Urlaub im Nachtzug: Sieben Städte in sieben Tagen

Sieben Städte in sieben Tagen - als Hotel dient der Nachtzug, der kreuz und quer durch Europa rollt. Ein Abenteuer für moderne Bahn-Nomaden. Bjørn Erik Sass ist zugestiegen
In diesem Artikel
Eine Stadt in einem Tag
Ohne Kultur geht es natürlich nicht

Eine Stadt in einem Tag

Meine Reise durch Europa ist eine Zugfahrt auf dem eisernen Gleis der Erkenntnis. Dazu muss ich sagen, dass ich gern das Schöne an den Dingen sehe - selbst dann, wenn es anders kommt als erwartet. Nun bin ich also für eine Woche im Nachtzug unterwegs. Als ich das Wort zum ersten Mal hörte, Nachtzug, hatte ich sofort dieses Bild vor Augen: Gleich auf der ersten Fahrt, von Hamburg nach Paris, reist im Nebenabteil eine Gruppe australischer Rucksacktouristinnen. Blond und braungebrannt würden sie sein, ich würde den Schaffner nach Bier schicken, und bald säße der ganze Waggon bestens gelaunt zusammen. Da sind aber keine Rucksacktouristinnen, nicht auf der Fahrt nach Paris, nicht nach Berlin und auch nicht nach München, Mailand, Köln, Zürich und zurück nach Hamburg. Und statt fröhlich miteinander auf dem Gang zu schnattern und Leckereien zu teilen, sieht jeder zu, dass er in sein Abteil kommt und die Tür schließt. Darüber bin ich sogar froh, denn von Anfang an ist klar: Ich brauche meinen Schlaf. Jede Nacht im Zug unterwegs, jeden Tag in einer anderen Stadt - das ist anstrengend, da würde mich die Aufregung romantischer Abenteuer zu viel Kraft kosten.

Nachtzüge sind für Menschen, die gemächlich reisen wollen

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Im rollenden Hotel nach Mailand

Also gehe ich zeitig zu Bett. Die Nachtzüge fahren meist gegen 21, 22 Uhr los. Da ist abends gerade genug Zeit, noch essen zu gehen, das Gepäck aus dem Schließfach zu holen und auf dem Bahnsteig eine Weile zu schauen, was für Leute das sind, die den Nachtzug nehmen. Auf jeden Fall Menschen, denen das gemächliche Reisen liegt. Wahrscheinlich sind nicht einmal hundert Jahre alte Nostalgiezüge so langsam wie Nachtzüge. Das müssen sie natürlich auch sein, denn sonst wären in unserem kleinen Mitteleuropa die Nächte im Zug sehr kurz, und wir wären viel zu müde, uns die Städte anzusehen. Damit wir zu unserem Schlaf kommen, werden Umwege gefahren. Und ich bin mir ganz sicher, dass der Zug manchmal länger hält, aber irgendwo draußen, nicht in einem Bahnhof. Vielleicht fahren die tatsächlich auch gar nicht so langsam, und die Zeit, die sie verplempern müssen, damit wir ausschlafen können, verbringen sie auf speziellen Nachtzugabstellgleisen. Dann legen sich auch Schaffner und Zugführer ein paar Stunden hin und am nächsten Morgen geht es ganz früh wieder los, bevor wir Reisenden etwas merken. Denn offi ziell darf niemand davon wissen, deshalb stehen diese nächtlichen Stopps ja auch in keinem Fahrplan. Darum also wirken die Schaffner trotz ihrer Nachtschichten immer so unglaublich frisch.

Frühmorgens klopfen sie tipptopp aufgelegt an die Tür und bringen Frühstück und Kaffee, und das ist jetzt keine Fantasterei im Halbschlaf. Schon zu Hause komme ich aus eigener Kraft nicht in den Tag. Im Zug habe ich den Kaffee noch nötiger. Diese Nachtreisen führen mir knallhart meine körperlichen Handicaps vor Augen: Die Betten sind bequem, sie sind frisch bezogen und breit genug, und sie haben eine gewisse Länge. Mein Kummer ist: Ich bin länger. Und da sind meine Beine noch nicht einmal ausgestreckt. Einerseits bin ich dankbar, dass mir die Bahn die Enge meines Denk- und Empfi ndungskonzepts - Raum ist endlich - so nachdrücklich vor Nachtzug: das Gleis der Erkenntnis Augen führt. Andererseits benötige ich eine Weile, um mich wieder daran zu gewöhnen, in Embryonalhaltung zu schlafen. Deswegen brauche ich morgens Kaffee. Viel Kaffee. Nun könnte man lange lamentieren über die Qualität von Automatenkaffee, über eingeschweißte Croissants und über Quittenmarmelade sowieso, über dieses ganze Frühstück im Pappkarton mit ADAC-Logo.

