Kassenschlager Outdoor-Film

Ein Fall fürs Kino: Speed-Bergsteiger, Extremskifahrer und Basejumper zeigen bei der "European Outdoor Film Tour", wie sie ihren Urlaub verbringen. GEO SAISON hat die Produktion begleitet
In diesem Artikel
Im Laufschritt zum Gipfel
Per Salto in den Abgrund

Das Filmteam postiert sich über der Bischofswand, einem Monument der Natur. Tausend Meter hoch erhebt sie sich über dem norwegischen Romsdal. Jetzt gibt Regisseur Matthias Thönnissen das vereinbarte Zeichen. André Bach tritt dicht an die Abbruchkante, bleibt stehen, zupft an seinem Overall, dann stürzt er sich beherzt in die Tiefe.

Im Laufschritt zum Gipfel

2bdf5f5a53c73ef8c710b2c8171e7b11

Der Skyrunner Christian Stangl

Thönnissen macht einen Haken auf seinem Skript. Producer Michael Halberstadt reckt den Daumen nach oben, alles im Kasten, er hat unterhalb der Absprungstelle mit einer Handkamera den ihm entgegenfallenden Springer aufgenommen. Nur Kameramann Nik Summerer balanciert noch ganz vorn am Felsgrat entlang, fokussiert den rasenden, immer kleiner werdenden Punkt, bis sich der orangefarbene Fallschirm öffnet.

Später, als der Film ins Kino kommt, halten die Zuschauer bei dieser Szene den Atem an - fast spürbar ist die Stille im Saal 1 des Cinemaxx am Potsdamer Platz in Berlin. Auf der riesigen Leinwand ist zu sehen, wie Bach für einen Moment an der Felskante verharrt. Er steht mit dem Rücken zum Publikum, unter ihm tut sich ein gewaltiger Abgrund auf. Als Bach springt, pressen sich einige in die gepolsterten Sessel, andere rufen "Oooh" und "Nein". Die Gefühle im Kinosaal ähneln dem Schauder, den die Passagiere einer Achterbahnfahrt teilen. In vielen Lichtspielhäusern war der Film über Bach ("Portrait of a serial jumper") im letzten Herbst zu sehen. Er gehört zum Programm der EOFT, der European Outdoor Film Tour, einer Zusammenstellung der besten Extremsportfilme des Jahres (www.eoft.eu). Außerdem dabei: "Skyrunner" Christian Stangl, der einen Gipfel im Laufschritt erobert, und Ryan Leech, der mit einem Mountainbike auf Baumstämmen balanciert. Wir sehen Antoine Séguin an Häuserfassaden hinauf klettern und Olaf Obsommer im Kajak durch die gigantischen Stromschnellen des Flusses Indus in Pakistan rasen. Verantwortlich für die EOFT ist Joachim Hellinger. Seine Produktionsfirma Moving Adventures stellt die Beiträge für das jährlich neu aufgelegte Programm zusammen und produziert einige selbst. Der 41-Jährige, in dessen halblangem Haar eine Sonnenbrille steckt, und sein Kompagnon Thomas Witt reisen zu den Berg- und Abenteuerfilmfestivals in alle Welt, sichten Material und suchen neue Helden.

Kassenschlager Outdoor-Film

In der Branche ist EOFT inzwischen ein klangvoller Name, die Filmtour mit dem markanten Plakat wird von Firmen der Outdoor- Industrie gesponsert. Im Kino ist die Filmrolle ein Kassenschlager, läuft allein in Deutschland in rund 40 Städten, oft zweimal am Abend, meist in vollen Sälen, außerdem in Österreich, Südtirol und Tschechien, in der Schweiz und den Niederlanden. "1984 habe ich zum ersten Mal eine Folge der französischen Filmreihe 'La nuit de la glisse' gesehen", sagt Joachim Hellinger. Diese "Nacht des Gleitens" war eine Zusammenstellung von Kurzfilmen über Windsurfen, Wellenreiten und den bis dahin weithin unbekannten Sport Snowboard fahren. Hellinger erwarb die Filmrechte für eine Vorstellung in einem Stuttgarter Kino. "Die spontane Begeisterung der Zuschauer war der Anfang von EOFT."

Im Jahr 2001 gingen Hellinger und Witt mit ihrem ersten eigenen film auf tour. Sie zogen von Stadt zu Stadt wie Diaschau-Entertainer, die von einer Radtour durch Amerika oder einer Motorradexpedition durch Afrika berichten. "Es dauerte eine Zeit, bis wir unser Publikum gefunden hatten", sagt Hellinger. Der Erfolg kam mit "Pororoca", einer Eigenproduktion über Surfer, die auf einer Amazonas-Welle reiten.

