Bergwandern: Die Entdeckung der Langsamkeit

Fast unbemerkt hat sich das Bergwandern zu einer Trendsportart entwickelt - weil es Entspannung und Ruhe verspricht. Und wohl niemand verkörpert die neue Art des Wanderns besser als Luis Pirpamer
In diesem Artikel
Jede Geste ist Kraftverschwendung
Kein Verschleiß an den Gelenken
"Diese Leute laufen los, als wollten sie der Welt den Arsch aufreißen"

Jede Geste ist Kraftverschwendung

Nicht immer nimmt man in den Bergen den geraden Weg. In Vent, dem hintersten Dorf im Ötztal, saß man vor fast 30 Jahren eines Abends beieinander, und da sagte der Hotelier Luis Pirpamer: "Wenn ich wüsst, dass die Frau nichts dagegen hat, würd ich ja den Bergführer machen." Vent hat 158 Einwohner, die Dorfgemeinschaft gilt als intakt, deshalb erfuhr Frau Pirpamer über Dritte rasch von diesem Wunsch. Und gab ihrem Mann bereitwillig den Segen. Mittlerweile ist der staatlich geprüfte Bergführer Luis Pirpamer 69 Jahre alt, und noch immer führt er Gäste auf die Gipfel der Alpen. An diesem Tag geleitet er ein Dutzend Frauen und Männer auf das "Wilde Mannle", einen 3020 Meter hohen Berg in den Ötztaler Alpen. Pirpamers dünne Beine bewegen sich so gleichmäßig wie die Kolben einer Maschine, mit kleinen und sicheren Schritten steigt er stetig bergan.

"Die Entdeckung der Langsamkeit", vorgelesen von Mathias Unger (Länge: 13:17 Min.; 12,1 MB)

Jede Geste ist Kraftverschwendung

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Mit so bedächtigem wie stetigem Schritt steigt Luis Pirpamer zum Rofenkargletscher auf - um dort Wanderurlauber mit dem Eisgehen vertraut zu machen. Von hier oben reicht der Blick über das Ötztal bis zur italienischen Grenze

"Die Leut tun am Anfang viel zu schnell gehen", sagt er auf Tirolerisch, "wenn man aber erst langsam tut, wenn die Kraft weg ist, nutzt das nix mehr." Nach einer Stunde kommen seine Beine erstmals zum Stillstand, und er sagt zu seiner Gruppe: "Trinkt jetzt einen Schluck und esst einen Bissen. Wenn ihr wartet, bis der Hunger kommt, braucht die Verdauung zu viel Energie." Ein kurzer Blick auf den Höhenmesser seiner Armbanduhr: "Wir sind jetzt schon auf 2670 Meter. Da muss man mit den Kräften haushalten." Dieses Prinzip hat Pirpamer bis in die Fingerspitzen verinnerlicht: Die Daumen sind in den Bauchgurt seines Rucksacks eingehakt, die Hände mit der ledrigen Haut ruhen am Körper, jede Geste wäre Kraftverschwendung. Unter dem grünen Filzhut ziehen sich Falten über sein schmales Gesicht, die Lider verdecken viel von den blauen Augen, als ob der Körper in Jahrzehnten selbst einen Schutz gegen die Höhensonne gebildet hätte.

Mit 97 Jahren jeden Tag eine Wanderung

In Bergsteigerkreisen ist Pirpamer so bekannt wie das Matterhorn bei Flachlandtirolern. In den 1990er Jahren war er Präsident des Weltverbandes der Bergführer, und im Herbst 1991 sorgte er mit seinem Eispickel für Schlagzeilen. Gemeinsam mit einem Freund grub er einen Toten aus, den Wanderer am Berg entdeckt hatten. Zufällig kam Reinhold Messner des Wegs und schätzte das Alter der Gletscherleiche auf 500 Jahre. "Da hab ich zu ihm gesagt: Du wärst nicht der Messner, wenn du nicht aufschneiden würdest", erinnert sich Pirpamer. Spätere Untersuchungen mit der Radiokarbonmethode ergaben dann, dass die Feuchtmumie, vulgo "Ötzi", seit rund 5300 Jahren tiefgekühlt im Eis lag. Die Höhenluft konserviert anscheinend auch die Bergführer. Pirpamer erzählt von Anderl Heckmair, dem legendären Erstbezwinger der Eigernordwand. Der machte noch mit 97 Jahren jeden Tag eine Wanderung im Allgäu, bei schlechtem Wetter zumindest einen Spaziergang. Bei den Bergsteigertreffen nahm er nach dem Abendessen zwei Schnäpse und rauchte einen Stumpen; der zähe Mann wurde 98. "Und mein Vorbild ist der Ulrich Inderbinen", schwärmt Pirpamer. Der führte noch mit 95 Jahren Gäste auf die Gipfel im Wallis; zum 100. Geburtstag setzte man ihm in Zermatt ein Denkmal, erst mit 103 Jahren verstarb Inderbinen.

