Auswanderer: Familie Scheytt und ihre Hütte

Auf 14 Quadratmetern ohne fließend Wasser und Strom, mitten in der Wildnis der Tiroler Alpen, schwelgt Familie Scheytt im Luxus: Zeit gibt’s im Überfluss
In diesem Artikel
14 Quadratmeter Österreich
Die Stunden verstreichen zeitlos
Gefühltes Abenteurertum
Ein See mitten im Wald

14 Quadratmeter Österreich

Rose, 15 Monate alt, quietscht vor Glück. Gerade hat sie erfolgreich ein Stück ihrer Banane in das Schnapsglas mit dem Auerhahnbildchen gequetscht und ein anderes in der Ritze zwischen Eckbank und Wand versenkt; Willy, achteinhalb, brüllt vor Schmerz, er hat sich beim Versuch, einen Caro-Kaffee aufzubrühen, am Holzherd die Finger verbrannt; Zwillingsschwester Lou stellt währenddessen am Esstisch die flackernde Kerze schräg und starrt wie hypnotisiert aufs Tischtuch, auf dem sich langsam wächserne Rinnsale ihren Weg suchen.

14 Quadratmeter Österreich

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Badezimmer im Grünen: Autor Stefan Scheytt rasiert sich vor der Hütte, während die Zwillinge auf dem Balkonsofa herumtoben

Ein schöner Urlaub ist das. Es regnet bereits den ganzen Tag. Im Ofen knackt das Holz, im Raum knistert die Spannung. Hier sind wir auf uns selbst zurückgeworfen. So haben wir es gewollt. Familienurlaub. Nicht Urlaub von der Familie. Das Larchi-Hüttle steht nicht weit hinter dem Arlbergtunnel in Tirol oberhalb von Strengen auf knapp 1500 Meter Höhe. Verwandte aus der Gegend haben es einmal als Schlafstatt gebaut für die Zeit der Heuernte auf den steilen Almen ringsum. So bietet das Larchi den Luxus des einfachen Lebens. Das bekommen wir schon zu spüren, noch bevor wir überhaupt da sind. Das Auto parken wir in der Kehre eines Schotterwaldwegs. Die letzten 400 Meter bis zur Alm müssen wir alles tragen, Koffer, Lebensmittel, Spielzeug - und Baby Rose.

Das Larchi ist ein einziger Raum, darin ein Kamin, ein Holzherd, ein kleines Küchenbuffet, ein XXL-Stockbett für zwei oben und zwei unten, ein ausklappbares Sofa, in einer Ecke der Esstisch und die Bank, darüber ein metallenes Kruzifix und eine Zeichnung von „Sitting Bull“, dem Indianerhäuptling, der wissend in den Raum blickt. Es gibt keinen Strom im Larchi und fließend Wasser nur am Brunnen vor der Hütte, ein Rinnsal aus einer Bergquelle, immer eiskalt. In trockenen Sommern versiegt es manchmal, dann muss man das Wasser in Kanistern von einer höher gelegenen Quelle holen. Im Plumpsklo 30 Meter den Hang hinunter wird mit Sägemehl gelöscht. Und der erstaunlich kühle Kühlschrank ist ein gemauertes Viereck mit Holztürchen im Keller der Hütte, in dem noch ein paar Sensen und Schleifsteine, Sägen, Äxte und ein Schafschädel liegen.

Kaum haben wir das Gepäck in mehreren Gängen nach oben geschleppt, sind die Zwillinge verschwunden. Wohin, muss unswenig kümmern, es gibt hier nur Wald und Wiesen und Steine und Ameisenhaufen, außerdem wissen sie, dass man rote Pilze mit weißen Punkten nicht isst und dass Weidezäune manchmal Strom führen. Tage später zeigen uns Willy und Lou ihr „Indianerlager“; sie haben darin einen Vorrat an Pilzen zum Trocknen angelegt, und Lou hat mit Schnüren eine Puppe aus Blättern, Moos und Zweigen gebunden.

Die Stunden verstreichen zeitlos

Wir sind zum dritten Mal hier, seit wir Kinder haben. Unsere Zwillinge haben andere Urlaubsorte erlebt, aber über keinen haben sie Freunden je so viel erzählt, keiner kehrt in ihren Erinnerungen so oft zurück wie das Larchi. Die Hütte ist für sie zum Synonym für Ferien geworden. Fragt man warum, antworten sie: „Die Schmetterlinge sind zutraulich ... im Larchi schmeckt das Essen so toll ... man kann mit Mama auf dem Balkonsofa übernachten ... da wird man mit dem Waschlappen gewaschen ... im Bett hört man die Stimmen der Erwachsenen.“ Für die Kinder ist das vielleicht der größte Unterschied zwischen Ferien und Alltag: Dass wir Eltern immer da sind, 24 Stunden am Tag und auf engstem Raum. In einer Ein-Zimmer-Hütte kann man sich nicht mit dem Laptop für ein paar Stunden zurückziehen; von einer Alm knapp unterhalb der Baumgrenze fährt man nicht „mal schnell“ allein ins Tal zum Internetcafé.

