Erlebnisreiche Tage bei den Nomaden in Lykien

Reisebericht

Erlebnisreiche Tage bei den Nomaden in Lykien

Reisebericht: Erlebnisreiche Tage bei den Nomaden in Lykien

Wir hatten eine Gruppenreise für Familien in die Südtürkei gebucht und von unserem Aufenthalt in 2080 Meter Höhe möchte ich an dieser Stelle berichten.

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Frühstück

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Bis die Sonne so gegen acht Uhr über die Berge kam, blieben wir aber noch in unseren Zelten, denn es war noch kalt und der Boden war ganz feucht von der kalten Nacht. Im Sommer gehen die Nachttemperaturen auf 12 – 8 °C zurück, tagsüber sind es weit über 20 °C. Die Sonne dort oben ist sehr intensiv, denn das Yayla liegt über 2000 Meter hoch und es gibt absolut keinen Schatten.
Im eiskalten Bach machte jeder seine Katzenwäsche und dann wurde auch schon zum Frühstück gerufen. Der Tisch war draußen vorbereitet, wir nahmen Platz, zogen die Decke über die Knie und machten uns über das herzhafte Frühstück her. Es gab gekochte Kartoffeln, Gurke, Tomate, Paprika, Ziegenkäse, Eier, Kirschkonfitüre und das dünne Yufkabrot. Dazu wurde gesüßter schwarzer Tee aus den tulpenförmigen Gläsern gereicht. Hatice war sehr aufmerksam und achtete stets darauf, dass jeder immer genug Tee hatte.



Heute Abend ist der Käse fertig

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Während wir frühstückten, fütterte Salih die jungen Ziegen, denn sie ziehen nicht mit der Herde hinauf in die Berge. Er erklärte uns, dass seine Ziegen den Weg allein hinauf und am Abend wieder hinunter finden. Sie werden von den Leittieren geführt, die eine Glocke um den Hals tragen. Die Hunde halten die Herden erst auf dem Yayla zusammen und bewachen sie. Meistens sind es Kangals, Anatolische Hirtenhunde, die das Hüten nicht lernen müssen, denn es steckt ihnen im Blut. Auch sind sie sehr schlau und merken sich bis zu 350 Worte.
Wie auch schon am Abend zuvor, nahm die Familie ihr Mahl erst ein, als wir fertig gegessen hatten, und als dann auch noch der Abwasch erledigt war, zeigte uns Hatice wie sie Käse herstellt.



Feinste Handarbeit

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In einem Eimer hatte sie ca. 10 Liter Milch, die am Morgen gemolken worden war. Dieser hatte sie direkt nach dem Melken Hefe zugefügt und stehen gelassen. Nun, drei Stunden später war die Milch stark eingedickt. Hatice füllte die Masse mit einer kleinen Schüssel in einen weißen Baumwollbeutel. Heraus rann die Molke, die sie in einer großen Schüssel auffing. Sie bewegte den Beutel hin und her und drückte vorsichtig mit beiden Händen darauf, bis keine Flüssigkeit mehr austrat. Danach legte sie die Käsemasse in eine andere Schüssel, um sie dann in die Sonne zu stellen. „Am Abend ist der Käse so fest, dass man ihn schneiden kann“, erklärte sie uns. „Je länger der Käse ruht, desto würziger wird er.“ Aus 10 Litern Milch erhält man zwei Kilogramm Käse.
Salih und Hatice haben 200 Ziegen, davon geben 130 Tiere täglich höchstens 50 Liter Milch.
Die ersten Ziegen werden von März bis Mai geboren. Während der ersten zwei Monate ist die Milch nur für die Jungtiere da. Erst danach werden die Muttertiere gemolken. Das „Milchende“ liegt zwischen August und Oktober.
Während die junge Hatice Käse machte, zeigte die Schwiegermutter uns schöne Baumwolltücher, die sie gefertigt hatte. Es waren einfarbige Tücher, die sie mit einer Spitze, zum Teil mit Perlen versehen, umrandet hatte. Alle Spitzen waren nicht gehäkelt, sondern kunstvoll mit einer Nähnadel gearbeitet. (Wer mal ein Taschentuch umhäkelt hat, hat eine Vorstellung, wie schwer diese Arbeit ist.) Die Frauen tragen alle Kopftücher, um sich vor Sonne, Hitze und Staub zu schützen. Sind die Tücher gemustert, so werden die Spitzen farblich exakt abgestimmt.



Wir nutzten die Vormittagsstunden zu einer Wanderung, die uns zum 300 Meter tiefer gelegenen Grünen See führte.



