Radreise durch Kirgistan

Reisebericht

Radreise durch Kirgistan

Auf dem Weg mit Tücken und WM

Puh, wie bin ich aufgeregt vor dieser Reise. Für mich das erste Mal außerhalb Europas, noch dazu in einer Region, wo sonst kaum jemand gewesen ist und "was machst du denn da?" die Standardfrage ist, wenn man erzählt, dass die Reise nach Kirgistan geht. Ja, was mach ich da eigentlich? Kommen wir zurecht mit meinem Volkshochschul-Russisch? Mit den Menschen überhaupt? Und ich mit dem Radfahren im Hochgebirge?

Aber erst einmal fängt so eine Reise ja zu Hause an. Dort bewältigen wir die erste Hürde und schaffen es tatsächlich, mit zwei vollbepackten Rädern und zwei riesigen Fahrradkartons mit Bus und Bahn zum Flughafen zu kommen. Leider müssen wir dort erfahren, dass man seit einiger Zeit keine brennbaren Flüssigkeiten (Brennspiritus, Feuerzeuge) und keine Feuerzeuge oder Streichhölzer mit im aufgegebenen Gepäck haben darf. Weil: wenn das alle machen und dann explodiert das…. Wir wissen nicht, ob wir in Kirgistan Brennspiritus überhaupt bekommen und damit, ob wir unseren Kocher benutzen können. Aber die Drohung, dass unsere Taschen in Hamburg bleiben könnten, reicht, dass wir den Spiritus entfernten.

Wir sind froh, als wir endlich im Flieger sitzen, und noch mehr, als wir uns durch muffelig-dreinschauendes russisches Flughafen-Personal zum Transitbereich des Moskauer Flughafens Sheremjetevo durchgekämpft haben – und da gibt es Fernseher! Nein, wir sind keine TV-Junkies, aber genau passend zum WM-Viertelfinale Deutschland-Argentinien (man erinnert sich: Deutschland-Argentinien mit Verlängerung, Elfmeterschießen und allem Pipapo) in Moskau. Dementsprechend nervös ist die Grundstimmung über die ganze Zeit, wobei das Ergebnis natürlich für alles entschädigt! Müde sind wir, trotz eigentlich früher „deutscher“ Stunde, als wir im – engen – Flieger nach Bishkek sitzen, wo wir die Nacht verbringen werden. Zwei Stunden schlafen ist vielleicht drin, und um fünf Uhr Ortszeit sind wir in Bishkek.



Ersatzteilsuche und kulinarische Experimente in Bishkek

Endlich sind wir da! In Hamburg und Moskau haben wir schon beobachtet, dass alle unsere Sachen mitgekommen sind (man weiß nie, wo sich noch ein Feuerzeug versteckt), so sind wir guter Dinge. Es kommen dann auch tatsächlich alle 8 Taschen und beide Räder – leider nicht ganz heile – an. Unsere "Sorgen": Ein Riss in einer Tasche, und wesentlich schlimmer, eine nicht mehr haltende Schraube an Tobis Gepäckträger wegen kaputtem Gewinde. Doof nur, dass genau dieser Gepäckträger so viele Kilos tragen muss. Nach einer notdürftigen Reparatur fahren wir nach Bishkek. Auf dem Weg kaufen wir zum ersten Mal ein, netterweise kann jemand einen Dollar wechseln, und wir werden zur Attraktion des Dorfes.

In Bishkek hat Dinara eine Wohnung für uns organisiert. Normalerweise werden hier Gastwissenschaftler untergebracht, und entsprechend "westlich" ist sie eingerichtet. Wir können großräumig Räder und Gepäck verteilen und im riesigen Doppelbett erst einmal eine Runde schlafen.

In den nächsten Tagen lernen wir Bishkek kennen, und dazu gehörten auch - endlich persönlich - Dinara und Tolgonay. Dinara kennt Gerald (einen Freund von Tobi), weil sie mit ihm zusammen in Berlin studiert hat, sie und Tolgonay arbeiten inzwischen beide bei der GTZ in Bishkek. Wir gehen gemeinsam essen (klassisch kirgisisch) und bekommen von den beiden jede Menge Tipps.

Essen gehen Tobi und ich ohnehin fast dauernd, weil die Preise für uns so günstig sind. Wir testen uns so langsam vor und essen vor allem: FLEISCH. In allen erdenklichen Formen, gerne auch mal völlig ohne Beilagen - ungewohnt, aber nicht direkt unlecker. Die "Schoro"-Getränke, die hier von Franchise-Unternehmerinnen an jeder Straßenecke verkauft werden, schmecken unseren europäischen Geschmacksnerven jedoch nicht: ein vergorenes Milchprodukt mit Kohlensäure und irgendeine Form vergorenes Getreide in flüssiger Form: wir schaffen es noch nicht einmal, auszutrinken und müssen die Plastikbecher samt Inhalt entsorgen, wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Die Tage in Bishkek sind neben kulinarischen Experimenten geprägt von der Suche nach Ersatzteilen auf diversen Basaren, wo ja nun mal alles verkauft wird.

Fast alles. Außer Spiritus (den bekommt man nur in der Apotheke, und das zu sehr kleinen Mengen) und Fahrrad-Ersatzteilen. Bei Spiritus scheitert es schon daran, dass keiner weiß, was das ist. Mit meinen fundierten Russisch-Kenntnissen ist es natürlich auch nicht ganz so leicht zu erklären. Die meisten Menschen sind sehr nett, dennoch empfinde ich die Ersatzteilsuche als Qual, weil ich mich so schlecht ausdrücken kann, schnell ungeduldig werde und beim besten Willen die Schuld nicht bei anderen suchen kann...Spiritus kaufen wir schließlich in der Apotheke (können wir im Notfall dann auch trinken), und unser Ersatzteil-Problem können wir nicht lösen. Ein ganz schöner Mist, denn so kann Tobi mit dem Fahrrad voll beladen nicht wirklich fahren und Flickzeug haben wir auch zu wenig.



Hitze am Tag und Feuer am Abend

Am Vormittag sitzen wir auf der Treppe eines klimatisierten Fahrradladens und warten auf einen Menschen, der uns versprochen hat, den Gepäckträger zu reparieren. Das hat er schon zuvor erfolglos versucht hat, dann aber flitzt er los, um etwas zu besorgen, was nach internationaler Zeichensprach kombiniert mit rudimentären Russischkenntnissen Werkzeug sein könnte.

Oben im Laden - ein großer Raum mit wenigen Utensilien, u.a. gehörte auch KEIN Flickzeug dazu - sitzen drei Damen auf der Couch und quatschen. Eigentlich wollten wir ja schon längst auf dem Weg zum Issyk-Kul sein, aber vorher wollten wir in der Hoffnung auf Flickzeug, Hilfe beim Gepäckträger und evtl. Brennspiritus - noch „kurz“ zu einem Radladen und einem Outdoorgeschäft. Beide konnten uns keinen Wunsch erfüllen, letztere verwiesen uns nur auf einen Basar und auf den Laden, in dem wir gerade sitzen.

