Motorradtour: Von Köln nach Shanghai

Erik Peters und sein Freund fuhren 14.000 Kilometer per Motorrad - fast aber wäre die Tour an einem Fußballspiel gescheitert
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"Tagelang kein Glücksgefühl, keine Emotion, nichts von Freiheit"

Der Morgen graut im Süden von Kirgisistan. Erik Peters ist mit seinem Motorrad gestartet. Irgendwo hinter Koch kor biegt von der Hauptstraße eine kleine Schotterpiste ab. Sie windet sich in endlosen Kehren einen Pass bis auf 3000 Meter Höhe hinauf. Plötzlich, von einem Moment zum andern, lichtet sich der Nebel. Der Son-See leuchtet in der Sonne. Am Ufer stehen die Yurten von Nomaden wie Champignons im Steppen gras, dahinter ragen die schneebedeckten Berge in den glasklaren Himmel. Peters steigt in die Fußrasten seiner Yamaha, Vollbremsung, Tränen laufen ihm über die Wangen: "Ja, ja!", brüllt er. "Wir haben es geschafft!"

Das Schlüsselerlebnis

Zwei Jahre hat Peters an diesem Traum gearbeitet. Seit er im Sommer 2004 in einem engen stickigen Bus an der chilenischen Küste saß. Irgendwo bei Antofagasta, rechts die rotbraune Halbwüste, links der Pazifik in der Morgensonne. Ein Traum von Landschaft, die vorüberraste. Aber das war draußen, und er hockte drinnen. Seit 24 Stunden Bus und nur Bus. Er war müde und gerädert, die Luft war stickig, der Nebenmann roch nach Schweiß. Plötzlich zogen zwei Motorräder mit einem eleganten Schlenker vorbei. Ein Blick aufs Kennzeichen, und Peters war hellwach. Die beiden kamen aus Köln, wie er. Das war sein Schlüsselerlebnis.

Zurück in Deutschland beginnt sofort die Planung. Mit dem Motorrad ans andere Ende der Welt. China soll es sein, ohne Flieger, ohne Fähre, jeden Kilometer erarbeiten. Peking? Na ja, hört sich nicht gerade exotisch an, findet Peters. Aber Shanghai, das klingt gut: nach Welthafen und Abenteuer, nach ganz weit weg. "Schon als Kind habe ich selten ferngesehen", sagt er, "sondern immer mit dem Globus gespielt." So hat er sich in die Welt hinaus geträumt, die irgendwie größer sein musste als der Vorort von Siegen, in dem er aufgewachsen war. "Cologne-Shanghai" - diese Domain sichert er sich schon mal im Internet. Ab jetzt läuft der Countdown. Bisher hat Peters eher schleppend an der Universität Englisch und Spanisch studiert, nun gibt er Gas und meldet sich zur Diplomprüfung an. Er fi ndet einen Freund, der ihn begleiten will. Peters jobbt in jeder freien Minute, spart jeden Cent. Es werden anstrengende Wochen. Abends sitzt er vor dem Globus und fährt in Gedanken die Strecke ab.

Im Sommer 2006 ist es so weit. "Ich bin laut johlend vom Prüfungsamt zu meinem Kumpel gerannt", erinnert er sich, "mit diesem irren Gefühl: Jetzt geht's los." Nach dem Diplom, vor dem Job - wenn nicht jetzt, wann dann? Visa sind besorgt, Motorräder für einen Schnäppchenpreis bei Ebay ersteigert. Aber als Peters seine Maschine vor dem Kölner Dom zum Abschiedsfoto aufbockt, ist der Kumpel nicht da. Liegt noch bei der Freundin im Bett, hat nicht rechtzeitig gepackt, hat nach dem Fußballweltmeisterschaftsspiel Deutschland-Argentinien zu lange gefeiert. Warten, verspäteter Start, das war nicht vorgesehen. Und auch nicht, dass schon am ersten Fahrtag dem Freund in Aschaffenburg ein Zahn abbricht.

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"Ich habe geweint vor Glück": Peters in den Bergen der Mongolei

"Tagelang kein Glücksgefühl, keine Emotion, nichts von Freiheit"

"Du denkst an die irrsten Sachen. Ist das vielleicht deine letzte Reise? Bleibt dir deine Freundin treu, trotz der langen Abwesenheit? Kriegst du je wieder blöde Briefe, Rechnungen und so?", erinnert sich Peters. Erst nach drei Tagen, irgendwo in Österreich, ändert sich die Stimmung. Stundenlang jagt der Asphalt unter dem Motorrad hinweg, totale Entspannung macht sich breit. In jedem Land naht fortan eine neue Heraus forderung. In Odessa reißt eine Speiche, ein örtlicher Motorradclub hilft.

In Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, hören die Deutschen zu ihrer Überraschung: "Schön, dass ihr da seid!" In der Mongolei begegnet ihnen stundenlang niemand - auf einmal aber tauchen "die liebsten Menschen, die ich kenne", auf und laden die Motorradfahrer in ihr Zelt ein. Aber der Moment, der sich am tiefsten eingegraben hat, ist jener Morgen, an dem der 37-Jährige vor Sonnenaufgang den ersten Kaffee trinkt, neben sich das Motorrad, hinter sich das Altai-Gebirge. Eine Landschaft, zum Sterben schön. Dieses Bild im Kopf, dieser Sonnenaufgang, "das kann ich mir heute noch jederzeit im Kopf abrufen", sagt Peters. "Wenn mich im Alltag alles nervt, schließe ich die Augen und sitze wieder da vor meinem Zelt." Und dann, sagt er, ergibt sich alles irgendwie von selbst.

Mit dem Motorrad gen Osten

Route: Die Tour dauerte drei Monate: von Köln über Wien nach Ungarn; durch das Bükk-Gebirge Richtung Ukraine; über die Karpaten zum Schwarzen Meer; über Odessa und die Krim Richtung Russland; hinter Wolgograd entlang der Wolga bis ans Kaspische Meer; durch Kasachstan, vorbei am Aralsee in das Hochgebirge Kirgisistans; hinein in den Ostteil Kasachstans, durch das ehemalige Atomwaffentestgebiet bis Semipalatinsk; über das russische Altai-Gebirge bis zur Grenze der Mongolei. In der monoglischen Hauptstadt Ulan-Bator wurden die Motorräder verkauft. "China hätte die Einreise mit den Maschinen verweigert", sagt Peters. "Und in Ulan-Bator bekamen wir einen guten Preis." So ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Beijing, von dort mit dem Schlafbus nach Shanghai - und mit dem Flugzeug zurück nach Deutschland.

Mehr Infos unter www.cologne-shanghai.de und in dem Buch von Peters, das im Schardt-Verlag erscheint ("Cologne-Shanghai, eine Abenteuerreise")

Geführte Reisen: Bikeworld Travel. Großes Programm. Oft kann das eigene Motorrad mitgenommen werden. Touren u. a. durch die Türkei, Kanada, Argentinien, Südafrika, Neuseeland und auf Kreta. Tel. 05231/58 02 62, www.bikeworld-travel.de; Hannibal Tours. Versierter Schweizer Veranstalter. Organisiert Reisen z. B. nach Namibia und Kirgisistan. Tel. 0041/71/279 13 30, www.hannibal-tours.ch ; Edelweiss Bike Travel. Seit 28 Jahren bietet der österreichische Spezialist Touren auf fünf Kontinenten an. Tel. 0043/5264/56 90, www.edelweissbike.com

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Weites Land: Peters in der Mongolei. Am Tag zuvor haben die Abenteurer ihre Fotoausrüstung verloren

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