegen wir ab auf die Ruta del Cares, eine schmale, kurvige Straße zwischen steil aufragenden Felsen. Nach 5,5 Kilometern kommen wir nach Puente Poncebos und durchfahren einen kleinen Tunnel. Hinter ihm gabelt sich die Straße: Wir halten uns rechts, folgen der Cares-Schlucht, es geht steil bergauf. Noch einige hundert Meter ist die Straße asphaltiert, danach nur ein kurzes Stück für Wohnmobile befahrbar. Hier beträgt die Wendebreite etwa neun Meter, mit einem längeren Fahrzeug muss man also im Rückwärtsgang zurückfahren. Wer nicht wandern will, fährt mit der neuen Tunnelseilbahn ("Funicular", Einzelfahrt: 14 Euro, Hin und Rück: 17 Euro) zum Ort. Wir empfehlen zu wandern. Dafür geht es etwa hundert Meter hinter dem Tunnel zum Rio Cares hinab, man überquert ihn auf der Spitzbogenbrücke Puente de la Jaya - darunter eine schöne Badestelle - und bewegt sich durch die Schlucht Riego del Tejo. Der Wandersteg, den wir bald erreichen, ist quasi die "Hauptstraße" nach Bulnes, einen der letzten Orte Spaniens ohne Straßenanschluss. Wir brauchen etwa anderthalb Stunden für die 400 Höhenmeter, genießen die Stille, die Blicke in die zerklüftete Bergwelt. Bulnes besteht aus einer Handvoll Bauernhäuschen mit roten Ziegeldächern, es gibt eine Kirche, zwei Gaststätten und viel Abgeschiedenheit. Der Rückmarsch dauert etwa eine Stunde. Es empfi ehlt sich, das Wohnmobil rechtzeitig zu wenden, denn schon gegen Mittag parken hier die Autos vieler Wanderer. Ausstattung/Lage: Mülleimer, Wanderwege, Gaststätte/außerorts

Südtirol - Wandern im Dreiländereck: Zwischen Schweiz, Österreich und Italien gibt es einen wunderbaren Wanderweg hinauf zum 2808 Meter hohen Piz Lat. Dauer zirka vier Stunden. Der Weg führt über blühende und grüne Almen. An der Gabelung bleiben wir auf dem Almweg Nr. 4, am Nordhang des Piz Lat. Schnaufend erreichen wir den Grenzstein mit der kleinen Marmorplatte, auf dem sehr exakt die Grenzen der hier aufeinander treffenden Staaten eingezeichnet sind. Wer sich auf dem Stein ausruht, sitzt in drei Ländern gleichzeitig. Der Ausblick ist wundervoll. Wir drücken den Stempel "Dreiländergrenzstein 2180 m" auf unsere Wanderkarte und machen uns auf den Rückweg. Er führt teilweise über einen schmalen Jägersteig steil bergab unter alten Lärchen zur Alm. Im WoMo verlassen wir den Parkplatz und fahren auf der Teerstraße hinauf nach Rojen. Wir parken vor dem "Haus Rojen". Ausstattung: Wanderweg, Gaststätte, Ansprechpartner: Josef Maas, Tel. 0039/34 05 85 76

Peloponnes - Rast bei der heiligen Theodora von den Eichen: In einer der Quellschluchten des Pamisos, einem Fluss in der griechischen Region Messinien im Südwesten des Peloponnes, liegt verborgen in schattiger Einsamkeit ein kleines Weltwunder (17,8 km von der E 55 entfernt): die Kapelle der heiligen Theodora. Durch das Mauerwerk des uralten Kirchleins wachsen Kermeseichen, allerdings kann man die Stämme weder von außen noch von innen sehen. Der Platz nahe der Pilgerstätte ist wunderbar, ruhig, schattig, und in der Nähe gibt es die Taverne "Nero Milos" mit frischem Souvlaki und kühlem Bier. Ausstattung: Trinkwasser, Mülleimer, Toilette, Schatten, Taverne

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