Und jetzt: Alles wird gut! Der freundliche junge Mann vom Radladen kann mithilfe eines Metallbohrers tatsächlich Tobis Gepäckträger reparieren. Hurra!

Außerdem gibt es auf dem Markt, zum dem wir vom Radladen geschickt werden, Flickzeug, und zwar chinesisches - es hat nämlich nicht jeder Basar alles, wie wir leicht naiv angenommen haben, sondern es gibt jeweils bestimmte Schwerpunkte. Kaum habe ich Tobi wartend fünf Minuten allein gelassen, wird der schon dreimal angesprochen. Auch unser erstes Treffen mit der Polizei haben wir und sind leicht besorgt wegen der Hinweise im Reiseführer. Aber es ist einfach ein freundlicher, neugieriger Mensch, der unsere Pässe und Visa sehen will und es interessant findet, dass wir dasselbe Geburtsjahr haben.

Dann geht es endlich los, um 15 Uhr, in der prallen Hitze. Immer schnurgerade, zunächst eben, die letzten Kilometer dann ganz leicht bergauf. Immer wieder winkende Kirgisen. Beim Wasserkaufen - und das tun wir oft, denn wir mutieren zu Durchlauferhitzern - dann üblicherweise die Fragen: Woher? Wohin? Wie viel kosten die Räder?

Wir werden immer schmutziger durch den Straßenstaub, der prima an unseren schweißnassen Körpern klebt.

So gegen 8 haben wir es dann nach Tokmok geschafft. Tobi geht es leider nicht so gut, der Magen… Hier haben wir ein Zimmer mit Fernseher (es ist ja schließlich WM!) und einige Kleinigkeiten in der zur Bar gehörigen Kneipe gegessen.

Die Eckdaten:

* Kein Gericht über 1 €.
* Alleinunterhalter mit orientalischem Einschlag.
* Und irgendwann werden wir von den lustigen Damen am Tisch gegenüber zum Tanzen aufgefordert.

Tobi ist der absolute Hahn im Korb (nach 2 Bier sind alle Krankheitssymptome verschwunden). Überhaupt, das Bier: warum wir Limonade mit Bier wollen, versteht die Bedienung nicht, ist ja klar. Stellt uns dann beides so hin, dass wir mischen können. Leider nur ist die Limo Birnen-Limo – in Verbindung mit Bier ein exotischer und gewöhnungsbedürftiger Geschmack. Nach einem Abend im Tokmok sind wir um eine Telefonnummer reicher (von Tina, deren Mann ein Haus am Issyk-Kul hat) und Tobis intensivste Verehrerin ist sicher traurig, dass er vergeben ist (da ich ihrer Freundin dann doch sagen musste, dass dieser Mann nicht mein Bruder ist).

Nur den orientalischen Hüftschwung müssen wir noch üben.



Heißer Weg, freundliche Gastgeber und eine unruhige Nacht.

Von Tokmok fahren wir am nächsten Tag weiter und nach ungefähr 60 Kilometern kommen wir endlich in der Schlucht mit dem tollen Namen „Boom“-Schlucht an. Den ganzen Weg über ist es sehr heiß und die Sonne knallt schön auf uns drauf.

Bei einer Jurte am Straßenrand fragen wir, wo es Wasser gibt und ob wir in der Nähe zelten können. Das können wir, und ich bekomme auch gleich „Tschalap“ angeboten, was schmeckt wie flüssiger Schafskäse, also eigentlich ganz gut. Kurz darauf schaut auch der Regional- oder was-auch-immer-Inspektor vorbei, der auf dem Heimweg einen schönen „Kymys“ (vergorene Stutenmilch) trinkt und uns mit seinen bescheidenen Englischkenntnissen bei der Kommunikation zu helfen versucht.

Wir wollen also unser Zelt aufstellen, doch die eine der Kymys-verkaufenden Babuschkas meint, wir sollten doch in ihrem Unterstand schlafen, das wäre doch viel bequemer und wir würden sie, die in der Jurte nebenan schlafen, auch nicht stören. Gesagt, getan, stellen wir eben dort unsere gefühlten 3798 Taschen ab und ich probiere noch etwas „Kurut“, getrocknete Schafskäsebällchen, erhältlich in halbwegs weich bis knochenhart.

Unsere Räder können wir in der Jurte der Babuschkas abstellen. Weiter unten ist ein Hof, von dem dann irgendwann ein Junge kommt und uns zum Wasser führte. Ein schöner Abend!

Die Nacht, die folgt, ist weniger schön. Erst kann ich nicht einschlafen, dann muss ich mich im Halb-Stunden-Takt übergeben. Unangenehm ist daran - neben dem Zustand an sich - natürlich, dass die freundlichen Gastgeber zu allem Überfluss direkt nebenan schlafen. Tobi, zunächst rührend besorgt, reicht mir nach einer Weile immer nur noch reflexartig eine Wasserflasche und nuschelt mir ein paar tröstende Worte zu, bevor er wieder einschläft. Was soll er auch machen?

Erst um 7 Uhr morgens kann ich aufhören mich zu übergeben. Die ganze Situation ist weiterhin äußerst unangehm, es geht mir immer noch nicht gut. Das einzige, was ich tue, ist ab und zu aus meinem Halbschlaf aufzuwachen, den sich langweilenden Tobi nach der Uhrzeit zu fragen und den Aufbruch im Geiste immer weiter aufzuschieben. Tobi, der alte Eisenbahner, fotografiert Züge für seine Kollegen.

Die Babuschkas, unfreiwillige Zaungäste meiner Krankheit, sind rührend besorgt, bringen Tee (nachdem ich mir vorstellen kann, wieder etwas zu mir zu nehmen) und wickeln mir ein Kopftuch mit Blättern drunter um den Kopf. Ziel und Zweck verstehe ich nicht so ganz, bin aber uneitel und schläfrig genug, um einfach alles mit mir machen zu lassen.

Als es dann zu regnen beginnt und der Regen den trockenen Platz im Unterstand minimiert, sagen wir ok zum fortwährend wiederholten Vorschlag der Babuschkas, im Haus zu übernachten. Unangenehm: ein kleines Haus, in dem sehr viele Menschen leben, und jetzt kommen auch noch wir dazu. Unsere Gastgeber sind unglaublich nett. Im Wesentlichen bleibe ich dort weiter auf meiner Isomatte liegen, habe Fieber und kann nur ein bisschen Brot essen. Alle gucken mich mitleidig und freundlich an. Tobi indes wird zum Abendessen mit anschließendem Play-Station-spielen (chinese version) eingeladen - und blamiert sich nach eigener Aussage ziemlich vor den wesentlich geübteren Jungs.



Neustart mit Rückenwind

Der Abschied am nächsten Tag ist sehr emotional. Geld wollen sie keines, unsere liebenswürdigen Gastgeber, wenigstens haben wir noch einen halben Liter Jägermeister und machten Fotos, die wir versprechen zuzuschicken (und später auch geschickt haben). So nette Menschen! Es ist zwar kein Traum, im Urlaub krank zu sein, aber die Reise verflucht habe ich trotz allem nicht. Zum Abschied wollen sie wissen, wie viel Gramm man denn von dem Jägermeister so üblicherweise zu sich nimmt...