Der einfache Weg dauert eine Dreiviertelstunde. Alle paar Tage ist man unten im Dorf, um Lebensmittel zu holen. Und wenn man dabei etwas vergessen hat, überlegt man es sich doppelt, noch einmal hinunterzufahren. Es geht auch mal drei Tage ohne Rotwein, Apfelsaft oder Butter auf dem Brot. Es ist, wie es ist, und meist ist es dann auch gut so. Die Eltern vergessen ihre Tageszeitung und das Telefon, die Kinder fragen nicht nach Kassettenrekorder und Fernsehen.

Die Stunden verstreichen zeitlos

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Küchenhilfen: Spülen am Brunnen - ein Abenteuer, zu dem Willy und Lou nicht lange überredet werden müssen

Jeder versinkt in dem, was er tut, und wenn man davon aufschaut, sieht man den Rest der Familie wie in einem Fotoalbum: Die Kinder spielen am Brunnen, suchen Eidechsen in der Steinmauer und Heuschrecken auf der Wiese, sie streuen im Plumpsklo mit den Sägespänen Muster auf den Boden, sie schnitzen, lesen, bauen an ihrem Lager, klettern den Bergbach hinauf und hinunter, stochern in Ameisenhaufen, lassen sich die Wiese runterrollen; die Eltern spülen am Brunnen das Geschirr, halten die Hütte bewohnbar, lesen, kochen, hacken, sägen, schleppen Holz. Das Tempo dabei ist immer einen Tick langsamer als im normalen Leben: Man fühlt sich nicht wie ein Gipfelstürmer mit festem Ziel und Höhenmesser, eher so, als steige man mit auf dem Rücken verhakten Händen im Rhythmus des eigenen Atems den Berg hinauf.

Und abends sitzt man bei Kerzenschein unter dem Kruzifix und „Sitting Bull“. Dann wird die Hütte, die schon tagsüber ziemlich dunkel ist, vollends zur Höhle. An den Wänden tanzt das Licht von einem halben Dutzend Kerzen, es riecht nach Rauch und Holz, auf dem Herd zischelt der Wasserkessel, hinter dem Vorhang im Stockbett schnarcht Rose ihr Babyschnarchen, und draußen plätschert das Wasser ins Brunnenbecken. Wir spielen „Memory“, „Schwarzer Peter“ und „Mensch ärgere dich nicht“ und gehen oft früher ins Bett als sonst in den Ferien, das Spielen bei Kerzenschein macht müde.

Gefühltes Abenteurertum

Idyllisch? Harmonisch? Dazu gibt es zu viel Geschrei wegen Splittern im Fuß und Brennnesseln, dazu kracht es zu oft, weil das Leben auf engstem Raum kaum Rückzugsreviere bietet. Manchmal hängt die gereizte Stimmung im Raum wie die nasse Wäsche über dem Herd, die nicht so schnell trocknet wie man will. „Aber alles am Urlaub im Larchi ist echt“, hat Tochter Lou einmal gesagt. Und wenn man nachhakt, was sie damit meint, fällt ihr ein, dass sie sich im oberen Stockbett beim Aufwachen jeden Morgen den Kopf am Balken anstößt; dass sie richtig Angst hat, in stockdunkler Nacht über die nasse Wiese zum Klohäuschen zu gehen, dessen Tür knarziger knarzt als in jedem Gruselfilm; und dass es Spaß macht, die selbstgesammelten Parasolpilze in der Eiertunke zu schwenken und dann in der Pfanne zu braten.

Gefühltes Abenteurertum

Ganz bestimmt hat es mit diesem gefühlten Abenteurertum zu tun, dass sich die Kinder fast immer gern an der Arbeit im Haushalt beteiligen. „Holzhacken macht Bock“, sagt Willy, und man spürt, wie toll er sich selbst dabei findet. Die Kinder hacken, sägen und schleppen nicht nur das Holz; wer das Feuer im Herd machen darf, kann sogar Anlass für Streit sein; mit Eifer schneiden sie beim Kochen - meist gibt es irgendein Pfannenallerlei - Gemüse- und Wurstwürfel; und sogar fürs Geschirrspülen am Brunnen sind sie leicht zu gewinnen: Sie tragen kaltes Wasser vom Brunnen zum Herd, sie bringen heißes Wasser heraus, schaffen das von der Sonne getrocknete Geschirr wieder zurück.

