Freiwillige Hilfseinsätze: schützen, helfen, retten

Schützen, helfen, retten - freiwillige Hilfseinsätze in den Ferien werden immer beliebter. Immer mehr Menschen retten so ein Stück Geschichte, helfen Kranken oder engagieren sich für bedrohte Arten

Im Busch von Kangaroo Island, Südaustralien, spürt die Hamburger Informatik-Spezialistin Barbara Flügge mit GPS und Landkarte einem Echidna hinterher - einem jener Wesen aus der Dinosaurierzeit, die aussehen wie überdimensionierte Igel, Eier legen wie Reptilien, einen Beutel haben wie Kängurus und ihre Jungen mit Milch versorgen wie Säugetiere. Lange folgt die 53-Jährige dem zoologischen Unikum in der Abenddämmerung, tief hinein in den Wald der Insel, die zu einem Drittel unter Naturschutz steht. Nach und nach, so erscheint es der Deutschen, entspinnt sich ein unsichtbares Band zwischen ihr und dem Tier, das seinen gemächlichen Zickzackkurs durch die Wildnis trotz der menschlichen Begleitung ungerührt fortsetzt.

Biologisches Fenster

Den außergewöhnlichen Abendspaziergang verdankt Flügge ihrem Engagement für eine gute Sache: Zwei Urlaubswochen lang unterstützt sie als freiwillige Helferin die Erforschung des Ökosystems von Kangaroo Island. Zur Inventur gehört unter anderem das Orten und Zählen der Echidnas sowie das Kartografieren ihres Lebensraumes. Forscher nennen die unbewohnte Insel ein "biologisches Fenster in die Vergangenheit", weil sich hier die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt des Kontinents aus der Zeit vor der europäischen Besiedlung erhalten hat.

Glücksmomente der ganz anderen Art erlebte die 35-jährige Buchhalterin Andrea Appel. Aus Nürnberg reiste sie in die peruanische Andenstadt Arequipa, um im Kindergarten eines Armenviertels zu arbeiten. Wenn sie morgens die Tür zum Hort öffnete, stürzten die Kinder auf sie zu und gaben ihr das Gefühl, "der wunderbarste Mensch der Welt zu sein". Immer mehr Urlauber verbinden das Reisen mit dem Helfen; "Volunteering" nennt sich diese oft anstrengende Form, Ferien zu machen, nach dem englischen Wort für "freiwillig". In den letzten Jahren verzeichneten Veranstalter, die Reisen mit Sozial- und Umweltprojekten koppeln, deutliche Zuwächse. Neue Anbieter drängen auf den Markt, etablierte erweitern ihre Angebote. Besonders in Großbritannien und den USA boomt diese Reiseform. Bis in die neunziger Jahre war das freiwillige Arbeiten im Urlaub etwas für meist junge Freaks mit einer Neigung zum politisch motivierten Gutmenschentum. Sie reisten in so genannte Workcamps, wo sie schufteten, Erbsensuppe löffelten und allabendlich nach Absingen eines Standardrepertoires kämpferischer Lieder todmüde auf ihre Schlafpritschen fielen.

Diese Art des Volunteerings verschwand ebenso wie ihre Protagonisten. In den Zeiten der Spaßgesellschaft kam die Hilfsbereitschaft aus der Mode. Der Volunteering- Markt stagnierte. "Jetzt erleben wir einen gesellschaftlichen Trend von der Spaß- zur Sinngesellschaft", sagt Freizeit- und Tourismus- Expertin Felizitas Romeiß-Stracke, Dozentin an der Technischen Universität München. Dazu passe das Helfen auf Reisen, allerdings in abgewandelter Form: Gefragt sind pragmatische, unideologische Angebote, verbunden mit der Möglichkeit, sich zu erholen - orientiert am unverkrampften Volunteering, wie es in der amerikanischen und britischen Gesellschaft Tradition hat.