Hellinger rückt die Brille in den Haaren zurecht. "Jeder Zuschauer hat seine Lieblingsepisode. Aber die Spannung entsteht aus der Montage." Im Film über Bach sind mehrere Sprungszenen hintereinandergeschnitten. In schnellen Folgen sieht man ihn auf die Felskante zurennen und mal mit den Beinen voraus, mal kopfüber in die Tiefe springen - als würde er bloß in ein Schwimmbecken hüpfen. Dazu erklingen harte Gitarrenriffs. "Sportporno" nennt Hellinger das Stakkato aus Sprüngen und Heavy Metal, bei dem den Zuschauern im Kino fast schwindelig wird. "Manche Outdoorfilme sind nur Videoclips. Wir aber wollen etwas über den Sportler erzählen."

Per Salto in den Abgrund

Abenteurer wie der Australier Jon Muir, Bergsteiger wie die Schweizer Stephan Siegrist und Thomas Ulrich sind auf diese Weise zu Leinwandhelden geworden. Auch der 36-jährige Norweger Bach hat einen festen Platz in dieser Riege - der aktuelle EOFT-Film ist der dritte über ihn. "Basejumping ist Fallschirmspringen von Brücken, Hochhäusern, Fernsehtürmen und Felswänden", sagt Bach in die Kamera. Das Einzigartige an der Region um das Romsdal sei, dass es dort rund 40 senkrechte Wände mit mehreren "base exits" gebe - so heißen die Absprungplätze in der Szene. Daher ist Bach vor drei Jahren von Oslo nach Marstein gezogen. Von seiner Küche aus kann er nun die Trollwand sehen, vom Schlafzimmer die Karlskråtind-Wand. In den achtziger Jahren war Bach ein ambitionierter Turner. Als Landesmeister gehörte er der norwegischen Nationalmannschaft an. 1992 begann er mit dem Fallschirmspringen, 1995 stand er vor seinem ersten Basejump und war, so erinnert er sich, fast bewegungsunfähig vor Angst. Inzwischen hat er, inspiriert vom Turnen, eine spezielle Basejump-Akrobatik entwickelt: Er hechtet von einem Trampolin und verschwindet dann mit mehreren Salti im Abgrund hinter dem Fels. Er schwingt sich auf ein Reck, das am Grat montiert ist, macht drei Riesenfelgen und lässt sich in die Tiefe sausen. Und er schockiert die Kinozuschauer mit seiner Abgebrühtheit, wenn er von einem Hochhaus springt und sich der Fallschirm erst im letzten Moment öffnet.

Professionelle Sportler statt Adrenalin-Junkies

Bach sitzt in seinem Wohnzimmer auf der Couch und spielt mit seiner einjährigen Tochter. Privat ist der Basejumper Familienvater, Handelsvertreter und Hausbesitzer. Nichts Extremes hat er an sich, keine verrückte Frisur, keine ausgefallene Kleidung, keine Piercings. Wenn er von den Risiken seines Sports erzählt, tut er das so akribisch, wie ein Sparkassenangestellter die Gefahren des Aktienhandels erläutert. "Nach mehr als 700 Sprüngen ist man kein Adrenalin-Junkie mehr, sondern ein professioneller Sportler", sagt er. "Dabei umzukommen - das ist die Sache nicht wert." Seine Fans im Berliner Cinemaxx sind für den Filmabend gekleidet, als müssten sie gleich noch durch die Eigernordwand steigen. Der junge Mann in Reihe 29, der mit dem Bier, trägt eine rote Goretex-Jacke. Das Pärchen in Reihe elf hat für diese Vorstellung die Bergstiefel geschnürt. EOFT findet zwar im Kino statt, ist aber mehr als nur ein Kinoabend. Die Besucher fachsimpeln über Klettergurte und Fleecejacken und die nächsten großen Touren. In der Pause können die Zuschauer an einem Gewinnspiel teilnehmen, und im Foyer sind die Infostände der Sponsoren aufgebaut.

Nach dem Film stehen junge Menschen in Goretex-Jacken auf dem zugigen Potsdamer Platz und blicken an den Hochhäusern hinauf. Sie fragen sich, wie es wäre, vom 103 Meter hohen Bahn Tower zu springen. Die Outdoor-Filmtour ist vor allem in Großstädten erfolgreich. Mag sein, dass die Clips die Sehnsucht des Städters nach Abenteuer befriedigen. Mag sein, dass sich die Zuschauer nach dem zweistündigen Adrenalinkick vornehmen, mal wieder selbst ins Gelände zu gehen. Und weil die Filme sie gelehrt haben, dass man nicht wissen kann, was einen da draußen erwartet, kaufen sie eine neue Outdoor-Jacke. Für alle Fälle. So funktioniert das Abenteuer EOFT als ganz großes Kino: Der Zuschauer tritt ergriffen aus dem Saal zurück in seinen Alltag. Er nimmt sich vor, zukünftig wild und gefährlich zu leben - und kauft einstweilen das passende Merchandise-Produkt.

GEO Reise-Newsletter