Nach dem unfreiwilligen Ruhetag geht es erst einmal leicht gequält durch Hitze weiter, bald kommt aber ein kräftiger Rückenwind auf, der uns die Berge hochtreibt, da die Steigung ohnehin nicht allzu stark ist - wie auch die die parallel schnaufende Eisenbahn verdeutlicht. Bei den Mahlzeiten gibt es für mich nur halbe Portionen - so kenne ich mich gar nicht, und Tobi versichert, er auch nicht. Nach dem Essen ist mir immer mal wieder schlecht, so ganz belastbar ist mein Magen noch ein paar Tage nicht.

Und ich freue mich jedes Mal über Wolken, sobald sie auftauchen! Umso mehr, als wir uns in unseren laienmedizinischen Überlegungen einigen, dass meine seltsame Krankheit wohl ein Sonnenstich gewesen sein muss und ich der Sonne somit nicht mehr ganz unbefangen gegenübertreten kann.

Die Nacht können wir dann schon im Zelt am Issyk-Kul verbringen - unser allererstes Etappenziel ist erreicht!



Strandbad mit Alkoholikerquote

Von unserer ersten Nachtruhe im Zelt fahren wir weiter am Issyk-Kul entlang - erst mal mit dem Ziel, das über 200 km entfernte Karakol in zwei Tagen zu erreichen.

In Tamchy, nach 40 km, machen wir Mittag und liegen kurz am Strand, an dem auch einige Pferde und Esel grasen. Beim Essen treffen wir zwei junge Spätaussiedler auf Ex-Heimatsurlaub mit unsympathischen Vorbehalten gegenüber Kirgisen – "Esst lieber bei Russen, die sind sauberer", "Jaja, die Leute sind nett, wenn sie Geld von Dir bekommen" und so weiter und so fort. Bisschen anstrengend, sind aber auch Bayern. Mit unseren Erfahrungen hatte das jedenfalls nichts zu tun.

Schließlich kommen wir knapp 80 km weit an diesem Tag, bis nach Cholpon-Ata. So ein bisschen haben wir schon unsere bisherigen Reisevorstellungen revidiert, vor allem aus zeitlichen Gründen. Bis zum Turogart werden wir wohl nicht kommen, und außerdem wollen wir mal im See schwimmen und nicht bloß daran vorbeifahren. Also: nicht durchheizen bis Karakol, sondern in Cholpon-Ata ein Zimmer nehmen und ein bisschen locker machen. Nach Karakol vielleicht mit dem Bus weiterfahren, so lautet dann für die nächsten Kilometer erst einmal der Masterplan.

Wir mieten uns in einer netten Unterkunft ein und gehen abends zum Essen aus. Cholpon-Ata ist der Ballermann des Issyk-Kul, oder zumindest kommt es uns so vor. Überall Diskos, Laser-Shows und Restaurants. Wir sitzen gerade in einem, als wir von einm kirgisischen Paar zu Tisch gebeten werden - zum Trinken. Der Wodka fließt in großen Mengen, schlussendlich bezahlen hauptsächlich wir (bestellt haben die anderen). Nachher will uns das Paar noch ins Hotel zurückbringen, mit uns schwimmen gehen und so weiter. Zwischendurch immer mehr Wodka, und mir wird das ganze langsam unheimlich. Denn ich will nicht unhöflich sein, auch nicht zu irgendwem ins Auto steigen und irgendwo hin fahren. Nach laaaangen Diskussionen winden wir uns aus ihren Klauen, so kommt es mir zumindest inzwischen vor, und fallen alkoholisiert und nur zu zweit in unser Bett.

Am nächsten Morgen spüre ich sehr deutlich die Folgen des Wodka-Gelages am vergangenen Abend: ich kann beim Frühstück am nächsten Morgen um neun noch nichts essen und Tobi nur stumm gegenübersitzen. Da wir bis abends im Zimmer bleiben können, gehen wir anschließend zum Strand, liegen in der Sonne und schwimmen.

Von dort aus sehen wir ein Fähren-ähnliches Schiff, und die Phantom-Fähre bis Karakol (bzw. zum in der Nähe am See gelegenen Ort Tüp) ist geboren. Zwei, drei Aussagen von Leuten, dass es so was gibt, ohne dass sie wüssten, wo sie abfährt, unterstützen die These. Wäre ja auch toll…

Den späten Nachmittag verbringen wir (unser Zimmer haben wir inzwischen geräumt und unsere Räder wieder bepackt) damit, auf einen Bus zu warten, der dann doch nur eine Marschrutka ist (Desinformation allerorten) und die Anlegestelle der Phantom-Fähre zu suchen. Tobi ist sehr überzeugt von deren Existenz. Die meisten Leute können nicht so viel dazu sagen, verstehen das Wort „Schiff“ aus meinem Mund nicht und sind irritiert. Jeden Weg zum Strand fahren wir ab, und da der Ort als einziger bisher besuchter aus unerfindlichen Gründen hügelig ist, ist das eine tolle Berg- und Tal-Bahn-Fahrt. Ohne Erfolg, denn als wir schließlich so was wie eine Anlegestelle gefunden haben, sagt mir der ansässige Gastronom, dass dort nur Ausflugsschiffe fahren, die kein Ziel haben als auf dem See herumzuschippern und eine kleine Runde zu drehen. Aha. Phantom-Fähre.

Alles in allem also ein mäßiger Erfolg, dieser Tag. Ich kann noch herausfinden, dass am nächsten Tag um 12 ein Bus fahren soll, der angeblich Räder mitnimmt, ein Taxi würde wohl 1000 Som kosten (ca. 20 Euro) und wir sind unsicher wegen der Räder. Jedenfalls kennen wir nun alle Taxifahrer Cholpon-Atas, die auch ohne unser Interesse mit uns handeln, wodurch wir die Preisspanne zwischen „erster Preis“ und „Endhandelspreis“ einschätzen lernen.

Ich bin dem Nervenzusammenbruch schon recht nahe. So viele Fragen, so wenige klare Antworten, alle wollen immer direkt ein Zimmer loswerden und wissen woher wir kommen und alle rufen „Hello“. Ich will hier weg, bald, und hoffe sehr, dass es morgen klappt. Hier, wo alles so touristisch ist, strengen mich die Leute an und ich mich selbst, weil mein Russisch nicht gut genug ist, um wirklich kommunizieren zu können. Also hoffen wir, dass der Bus uns mitnimmt. Sonst raste ich aus.



Mit Bus und Rad weiter um den Issyk-Kul

Endlich weg aus Cholpon-Ata! Wir haben es geschafft!

