Atlantik: Ganz allein auf hoher See

Solo über den Atlantik segeln - das haben schon viele gemacht. Aber Johannes Erdmann war erst 19 Jahre alt, als er sich aufmachte

Manche sitzen jahrzehntelang mit der Kapitänsmütze im Segelclub. Sie reden das ganze Leben davon, dass man das ja eigentlich mal machen müsse. Johannes Erdmann hatte keine Mütze. Aber er hat es einfach gemacht. Seine Oma war die erste, die ihm zuredete. Auch Onkel Uwe, in dessen Keller er sich schon als Zehnjähriger durch Berge von "Yacht"-Heften schmökerte, befand: Soll der Junge doch lossegeln, einen Haufen Seekarten würde er ihm schon mitgeben. Das Abitur hat Erdmann in der Tasche, die Bundeswehr will ihn wegen einer Milchzuckerunverträglichkeit nicht, und das Schiffsbaustudium kann der 19-Jährige erst in knapp einem Jahr beginnen.

Es gibt kein Zurück mehr

Also hat er Zeit. Und klare Vorstellungen. Er erstellt Listen, Tabellen und Ablaufpläne, entwirft eine Route: Lissabon, Madeira, Kanarische Inseln, Karibik, Bahamas, Miami. "Die französischen Häfen sind voller Hochseeyachten", sagt er, "weil die Segler schon nach dem Ärmelkanal der Mut verlassen hat." Für ihn aber soll es kein Kneifen geben. Er schickt das Exposé seines Traums an mögliche Sponso ren. Für ihn ist klar: Wenn jemand zusagt, muss er fahren. Er erhält sieben Zusagen von Ausrüstern und Bekleidungsfirmen. Nun gibt es kein Zurück.

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Festen Boden spüren: Kapitän Johannes Erdmann vor den Bahamas

Sein Boot, die "Maverick", ersteigern die Eltern bei Ebay für 6500 Euro. Sie fahren mit dem Trailer über Land bis Lissabon mit. Dann kommt der Abschied. Erdmann entdeckt in letzter Minute, dass der Mast seines 36 Jahre alten Schiffes wackelig ist. Andere würden wegen eines solchen Schadens die Reise aufschieben. Nicht so Erdmann. "Repariert wird unterwegs", sagt er. Das Abenteuer beginnt. Er kollidiert beinahe mit Walen, und vor den Kanaren entgeht er knapp einem Hurrikan. Der übelste Sturm erwischt ihn mitten auf dem Atlantik, 1000 Kilometer vom nächsten Hafen entfernt. Tagelang gibt es nur Müsliriegel, weil er im taumelnden Boot nicht kochen kann. Einmal rufen die Eltern an, über Satellitentelefon. Erdmann hört vertraute Stimmen, sogar das Klappern von Geschirr: "Es war, als würde ich daheim in unserer Küche sitzen." Die Eltern aber hören das Heulen des Windes, das Ächzen des knapp acht Meter langen Schiffes. Und fürchten um ihren Sohn. Der blieb jedoch sogar bei dramatischen Wetterlagen ganz entspannt: "Ich hatte gar keine Zeit, mich aufzuregen. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich irgendwann in Amerika ankommen werde."

Weihnachten auf See vor Gran Canaria, das Festessen besteht aus Spaghetti. Ein Zahnarztbesuch auf den Kapverden. Ostern auf St. Lucia, mit kaputtem Hilfsmotor. Statt in einer Hängematte zu dösen, sucht Erdmann nach Ersatzteilen. Auf dem Weg zu den Bahamas schrammt er knapp am Desaster vorbei: Die Nacht ist mondlos, Erdmann will zwischen zwei Schiffen hindurchsegeln; in letzter Sekunde sieht er über dem Wasser ein Seil - das eine Schiff schleppt das andere. "Das ging gerade noch gut", sagt Erdmann in der Rückschau. "Es hätte mich meinen Mast gekostet." Als er die Bahamas verlässt, ruft sein Vater an: "Der Seewetterfunk kündigt für die Region einen Wahnsinnssturm an. Bring dich in Sicherheit!" Der Sohn nimmt Kurs auf einen sicheren Hafen.

So ein Törn bedeutet auch Langeweile

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Flaute: Vor Madeira bleibt dem Kapitän nur das Lesen - am liebsten "Schluss mit lustig" von Peter Hahne

Gerade noch rechtzeitig. Doch so ein Törn bedeutet auch Langeweile, der Abenteurer erlebt sie auf St. Maarten. "Fünf Abende hintereinander war ich allein im Kino." Dafür genießt er an Bord die große Freiheit: die einsame See, die Wellen, den Wind. Er schwärmt davon wie alle Atlantiksegler. "So frei wie damals werde ich wahrscheinlich nie wieder sein." Am 2. August 2006, acht Monate nach dem Start, beendet Erdmann seine Tour an der Ostküste der USA. Er verkauft die "Maverick" und fliegt nach Hause. Vier Jahre Schiffsbaustudium liegen nun vor ihm. Dann will er erneut los. Wenn ihn der Alltag noch weglässt. "Jedes Möbelstück, das ich in die Wohnung trage, wird es mir später schwerer machen." Er weiß, das Aufstehen wird nicht leichter, wenn man schon eine Weile gemütlich gesessen hat.

Unterwegs gelernt

Nicht zu viel planen: "Wer versucht, sich auch noch gegen das kleinste Risiko zu wappnen, bricht niemals auf. Es kommt nicht von ungefähr, dass nur zehn Prozent derjenigen, die einen langen Törn planen, auch wirk lich losfahren."

Nicht zu lange nachdenken: "Auf See konnte ich es mir nicht leisten, alles hin- und herzuüberlegen, wie ich das sonst gern tue. Im Sturm zählen Sekunden, da musst du blitzschnell handeln. Seit der Reise fallen mir auch im Alltag Entscheidungen viel leichter."

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