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Über einen schmalen Grat, weit jenseits der Baumgrenze, geht es hinab vom "Wilden Mannle". Bis auf knapp über 3000 Meter Höhe hat Luis Pirpamer seine Gäste an diesem Tag geführt

Leben Bergwanderer länger als andere Menschen?

Wer nicht abstürzt oder unter eine Lawine gerät, hat tatsächlich gute Chancen, gesund alt zu werden. "Wer regelmäßig wandert, profitiert von den Segnungen des Ausdauersports: Er bekommt eine gute Grundkonstitution und beugt Osteoporose vor", urteilt Karl Schrag, Ausbildungsleiter im Deutschen Alpenverein (DAV). Die Forschungsgruppe Wandern an der Universität Marburg listet weitere Pluspunkte auf: Wandern stärkt das Immunsystem, reguliert den Fettstoffwechsel und kräftigt den Kreislauf; ein psychisches Wohlgefühl stellt sich ein, gleichzeitig werden Blutdruck, Puls und Stresshormone heruntergefahren. Doch nicht nur Gesunde profitieren: Die Höhenmediziner Egon Humpeler und Wolfgang Schobersberger von der Tiroler Landesuniversität UMIT in Hall haben untersucht, wie sich Wandern auf Patienten mit metabolischem Syndrom auswirkt, also bei Übergewichtigen, die zudem unter Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen leiden. Nach nur drei Wochen Wanderurlaub verbesserten sich entscheidende Merkmale: Körperfett, Gewicht und Hüftumfang nahmen ab, Cholesterinwerte und Blutdruck sanken. Die Probanden waren in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine wanderte in einer Höhe um 200 Meter, die andere auf 1700 Meter. Der Stoffwechsel verbesserte sich bei beiden Gruppen, die Bergwanderer wiesen jedoch zusätzlich eine höhere Qualität der roten Blutkörperchen auf, die das Gewebe vermehrt mit Sauerstoff versorgten.

Kein Verschleiß an den Gelenken

Vent liegt auf 1900 Meter über dem Meer. "Ich habe noch nie 70 Kilo gewogen", sagt Luis Pirpamer. Er ist 1,82 Meter groß, und bei den schweren Touren im Sommer sinkt sein Gewicht auf 66 Kilogramm. Da ist er oft zwölf Stunden unterwegs, zum Beispiel bei der Überschreitung des Mont Blanc. Beim Abstieg geht Pirpamer, wenn möglich, mit Stöcken, um die Knie zu entlasten. Bis heute spürt er keinen Verschleiß an den Gelenken. Tatsächlich können Stöcke die Kniegelenksbelastung senken - allerdings nur, wenn sie richtig genutzt werden: Der Wanderer darf sich durch das Hilfsmittel nicht dazu verleiten lassen, größere Schritte zu machen. Dann nimmt die Belastung der Knie sogar zu. Blessuren hat Pirpamer dennoch erlitten. Schon einige Male ist er ins Seil gestürzt, "da ist der Körper hinterher beleidigt, manchmal spürst du die Prellungen ein paar Wochen lang". Aber die schwersten Verletzungen hat er sich als Jugendlicher bei Skirennen zugezogen: Das Nasenbein war gebrochen, der Kiefer ausgerenkt, und ein Blutgerinnsel im Kopf hat ihm später eine Hirnhautentzündung beschert.