Die Nachricht am Busbahnhof, dass der Bus noch noch eine Stunde später als erwartet fährt, enttäuscht uns, mangels besserer Alternativen kaufen wir trotzdem ein Ticket, und wissen, dass es zumindest kein prinzipielles Fahrrad-Mitnahme-Verbot gibt.

Also warten wir noch mal Ewigkeiten, mir war mal wieder ganz schlecht vor Aufregung (im Nachhinein hört sich das tatsächlich albern an...), bis der Bus endlich kommt. Und uns mitnimmt! Und die Räder auch! Das schönste an der Aufregung ist dann doch die Erleichterung nachher.

Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt nach Karakol. Die Stadt macht einen sehr armen Eindruck, wirkt aber im Gegensatz zu Cholpon-Ata angenehmer für uns. Außerdem gibt es eine vom Reiseführer versprochene Touri-Info, in der wir Postkarten kaufen können und wo Tipps für Trekking-Touren in den Bergen angeboten werden... auch keine schlechte Fortbewegungsart.

In Karakol lerne ich auch zum ersten Mal eine kirgisische öffentlich Toilette kennen: eine Baracke, übel riechend, mit einer Reihe Löcher im Boden, nur mit niedrigen Sichtblenden voneinander getrennt: den Kopf der hockenden Frauen konnte man noch sehen.

Wir nutzen die Gelegenheit, zum letzten Mal für längere Zeit in einer größeren Stadt zu sein, decken uns mit Proviant ein und essen noch mal Schaschlik (halb Fett, halb Fleisch und ohne Ablenkung durch pflanzliche Zutaten), bevor es weiter mit dem Rad in Richtung Berge geht.

25 km fahren wir noch aus der Stadt heraus, bis wir unser Zelt aufbauen.



Abschied vom See

Fazit am Ende des Tages - Positiv: Fast sind die ersten 100 Höhenmeter nach oben geschafft. Negativ: 2200 folgen noch und wir wissen gar nicht, ob wir die Strecke überhaupt fahren können. Jedenfalls: Heute war ein schöner Tag. Endlich mal relativ früh rausgekommen, abwechslungsreiche Strecke - bisschen hoch und runter, erst nach längerem wieder am See, meist sonnig aber nicht zu heiß. Freundliche Kinder überall und wenig Verkehr.

Ich bin im Besitz einer Baseball-Kappe und überzeugt von deren Sonnenschutz-Eigenschaften, wenn auch weniger von ihren ästhetischen (Ami-Style, sage ich da nur). Im See baden wir auch! Die Südküste ist eher steinig, mit wenigen Stränden, aber wesentlich entspannter.

Jetzt sind wir auf dem (ebenfalls steinigen) Weg nach oben. Ich hoffe, dass ich das konditionell schaffe, und Tobi ist besorgt, dass die Strecke nicht nur ein Fußweg wird, weil wir dazu widersprüchliche Aussagen erhalten haben und unsere Landkarten aus Sowjet-Zeiten stammen.



Nächtlicher Horror

Viel ist passiert innerhalb der 24 Stunden des 12. Juli. Wir liegen im Zelt und sind kurz davor einzuschlafen, als wir ungebetenen und ungewollten Besuch in Form zweier besoffener Reiter bekommen, die uns finanziell etwas erleichtern wollen mit der Begründung: ist ja alles unser Land. Dem ganzen folgt ein längeres Gespräch vorm Zelt, so um Mitternacht - das macht natürlich nicht gerade Spaß. Das Gespräch an sich ist ziemlich inhaltsleer, die Argumente wiederholen sich, die Typen werden zunehmend unfreundlich und wir sagen, ok, wir gehen, wenn ihr in einer Stunde wieder da seid, ist alles weg. Das wollen sie dann aber auch nicht, und wir wollen die Typen nicht vorm Zelt allein lassen und reingehen. Sie fangen schon an, unser Zelt abzubauen, und Tobi rastet so aus, wie ich es noch nie erlebt habe („Dann schlag ich dir so in die Fresse...“). Eigentlich ist er ja so ein friedlicher Mensch, der noch nicht mal Stechmücken erschlägt (und natürlich bleibt es hier bei der verbalen Ankündigung).

Schließlich kommen wir auf die Idee: Tobi räumt den Kram zusammen und ich bleibe draußen bei den Jungs. Irgendwann verschwinden sie dann wirklich, denn ihr Ziel, Kohle abzuzocken, haben sie ja nicht erreicht. Wir sind schon kurz davor, nach Tosor zurückzufahren (100 Höhenmeter runter! Das ist ja das, was ich ohne Grund nienienie tun will!), denn bleiben wollen wir da auf keinen Fall und auf dem Weg nach oben werden wir ziemlich langsam sein.

Doch als unsere Rettung taucht ein Junge aus dem Nichts auf. Er ist bei der Streiterei schon an uns vorbei geritten, und ich habe gehofft, dass er vielleicht eingreift, was er sich gegenüber den beiden älteren Männern wohl nicht getraut hat. Er hat die "Diskussion" wohl aus dem Hintergrund beobachtet und bietet uns an, in der Nähe seines Hauses zu übernachten, und nach anfänglichem Zögern stimmen wir zu und legen uns (nach ziemlicher Kraxelei mit den Rädern) auf einer Wiese flach und schlafen irgendwann ein, wenn auch viel zu kurz. Als wir aufwachen, sitzt der Junge neben uns und reicht uns Joghurt.

Die lange Nacht hat uns geschlaucht. Es ist mühsam, die Steigungen hochzukommen, zweimal muss ich zwischendurch ein Nickerchen halten.

Wir schlafen schließlich in der Nähe eines Hauses, deren Bewohner wir fragen, ob’s ok sei – einen vielleicht 18jährigen und zwei Jungs um die zehn. Der ältere trägt einen Cowboyhut mit "Ronaldo"-Glitzerschrift, sehr beeindruckend, und testet mein Fahrrad unter selbst produzierten Motorengeräuschen aus.

Sie wollen uns noch überreden, doch mit zur Jurte zu kommen, denn dahin brechen sie gerade auf, aber wir bestehen darauf, dass wir zu müde sind (was auch stimmt) um „nur“ drei Kilometer den Berg hoch zu fahren. Wir versprechen dafür, am nächsten Tag zu kommen.

Die Jurte, zu der die drei Jungs uns eingeladen haben, ist dann schon die zweite für diesen Tag. Kurz zuvor werden wir auch hingewunken und von einer jungen Frau mit ihren zwei kleine Kindern und ihrem Neffen begrüßt. Sie sind unglaublich nett, und wir bekommen leckeres Brot und Tee. Wir wollen gerne länger bleiben, doch die nächste Jurte ist schon in Sichtweite, und wir haben es ja versprochen.

Dort ist die Atmosphäre schließlich anders, kühler. Einige Männer sitzen dort und trinken Kymys, wir bekommen auch welchen eingeschenkt und irgendwann verabschieden wir uns und fahren weiter. Nach etlichen Höhenmetern machen wir Rast und merken erst dann, dass jemand an unseren Taschen war... und einiges mitgenommen hatte, als da wären:

* meinen Kulturbeutel,
* Tobis Fahrradschloss,
* alle unsere Kochutensilien inkl. Besteck und Feuerzeugen,
* mein wunderbares finnisches Messer,
* alle Lampen,
* unser Kartenspiel,
* die neu gekauften Postkarten und, besonders wertvoll,
* unser Set alte Lappen zum Reinigen der Ketten (und wie wir später feststellten, noch einiges mehr).