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So nah kommt man den Wildkatzen auf einer rundreise nie: Helfer der Organisation "Biosphere Expeditions" bei der Untersuchung eines betäubten Geparden in Namibia

Stephen Wehner steht mit seinem Bergwaldprojekt e. V. für praktischen Naturschutz; über die Teilnehmer seiner Reisen meint er: "Die wissen, dass das Leben nicht nur aus Job und Fußball-WM besteht." Das Profil der Freiwilligen im Jahre 2006: Sie sind meist älter als 30 Jahre, üben einen höher qualifi zierten oder akademischen Beruf aus, reisen meist allein an und sind in der Mehrzahl Frauen.

Von Bärenpirsch bis Bäumepflanzen

Die Anbieter stellen sich auf diese Zielgruppe ein. Dabei gehen die Tätigkeiten, die ein Volunteer ausüben kann, weit über das Pflanzen von Bäumen oder das Bohren von Brunnen hinaus. Die Freiwilligen markieren Delfine im Atlantik, erforschen Schneeleoparden im Altai, betreuen in Nordafrika Beduinen im Altenheim; sie untersuchen Heilpflanzen in Padua, unterstützen Schweizer Bergbauern auf ihren Höfen, führen Besucher durch schottische Nationalparks oder bereiten Abiturienten in südafrikanischen Townships auf die Uni vor. Ältere Volunteers werden entsprechend ihrer Lebenserfahrungen und Fähigkeiten eingesetzt und mit Rücksicht auf ihr Leistungsvermögen. Wer am Strand von Costa Rica Schildkröten zählen soll oder beim Mikroskopieren alter Heilpflanzen hilft, muss nicht so fit sein wie jemand, der in der Tatra auf Bärenpirsch geht.

Zudem sind die Unterkünfte bequemer geworden: Man schläft in Lodges oder Hostels, kommt bei Gastfamilien unter oder in komfortablen Hütten; nur selten noch wird ein Zelt errichtet. Wie weit das Volunteering sich vom Workcamp entfernt hat, wird zudem am Rahmenprogramm der Reisen deutlich: Nach getaner Arbeit gehen Anbieter mit den Teilnehmern auf Safari in die afrikanische Steppe, trekken durch den Himalaya, baden am Palmenstrand oder besichtigen die nahgelegene Stadt. Arbeit und Vergnügen eben. Ebenso selbstverständlich verlangen einige Veranstalter für die Arbeit im Urlaub Geld. Die Teilnehmergebühren, in denen die Reisekosten nicht enthalten sind, liegen nicht selten bei 1500 Euro. Davon fließt der überwiegende Teil in das Sozial- oder Umweltprojekt, für das die Teilnehmer sich entschieden haben. Es gibt aber auch günstigere Touren sowie solche, bei denen für die Freiwilligen lediglich die Reisekosten anfallen.

Etwas bewirken

Insgesamt nähert sich das Volunteering der Erlebnis- und der Studienreise an, auch ähnelt es immer mehr nachhaltigen Ökoreisen. Den Teilnehmern ist das nur recht so. Vor allem aber suchen sie Intensität: auf Tuchfühlung gehen mit fremden Kulturen, die Wildnis hautnah erleben. Barbara Flügge über ihre Reise nach Kangaroo Island: "Beim Ökotourismus hat man ein gutes Gewissen, aber das reicht mir nicht. Beim Volunteering bin ich nicht nur Konsument, ich produziere etwas. Selbst wenn es nur Daten sind." Die Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit veranlasste auch Andrea Appel, in einem peruanischen Kindergarten zu helfen. "Nach Jahren im Beruf und bei all der Hektik in Deutschland hatte ich das Gefühl, dass ich über meinen Alltag nicht mehr selbst bestimme. Ich fragte mich, ob das alles ist, was ich vom Leben will."

Einen Grund für den gegenwärtigen Volunteering- Boom sieht Justin Francis von Responsibletravel, einem britischen Internet- Forum für nachhaltigen Tourismus, in der "Sehnsucht nach einfachen Tätigkeiten, die etwas bewirken". Und in der Suche nach dem Gemeinschaftserlebnis in einer Welt, die aus immer mehr Singles besteht. Auch Barbara Flügge bevorzugt "zweckgebundene Reisen, weil man da auf Leute mit ähnlichen Interessen trifft und nicht nur Touristengespräche über die Qualität des Hotels führt". Die Tatsache, dass sich mehr Frauen als Männer auf Freiwilligenreise begeben, bestätigt laut Ulrich Reinhardt vom Hamburger BAT-Institut für Freizeitforschung ein langgehegtes Klischee. Zahlreiche Untersuchungen hätten ergeben: Männer suchen im Urlaub vor allem Erholung und Sport, dagegen interessieren sich Frauen mehr für die Umwelt und die Lebensweise der Einheimischen.