Yesil Göl – Grüner See



Gözleme

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Als wir rechtzeitig zum Mittagessen wieder bei unseren Gastgebern waren, wurden schon die Gözleme zubereitet. Gözleme sind aus Hefeteig hauchdünn ausgerollte, große Teigfladen. Diese werden zur Hälfte mit einer Mischung aus Kräutern, Gewürzen und Ziegenkäse belegt, dann zusammengeklappt und mit einem langen, flachen Holzteil (einem Wender ähnlich) auf die heiße Metallplatte zum Backen gelegt. Das gewölbte Blech liegt über einen Holzfeuer und auf Steinen.



Diese Arbeit machen die Frauen meistens zu mehreren, wobei jede eine andere Tätigkeit ausführt. Eine portioniert den Teig, die zweite rollt ihn mit dem Oklava, einem Stab der aussieht wie ein Besenstiel, aus, belegt den Teig und legt ihn auf das Blech. Die nächste hat die Aufgabe des Wendens und nimmt die Gözleme herunter wenn sie fertig ist. Danach wird die Gözleme mit Fett bestrichen, wobei jede Bäckerin ihr Rezept hat. Es kann flüssige Butter oder Margarine oder aber Olivenöl sein. Die fertige Gözleme wird zusammengefaltet oder gerollt und dann mit etwas Papier gereicht, so dass man gut abbeißen kann. Traditionell reicht man dazu Ayran. Ayran ist ein Getränk aus mit Quellwasser verquirltem Yoghurt und etwas Salz. Unsere alte Hatice schwört darauf, etwas Pfefferminze hinzuzufügen. Das hat sehr lecker geschmeckt.
Wir durften auch probieren, Teig mit dem Oklava auszurollen. Was bei den Frauen so leicht von der Hand ging, war sehr schwer, denn der Teig klebte, zerriss und wurde nicht wirklich dünn…
Während die Kinder sich auf dem Yayla mit den Tieren im Bach beschäftigten, Drachen steigen ließen oder sich im Bumerangwerfen übten, machten die Erwachsenen eine Besuch bei den „Nachbarn“. Celal ist Imker und bringt jeden Frühling seine Bienenstöcke hinauf auf das Yayla wo unzählige Blumen wachsen. Der Honig schmeckt besonders gut und würzig. „Ist die Blüte vorbei, bleiben die Bienen in den Bergen und machen Urlaub“, sagte Celal. Urlaub bedeutet, dass sie weniger arbeiten und nur so zum Vergnügen fliegen. Das kräftigt die Tiere. Wir fragten natürlich, ob wir den Honig kosten könnten und waren ganz enttäuscht, dass nicht genug da war, damit jeder ein Glas kaufen konnte.



Hochlandimker



Wir halten dich

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Am Nachmittag brachen wir zu einer weiteren Wanderung auf. Sie führte uns noch höher hinauf, denn dort gab es noch Schnee. Diesen Schnee wollten Celal und seine Freunde holen, um Şerbet zu machen.
Wir wanderten ungefähr eine Stunde auf der Schotterstraße den Berg hinauf bis Celal das Zeichen gab, dass es nun hinauf zu den Felsen gehen sollte. Wo liegt denn da Schnee, fragten wir uns. Zu sehen war nichts. Nun wir waren wohl noch nicht hoch genug und genauso war es. Zwanzig Minuten später waren wir am Ziel, aber es sah dort anders aus, als wir erwartete hatten. Wir hatten uns unter einem Schneeloch eine Fläche vorgestellt, in der wir auch eine Schneeballschlacht machen konnten, aber dieses Schneeloch lag viele Meter tief in den Felsen verborgen. „Geht nicht so nahe heran“, rief Celal, „das ist gefährlich!“ Was wir dann sahen, ließ uns nur staunen, denn das war für uns gefährlich.



Zieht mich hoch

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Celal band sich ein Seil um die Brust und wurde von den anderen Männern gehalten und sanft hinab gelassen. Zuvor hatten sie das Seil an einem Felsen fixiert. Als es aber dadurch nicht lang genug hinunter reichte, wurde es gelöst und nur von den Männern gehalten. Schaufeln und Säcke wurden hinab gelassen und Celal füllte die Säcke mit Schnee. Als der erste voll war, wurde er festgebunden und mit vereinten Kräften von den Männern wieder hochgezogen. Im Felsen war im Laufe der Zeit eine Nut entstanden, in deren Führung das Seil gut lief. Sowie der Sack oben war, wurde er von einem Mann geschultert und im Eiltempo den Berg hinunter getragen. Die Schneeholaktion war ein großes Spektakel, denn alle Männer redeten lauthals durcheinander und auf mich machte es den Eindruck als würden sie zum ersten Mal Schnee holen, was sie aber verneinten. Wir beobachtete das Spektakel mit großem Interesse und noch größerem Erstaunen, denn uns schien das ganze Unterfangen sehr gefährlich, aber die Männer waren da ganz anderer Ansicht und Sorge um ihre Sicherheit hatten sie scheinbar nicht, obwohl sie alltäglich gekleidet waren. Wenn das unsere erfahrenen Kletterer sehen würden…



