Abenteuer: Klettersteig für Anfänger

Auf dem Klettersteig wird das "Erlebnis Berg" zum Abenteuer für Jedermann. Ein bisschen Fitness, etwas Mut und eine gute Ausrüstung - mehr braucht man nicht. Und die Begeisterung kommt von allein. Reportage eines Anfängers
In diesem Artikel
Erschöpfung und Erschaudern

Lernen macht Spaß. Am meisten natürlich dem Lehrer. Besonders wenn seine Überlegenheit so groß ist, dass allein die souveräne Anwendung des Lerninhalts die versammelte Schülerschaft in Staunen versetzt. Und so kommt jetzt Bergschulleiter Wolfgang in seiner gelben Jacke mal eben die Wand heraufgeflitzt, um uns einen kurzen Vortrag über die Stabilität der Karabiner zu halten.

Aller Anfang ist schwer

Es ist genau die Wand, an der ich seit geraumer Zeit mit verbissener Konzentration einem im Zickzack über den nackten Fels gespannten Stahlseil folge. Dazu hake ich erst den einen Karabiner des Y-förmigen Sicherungsseils, das an meinem Hüftgurt hängt, in das Stahlseil des Klettersteigs ein, suche nach Halt für den Fuß, klicke den zweiten Karabiner hinter den ersten, mache vorsichtig den nächsten Schritt. Doch wo mein Blick eben noch das Stahlseil so sehr fixierte, dass ich kaum mehr als ein paar Quadratzentimeter der grauen Felswand sah (sie könnte auch in einer Hamburger Turnhalle stehen), leuchtet jetzt die gelbe Jacke.

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Auf dem Anstieg zum 2144 Meter hohen Bernadeinkopf im Wettersteingebirge

Steile Felswand, roter Helm, blauer Himmel

Mein Lehrer hält sich mit einer Hand locker am Stahlseil fest. Mit der anderen winkt er uns zu, wie ein Redner, der seine applaudierenden Zuhörer um Ruhe bitte (dabei könnte ich gar nicht klatschen, so verbissen halte ich mich fest)."Ihr könnt auch mal das Material belasten", sagt er, klickt einen Karabiner ins Seil und lässt sich - ein wenig theatralisch - nach hinten in den Gurt sacken. Aus Untersicht ist das ein schönes Bild. Die fast 90 Grad steile Felswand, die dazu fast im rechten Winkel abstehende gelbe Jacke, der rote Helm, Wolfgangs große, gesunde Zähne. Über ihm ein Stück blauer Himmel und viel graue Wolken.

Morgens um sechs geht´s los

Es ist der Himmel über der Alpspitze.

Selbst an einemwechselhaften Tag wie diesem kann man schon die Wärme des Frühlings spüren. Gestern haben wir uns im Kreuzjochhaus eingefunden, einer Berghütte, 1600 Meter hoch im Wettersteingebirge bei Garmisch-Partenkirchen gelegen. Das Kennenlernen hat bis zwei Uhr morgens gedauert. Um sechs Uhr sind wir aufgestanden. Unser Programm für heute: Vertrautmachen mit der Ausrüstung, Übungstour, Klettersteiggehen über die Alpspitzferrata auf den Bernadeinkopf. In bunter Reihe bewegt sich unsere Gruppe durch die letzten Schneefelder.

Erschöpfung und Erschaudern

Jetzt klammere ich mich krampfhaft ans Seil. Vor mir hängt der gelbe Wolfgang und belastet das Material. "Der hier wiegt nur 90 Gramm", sagt er und zeigt uns einen Karabiner. "Aber er hält mich nicht nur jetzt am Klettersteigseil, sondern fängt mich auch auf, wenn ich abstürzen sollte." Der Karabiner bricht erst bei einer Belastung von mehr als 20 Kilonewton, rein rechnerisch sind das 2000 Kilogramm. Da man sich am Klettersteig in der Regel mit zwei Karabinern sichert, könnte man quasi zwei Oberklassewagen daran aufhängen. Das ist natürlich keine schöne Vorstellung, wenn hier überall Autos hingen. Aber auf meiner ersten Klettersteigtour gibt es immer wieder Momente, in denen Erschöpfung und Erschaudern so groß sind, dass ich mich sogar in einen gebrauchten Kleinwagen gesetzt hätte. Hauptsache ein wenig ausruhen, mich vom Schreck erholen.

Viele kleine Fehler

Obwohl ich mich vorsichtig bewegte, habe ich immer wieder kleine Fehler gemacht. So hatte ich einmal eine derart verkrampfte Haltung eingenommen, dass es mir unmöglich schien, den einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Erst als mir ein anderer aus der Gruppe einen Tipp gab, kam ich weiter. Ein anderes Mal hatte ich den einen Karabiner noch in den Tritt einer Leiter eingehakt, den anderen unter maximaler Dehnung meines Gurtsets bereits in das nächste Seil eingeklickt, plötzlich war aber die Spannung so groß, dass ich mich selbst gefangen hatte und mich nicht mehr bewegen konnte.

Und dann: Sicht bis nach München

Am Ende stellte sich heraus, dass der Übungsklettersteig schwieriger war als der Steig, der uns auf den 2144 Meter hohen Bernadeinkopf führte. So fühlte ich mich auf dem Weg zum Gipfel wie eine Bergziege. Lässig hakte ich die Karabiner ein. Und auch wenn der Anstieg beschwerlich war - wir passierten Schneefelder, überquerten Bergflanken und kletterten Steilstufen - habe ich doch jeden Moment genossen. Oben saß ich dann neben der Mitarbeiterin vom Alpenverein. Wir aßen Apfelspalten aus ihrer blauen Blechdose und sahen uns an Bayern satt. Zu unseren Füßen der Ort Grainau, der Staffelsee, dahinter der Starnberger See, noch ein Stück weiter München. Es war wunderschön.

Kleine Geschichte des Klettersteigs

Der erste Klettersteig wurde 1492 im französischen Dauphiné gebaut, als König Charles VIII. den Mont Aiguille, den "Unbesteigbaren", von seinem Offizier einnehmen ließ. Ein Sturmleiterspezialist begleitete den Offizier, so war die Besteigung des imposanten Felsens überhaupt erst möglich. Es war die Geburtsstunde des Alpinismus. In Mode kamen Klettersteige erst rund 400 Jahre später. Ab 1843 wurde der Dachstein in der Steiermark mit Eisen gesichert, ab 1873 die Zugspitze. Schon damals fürchtete man die Invasion der Berguntauglichen. Man fürchtete Typen wie mich.

Reinhold Messner war eigentlich immer ein Gegner des Klettersteigs. Doch letztlich haben ihn die glücklichen Gesichter der Klettersteiggeher umgestimmt. Er soll gesagt haben: Wer so ergriffen ist, dem kann man das Erlebnis Berg nicht abspenstig machen.

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