Schreck! Wie sollten wir ohne den Kram weiterfahren – keine Zahnpasta, kein Feuerzeug, kein Licht? Und plötzlich klingt uns die Stimme des Gastgebers anders in den Ohren, der irgendwann gesagt hat, wir sollten doch unsere Räder nicht an der Straße stehen lassen...

Wir also wieder zurück, was natürlich zum kotzen ist: mindestens 100 Höhenmeter bergab. Tobi bleibt bei den Rädern, damit es nicht noch mehr sind, und ich soll mit meinem Rumpel-Russisch meine Vorwürfe deutlich machen .... unangenehm. Ich versuche es, ohne zufriedenstellende Antworten zu bekommen (da ich "Wir waren's nicht" nicht als solche bezeichnen würde), geschweigedenn den Kram zurück.

So müssen wir selbst überlegen, wie es gewesen sein könnte, da wir nicht denken, dass unsere Gastgeber uns selbst bestohlen haben, und unsere Geschichte geht so: Zwei der Männer in der Jurte gehörten wohl nicht zur Familie (immerhin das finde ich im nachhinein heraus), sondern waren nur zu Besuch. Wir vermuten schließlich, dass der Hausherr sie beobachtet hatte, aber nichts verraten wollte und seine Warnung an uns wohl so was war wie ein „Kompromiss“ für seinen Seelenfrieden.

Für uns allerdings ein schlechter. Immerhin gibt mir die Frau des Hauses beim zweiten "Besuch" Streichhölzer, das nötigste gestohlene Utensil. Als ich zurück bei Tobi bin, diskutieren wir. Weiterfahren? Also: Mehrere Tage ohne Zahnpasta, Löffel, Salz, Licht im Zelt? Oder zurück? Ich will unbedingt weiter, und Tobi ist schließlich zwar extrem genervt von der Situation, will aber dann doch nicht aufgeben.

So fahren wir wieder los, erst aus Trotz sehr motiviert, dann bin ich aber doch gar nicht mal so fit. Schließlich kommt Regen dazu, der eine entspannte Pause unmöglich machte und schließlich zu Schnee wird. Kommando Zelt aufstellen! Mein Bibbern hört den ganzen Abend nicht mehr auf, während Tobi sogar noch einmal das Zelt verlässt und mich mit Hinweis auf die verschneite Landschaft herauslocken will.

Am nächsten Tag geht’s auf die letzten Höhenmeter Richtung Pass. Ich bin immernoch skeptisch, ob ich das schaffe, was Tobi wiederum nicht ernst nehmen kann. Wir treffen einen englischsprachigen Pferde-Guide, der uns erklärt, dass die auf unserer Karte eingezeichnete Straßenführung falsch ist und es eine direktere (also bessere) gibt. Sehr schön!

Trotzdem bin ich nicht gerade fit, ob’s die Höhe ist, die fehlende Fitness oder die Angst vor der eigenen Courage – ich quäle mich ganz schön, und teilweise schiebt Tobi für mich sogar mein Rad, wenn es mir auch unangenehm ist. Die Strecke wird steiler und groß-schottriger. Als es schon gar nicht mehr so weit sein kann, kommt uns ein Jeep entgegen mit einem belgischen Paar, die darin bereits von Belgien aus unterwegs sind.

Sie verkünden die frohe Botschaft – es ist nicht mehr weit, nur noch 80 (statt der von uns vermuteten 200) Höhenmeter. Außerdem schenken sie uns einen Löffel in Anbetracht unserer bescheidenen Ausrüstungssituation und sind sowieso sehr sympathisch... leider verpassen wir es, sie für ihren Rückweg (von der Mongolei aus über Russland) nach HH einzuladen.

Die letzten Meter zum Pass schaffen wir nach dieser Aussage umso flotter, und als wir tatsächlich oben sind, auf 3897 m Höhe (wenn das mal nicht wirklich hoch ist!) bin ich den Tränen nahe aus Erschöpfung und Freude. Irgendwie ist es dann doch so, trotz aller Qual, dass man das Gefühl hat: es hat sich gelohnt und ich habe jetzt allen Grund, stolz auf mich zu sein.

10 km fahren wir auf sehr holpriger Piste noch vom Pass runter, bis wir am Fluss zelten und Nudeln mit Chiliketchup, gekocht ohne Salz und mit einem Löffel direkt aus dem Topf essen.



Murmeltiere, ansonsten Einsamkeit

Leider schaffen wir am nächsten Tag nicht so viele Kilometer wie erhofft. Eine recht schlechte Strecke und viele Zwischensteigungen reduzieren unser erhofftes Tempo, sodass wir wohl nicht so schnell in Naryn sein werden, wie wir dachten.

Tobi vertreibt sich die Zeit in den Pausen mit Murmeltierbeobachtungen. Eigentlich sollen die jeweils in wunderschönen Tierfotografien enden, jedoch sind die Tiere flink und warnen sich mit dem klassischen Fiepen immer gegenseitig. Tobi (der wesenlich geduldiger ist als ich) beweist große Ausdauer und treibt mich damit wiederum zur Weißglut.

Wenn wir dann mal auf dem Fahrrad sitzen, müssen wir häufig schon schnell wieder absteigen, um mal wieder einen Fluss zu durchqueren - Brücken gibt es an diesem einsamen Ende des Tales nicht, hier lebt ja niemand.

Der nächste Tag fängt ein bisschen zermürbend an: Eine Steigung direkt zu Beginn - wo es doch prinzipiell bergab gehen sollte -, dann Hunde, die Tobi verfolgen - auch dies natürlich während einer Zwischensteigung.

Aber wir treffen auch auf die erste Ortschaft - wir freuen uns! Da gibt es zwar ein Geschäft (wenn auch von außen nicht zu erkennen), aber kein Brot zu kaufen. Mal wieder sammelt sich eine große Zahl von Menschen um unsere Räder und befühlt die Reifen. Inzwischen sind wir auch mit der Frage vertraut, wozu denn die Wasserflaschen gut sein, etwa zum Antrieb?

Danach geht es weiter, und ich mache die Erfahrung, dass mit der Gastfreundschaft der Kirgisen nicht zu spaßen ist: die einfache Frage, wo man Brot kaufen kann, führt dazu, dass wir eine halbe Stunde auf einen Mann warten, der in der Zwischenzeit Pferd mit Fahrrad tauscht und uns anschließend zu sich nach Hause führt, wo es nicht nur Brot gibt, sondern auch Kymys (damit schon zum 2. Mal an diesem Tag), Tee und ein fleischiges Nudelgericht. Leider haben wir kurz vorher erst einen reichhaltigen Topf Nudeln verzehrt - und finden es sehr schwer, die Gastgeber nicht zu beleidigen, aber gleichzeitig noch einige Kilometer weiter zu kommen. Der Sohn der Familie, ein gutes Jahr alt, trägt, wie uns der stolze Vater erzählt, den schönen französischen Namen Madeleine...