"In der Jugend war ich ein wilder Hund"

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Auf dem Rofenkargletscher gehören Steigeisen und Sicherungsseil zur Ausrüstung. Dort wird die Wandergruppe auch das Abseilen in Gletscherspalten üben

Unter Vorwänden stahl er sich von zu Hause fort und bestieg mit einem Freund Eiswände. "Und in der Bergführerausbildung haben alle mächtig Gas gegeben." Die Langsamkeit entdeckte Pirpamer erst später, auf einem Umweg: In Vent führt er mit seiner Frau das Traditionshotel "Post". Die Gäste erzählten abends von ihren Bergerlebnissen, und er hörte heraus, wie sie von jenen Führern schwärmten, die Rücksicht nahmen auf Schwächen der Gäste. Das Wort Serviceorientierung würde ihm zwar nie über die Lippen kommen, aber genau dieses Prinzip praktiziert er seither: "Wenn der Gast nicht fix und fertig auf dem Gipfel ankommt, hat er doppelte Freude. Und wenn wir auf die Wildspitze anderthalb Stunden länger brauchen als normal, ist mir das schnuppe", sagt er.

Die Langsamkeit auf dem Weg nach oben

Die Langsamkeit auf dem Weg nach oben ist Pirpamer mit den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Er will die Berge nicht bezwingen, sondern erleben. Es hat fast etwas von dynamischer Meditation, wie er hinauf zum Wilden Mannle steigt. Beim Eintrag ins Gipfelbuch beobachtet er diskret die Gesichter seiner Gäste. "Wenn sich die Lippen verfärben, sind Herz und Kreislauf überfordert", erklärt er. Solch Wissen verdankt er nicht medizinischen Lehrbüchern; er hat aus Erfahrung ein Gespür für die Gefahren am Berg entwickelt. Beim Abstieg ragt die Seitenmoräne des Rofenkargletschers wie ein künstlich angelegter Damm aus der bizarren Geröllhalde, die Gruppe geht im Gänsemarsch. Eine Nebelschwade zieht auf, nach einer Stunde ist der ganze Berg in graue, triefend feuchte Watte gehüllt, alle gehen jetzt schweigend. "Das ist ein gutes Zeichen", sagt Pirpamer. Wenn Wanderer verstummen, das weiß er, gehen sie ganz im Bergerlebnis auf. "Der Alpinist will auf den Gipfel, dem Bergwanderer dagegen ist der nicht so wichtig. Dem geht es um das Wandern als solches", sagt Karl Schrag vom DAV. Und dieser Trend zum Gehen macht sich nun auf den Hütten des Alpenvereins bemerkbar: Die für Wanderer erreichbaren verzeichnen deutlich höhere Gästezahlen.

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Routine kennt Luis Pirpamer nicht - mit Begeisterung erklärt er Gästen die Welt der Ötztaler Alpen

Das deckt sich mit einer Studie des Allensbach-Instituts. Demnach ist in Deutschland die Zahl derer, die häufig oder ab und zu wandern, zwischen 2001 und 2004 von 53 auf 62 Prozent gestiegen - ohne dass es dazu einer Werbekampagne bedurft hätte. Die Forschungsgruppe Wandern in Marburg hat schon den "neuen Wanderer" ausgemacht, jenseits von Kniebundhose und Filzhut: Er ist deutlich jünger als das klassische Mitglied im Wanderverein, im Schnitt 48 Jahre, er wandert gern in kleinen Gruppen, gehört zu den Besserverdienenden und überdurchschnittlich Gebildeten, gibt mehr Geld für Übernachtung, Essen und Bekleidung aus. "Wandern wird offenbar mehr und mehr ein Hobby der gehobeneren, meinungsführenden Schichten", sagt Rainer Brämer, Leiter der Forschungsgruppe. Zudem entdeckten immer mehr 25- bis 39-Jährige das Wandern im eigenen Land.

"Diese Leute laufen los, als wollten sie der Welt den Arsch aufreißen"