Unabhängig vom Geschlecht dürfte es Volunteering-Aspiranten allerdings schwer fallen, sich im Dickicht der kleinen und großen, in- und ausländischen, kommerziellen und nichtkommerziellen Anbieter zurechtzufinden. Zumal die etablierten Unternehmen ihren Sitz oft im Ausland haben, vor allem in England und den USA. Wer an einer Earth watch- Reise teilnehmen will, muss über Englischkenntnisse verfügen.

Kultur des Gutmenschentums

Sie sind auch hilfreich bei vielen in Deutschland gebuchten Reisen, schließlich arbeiten hiesige Veranstalter oft mit den etablierten internationalen Anbietern zusammen. Viele der traditionellen Umwelt- und Sozialverbände haben den neuen Trend hingegen verschlafen. Nicht selten verharren sie "in der Kultur des Gutmenschentums", wie Tourismus-Expertin Felizitas Romeiß-Stracke es formuliert. Und oft schlagen sie die Interessenten mit "schwer erträglichem Sozialpädagogen-Sprech" in die Flucht. Gravierender ist, dass sich beim Volunteering, wie auf jedem florierenden Markt, Scharlatane breitmachen. Da werden spektakuläre Tauchforscher-Touren angeboten, die angeblich dem Naturschutz dienen, eine wissenschaftliche Auswertung aber wird nie veröffentlicht. Oder eine Gruppe unerfahrener und weitgehend kenntnisfreier Jugendlicher wird ohne Betreuung in einem indischen Dorf abgesetzt, wo die ohnehin gebeutelten Einwohner dann auch noch Kindergärtner spielen dürfen.

Und wie erkennt man einen seriösen Anbieter? "Unter anderem daran, dass er den Spaß nicht überbetont", sagt Nicole Häusler, Dozentin für nachhaltigen Tourismus an der Fachhochschule Eberswalde. Es dürfe aber ebenso wenig nur die Arbeit im Vordergrund stehen. "Der Veranstalter sollte nicht den Eindruck erwecken, es ginge darum, den Regenwald zu retten oder die Armut in der Dritten Welt zu beseitigen. Freiwillige leisten immer nur einen sehr begrenzten Beitrag. Abgesehen davon, dass die Einheimischen bei 40 Grad Hitze ohnehin besser Bäume pflanzen können als ein Nordeuropäer." Es gehe primär darum, dass die Reiseteilnehmer lernen und gemeinsam mit Einheimischen Erfahrungen sammeln. Nach diesen Kriterien haben Barbara Flügge mit Earthwatch und Andrea Appel mit Viventura gute Veranstalter gewählt.

Schöne Momente

Flügge wanderte nicht nur Echidnas hinterher und mikroskopierte Insekten. Sie verbrachte auch viel Zeit mit den Wissenschaftlern und anderen Volunteers, nahm an einer Exkursion teil und genoss von ihrem komfortablen Zelt aus einen - für sie als Hobbyornithologin - ergiebigen Blick auf ein nahes Wasserloch. Der peruanische Kindergarten wäre ohne Andrea Appel gewiss nicht zusammengebrochen. Die Deutsche fand vor allem Gelegenheit, den Kindern Kuschel- und Spieleinheiten zu schenken, schöne Momente, für die den Erzieherinnen vor Ort oftmals die Zeit fehlt.

Und noch etwas fand die Helferin aus Deutschland. Der Sohn ihrer Gastfamilie, ein Bankkaufmann und BWL-Student, kam während ihres Aufenthaltes eher zufällig zu Besuch. Schon am ersten Abend lud er sie ins Kino ein, wenige Monate später haben sie geheiratet. Inzwischen leben beide in Nürnberg. Ein gemeinsamer Volunteering- Urlaub ist geplant. "Aber in Afrika. Mein Mann findet, in Peru ist Freiwilligenarbeit nicht nötig."

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