Als wir uns endlich losreißen können, wird das Nudel-Fleisch-Gericht in eine Tüte verfrachtet, ein gemeinsames Foto geschossen, Adressen ausgetauscht, Bezahlung angeboten und zu meiner Erleichterung angenommen und los geht’s für wenigstens noch einmal zehn Kilometer. So ganz ruhig haben wir ohnehin nicht dort gesessen nach unserer vorherigen schlechten Erfahrung, denn natürlich standen die Räder draußen und nicht in unserer Sichtweite. Schön, wieder eine gute Erfahrung gemacht zu haben.

Die Nacht verbringen wir in der Schlucht, zu der das breite Tal inzwischen geworden ist. Wunderschön hier, doch hat unser letzter Gastgeber nicht von Wölfen gesprochen? Und tatsächlich: der Reiseführer schreibt über Wölfe und Braunbären in den Wäldern, und ich habe Schiss. Die Nahrungsmitteltüte verfrachteten wir auf einen Baum (hat Tobi mal gehört, dass man das so macht) und wir schlummern (war da nicht ein Knacksen? Ach ne, war nur der Wind.) ein.

Am nächsten Tag ist unser Ziel klar: Naryn - ohne dass wir genau wissen wie weit es ist. Aber wir wollen hin: essen, waschen, ein bisschen Luxus... leider geht’s weiter auf und ab, was Kondition und abwechselnd bei uns beiden auch die Motivation schwächt - umso mehr, als es zwar Orte und Geschäfte gibt, aber keine, wo man Cola kaufen kann oder sonst etwas, was unsere verwöhnten westeuropäischen Körper gerne hätten. Aber: Wir kämpfen uns durch, auch wenn Tobi der ständige Gegenwind fast zur Verzweiflung bringt.

Endlich in Naryn, dieser komischen, auf 20 km am Fluss langgezogenen Stadt, angekommen, ist die Auswahl an Unterkünften nicht allzu groß: entweder sind sie weit vom Zentrum entfernt, in Familien (wir sehnen uns aber nach Privatsphäre) oder teuer, wenn auch "western standard". Schließlich landen wir im sowjetischen Hotel-Klotz des Ortes: riesig, leer, nicht sauber (auf dem Tisch in unserem Zimmer klebt ein Glas fest), wenig warmes Wasser, aber zumindest sehr geräumig und nicht teuer. Frisch geduscht fühlten wir uns wie neue Menschen, wenn natürlich auch die vielen blauen Fleck und Mückenstiche immer noch da sind. Die sonnenbrandgeplagte Haut verabschiedet sich hingegen an verschiedenen Stellen.



Ruhetag mit unruhiger Nacht, Sonne, Regen, Heiratsvermittlung

Unser Ruhetag vergeht mit Besorgungen, Internet (unterbrochen durch einen Stromausfall, der niemanden außer uns zu erstaunen scheint), Anrufen zu Hause und nötigem Wäschewaschen. Alle Postkarten (die wir neu kaufen müssen, da sie uns gestohlen wurden) sind geschrieben. Das Abendessen und ein Bierchen am Abend beenden unseren Tag in Naryn, die Hoteldisko direkt vor unserem Fenster wiegt uns in den Schlaf.

Nach unserem Ruhetag in Naryn wartet als erstes der 3000 m hohe Dolon-Pass auf uns, den wir aber noch nicht heute befahren wollen. Anfänglich sind nicht viele Höhenmeter zu machen, es geht eher auf und ab als kontinuierlich aufwärts. Tobi bemerkt den Verlust seiner Sonnenbrille - wo und auf welche Weise sie verschwand, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Als das Tal sich auf dem Weg zum Pass verengt, haben wir sogar ein wenig Rückenwind und sind, da das Wetter insgesamt äußerst angenehm ist, guten Mutes. Die gewünschten 50 km sind bald geschafft, sogar ein Zeltplatz ist in Sicht, doch es ist noch früh und wir fühlten uns fit, also - weiter.

Ein Fehler, denn gleich danach setzen Gegenwind, Regen und Häuser am Straßenrand ein, sodass die Zeltmöglichkeiten gegen Null tendieren. Das kann doch gar nicht sein! Wir kämpfen weiter, noch in kurzen Hosen aus dem heißen Naryn und in Sandalen, der Spaßfaktor hat rapide abgenommen. Nach etwas über 60 Kilometern fahren wir schließlich auf eine recht sympathische Jurte mit Mann davor zu, und ich frage, ob wir in der Nähe zelten können.

So sind wir zwar in unmittelbarer Nähe der Straße, aber noch relativ sichtgeschützt und außerdem mit Nachbarn. Ein netter Kerl ist er, der fragt, ob ich nicht eine kleine Freundin in Deutschland hätte, die könne dann doch zu ihm kommen. Leider muss ich ihn enttäuschen, bin mir aber auch nicht so sicher, ob seine Frau mit dem Arrangement einverstanden wäre...



Machos, Pässe, Gegenwind

Am nächsten Morgen statten wir der Familie, auf deren Wiese wir gezeltet haben, als erstes einen Besuch ab. Wir bekommen wie üblich Tschai und Kymys vorgesetzt, außerdem Brot und Marmelade, und alle sind nett. Als wir dann noch ein Foto zum Abschied machen wollen, sind auch die etwas schüchternen Kinder aufgetaut und Tobi hat inzwischen angefangen, mit ihnen zu kicken.

Ungewöhnlich ist allerdings die Begrüßung: Wir kommen mit den Rädern an, stellen sie in der Nähe der Jurte ab und ein kleiner, 1-2-jähriger Junge kommt auf uns zu. Ach, denke ich, wie süß. Er läuft dann allerdings schnurstracks an mir vorbei - um Tobi die Hand zu reichen. Tobi lacht sich selbstverständlich schlapp und ich taufe den Kleinen "Macho-Inspektor". Bisher hat es noch kein Kind in diesem Alter geschafft, dass ich mich herabgesetzt fühle.

An diesem Tag geht es schließlich noch zum Pass, erst weiter gemächlich, dann die letzten 300 Höhenmeter steiler, aber noch ok. Den Weg säumen Jurten, die Menschen sind angenehm, und es regnet weder noch ist es zu heiß.

Am Pass angekommen denken wir, wie so oft: Ah, jetzt rollen lassen. Aber klassischerweise sind die drei Kilometer vor und nach dem Pass nicht geteert, und dann haben wir auch noch Gegenwind, sodass wir letztlich zwar flotter unterwegs sind als bergauf, dies aber mit mieserem Gefühl. Außerdem ist es bis Koshkor schließlich 20 km weiter, als auf unserer Karte angegeben - deshalb sind wir froh, schon am Tag vorher mehr als die angepeilten 50 km gefahren zu haben.

