Kurzreisen mit Adrenalin-Kicks

Reisen mit Kick sind gefragt: Sei es Bungee-Jumping, Wildwasser-Rafting, Speed-Climbing oder Snow-Tubing. Agenturen wie Jochen Schweizer und Mydays verkaufen den Adrenalin-Kick inklusive Kurzreise

Abenteurer gab es lange bevor Wohlstandsschnösel auf Brücken stiegen und sich schreiend in die Tiefe stürzten, bis ein Gummiseil ihren Fall stoppte. Spätestens seit der Antike sind Menschen auf der Suche nach dem Kick, kämpften gegen Drachen, das Eis der Arktis, die eigene Angst – und entdeckten dabei fremde Welten. Viele Bücher der Weltliteratur erzählen von dieser Sehnsucht, die Gebrüder Grimm widmeten ihr einige Märchen, das schönste trägt den Titel: "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen".

Doch musste man sich einst selbst aufmachen, das Abenteuer zu finden, gibt es dafür heute Dienstleister. Besonders erfolgreich sind sie mit Kurzabenteuern, die man als Instant- Ereignis fix und fertig im Supermarkt kauft. Man legt einen Umschlag in den Einkaufswagen, geht zur Kasse und zahlt. Schon für 49 Euro gibt es eine halbe Stunde Flugsimulator, ein Parabelflug kostet rund 7000 Euro. Danach gilt es nur noch zu entscheiden, wann man sich den Nervenkitzel gönnen will – oft kann man den Zeitpunkt frei wählen. Die Kunden machen üblicherweise aus dem Ready-made-Abenteuer eine Wochenendreise, buchen ein Hotel, sehen sich eine Ausstellung an, gehen essen, trinken, tanzen. Und springen am nächsten Tag vom Kran oder von einer Brücke.

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Wahre Luftsprünge mit dem Quad

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Kick über den Wolken: Tandem-Sprung aus luftiger Höhe

Dabei verkaufen Großunternehmen wie Jochen Schweizer und Mydays nicht nur Mutproben wie Hydrospeeding, Snowtubing, River Rafting, Bungee Jumping, Speed Climbing und so weiter. Es werden auch Wellness-Wochenenden und Erlebnis-Dinner angeboten, Erotik-Fotoshootings und Quad-Touren, Ballonfahrten und Tauchkurse.

Als Pionierin des Erlebnisgeschenks gilt die Britin Rachel Elnaugh, die 1989 mit 24 Jahren das Unternehmen Red Letter Days gründete. Der Name ist eine Anspielung auf die in Kalendern meist rot markierten besonderen Tage. Auf der Suche nach einem Geburtstagspräsent für ihren Vater schnürte Elnaugh ein Päckchen, es enthielt: englischen Senf, indische Curry- Paste, eine Biografie der Cricket-Legende W. G. Grace und zwei Eintrittskarten für das Spiel England gegen Indien.

Heute bieten Abenteuer-Agenten weniger Poesie, sie verste hen sich als Vermittler. "Wir arbeiten mit Veranstaltern zusammen, die hohe Qualitätsstandards erfüllen", sagt Fabrice Schmidt, Gründer von Mydays. Mit Events der Extreme wie dem Flug ins All für 210 000 Euro oder dem Tauchgang zur Titanic für 34 999 Euro machen die Agenturen PR. Geld ver dienen sie mit kleineren Paketen. Stefan Harder, Gründer von Jollydays in Österreich: "Am besten verkauft sich derzeit alles, was mit Dinner zu tun hat." Gegessen wird in allen nur erdenklichen Variationen, etwa in 300 Meter Höhe, bei Kerzenschein oder im Dunkeln, im Liegen, im Sitzen oder zu Mozart-Musik. Die Krise spüren die Abenteuer-Anbieter nicht. Das Geschäft mit dem Außergewöhnlichen läuft besser denn je. Etwa 30 000 Buchungen verzeichnet Yamando pro Jahr. 100 000 sind es jährlich bei Red Letter Days, und 300 000 sollen es bei Mydays sein. Doch warum boomt das Geschäft?

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"Wir leben in einer Single-Gesellschaft mit weniger sozialen Kontakten als noch vor 30 Jahren. Geselligkeit ist aber ein menschliches Urbedürfnis", erklärt der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt: Die Menschen wollen Geschichten erleben, um davon zu berichten. "Für den Kick nimmt man etwas Risiko in Kauf“, so Reinhardt, "doch eher nach dem Motto: ‚Entführ mich in eine Traumwelt, aber bring mich zum Abendbrot nach Hause‘." Im Märchen der Grimms gruselt sich der Held erst, als ihm seine Frau nachts kaltes Wasser über den Leib gießt.

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