Eine Stadt in einem Tag

Aber ich setze mich auf mein Bett und freue mich auf die Stadt, die da kommt. Welche das jeweils ist, das verschwimmt mitunter. Und wenn ich da bin, was unternehmen? Die Städte auf meinem Reiseplan sind allesamt wunderschöne Orte. Ich bräuchte Wochen, ihre Sehenswürdigkeiten anzuschauen, habe aber jeweils nur einen Tag. Wenn ich den mit allem vollstopfe, was ich angeblich auf keinen Fall verpassen darf, bin ich noch vor der zweiten Nachtfahrt so fertig, dass ich nach Hause fliegen muss. Also gehe ich in Paris spazieren. Ich betrete kein einziges Museum und keine Kirche, schenke mir ein neues Taschenmesser, mache Picknick an der Seine, kaufe Sonnencreme und schaue in den Tuilerien stundenlang Spielzeug-Segelbooten zu, die auf einem Teich hin und her geschubst werden. Die Wege dort im Park sind mit einem hellen, feinen Staub bedeckt. Dieser Staub legt sich auf meine Stiefel, dringt tief in die Nähte und Poren des Leders, und für den Rest der Reise ist der Anblick meiner staubigen Stiefel eines meiner liebsten Souvenirs, denn so weiß ich, dass ich zwar unterwegs bin, aber trotzdem festen Halt habe.

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Im Nachtzug durch Europa fahren: Für kurze Zeit wird das Abteil zum gemütlichsten Ort der Welt

In Köln leihe ich mir ein Rad, fahre am Rhein entlang und arbeite schließlich auf einer Caféterrasse weiter an meinem Teint. In Zürich mache ich eine Dampferrundfahrt über den See, und die immer noch staubigen Stiefel machen sich vor dem Hintergrund der schneebedeckten Berge fantastisch auf der Reling. Der Rest von Zürich wirkt wie in Pastell gemalt. Wenn man im Supermarkt einen Liter Mineralwasser kauft, klebt die Verkäufe rin den Bon mit zwei Streifen Tesafi lm an die Flasche. Da kann dann wirklich nichts mehr schiefgehen. Das soll auf keinen Fall negativ klingen, aber diesen Eindruck vermittelt Zürich nun mal. Für Mailand habe ich mir fest vorgenommen, den Punkt Kirchenbesichtigung abzuhaken. Aber dann stehe ich mit dem leckersten Schokoladen-Feige-Eis der Welt aus der Eisdiele "Nerofondente" an einem der Navigli-Kanäle, Inter wird gerade italienischer Fußballmeister, und weil ich ein guter Gast sein will, feiere ich mit. Und der Dom ist auch von außen sehr hübsch, ehrlich.

Ohne Kultur geht es natürlich nicht

In Berlin suche ich deshalb das Museum für Fotografie auf, dort ist James Nachtwey ausgestellt, der Kriegsfotograf. Meine staubigen Stiefel würden gut zu seinen Bildern passen. Auf die Fotos bin ich seit Wochen gespannt. Aus Versehen komme ich im Museum aber vom Weg ab und gerate in einen Raum mit fürchterlichen, bonbonbunten Bildern. Vielleicht bin ich einfach noch zu erschöpft vom Tag in Paris, jedenfalls machen mir diese Fotos von David LaChapelle wahnsinnig schlechte Laune. Am Ende führt dies sogar zu meiner einzigen Reisepanne: Um mich zu erholen, trinke ich schnell ein Bier. Ich treffe Frank, der in Berlin lebt. Wir trinken noch ein Bier, dann bringt er mich zum Bahnhof. Ich wundere mich, dass mein Zug nicht auf der Anzeigetafel steht, obwohl er doch schon in einer Viertelstunde abfahren soll. Macht nichts, sage ich mir, Nachtzüge sind etwas Besonderes. Aber meiner steht nirgendwo mehr, denn ich habe ihn verpasst. Er fuhr früher ab, als ich dachte. Hätten mich diese Fotos im Museum nicht so verstört, ich hätte vielleicht rechtzeitig auf dem Ticket nachgesehen. Zum Glück gibt es noch einen späteren Nachtzug nach München. Der Schaffner nimmt mich mit, ich trinke noch ein Bier zur Beruhigung, und in dieser dritten Nacht schaukelt mich der Zug endlich sanft in einen tiefen Schlaf.