Kurz vor Koshkor biegen wir ab in ein weites Tal. Sehr intensiv landwirtschaftlich genutzt, wenige Büsche und Bäume, dicht besiedelt – ein schlechtes Revier zum Zelten also wiederum. Zu schon recht vorgerückter Stunde frage ich schließlich einen Bauern, und wir können auf seiner Wiese zelten.



Immer wieder Gastfreundschaft

Von unserem Schlafplatz geht es am nächsten Tag zum nächsten Pass, wenn der auch nur 2600 Meter hoch ist. Genau deshalb stellte ich mir das ganze wie ein Kinderspiel vor.

Aber unsere Freunde Gegenwind, holprige Strecke und Hitze machen mir einen Strich durch die Rechnung, und die Auffahrt dann doch ziemlich anstrengend.

Vom Pass aus geht es bis zum nächsten Pass erst einmal runter. Und gegen Abend gibt es auch hier wieder ein Zeltplatz-Problem: dichte Besiedelung, wenig Bäume, außerdem kaum Wasser. Schließlich frage ich zwei Männer, die Tobi beim Wasserfiltern beobachteten (endlich ist da ein Bach!), ob sie einen Zeltplatz wüssten.

Die beiden sagen jedenfalls, dass wir beim Haus des einen zelten können. Eigentlich wollen wir ja ein bisschen Ruhe... egal.

Dort gibt es dann Essen und Trinken, viele andere Menschen sind zu Besuch, Kinderfahrräder werden repariert, Welpen laufen durch die Gegend, Tobi sitzt zum ersten Mal auf einem Pferd, verschiedene Männer auf Tobis Fahrrad (das IMMER spannender als meins ist) und ich muss intensiv Auskunft darüber geben, was man in Deutschland so verdient und wie viel alles kostet (Fahrrad, Wohnung, Zigaretten, Wodka - was man eben so braucht).

Ein alles in allem sehr netter Abend, natürlich werden wir eingeladen, im Haus zu schlafen und lehnen es ab. Unser Zelt wird bestaunt (der Aufbau haargenau beobachtet), nur so richtig gut einschlafen können wir nicht, weil dort eben so viele Leute zu Besuch gewesen sind. Wenn jetzt einem von ihnen unsere Räder zu gut gefallen hatten? Doof eigentlich, aber durch unsere schlechten Erfahrungen sind wir doch misstrauischer geworden, auch wenn alle so freundlich zu uns sind.



Hitze, Wellblech und der schönste Zeltplatz der Welt

Am nächsten Morgen, also heute, ist alles noch da, und ein bisschen schämen wir uns für unser Misstrauen. Tobi ist müde, weil er bis Mitternacht noch „gewacht“ hatte, aber da ich am Abend vorher voreilig geäußert habe, dass wir so um sieben aufstehen (aber auch nur, weil am Abend vorher sechs Uhr als unsere Aufstehzeit vermutet worden ist und mir acht zu faul vorgekommen wäre) müssen wir aus dem Zelt, zu den Menschen, die schon auf uns warten und frühstücken.

Wir verfestigten unseren kirgisischen Wortschatz (Rachmat heißt Danke), zeigen unsere Reiseführer und notieren uns eine weitere Adresse. Mal wieder bin ich froh, dass sie unser Geld annehmen, ein bisschen weniger schlechtes Gewissen, fürs sich-selbst-einladen. Jedenfalls ein nettes Paar und ein netter Freund von beiden - mal wieder eine gute Erfahrung mit angenehmen Menschen

Wir fahren weiter, stetig ein bisschen bergab, bei zunehmend brütender Hitze. Bis Chaek schafften wir es schnell, danach machen wir lange Pause im Schatten und in einer ganz klassischen "Chaichana" mit drei Gerichten im Angebot. Anschließend fahren wir weiter bis zur Abzweigung ins Tal – wieder eine lange Pause, zwischendurch haben wir schon mühsam Spuren in den weichen Asphalt gefahren. Dort gibt es ein schattiges Plätzchen am Fluss und erst am Ende die obligatorische Jungs-Gruppe mit den Fragen Woher? Wohin? Fahrräder?

Nach dem Ort endet leider die asphaltierte Straße, aber ein wunderschönes (insgesamt 80 km langes) Tal beginnt - das uns wegen des Straßenbelages aber wohl mehr Zeit kosten wird als zuvor angenommen. Die Piste ist wellblechartig geriffelt, entsprechend werden wir durchgeschüttelt.

Hier finden wir aber dafür am Abend einen exquisiten Zeltplatz am Fluss, in dem wir uns waschen (! Ein wenig vernachlässigt haben wir diese Tätigkeit in letzter Zeit) können, bevor Angler zu uns stoßen – angenehme Menschen, ein Mann aus Bishkek, der mal in Zwickau Maschinenbau lehrte mit Begleitung. So warten wir nur noch frischgewaschen auf die klassischen Nudeln mit Chili-Ketchup (kulinarisch leben wir auch recht bescheiden) und genießen den lauen Sommerabend auf einem unserer schönsten Campingplätze überhaupt.



Wieder mal ein echtes Bett

Am nächsten Tag geht’s dann auf der Schotterpiste weiter - ein bisschen mühsam, noch dazu ist es wieder sehr heiß. Wir kommen aber besser zurecht als gedacht, passieren einen Supermarkt mit immerhin Pepsi Light (ein interessantes Phänomen: Cola-Sucht während Fahrrad-Touren) und Schokolade und arbeiten uns bis zur Mittagspause auf 35 km vor.

Immerhin - Tobis Pessimismus war also unberechtigt (was meinen sich dem gewohnheitsmäßig entgegenstellenden Zweckoptimismus freut). In der Mittagspause habe ich dann einen kleinen Hitzeschock, den wir im Schatten vorm Haus eines Mannes, der schon in Ost-Deutschland gearbeitet hatte, auskurieren, anschließend geht es aber wieder. Seit meinem Sonnenstich bin ich im wahrsten Sinne des Wortes ein "gebranntes Kind" und bin alarmiert, sobald mir die Sonne zu lange auf den Pelz scheint.

Nach Suusamyr ist es plötzlich gar nicht mehr weit, und da kein geeigneter Zeltplatz in Sicht ist, beschließen wir, dem Lonely Planet zu folgen und uns dort ein Zimmer zu nehmen. Beschlossen - gesucht - gefunden, Essen gibt es dort auch, leckeres, natürlich Tee, viel Platz, den wir gar nicht richtig ausnutzen können, und eine nette junge Frau (vielleicht 24?), mit der wir uns den Abend über unterhalten - über Arbeit und Geld in Kirgistan, und alles, was so in der National Geographic steht, die Tobi dabei hat.