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Freiluftbett: Willy schmökert auf dem Balkonsofa, wo er bei schönem Wetter mit Mama und Schwester auch übernachten darf

Einen Beobachter könnte das Treiben an einen Ameisenbau erinnern, über dessen rätselhaftes Wegewirrwarr fortwährend Dinge auf engstem Raum hin und her bewegt werden. Tatsächlich ist unser Radius ziemlich begrenzt. Das Zentrum ist die Hütte, unsere Höhle, unser Bau; der erste Kreis reicht bis zum Brunnen, der zweite bis zur Feuerstelle und zum Klohäuschen, der dritte bis zum „Indianerlager“ und zu einer Nachbarwiese; jenseits dieser Kreise liegen unerreichbare Gipfelketten und ein Gletscher. Erstaunlich selten packt uns das Bedürfnis, unseren Radius zu erweitern, und wenn, dann tun wir es meist auf bekannten Wegen. Einer führt dreieinhalb Stunden hinauf zur Dawinalm, wo es fette, frische Milch in dickwandigen Tassen gibt, dazu Käse und Speck auf einem Vesperbrett, und manchmal sogar freilaufende Schweine.

Aber diesmal ist beim Ausflug dorthin alles anders. Denn schon wenige hundert Meter vom Larchi entfernt verlieren wir den Weg. Seit wir das letzte Mal hier waren, hat eine Mure eine Schneise geschlagen, der Weg bricht an einer Kante ab. So steigen wir der Nase nach quer durch den steilen Wald nach oben, finden Tierknochen, Fliegen- und Steinpilze, bleiben an dornigen Pflanzen hängen, kriechen unter Elektrozäunen hindurch, klettern über Holzgatter, und manchmal müssen wir wie Urwaldwanderer tiefhängende Äste abbrechen, damit Rose im Tragerucksack nicht zerkratzt wird. Abenteuer! Die Kinder lieben es. „Mit dem Wanderstock fühlt man sich größer“, findet Lou, die wie eine Späherin voraneilt und uns vor Kuhfladen und Stolperwurzeln warnt. Immer wieder hören wir Glocken läuten, oft meint man, die Kühe müssten ganz nah sein, aber lange bekommen wir kein einziges Tier zu Gesicht. „Unheimlich“, findet Willy das. „Die beobachten uns bestimmt.“

Ein See mitten im Wald

An einem wilden Hang treffen wir überraschend auf Matthäus, Hubert und Simon. Matthäus, mit gerade mal 13 der Älteste, trägt auf dem Rücken eine Kraxe und eine Kabeltrommel, die drei jungen Viehhirten sind auf dem Weg, einen Weidezaun ab- und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Zu Hause fänden unsere Kinder Matthäus’ Tiroler Hut garantiert lächerlich, aber wie der Junge hier so zielsicher querwaldein schnürt, als kenne er jeden Stumpf und Pfad, ist sein Hut eher ein Zeichen für Kennerschaft. Natürlich weiß Matthäus, wie wir zur Dawin-alm finden, es sind nur ein paar hundert Meter. Auf dem Rückweg stehen wir erneut ratlos an einer Wegkreuzung.

Ein See mitten im Wald

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Tiroler Hütte: wenig Komfort, viel Lebensqualität

Und finden uns irgendwann an einem kleinen See mitten im Wald wieder. „Es kann nicht mehr weit sein“, sagt Willy. Aber es ist nicht wie erwartet „unser“ See in der Nähe des Larchi. Wir haben tatsächlich überhaupt keine Ahnung, wo wir sind. Kühl ist es geworden, bald wird es dämmern, und Rose im Tragerucksack fängt schon an zu quengeln. Sollen wir solange ins Tal absteigen, bis wir auf einen vertrauten Weg stoßen? Dann wäre der Rückweg zum Larchi ein einziger Anstieg durch die Dunkelheit - mit drei müden, hungrigen Kindern. Willy und Lou sind schon vorausgegangen; sie verstehen wohl nicht den Ernst der Situation. Plötzlich hören wir Lou singen und schreien, ihre Stimme überschlägt sich fast - vor Stolz und Begeisterung: „Wir sind die Champions, wir sind die Champions.“ Unter einer Gruppe von Tannen hat sie einen Ameisenhaufen wiedererkannt, von hier aus weiß sie den Weg zum „Indianerlager“ und von dort zum Larchi, es ist kaum ein Kilometer.

Eine halbe Stunde später ist die Hütte von Rauch und Geschrei erfüllt. Wie lächerlich unsere romantische Vorstellung, die Kinder müssten jetzt erschöpft, aber zufrieden ins Bett fallen. Zuerst gibt es Streit ums Feuermachen, dann quillt der Qualm aus allen Ritzen des Herds, den sie mit Zeitungspapier verstopft haben. Rose scheint noch alle Bewegungen nachholen zu wollen, die ihr während des langen Tags im Tragerucksack nicht möglich waren; sie probiert das Kreiseln auf dem Bauch und kippt dabei ihre frisch gefüllte Waschschüssel am Boden um. Selbstverständlich verzichten die großen Kinder nicht aufs Spielen, und auch nicht darauf, ihren Kopf am Balken anzustoßen, als sie dann doch ins Stockbett klettern. Als ihr Gejammer endet, ist nur noch das Babyschnarchen hinter dem Vorhang zu hören und von draußen das Wasser, wie es in einem dünnen Strahl in den Brunnen fließt.

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