Ziegen-Kuaför

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Kay hatte sich angeboten auch einen Sack zu unserem Camp zu tragen und sagte währenddessen: „Wer hätte gedacht, dass ich im Hochsommer, bei sengender Hitze Schnee durch die Berge der Türkei tragen würde!“
Wieder im Yayla angekommen, bereitete Salih uns Şerbet zu und ein bisschen Schnee haben wir auch pur gegessen.
Der Schnee wird nach Gömbe verkauft, wo in den Eiscafés Şerbet gemacht wird.
Şerbet aus Schnee ist eine Spezialität. Der Schnee wird ganz fein gestampft, mit Zimt, Zucker und Orangensaft vermischt (Rezept von Salih) oder es wird Johannisbrotsirup (keçi boynusu pekmesi) untergerührt. Das Ganze wird dann aus einem Becher gelöffelt.
Die Zeit verging schnell und es war schon wieder Zeit, dass wir uns im Zelt zum Abendessen versammelten. Wieder gab es gutes Essen und fast nichts blieb übrig; - frische Luft macht hungrig.
„Wer möchte sehen, wie eine Ziege geschoren wird“, fragte Salih. Wir alle wollten es sehen und gingen hinaus zum Gehege. Die Ziegen waren bereits heimgekehrt und warteten darauf, dass sie gemolken wurden. Sabri holte eine Ziege für seinen Vater herbei und hielt sie am Bart fest, während Salih mit einer großen Schere anfing ihr das Fell abzuschneiden.



Wir haben auch eine gefangen

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„Ich bin Ziegen-Kuaför“, sagte er mit verschmitztem Gesicht. Nach und nach fiel das Fell zu Boden. Georg wollte es auch mal versuchen, aber Salih sagte: „Wenn du eine herbringst, dann darfst du sie auch scheren.“ Wie fängt man eine Ziege? Sabri zeigte es ihm und zog sie am Horn zu Georg. Er beugte sich über das Tier, hielt eine Strähne in der einen Hand und schnitt sie mit der anderen ab. Die Ziege sah anschließend genauso gut frisiert aus, wie Salihs. Währenddessen kamen Moritz und Felix an, eine Ziege zwischen ihnen, die sie an den Hörnern gepackt hatten. Nun durften auch die beiden der Ziege das Fell abschneiden.



Eine Ziege wird einmal im Jahr geschoren und für ein Kilogramm Ziegenhaar bekam man in diesem Jahr ungefähr 250 €.
Die Arbeit war aber noch nicht zu ende. Hatice hatte die Ziegen im Gatter zusammengetrieben und war schon mit dem Melken angefangen. Viele von uns gesellten sich zu ihr und versuchten es auch. „Dass es so schwer ist, habe ich nicht gedacht“, sagte Anja, „und dass sie nur so wenig Milch geben…“
Als das Melken beendet war, war es auch schon wieder dunkel geworden. Wie auch am Vorabend machten wir wieder ein Lagerfeuer und ließen uns in diese ganz besondere Atmosphäre ein.
Am nächsten Morgen bauten wir unsere Zelte schon vor dem Frühstück soweit ab, dass sie trocknen konnten. Während wir wieder zusammen saßen, sagten wir, dass wir gar nicht weg wollten, denn es war so schön, so unglaublich schön und herzlich. Wir hatten das Gefühl, dass wir in diesen zwei Tagen mit den Nomaden Freunde geworden sind.
Als alles eingepackt war, wurde das Gepäck wieder auf dem Traktoranhänger verstaut. Wir versammelten uns noch für ein Gruppenfoto und dann verabschiedeten uns. „Du hast mir doch gestern Abend deine Taschenlampe versprochen“, erinnerte mich Hatice. „Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Hier benutze sie mit Freude“, erwiderte ich. Der Traktor setzte sich in Bewegung. „Auf Wiedersehen! Tschüß!“ „İyi yolculuklar! Güle güle!“



Schön war es miteinander


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Kommentare

  • liebke

    Sehr gut geschrieben. Du hast einen klaren und fast geschliffenen Stil. Danke für den Reisebericht. Die Bilder sind gut.

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