Ihr Bruder ist gerade nach Moskau gegangen, um mehr zu verdienen als 50 Euro (wie in Kirgistan), wobei dort die Polizei Kirgisen wohl andauernd schikaniert bzw. Geld bezahlen lässt. Sie selbst will bald heiraten und ist gerade mit dem Studium fertig - Schwerpunkt Übersetzung Englisch. Sie will dann arbeiten, aber was? So richtig qualifizierte Jobs sind rar in Kirgistan. Komische Situation: eigentlich so viel gemeinsam zu haben und dann doch so unterschiedliche Chancen zu besitzen.



Psychokrieg am letzten Tunnel

Am nächsten Morgen, nach dem reichhaltigen Frühstück - zwei Mahlzeiten und Übernachtung für zusammen 420 Som, also nicht einmal 10 Euro - geht’s los. Und ich bin ganz schön aufgeregt - über 1000 Höhenmeter an einem Tag und "in einem Rutsch" sind wir in diesem Urlaub noch nicht gefahren, und die warten nun auf uns. Vor einer solchen Auffahrt kann ich immer nicht richtig glauben, dass ich tatsächlich oben ankomme ohne zu sterben. In solchen Situationen bin ich dann die Pessimistin und Tobi der Optimist. Mir ist ganz schlecht. Tobi dichtet "Wir sind nur Gast auf Erden“ auf unsere Situation um und machte sich auch sonst über mich lustig. Fieser Kerl.

Aber es hilft ja alles nix, und so radeln wir los, zunächst 17 km bis zur "Hauptstraße“ Bishkek-Osh - und legen bis dahin auch schon ein paar Höhenmeter zurück. Nach einer Cola am Straßenrand (die klassischen Jurten und Bauwagen mit Getränken und Essen) folgt dann der "richtige“ Aufstieg: in Serpentinen den Berg hoch, wie nicht anders zu erwarten sehr gut zu überblicken, nur den Tunnel kann man noch nicht sehen.

Die Straße ist super, und tödlich steil ist sie auch nicht. Aber dieses sich Kilometer für Kilometer hoch kämpfen - immer wieder anstrengend. Dabei möglichst nicht an das Ganze denken, sondern Schritt für Schritt, wenn’s sein muss in die psychologische Trickkiste greifen und sich selbst bis zum nächsten Schild... zum nächsten Stein... dann doch noch ein paar 100 Meter nach vorne bringen, bis die nächste Pause ansteht. Heiß ist es auch mal wieder.

Menschen treffen wir am Straßenrand, und letztlich - unglaublich, aber wahr - kommen wir oben an: der Tunnel! Wir machen erst einmal Pause, trinken uns von zwei Geologen angebotenen Tee, das klassische koffeinhaltige Erfrischungsgetränk und beobachten die Autofahrer, die Kühlwasser herbeischaffen oder Reifen wechseln oder uns die Woher-Wohin-Fragen stellen. Sehr relaxed, denn: wir sind oben! Ich habe Salzablagerungen überall, wo nicht, fällt gerade die Haut ab: egal.

Der Tunnel geht zum Glück ein wenig bergab und so haben wir ihn schnell hinter uns - er hat eine ohrenbetäubende Belüftung, ist nur mäßig beleuchtet und trotz Fahrradlampen fühlen wir uns als Radfahrer nicht wirklich sicher. Auf der anderen Seite mal wieder ein Foto und eine aufgeschriebene Adresse - sehr fußballinteressierte Männer, die alles über "Padolski“ und "Klose“ wissen und auch Deutschland die Daumen gedrückt haben (das sagen sie zumindest uns).

Wir fahren ein Stück bergab und suchen einen Zeltplatz - noch ein Mal zelten, bevor es wieder nach Bishkek geht und das Ende unserer Reise naht. Hier ist es wunderschön, der Bach rauscht, von der Straße aus sieht man uns nicht, wenige Steckmücken besuchen uns (Tobi ist "allergisch" und rastet aus sonst) und die Chiliketchup-Nudeln sind schon in unserem Bauch. Sogar Tee gibt es noch, denn den wertvollen Spiritus können wir ja jetzt ruhig aufbrauchen.



Alles wird gut!

An unserem letzten Radfahr-Tag machen wir eine Erfahrung, auf die wir gut hätten verzichten können: ich stürze.

Meine eigene Faulheit wird mir zur Falle. Denn nach dem anfänglich starken Gefälle nach dem Pass geht es weniger steil bergab - und natürlich setzt der Gegenwind ein. Das heißt: Windschatten fahren. Wie sonst fährt Tobi die meiste Zeit voran, und ich überlege gerade, ob ich ihn nicht mal wieder ablösen soll, als ich merke, dass irgendetwas meinen Lenker total verzieht und ich schließlich ziemlich unsanft unter dem Rad auf dem Boden lande. Erst mal sage ich "Aua“, dabei weiß ich noch gar nicht, ob mir irgendwas weh tut. Ich habe einfach das Gefühl, etwas sagen und meinen riesigen Schock ausdrücken zu müssen. "Aua" erscheint mir passend, damit kann man wohl kaum falsch liegen.

Und, was ist passiert? Ein Stein liegt auf der Straße, dem Tobi noch ausweichen kann, ich aber nicht mehr, weil ich so nah hinter ihm fahre. Ich hole mir Schürfwunden an Knien, Rücken und Armen, alles nicht allzu schlimm, aber doch recht blutig, sodass mich wundert, wie Tobi es fertig bringt, mich so professionell zu verarzten. Das tut er aber, irgendwann kann ich auch aufhören zu weinen - und wir setzen unseren Weg nach Bishkek fort.

Wir wollen auf jeden Fall noch am selben Tag dort ankommen, obwohl wir die Strecke auf mindesten 120 Kilometer schätzen. In der dicht besiedelten Ebene gibt es keine Möglichkeiten zu zelten, aber auch kaum andere Unterkünfte, da sie landschaftlich nicht gerade reizvoll ist. Die Reise um einen Tag zu verlängern erscheint uns also zu kompliziert, und Radfahren kann ich schließlich. Wir arbeiten uns in der Hitze langsam vor, machten regelmäßige Pausen und treffen mal wieder einige nette Menschen. In einem Laden, in dem ich einkaufen will, schenkt die Verkäuferin mir kurzerhand alles. Das verwirrt mich sehr!

Wir sind dann doch froh, als wir das Ortseingangsschild Bishkek passieren und irgendwann merken, dass wir schon auf dem Tschui-Prospekt, also "unserer" Straße, sind. Auch wild gewordene Marschrutka-Fahrer können uns nichts mehr anhaben, und wir kommen heil bei unserer Vermieterin an, die eine freie Wohnung für uns hat.

Nach all der Zeit "draußen" heißt Luxus für uns: Duschen, Zutaten für Spaghetti Bolognese einkaufen, kochen, essen, ein Bier trinken und Deutsche Welle gucken. Was kann es Schöneres geben in diesem Moment?


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Kommentare

  • mychaosland

    Sehr ausführlicher Bericht, trotzdem so spannend geschrieben dass ich ihn bis zum Schluss gelesen habe. Tolle Reise. Sicher ein paar bleibende Eindrücke mitgenommen ;-)

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Radreise durch Kirgistan 4.00 1

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