Aussteiger auf Zeit: Vom Klostertrip zur Kiwiernte

Raus aus dem Alltag - das wünscht sich mancher. Doch wie gestaltet man die Auszeit vom Job? Den Stadtmenschen Tobias Micke etwa zog es auf die Alm – zum Rinderhüten. Wir haben weitere Ideen von Klostertrip bis Kiwiernte

Er hatte sich das Leben auf dem Berg so romantisch vorgestellt, "wie einen verlängerten, schlecht bezahlten und doch sehr originellen Urlaub" erinnert sich Tobias Micke (38). Er, der "reinrassige Städter" und Journalist aus Wien, wollte einfach einmal der Alltagshektik entfliehen und hütete – etliche Bewerbungen und einen Einführungskurs in die Landwirtschaft später – auf einer Alm im Kärntner Gailtal Kühe. Es wurde kein Urlaub, sondern ein Fulltime-Job.

Alm-Alltag statt Bürojob

"Ich hatte mir keine Vorstellung gemacht, wie viel Arbeit das eigentlich ist", gibt Micke zu. Morgens früh um sechs Uhr aufstehen, die eigene Kuh melken, Feuer machen um heißes Wasser kochen zu können, vier Stunden lang über die Hochalm marschieren, um die Kühe zu zählen, Holz hacken, Stall ausmisten, die Schweine versorgen. So sah drei Monate lang sein Tag abseits der Zivilisation aus. Ohne Wasser aus der Leitung, ohne Strom, ohne Fernseher. Allein mit 80 Kühen, 20 Schweinen und der Stille der Berge.

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Das war ein "Tapetenwechsel erster Güte", sagt Micke. Für ihn war sein Alltag als Rinderhirte der perfekte Ausgleich zum Bürojob. So perfekt, dass er inzwischen drei Sommer auf der Alm verbracht hat, den ersten allein, die zwei weiteren zusammen mit seiner Freundin. In diesem Sommer allerdings wird er pausieren. Nicht wegen eines Berg-Kollers, sondern weil er vor wenigen Wochen Vater geworden ist - mit einem Neugeborenen auf der Alm? Das stellt sich selbst Tobias Micke nicht sehr romantisch vor.

Stellenangebote für Rinderhirten finden Sie auf

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Über das Buch

Der Wiener Journalist Tobias Micke hat seine Abenteuer als Rinderhirte in Kärnten in "Kuhl! – Das Almhandbuch für Stadtmenschen" zusammengefasst.

Knaur, 9,95 Euro, ISBN 978-3-426-79059-6

Stundenlang über Bergwiesen marschieren, um Kühe zu zählen – für die einen ist das der Himmel auf Erden. Für die anderen jedoch ist das vielleicht nicht gerade das ideale Kontrastprogramm zum hektischen Berufsalltag. Doch Kurzzeit-Aussteiger können ihren verlängerten Urlaub auch anders nutzen: Vielleicht als freiwilliger Helfer auf einem Bio-Bauernhof? Als Gast in einem Kloster? Oder wie wäre es mit einer Weltreise? Zum Beispiel per Solartaxi. Fünf Ideen fürs Aussteigen auf Zeit:

  • Arbeit auf Biohöfen
  • Das britische Netzwerk "WWOOF" vermittelt freiwillige Helfer an Bio-Bauernhöfen oder -Gärtnereien weltweit. Die Interessenten müssen mindestens zwei Tage dort arbeiten, als Lohn gibt es freie Kost und Logis, in der Regel als Gast der Familie. Die Organisation will auf diese Weise das Verständnis für nachhaltigen Lebensstil verbessern.
  • Mehr Informationen unter www.wwoof.de
  • Auszeit im Kloster
  • Einkehr auf Zeit: Viele Klöster öffnen ihre Türen nicht nur für Geistliche, sondern auch für Gäste. Die Dauer des Aufenthalts variiert je nach Haus und Vereinbarung. Es können einzelne Tage, ein Wochenende, eine Woche oder unter Umständen auch mehrere sein. Genaue Details, ob Sie zum Beispiel eine geistliche Begleitung bekommen können, müssen mit dem jeweiligen Kloster abgesprochen werden; Adressen von katholischen finden sie unter
  • www.ekd.de
  • Hilfe für ein Öko-Dorf
  • Das internationale Netzwerk "Global Ecovillage" hat das Ziel, nachhaltige Stadtplanung zu etablieren und hat weltweit so genannte Öko-Dörfer entwickelt. Freiwillige können an der Entwicklung solcher Kommunen mitwirken, Gärten pflegen, Ernten einfahren oder alternative Energiesysteme einrichten. Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit.
  • Kost und Logis für fünf Stunden Arbeit
  • Reisen für kleines Geld: Auf der Website

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