Dem Bergführer Pirpamer fällt auf, dass viele Menschen sich neuerdings bewusster bewegen. Auch Schwergewichtige. "In letzter Zeit seh ich immer mehr Gwamperte. Männer und Frauen, bei denen es fünf vor zwölf ist, die über 100 Kilo wiegen." Bei diesen Wanderern versucht er "einen Spagat": Er ermutigt sie, in Bewegung zu bleiben, aber sich dabei keinesfalls zu überfordern. "Diese Leute laufen los, als wollten sie der Welt den Arsch aufreißen. Aber man kann im Sport so viel falsch machen, wenn man kein Gefühl für seinen Körper hat und nicht Maß zu halten versteht." Der Berg formt die Menschen. Überschießende Motivation trägt nicht bis nach ganz oben. Auf dem langen Weg dorthin hilft nur die stetige Langsamkeit. Das Hochgebirge hat auch Pirpamer Demut gelehrt. Am K2, dem mit 8611 Metern zweithöchsten Gipfel der Erde, ist er umgekehrt, als ein Kamerad Höhenödeme bekam. Und den 5947 Meter hohen Alpamayo in Südamerika konnte Pirpamer wegen schlechten Wetters gar nicht erst in Angriff nehmen. Das bedauert er heute noch, weil der Alpamayo "eine Schönheit unter den Bergen ist", und weil er vielleicht nie wieder nach Peru reisen wird. Aber er hat sich damit abgefunden, dass die Natur mitunter stärker ist als der Mensch.

Wenn es der Berg erfodert, wechselt aber auch Luis Pirpamer Tempo und Temperament. Dann wird aus dem Langsamgeher ein beherzt zupackender Mann, an dessen Seil das Leben seiner Gäste hängt. Das zeigt sich am nächsten Tag, als er einen Grundkurs im Eisgehen gibt, auf dem Rofenkargletscher. Das schlechte Wetter hat sich bis auf eine zarte Wolke über der Fineilspitze verzogen. Neuschnee hat in der Nacht die Gipfel frisch überzuckert, die Lärchen leuchten goldgelb, die Wiesen im Tal moosgrün. Am Rande des Gletschers werden die Steigeisen angezogen. In einer tiefen Spalte übt die Gruppe das Abseilen. Eine Frau aus Sölden lehnt ihren Körper mutig rückwärts ins Nichts, ihre Beine hängen fast waagerecht über der Spalte, sie hackt die Frontzacken ins blanke Eis, geht mit kleinen Schritten die blau gefrorene Wand hinunter.

Der Rückweg wird schwieriger. Plötzlich verliert die Frau den Halt und baumelt wie ein Sack in der Spalte. Pirpamer stemmt sich in den Boden, hält das Seil und erklärt ihr ruhig, dass sie die Beine breiter setzen und die Schritte kleiner machen soll. Doch in ihrer Angst will sie mit Riesenschritten aus der Spalte kommen, dabei rutschen die Zacken ab. Als die Frau endlich wieder über der Kante auftaucht, sagt der Bergführer: "Der Instinkt ist ein Luder." Beim Abstieg über die Breslauer Hütte zittern den Novizen des Eisgehens die Arme von der überstandenen Anspannung. Die Gipfelwächte der Wildspitze zeichnet sich scharf gegen den Himmel ab, der Ramolkogel wirft einen breiten Schatten. In den Stubaier Alpen ist jeder Gipfel zu erkennen, im Südwesten beschließt der Ortler das Panorama. Unzählige Male ist Luis Pirpamer hier, in seinen Hausbergen, schon gegangen. Aber nicht ein Schatten grauer Routine liegt am Ende dieses Tages mit den Anfängern über seinem Gesicht. Er strahlt in seinen weißen Bart hinein. "Diese Bläue über den Gletschern", sagt er, "die sieht man wirklich selten."

Notfall in den Bergen

Ein Sturz, Ohnmacht, Unterkühlung, Schockzustand usw. - am Berg sind die Unfallgefahren vielseitig und Hilfe ist nicht schnell vor Ort. Sie sollten daher in Erster Hilfe fit sein und sofort wissen, was Sie in der jeweiligen Situation tun müssen. Und natürlich die wichigsten Telefonnummer parat haben. Wenn einer Ihrer Kameraden beispielsweise einen Schock erleidet, müssen Sie dafür sorgen, dass er sich nicht unterkühlt: Auf einer isolierten Matte lagern, in eine Rettungsdecke packen und heiße und süße Getränke zuführen. Der Deutsche Alpenverein hat eine Broschüre zu dem Thema herausgegeben, in der Sie neben Erster Hilfe-Tipps auch wichtige Notfallnummern finden. www.alpenverein.de.

Das Rote Kreuz bietet online einen Erste-Hilfe-Kurs an: www.drk.de.

"Die Entdeckung der Langsamkeit", vorgelesen von Mathias Unger (Länge: 13:17 Min.; 12,1 MB)
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