Mit den Duschen ist es so: In den Liegewagen gibt es keine, in den Schlafwagen eine am Ende jedes Waggons. In denen merkt man erst, wie sehr ein Zug schaukelt. Das fällt im Abteil nicht sonderlich auf, aber da versucht man auch nicht, sich zu rasieren. Natürlich hätte ich weniger eitel sein können, aber noch wusste ich ja nicht, dass aus meiner Idee von den mitreisenden Australierinnen nichts würde. Ist vielleicht nicht die richtige Jahreszeit für Rucksacktouristinnen, dachte ich. Aber bei der Morgentoilette kamen mir Zweifel, ob mir diese Reise in der Hauptsaison denselben Spaß machen würde. Ich mag nicht vor dem Klo anstehen. Und wenn ich in meiner Koje von meinem Buch aufschaue und in die Nacht lausche, möchte ich nichts hören als das Holpern der Zugräder auf den Gleisnähten - oder was immer genau dieses "Kalonck-kalonck" macht.

Abteile werden zum gemütlichsten Ort der Welt

Dass mir die winzigen Abteile während dieser Woche wie der gemütlichste Hort der Welt vorkommen, liegt auch da ran, dass ich draußen keinen Rückzugsort habe. Wenn ich mal verschnaufen will, gehe ich in ein Café, in einen Park, an einen See. Ich kenne dort keinen Menschen, niemand redet mit mir, aber nirgendwo bin ich für mich. Verbrächte ich die Woche in einer einzigen Stadt, ich hätte ein Hotel, in dem ich zwischendurch abhängen könnte. Das kann ich auf dieser Reise nur im Zug. Also klettere ich an Bord, lege mich ins Bett, und weil ich den ganzen Tag nicht gesprochen habe, will ich es nun erst recht nicht. Ich sehe so viel von morgens bis abends, das muss einfach mal sacken. Nur einmal zieht es mich nach der Abfahrt aus dem Bahnhof noch mal hinaus: in die Bordbar mit dem Glühbirnchen-Sternenhimmel. Die Frau neben mir ist Holländerin. Sie hat gerade mit ihren Kindern eine ähnliche Reise unternommen und ist nun auf dem Weg nach Hause. "Wenn dir etwas an dieser Reise nicht ganz perfekt vorkam", sagt sie mit ihrem wunderschönen Akzent, "stelle dir vor, du hättest zwei pubertierende Töchter dabei."

Info: 7-Tage-Nacht mit City Night Line

Die "7-Tage-Nacht" ist eine einwöchige Fahrt durch Deutschland und mehrere Nachbarländer. Gestartet wird täglich in Berlin, Hamburg, Köln, München oder Freiburg. Paris, Zürich und Brüssel sind die Ziele im Ausland. Eine Variante schließt Kopenhagen ein; wer lieber nach Süden fahren will, kann auch Mailand ansteuern. Unterbrechungen in einzelnen Städten sind möglich, Fahrräder können im reservierungspflichtigen Radabteil mitgenommen werden. Mehr unter www.nachtzugreise.de. Telefonische Buchung bei der Verkaufsstelle Frankfurt/Neu-Isenburg, Tel. 06102-80 05 75

Preise:

Je nach Saison ab 280 Euro pro Person im Liegewagen (bis zu sechs Personen im Abteil) und ab 455 Euro pro Person inkl. Frühstück im Schlafwagen (bis zu drei Personen im Abteil).

Reisehygiene

Niemand muss eine Woche ohne Dusche auskommen: Die De-luxe-Abteile haben eigene Bäder. In der Schlafwagen-Klasse steht pro Waggon eine Dusche zur Verfügung. Nur wer im Liegewagen reist, ist auf ein Schwimmbad oder auf die öffentlichen Duschen in manchen Bahnhöfen angewiesen.

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