Gay Travelling: Reisetrends für Homosexuelle

Schwule und Lesben reisen häufiger als ihre heterosexuellen Mitbürger und geben dafür auch mehr Geld aus. Veranstalter reagieren mit speziellen Angeboten - und Dragqueen-Stewardessen

Im Sommer 2009 betritt ein älteres Ehepaar ein Reisebüro in Leipzig: "Wir hätten gern den Katalog Gay & Travel." Die Angestellte zögert: "Sie wissen, was das ist?" "Ja, der TUI-Reisekatalog für schwule Männer." Neugierig fragt die Mitarbeiterin nach und erfährt: "Wir waren letztes Jahr auf Gran Canaria. Da waren viele Schwule, wir hatten eine herrliche Zeit mit ihnen. Jetzt planen wir unsere nächste Reise." Den Katalog unter dem Arm, verlassen sie zufrieden das Büro. "Schwule und Lesben reisen heute viel selbstbewusster als früher", sagt Renate Rampf vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland. Die gesetzliche Anerkennung homosexueller Lebenspartnerschaften und zahlreiche Outings von Prominenten hätten dazu beigetragen. "Viele leben privat und am Arbeitsplatz offen lesbisch oder schwul – und wollen sich auch im Urlaub nicht verstecken." Doch vor Ort gebe es häufig Probleme: "Wenn etwa lesbische oder schwule Paare im Hotel getrennte Betten bekommen oder beim Küssen angestarrt werden."

Deshalb boomen vor allem die Hotspots mit Szenebars und -stränden: Schwule fahren nach Gran Canaria, Ibiza, Mykonos und Sitges oder zum Wintersport ins österreichische Sölden. Lesben strömen in das Fischerdorf Skala Eressos auf Lesbos, wo einst Sappho, die berühmteste Dichterin der Antike, Verse über die Frauenliebe schrieb. Es werden auch Gay-only-Reisen angeboten, Kreuzfahrten nur für Männer oder Charterflüge mit Dragqueens als Stewardessen.

Den Reiz einer solchen Tour schildert der 61-jährige Wolf Berger, Berater aus Niederkassel, der mit 25 Männern an einer Bootstour vor der türkischen Küste teilnahm: "Das Boot war wie eine Insel, auf der wir ganz wir selbst sein konnten. Zwischen uns war ein Gleichklang, wie ich ihn auf einer Hetero-Reise nie gefunden hätte."

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Reisen und reisen lassen: Im "rosa Urlaub" wird niemand schräg angesehen

"Arabische Länder sind heikel"

Der in rund 500 Reisecentern ausliegende Katalog Gay & Travel ist der bisher wohl entschiedenste Vorstoß eines Großanbieters in diesen Reisemarkt. Die TUI wendet sich an Schwule und Lesben, "die nicht im Ghetto, sondern unter toleranten Heteros Urlaub machen wollen", sagt Oliver Schipper, einer der Macher von Gay & Travel. Im Katalog berichten Schwule von ihren Reiseerfahrungen und weisen auf für die Zielgruppe interessante Bars, Restaurants, Veranstaltungen oder Strände hin. Ihre Beiträge unterzeichnen sie mit Namen, Foto und Mailadresse. "Damit zeigen wir unseren Kunden, dass wir uns offen zum Schwulsein bekennen und auf ihrer Seite stehen", so Schipper. Seit der Katalog mit einer Auflage von 200 000 Exemplaren erschienen ist, haben die Buchungszahlen klar angezogen. Laut Umfragen reisen Schwule deutlich häufiger als die übrige Bevölkerung, zudem geben sie für ihre Lebensgestaltung rund 17 Prozent mehr aus. Insbesondere Kurzreisen stehen hoch im Kurs: Jährlich unternehmen Schwule im Schnitt vier Kurztrips, oft in tolerante Metropolen mit lebhafter Szene wie Berlin und Hamburg, London und Wien. Entsprechend wächst in Großstädten die Zahl sogenannter Gay-friendly-Hotels, die sich an ein allgemeines Publikum wenden, aber Schwule und Lesben willkommen heißen. Der Neckermann-Konzern kennzeichnet diese Unterkünfte in seinem auf ein Massenpublikum ausgerichteten Katalog mit dem Gay-Logo: der Regenbogenfahne.

In vielen Staaten begegnen Schwule und Lesben noch immer offener Feindseligkeit. "Arabische Länder und der afrikanische Kontinent sind heikel, Osteuropa ist nach wie vor schwierig", sagt Jürgen Bieniek, der auf seinem Internetportal GaysOnTour zahlreiche Staaten nach ihrer Offenheit gegenüber Homosexuellen einstuft. In 75 Ländern steht Homosexualität unter Strafe, in neun sogar unter Todesstrafe, etwa im Iran oder in Saudi-Arabien. Auch wenn es selbst bei Reisen in Europa und den USA noch keine Selbstverständlichkeit ist, Homosexualität offen zu zeigen: "Die Entwicklung geht in die richtige Richtung", so Renate Rampf. Dass auch Heterosexuelle vom toleranten Miteinander profitieren, zeigt das Beispiel des Ehepaars aus Leipzig, das sich nach einigen Wochen zurückmeldete: "Wir waren in Sitges, es war wunderbar."

Weitere Informationen: www.rosa-reisen.de

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