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Reisebericht: Donoussa - Nachts zum Papas
Nächtliche Wanderung auf Donoussa zum höchsten Berg der kleinen Kykladeninsel.
Man kann nicht zweimal in den selben Fluss steigen! schrieb Heraklit. Man kann auch nicht zweimal auf den selben Papas steigen.
Wie ist die Katze nur in mein Zimmer gekommen? Miauend hockt er, es ist ein Kater, nachts um drei vor meinem Kühlschrank. Er wurde leider von meinem Vorbewohner Jean-Jaques gefüttert und erwartet von mir den gleichen Sevice. Ich werden standhaft bleiben.
Es ist noch stockdunkel, als ich um halbvier aufbreche. Noch beleuchten im Ort einzelne Straßenlaternen meinen Weg nach Norden. Zum Glück auch die Baustelle der neuen Kanalisation. Der ganze schöne (EU-finanzierte) Plattenweg wurde wieder aufgerissen. Mitten im Weg klafft ein metertiefes Loch.
Immer mehr Menschen brauchen immer mehr Wasser. Schon reichen die Tiefbrunnen (rein biologisches Wasser) nicht mehr aus, und Wasser aus Euböa muss angeliefert werden. Man baute eine große Zisterne, eine neue Wasserleitung. Fließend Wasser in allen Zimmern, zu jeder Zeit. Die Folge ist, dass die Sickergruben wegen der wachsenden Anzahl von Zimmern mit (ab)fließendem Wasser zu klein werden und immer wieder überlaufen. Also muss eine zentrale Kanalisation her. Wieder werden die Plattenwege aufgerissen, Sammelschächte betoniert, Pumpstationen gebaut. Die Kläranlage wird in der Gegend des Müllplatzes errichtet. Wie wird sie funktionieren? Wie mit den unterschiedlichen Mengen der Abwässer im Sommer und im Winter zurecht kommen? Oder erleidet sie das gleiche Schicksal wie die Photovoltaik-Anlage von Mersini, die nie in Betrieb ging, und deren Module auf den Inseln versickerten?
Nach Überqueren der Umgehungsstraße an den Lagerstellen für das Baumaterial vorbei (wir vermuten, dass man noch schnell alles Schwarzgeld in Baustoffen anlegt) wird das Licht spärlicher. Erstaunlich, wie weit eine Ortschaft ihr Licht auf die umgebenden Hügel wirft. Dann umgibt mich völlige Dunkelheit. Ich muss nun mit der Taschenlampe den Weg beleuchten, um nicht in die vom Wasser gegrabenen Schründe der sinnlosen Straßentrasse zu treten. Es ist schwül-warm. Das Hemd klebt am Körper. Sternenhimmel, windige, mondlose Nacht. Glockengeläut, ich schrecke eine Ziegenherde auf, die Kleinen meckern. Im Licht der Taschenlampe glühen unzählige Augen. Minutenlang trippeln sie vor mir her, bis sie sich entschließen, seitlich in der Dunkelheit zu verschwinden. Nur noch leises Glöckchenbimmeln, die Meckerrufe der Böckchen und Hufgetrappel hinterlegen mein Tinitusrauschen.
Der Wind wird stärker, feuchter. Am Scheitelpunkt, bevor der Weg sich hinunter nach Kalotaritissa mäandert, halte ich an. Der Wind reisst nun an allen Zipfeln von Hemd und Hose. Der "materielle" Strahl der Taschenlampe erscheint wie ein Leuchtschwert aus "Starwars". Die Sterne sind unsichtbar. NEBEL! Jetzt zum Papas hinauf zu gehen, scheint unmöglich. Ich ducke mich in eine Ziegenmulde, um mich vor dem heftigen Wind zu schützen, der mit seiner Feuchte die Macchia "bewässert". Und leider auch die Ziegenköddel. Jetzt aufgeben?
Los! Ich wickele mir das Handtuch um die Schultern. Die Dunkelheit löst sich unmerklich auf, die Konturen der Umgebung werden deutlicher. Immer noch kann ich aber den Weg auf den Papas nicht sehen, sondern konzentriere mich auf die nächsten Meter, solange es bergauf geht, kann ich ihn nicht verfehlen.
Endlich sehe ich im Licht der Lampe den letzten Geröllriegel, den ich schon kenne. Nur noch wenige Schritte, ich stehe am Betonpfahl in 385 m Höhe! Der nahende Morgen hat noch etwas mehr Licht gebracht. Man kann schon den dunklen Schatten des Kaps Kalota und des Inselchens Skoulonisi erkennen, aber auch immer deutlicher, dass nicht etwa meine Brille beschlagen ist, sondern der Starkwind aus Norden Nebelschwaden vorbeitreibt, in Augenhöhe! Oder sind es Wolken? Die Dämmerung schreitet lähmend langsam voran, nach endlosen Minuten erscheint soetwas wie ein milchiges Orange dort, wo ich den Horizont vermute. Unten vor Skoulonisi ist ein Fischer bei der Arbeit, der einzige Mensch außer mir auf dieser Welt, ein schwach beleuchteter Frachter hält auf Amorgos zu.
Im Windschatten hinter einen Felsbrocken gekauert esse ich mein Papasfrühstück. Nie hätte ich eine ganze Nacht hier oben überstanden, derartig schlecht auf das Wetter eingerichtet. In einem Segelhandbuch der Ägäis wird das Nebelmützchen des Papas als Anzeichen für einen Wetterwechsel beschrieben. Es wird also kühler werden oder stürmischer.
Schon weit über dem Wattehorizont erscheint nun eine schwache orangene Scheibe. Auf den Fotos, sehe ich Skoulonisi, dann wieder nicht, ständiger Wechsel. Jetzt um sechs ist wirklich Tag. Kapuscinski (Reisen mit Herodot) schreibt: ".. der Himmel kehrt zurück, die Erde, die Menschen. Alles ist wieder da, alles sehen wir wieder."
Der Rückweg nach Stavros ist unspektakulär. Ich überblicke das Ziegenwegenetz, habe die Straße unten vor mir, die Sonne bestrahlt das Kap Aspro. Kenne mich ja hier etwas aus. Nun sehe ich auch das ganze Ausmaß der Zerstörung, die die Winterregenfluten an der nun fast 10 Jahre alten Erdstraße angerichtet haben, und wie die Natur die Flächen inzwischen wieder in Besitz genommen hat. Blühender Thymian, hellgrüne Diesteln, stachelige Wolfsmilchpolster, Wegerich, gelbe Blümchenbüschel, in weiteren 10 Jahren werden die Ziegen ihr Wandernetz gespannt haben. Dann wird man in Reiseführern von einem "verkrautetem" alten Monopati schreiben! Wenn die Donoussier nicht wieder einen von EU-Mitteln angetriebenen Caterpillar über die Trasse schicken.
Um halbacht scheuche ich wieder meinen geerbten Jean-Jaques-Hauskater vom Stuhl. Hänge die feuchten Sachen auf die Leine, schwimme einige Runden, esse eine Jiaurti me meli kai rodakino, trinke einen Kaffee und bringe meinen unterbrochenen Nachtschlaf zuende.
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